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André F. Nebe: Humor und erfolgreiche Kinderfilme

Cover André F. Nebe: Humor und erfolgreiche Kinderfilme. Strukturen und Relevanz eines filmischen Mittels. Springer VS (Wiesbaden) 2019. 575 Seiten. ISBN 978-3-658-23328-0. D: 69,99 EUR, A: 71,95 EUR, CH: 72,00 sFr.

Reihe: Research.
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Thema

André F. Nebe macht stellt in seiner Publikation eine Humorstrukturanalyse zur Verfügung anhand derer Präferenzen von kindlichen *innen und entsprechende audiovisuelle Angebote in Filmen sichtbar werden. Diese Humorstrukturanalyse bietet Einblicke in das was, den Erfolg von Humorangeboten auszeichnet und kann idealerweise in der Stoffentwicklungsphase von Autor*innen, Regisseur*innen, Produzent*innen und Dramaturg*innen, aber auch für Analysen genutzt werden.

Autor

André F. Nebe studierte Rechtswissenschaften an der Humboldt Universität Berlin, Filmregie an der Universität Hamburg und promovierte an der Filmuniversität Babelsberg. Er ist Regisseur u.a. des Kinofilmes „Das grosse Rennen“, Autor diverser Folgen der ZDF-Serie „Löwenzahn“, war Redakteur für die SWR-Kinderserie „Motzgurke“ und ist Kinderbuchautor der Reihen „Die Geisterreiter“ und „Die Küstenwölfe“. André F. Nebe ist als Dozent an Medien- und Filmhochschulen tätig (Verlagsangaben).

Aufbau und Inhalt

Nebe setzt in seiner Publikation fünf inhaltliche Schwerpunkte:

  1. Einleitung und vorbereitende Fragen
  2. Der Kinderfilm und seine Definition
  3. Humor in Wissenschaft und Praxis
  4. Empirischer Teil
  5. Schlußbetrachtungen.

In einem eigenen Forschungsprojekt ging Nebe folgenden Forschungsfragen nach (28-29):

  1. Lässt sich aus dem Forschungsstand zum Humor eine für die eigenen Analysebestandteile hilfreiche Definition für den Kinderfilm ableiten?
  2. Wie wird Humor in Philosophie, Wissenschaft und Forschung bewertet und definiert? Ist eine Definition von Humor für die eigene Untersuchung möglich und nutzbar und welche Konsequenzen ergeben sich aus ihr?
  3. Welche Rolle spielt Humor in den Medienwissenschaften? Welche Bewertungsmaßstäbe sind für die Auseinandersetzung mit kindgerechter Unterhaltung/​Humor relevant?
  4. Welche sonstigen Bestandteile für die Konzeption von Befragungen von Kindern zum Thema Humor im Kinderfilm und die Anayse von Kinderfilmen bezüglich eingesetzter Humorofferten lassen sich aus dem Forschungsstand gewinnen? Wie lässt sich insbesondere kindlicher Humor erfassen, um Aussagen über Präferenzen machen zu können?

Dazu untersuchte er knapp 300 Publikationen, 1.091 Äußerungen von Kindern zu diesem Thema und analysierte 2.649 Filmeinstellungen und weiteren 1.639 Datensätzen aus fünf besucherstarken deutschen Kinderfilmen aus den Jahren 2007–2010.

Der Autor entwickelt als Arbeitsgrundlage eine eigene Definition des Genres Kinderfilm. Danach handelt es sich um einen Kinderfilm, „wenn ein Filmstoff kindgerecht und mit Resonanz beim Zielpublikum umgesetzt wurde, somit also die Intention der Filmemacher auf der einen Seite, Umsetzung und Rezeption auf der anderen Seite in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen. ,Kinder' als Rezipienten werden im Folgenden verstanden als Heranwachsende unter zwölf Jahren.“(52).

Im Folgenden soll exemplarisch das dritte Kapitel „Humor in Wissenschaft und Praxis“ genauer beleuchtet werden.

Der Autor setzt in seinen Betrachtungen fünf inhaltliche Akzente:

  1. Humor und artverwandte Termini im gegenwärtigen Sprachgebrauch
  2. Humor in den Theorien der Philosophie und Psychologie
  3. Humor in der Forschungspraxis
  4. Alltags- und Fernsehhumor von Kindern
  5. Diskussion und Zusammenfassung.

Der Autor beginnt sein Kapitel mit Begriffsklärungen aus eher umgangssprachlicher Perspektive (Kapitel 3.1) und schließt dann Definitionen aus philosophischer und psychologischer Perspektive an (Kapitel 3.2). Dabei spannt er einen weiten Bogen von Platon, Aristoteles und Cicero über mittelalterliche Autoren wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin bis zeitgenössischen Theoretikern. Er skizziert in diesem Zusammenhang sehr unterschiedliche humortheoretische Konzepte:

  • Superioritäts- und Degradationstheorien
  • Inkongruenz- und Diskrepanztheorien
  • Entlastungs-, Entspannungs- und Befreuungstheorien
  • Spieltheorien.

In einem weiteren Abschnitt dieses Kapitels wendet sich Nebe soziologischen Humorforschungen zu und geht hier beispielsweise auf Humor als ein Mittel zur Lebensbewältigung ein. Humor spielt z.B. in der Lebenslaufforschung oder im sozialen Miteinander eine wichtige Rolle. Der Autor beschreibt ebenso, inwieweit Humor zur sozialen Inklusion oder Exklusion beiträgt. Er verweist auch darauf, dass: „Das Wesen des Humors … demnach maßgeblich von Alter, Geschlecht und sozialer Funktion der Humorproduzenten und -rezipienten abhängig“ ist (98).

In Folge widmet sich der Autor den Erkenntnisse über den Humor aus der medizinischen und psychologischen Forschungsperspektive, die er als die „wohl ertragreichsten aber auch widersprüchlichsten Forschungsergebnisse jüngerer Zeit zu den Wirkungen und Funktionen von Humor“ einschätzt (99). Viele Autoren betonen die positiven Wirkungen des Humors für die Gesundheit.. Der Autor identifiziert vier Forschungsansätze: Zum einen wird dem Lachen als physischem Akt ein positiver Einfluss auf die Gesundheit zugeschrieben. Zum anderen wird Humor vor allem als probates Mittel der Streßbewältigung betrchtet. Ein dritter Ansatz hält Humor in Form einer positiven Grundhaltung für gesundheitsstabilisierend und letztendlich wird die sozial relevante Funktion von Humor von manchen als bedeutsam für Gesundheit angesehen. Ausführlich beschreibt und diskutiert der Autor auch Forschungsergebnisse, die diese Forschungsannahmen kritisch hinterfragen und weist darauf hin, dass es anscheinend von hoher Bedeutung ist, zwischen positivem und negativem Humor zu unterscheiden. So kommt er u.a. zur Einschätzung, dass: „Bei aller Notwendigkeit zukünftiger Forschungen auf dem medizinisch-psychologischem Gebiet der Humorforschung zu konstatieren bleibt, dass es nunmehr starke Hinweise dafür gibt, positivem Humor eine gesundheitsfördernde und negativem Humor eine eher gesundheitsbeeinträchtigende Wirkung attestieren zu können.“ (110).

In einem weiteren Unterkapitel nähert sich Nebe dem Thema Humor aus medienwissenschaftlicher Perspektive an und stellt hier die relevante Ansätze genauer vor, dabei bezieht er auch das Internet als Medium mit ein. Die von ihm skizzierten Ansätze sind

  • Subsumierende Analysen
  • Multiperspektivische Ansätze
  • Thematische und genretheoretische Ansätze
  • Kategoriale Forschung
  • Rezipientenforschung
  • Monothematische und historische Analysen.

Einen letzten inhaltlichen Schwerpunkt dieses Kapitels bilden seine Auseinandersetzungen mit dem Alltags- und Fernsehhumor von Kindern. Zunächst widmet er sich dazu dem Alltagshumor von Kindern in der Forschung. Nebe beschreibt die wissenschaftliche Auseinandersetzung bezüglich des kindlichen Humors als ein relativ neues Forschungsgebiet des 20. Jahrhunderts (162). Der Autor setzt sich dazu insbesondere mit den Arbeiten von Piaget und McGhee, aber auch Bönsch-Kauke, Schreiner, Branner u.a. auseinander. Was als Humor wahrgenommen wird, ist dabei vor allem alters-, aber auch geschlechterabhängig. In einem weiterne Subkapitel untersucht der Autor, ob sich in Hinblick auf Fernsehhumor weitere oder spezifischere Erkenntnisse in Bezug auf den kindlichen Humor ergeben und stellt fest, dass sich hier deutliche Unterschiede ergeben, sowohl dahingehend, was Kinder als Humor bewerten als auch hinsichtlich des Rankings. Im Fernsehen bevorzugen Kinder z.B. kleine Unglücke anderer (1.), Ästhetik, Präsenz, Ausdruck (2.), Spiel mit Erwartungshaltung (3.), Konflikte und Problemlösungen (4.), heikle Themen (5.), Streiche spielen (6.) sowie Spiel mit Sprache und Bedeutung. Auch hier erweisen sich Alter, Geschlecht, kognitiver Entwicklung und sozialem Umfeld als relevant für das Verständnis und die Produktion von Humor (209).

Diskussion

Nebe legt in seiner Publikation eine sehr umfangreiche, solide Übersicht und kritische Auseinandersetzung mit den vielfältigen Ansätze in der Humorforschung vor und kommt zu der Einschätzung, dass dort in der Regel: Kinder kommen gar nicht berücksichtigt werden (196). In seine Überlegungen läßt er auch immer wieder sozikulturelle Rahmenbedingungen einfließen, wenn dies auch nicht tatsächlich einer seiner Hauptdiskursfacetten ist: „Hier läuft Humorforschung Gefahr, Menschen in der Weise zu klassifizieren, wie das Algorithmen auf kommerziellen Internet- portalen, z.B. auf Amazon tun: Wer hierüber gelacht hat, tut auch gerne jenes, könnte dann eines Tages das Ergebnis lauten, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben muss und ähnlich wie auf den bekannten Verkaufsportalen zu bizarren Empfehlungen führen kann (ganz abgesehen davon, dass Menschen dadurch ihre Entwicklungsfähigkeit abgesprochen wird).“ (200).

Der Autor Entwickelt einen eigene Humordefinition: „Humor beschreibt eine Haltung eines Subjektes, Komik durch ein durchschautes und angenommenes Humorangebot des Rezipienten entsteht, beide Formen Freude, Vergnügen und/oder lustvolle Überraschung zum Ziel haben, das Lachen eine Entäußerungsform dieses Vorganges sein kann (wenn auch nicht die einzige), und allen drei Phänomenen gemein ist, dass sie historisch, soziokulturell, medial, geschlechts-, alters-, berufs- und entwicklungsspezifisch determiniert sowie sozial effektiv und in ihren positiven wie negativen Ausprägungsform psychosomatisch relevant sind.“ (213).

Er stellt damit eine spannende Definition für eine höchst umfangreichen empirischen Arbeit zur Verfügung, bei der er knapp 300 Publikationen, 1.091 Äußerungen von Kindern zu diesem Thema und 2.649 Filmeinstellungen und weitere 1.639 Datensätzen aus fünf besucherstarken deutschen Kinderfilmen aus den Jahren 2007–2010, untersuchte.

Sein Anliegen ist es, insbesondere für Filmeschaffende, Autor*innen, Produzent*innen und für Redakteur*innen von Kinderfilmproduktionen einen hilfreichen Beitrag zu leisten und dazu beizutragen, dass originäre Kinderfilme, kindliche Vorlieben ernster nehmen und entsprechend umsetzen.

Fazit

In diesem Sinne, ist es seiner Publikation sicher gelungen, das selbstgesteckte „Ziel dieser explorativen Arbeit … das Verständnis für kindlichen Humor zu erleichtern und eine Grundlage dafür zu schaffen, ihn in Zukunft auch lehrbar zu machen“ (30), zu erreichen. Ein lesenwertes Standardwerk!


Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 07.02.2020 zu: André F. Nebe: Humor und erfolgreiche Kinderfilme. Strukturen und Relevanz eines filmischen Mittels. Springer VS (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-23328-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26214.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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