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Margit Koemeda: Tanzen vor Freude, Zittern vor Wut

Cover Margit Koemeda: Tanzen vor Freude, Zittern vor Wut. Sich von Gefühlen bewegen lassen. Ein Selbsthilfebuch mit körperpsychotherapeutischen Techniken. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 236 Seiten. ISBN 978-3-621-28202-4. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

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Thema

Die Autorin geht von der Annahme aus, dass menschliches Verhalten in großen Umfang von Emotionen gesteuert wird, wobei dies oft wenig bewusst geschieht, obwohl dabei häufig der gesamten Körper involviert ist. Emotionen bewegen Menschen – so ihre Vorstellung – im wahrsten Sinne des Wortes. Margit Koemeda beschreibt in ihrem Buch seelische und körperliche Facetten von Emotionen und legt Informationen über ihre Funktion und Wirkungsweise vor. Über 60 Übungen aus dem körperpsychotherapeutischen Kontext sollen dabei unterstützen, die körperliche Dimension menschlicher Emotionen besser wahrzunehmen und dabei helfen, die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Gefühlen zu vertiefen sowie regulierend auf das emotionale Erleben und Verhalten Einfluss zu nehmen. Angestrebt wird so ein zunehmendes Vertrauen in die Welt eigener und fremder Gefühle. Auch sollen Emotionen so besser steuerbar werden, was vor allem für Menschen mit Problemen bei der Emotionsregulation bedeutsam ist. 

Autorin

Dr. Margit Koemeda ist Eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin (ASP), Bioenergetische Analytikerin, Lehrtherapeutin, Supervisorin. Sie ist tätig in der Aus- und Weiterbildung und in einer Psychotherapeutische Privatpraxis in Ermatingen und Zürich (Verlagsangaben).

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst neben der Einführung und dem Anhang sechs Schwerpunkte:

  1. Grundlagen
  2. Emotionen und Körper
  3. Stress und Erregung
  4. Trauma
  5. Emotionen: Angst, Ärger und Wut, Hass, Liebe, Trauer, Scham, Schuldgefühle, Ekel
  6. Zusammenfassung und Ausblick.

Es wird zudem kostenloses Onlinematerial zur Verfügung gestellt. Dazu gehören 7 Arbeitsblätter sowie ausgefüllte Beispiele zu den Arbeitsblättern, ebenso Links und Übersichten.

Konzeptionell verortet sich die Autorin im Kontext der Arbeiten von Robert Plutchik (Rad der Emotionen), nimmt als theoretische Referenzrahmen Bezug auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse und zur Stress- und Traumaforschung.

Exemplarisch soll hier Kapitel 5.5 Scham genauer beleuchtet werden. In ihrem Kapitel betrachtet die Autorin vor allem die negativen Seiten der Scham, ist sich aber durchaus auch ihrer positiven Dimensionen bewusst, etwa dem damit verbundenen Aspekt, dass sich zu Schämen zu einer Sensibilität gegenüber den Mitmenschen führen kann, und somit eine soziale Kompetenz darstellt (183). Auch: „fungiert Scham als Wächter bzw. hemmender Monitor für unser angepasstes Selbst. Sie hält heimliche Gefühle, Gedanken und Impulse zurück, die wir uns nicht zu haben getrauen und nicht eingestehen wollen.“ (183). „Somit agieren Schamgefühle als Grenzwächter, die dafür sorgen, dass wir uns sozialverträglich verhalten.“ (199), als solche beziehen sie sich auf das Selbst, während sich Schuldgefühle auf Andere und auf unrechtes Tun beziehen (199).

Dieser grundsätzlich positiven Dimension von Scham steht aber die toxische Scham gegenüber, die Menschen als schwarze Pädagogik (183) entgegenschlägt, oder in einem Übermaß an Beschämungserfahrungen. Scham kann ein momentanes Gefühl sein und als Reaktion auf eine ablehnende oder zurückweisende Reaktionen eines anderen Individuums oder einer Gruppe erfolgen oder auch im Zusammenhang mit einer entsprechenden Selbsterkenntnis stehen, etwa wenn ein Mensch realisiert, dass er oder sie die Grenze des Zulässigen bzw. Tolerablen überschritten hat, sich „vergessen“ hat (184). Insofern setzen Schamgefühle: „das Vorhandensein eines rudimentären Selbstkonzeptes voraus und die kognitive Fähigkeit, sich mit den Augen anderer zu sehen“, was in der Regel ab Ende des zweiten Lebensjahres möglich ist (182). Die Autorin erkennt hier einen eklatanten Zusammenhang zu fehlender Liebe: „Schamgefühle entstehen durch fehlende Liebe. Der Blick des Anderen, seine Einstellung zu einem selbst wird als tadelnd, ablehnend bis hin zu hasserfüllt erlebt (182)…Wer sich ungeliebt fühlt, versucht herauszufinden, was die lebensnotwendige Bezugsperson wollen könnte, um sich diesem erwünschten Bild anzupassen. Man reagiert unter anderem mit Schamgefühl, wenn dies nicht gelingt“ (184).

Schamgefühl ist eine Emotion mit starkem körperlichen Widerhall: „das Niederschlagen der Augen, ein Vermeiden von Blickkontakt. Der Kopf senkt sich zur Brust, der betreffende Mensch errötet und beginnt zu schwitzen. Das innere Erleben ist von starken Fluchtimpulsen, einem augenblicklichen Verstummen, von Schock oder einer tiefen Demütigung gekennzeichnet. Der Betreffende fühlt sich unter Umständen so, als habe er soeben eine schallende Ohrfeige erhalten.“ (185).

Die Autorin unterscheidet zwischen Scham, die als vorübergehendes Gefühl auftritt und der Scham, die als verfestigtes, d.h. chronifiziertes Grundgefühl bei Menschen verstanden werden kann, weil es ihnen nicht gelungen ist, eine sie tragende Bindung zu ihren primären Bezugspersonen aufzubauen (185), etwa weil es den frühen Bezugspersonen an Liebe, Vertrauen und Wohlwollen für ihr Kind mangelte, oder dessen erkundende Expansionsbewegung und sein oder ihr Selbstausdruck viel zu rasch an rigide Grenzen und kalte Abweisung stießen (186). Gerade chronifizierte Schamgefühle werden häufig „integraler Bestandteil des Selbsterlebens und tragen wesentlich zu posttraumatischem Stress, der lebenslänglich dauern kann, bei“ (186).

Als entscheidend für die Überwindung von chronischen Schamgefühlen erachtet die Autorin liebevolle Beziehungen – zu sich selbst und zu anderen. Dazu ist es auch wichtig sich dem eigenen Schamempfinden zu stellen, wofür die Autorin eine sichere und verlässliche Beziehung für nötig erachtet: „Schamgefühle markieren seelische ‚Orte‘ von großer Verletzlichkeit. Scham einzugestehen, fällt sehr schwer. Um chronisches Schamempfinden zu heilen, müssen diese wahrgenommen und erkundet werden. Ein helfender Mitmensch begleitet diese Erkundung mit Einfühlungsvermögen und Respekt. Dann können chronische hemmende Muskelanspannung im Körper allmählich gelöst und die verfügbaren Energien in Richtung Expansion umgeleitet werden.“ (187).

Vier Schritte hält die Autorin für wesentlich zur Überwindung von Scham:

  1. die verinnerlichten abwertenden Stimmen zu identifizieren
  2. sie nicht sofort abzuwehren, sondern zu versuchen, ihnen zuzuhören.
  3. Sodann deutlich zu machen, dass man ihnen nicht zustimmt.
  4. Danach bittet man sie, oder befiehlt ihnen, zu schweigen und wendet sich wieder anderen Dingen zu.

Im Anschluss stellt die Autorin verschiedene Übungen zur Überwindung von unangemessenen Schamgefühl vor:

  1. Übung 1 Exploration: ein Selbstbefragungsbogen zu den inneren Stimmen bezüglich des Schamempfindens
  2. Übung 2 Selbstannahme
  3. Übung 3 Partnerübung: Augenkontakt
  4. Übung 4 Partnerübung: Angeschaut- und Berührtwerden
  5. Übung 5 Begegnung mit dem Reptilien-Selbst.

Eine Zusammenfassung rundet das Kapitel ab.

Diskussion und Fazit

Die Beschäftigung mit der Interdependenz von Emotionen und ihrer körperlichen Resonanz ist ein wichtiges Thema und hier leistet das Buch einen wichtigen Beitrag, insbesondere in Bezug auf die Emotionen: Angst, Ärger und Wut, Hass, Liebe, Trauer, Scham, Schuldgefühle, Ekel. Es werden theoretische Impulse auf einer Metaebene in den einleitenden Kapiteln angeboten, aber auch in Bezug auf die genannten Emotionen hin noch einmal spezifiziert. Hier muss kritisch angemerkt werden, dass zwar ein allgemeines Literaturkapitel vorliegt, aber keine kapitelspezifisches Referenzierungen, gleichwohl aber auf die Gedanken andere Bezug genommen wird, z.B. im Zusammenhang mit der Beschreibung der positiven Wächterfunktion der Scham, die auf Leon Wurmser zurückgeht. Es gibt viele praktische Übungen, vor allem als klassische Achtsamkeitsübung in der Tradition von Kabat-Zinn oder auch als Yoga- oder Yoga-nahe Übungen.

Positiv zu erwähnen ist auch, dass kostenloses Arbeitsmaterial als Download zur Verfügung gestellt wird. Allerdings wurde hier, anders als bei vielen anderen Büchern aus dem Beltz Verlag, darauf verzichtet, das Buch auch kostenfrei als E-Books zur Verfügung zu stellen. Das ist schade.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 02.12.2019 zu: Margit Koemeda: Tanzen vor Freude, Zittern vor Wut. Sich von Gefühlen bewegen lassen. Ein Selbsthilfebuch mit körperpsychotherapeutischen Techniken. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-621-28202-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26216.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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