socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michael Kaess, Alexandra Edinger: Selbstverletzendes Verhalten

Cover Michael Kaess, Alexandra Edinger: Selbstverletzendes Verhalten. Entwicklungsrisiken erkennen und behandeln : mit E-Book inside. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 2., überarbeitete Auflage. 187 Seiten. ISBN 978-3-621-28665-7. D: 36,95 EUR, A: 37,90 EUR, CH: 48,00 sFr.

Reihe: Risikofaktoren der Entwicklung im Kindes- und Jugendalter.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Dieses Fachbuch thematisiert das nichtsuizidale selbstverletzende Verhalten bei Jugendlichen. Es wird ein differenzierter Überblick gegeben über die unterschiedlichen Aspekte wie die Häufigkeit, Formen, Ursachen und Funktionen sowie auch Behandlungsmethoden und weitere Umgangsformen. 

Autor/-in

Prof. Dr. med. Michael Kaess ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und hat wissenschaftliche Arbeiten an den Universitäten Heidelberg und Melbourne durchgeführt. Er habilitierte sich im Jahr 2015, war geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg sowie Leiter der Forschungssektion Translationale Psychobiologie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und ist seit 2017 Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie, verbunden mit der Stelle des ärztlichen Direktors der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern.

Dr. phil. Alexandra Edinger hat den Master of Science in Psychologie, ist approbierte psychologische Psychotherapeutin und ausgebildete Therapeutin für Dialektisch-behaviorale Therapie bei Adoleszenten (DBT-A). Sie ist als wissenschaftliche und klinische Mitarbeiterin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Heidelberg tätig, koordiniert verschiedene Forschungsprojekte und ist klinisch und wissenschaftlich in einer Spezialambulanz für selbstschädigende und riskante Verhaltensweisen tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die zweite Auflage des zunächst von Dr. Michael Kaess alleine veröffentlichten Buches mit dem gleichnamigen Titel. Diese zweite, 2019 erschienene Auflage wurde mit Dr. phil. Alexandra Edinger zusammen verfasst und um einige Punkte erweitert, wie zum Beispiel neuen Behandlungsansätzen, neuen diagnostischen Kriterien nach DSM-5 und neueren wissenschaftlichen Befunden.

Aufbau

Dieser Band ist sehr klar aufgebaut und bietet hierdurch einen sehr guten Service beim Finden besonderer Punkte. Nach einer ausführlichen Einführung, in welcher Selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität klar definiert werden, folgen die empirischen Grundlagen. Hierbei schaffen es Michael Kaess und Alexandra Edinger sehr gut die unterschiedlichen Aspekte der Thematik präzise zu erörtern und hierbei u.a. sowohl fachliche, statistische als auch ursachenspezifische Punkte zu benennen. Das Erkennen bzw. Diagnostizieren von nichtsuizidalem selbstverletzendem Verhalten wird kurz im Kapitel 3 erläutert, ehe sich im Kapitel 4 ausführlich der Therapie gewidmet wird. Hierbei wird nach der Akutbehandlung auf die Psychotherapie, die Pharmakotherapie sowie multimodale Therapieformen eingegangen und auch die Prävention berücksichtigt. Im letzten Kapitel geht es die klinische und kulturtheoretische Einordnung, ehe im Anhang dann Diagnosekriterien, ein Glossar der Fachbegriffe, hilfreiche Internetanschriften ein 23seitiges Literaturverzeichnis und ein kurzes Sachwortregister den Abschluss des Bandes bilden.

Inhalt

In der Einleitung der beiden Herausgeber Prof. Dr. Michael Schulte- Markwort und Prof. Dr. Franz Resch ordnen diese nichtsuizidales Selbstverletzendes Verhalten in die allgemeinen Risikoverhaltensweisen junger Menschen ein und betonen, wie wichtig ihnen eine differenzierte Darstellung des Wissens und der einzelnen Standpunkte ist. Danach ordnen Prof. Dr. Michael Kaess und Dr. phil. Alexandra Edinger in einem kurzen Vorwort die zweite Auflage des Buches in die Entwicklung der jüngeren Forschung ein, ehe mit einer Einführung in die Thematik begonnen wird. Zunächst wird die Terminologie und Definition nicht-suizidaler Selbstverletzungen beschrieben und Selbstverletzendes Verhalten definiert als „…gleichbedeutend mit einer funktionell motivierten Verletzung oder Beschädigung des eigenen Körpers, die in direkter und offener Form geschieht, sozial nicht akzeptiert ist und nicht mit suizidalen Absichten einhergeht.“ (S. 19). Beschreibungen von Gegenüberstellungen folgen dann, wie z.B. offene vs. heimliche, direkte vs. indirekte, ritualisierte vs. pathologische Selbstverletzung. Das erste Kapitel schließt mit der deutlichen Abgrenzung von Selbstverletzendem Verhalten zu Suizidalem Verhalten ab. Dazu zählen unterschiedliche Intentionen, eine geringere Letalität bei Selbstverletzenden Verhalten, unterschiedliche Methoden sowie unterschiedliche Verteilungen in der Bevölkerung. Dabei wird Bezug genommen auf die Heidelberger Schulstudie, in welcher knapp 50 % der Teilnehmenden mit mehrmaligem selbstverletzenden Verhalten innerhalb eines Jahres angaben, schon mehrmals Suizidversuche begannen zu haben.

Im Kapitel 2, dem eindeutigen Schwerpunkt des Buches, werden die empirischen Grundlagen in beeindruckender Ausführlichkeit und Differenzierung beschrieben. Zunächst werden Methoden zur Selbstverletzung vorgestellt mit Darstellung der benutzten Gegenstände, der Schnittführung, den Schweregraden und der Differenzierung der Methoden bis hin zur unterschiedlichen Präsentation der Jugendlichen ihrer Selbstverletzungen. Danach wird der Ablauf einer Selbstverletzung mit dem sogenannten Spannungsbogen differenziert aufgezeigt, ehe die Häufigkeit in der Allgemeinbevölkerung und bei jungen Menschen in Kliniken beschrieben wird. Dabei werden eine Vielzahl (über 40) von Studien zu selbstverletzendem Verhalten und fünf klinische Studien aufgelistet und auf die Heidelberger Schulstudie im besonderen eingegangen. Wie bedeutsam die Geschlechtszugehörigkeit, das Alter, der sozioökonomische Status sowie der Migrationshintergrund für das Auftreten von Selbstverletzendem Verhalten ist, wird eingehend erörtert. In einem weiteren Abschnitt wird Selbstverletzendes Verhalten hinsichtlich der Zusammenhänge zu anderen Krankheitsbildern untersucht. Hierbei wird Bezug genommen auf die Borderline-Störung, Depression, Störungen des Sozialverhaltens, Substanzkonsum, Essstörungen, Belastungs- sowie Anpassungsstörungen. Wie Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen entsteht, beschäftigt sich der 5. Abschnitt des zweiten Kapitels. Hier wird zuerst auf die Neurobiologie (Serotonerges, dopaminerges, opioides System und Schmerzwahrnehmung) sowie die Hypothalamus- Hypophysen- Nebennierenrinden- Achse eingegangen, ehe negative Kindheitserlebnisse und Traumatisierungen (wie z.B. sexueller Missbrauch) in den Fokus gerückt werden und aktuelle Ereignisse in der Familie, unter den Peers oder auch in Schule bzw. Ausbildung hinsichtlich ihres Einflusses auf die Entstehung von Selbstverletzendem Verhalten erörtert werden. Dabei werden Tabellen und Fallvignetten hinzugezogen. Wie man sich nun Selbstverletzendes Verhalten erklären kann bzw. warum es entsteht, wird im letzten Abschnitt des zweiten Kapitels dargestellt. Dabei werden die sieben Funktionen Selbstverletzenden Verhalten nach David Klonsky und das 4- Funktionen- Modell der nichtsuizidalen Selbstverletzung nach Matthew Nock differenziert vorgestellt. Das Kapitel 3 befasst sich mit der Diagnostik; und zwar zuerst mit der allgemeinen Erkennung selbstverletzenden Verhaltens durch Eltern, Peers und andere und dann mit der klinischen Diagnostik. Demnach geben Wunden, narben, scharfe Gegenstände, Rückzugsverhalten und nachlassende Leistungen allgemeine Anhaltspunkte, während im klinischen Rahmen auf die Anamnese, die körperliche Untersuchung, Fragebögen und Interviews zurückgegriffen wird. Diese Instrumentarien werden hilfreich beschrieben und auf die Notwendigkeit einer möglichst breit aufgestellten multimodalen Diagnostik hingewiesen. Im Kapitel 4 wird sich mit der Therapie nichtsuizidalem selbstverletzendem Verhaltens ausführlich auseinander gesetzt. Dazu wird zuerst auf die Akutbehandlung eingegangen. Neben der direkten Wundversorgung solle man auch auf den Tetanus- Impfschutz, übertragbare Krankheiten und Suizidalität eingehen und unbedingt eine konkrete Weiterversorgung veranlassen. Nach diesen Hinweisen wird im zweiten Kapitelabschnitt konkret auf die Psychotherapie eingegangen und dargestellt, welche Vorgaben die aktuelle S2k-Leitlinie benennt, sodass eine stationäre Behandlung indiziert ist. Im folgenden, die Psychotherapie thematisierendem Abschnitt werden die Dialektisch- behaviorale Therapie für Jugendliche (DBT-A), das Cutting-Down-Programm, die übertragungsfokussierte Psychotherapie im Jugendalter, die kognitiv-analytische Therapie im Jugendalter, die mentalisierungsbasierte Therapie und die Schema-Therapie kurz beschrieben. Hieran anschließend erfolgt noch die Beschreibung der Heidelberger Ambulanz für Risikoverhalten und Selbstschädigung (AtR!Sk) sowie der Pharmakotherapie. Welche Möglichkeiten sich sonst noch bieten, um Jugendliche bei nichtsuizidalem selbstverletzendem Verhalten zu unterstützen, zeigt der letzte Abschnitt des Kapitels. Hier werden interdisziplinäre Therapien vorgestellt, auf die Elternarbeit eingegangen, die Möglichkeiten der Jugendhilfe und der Schule beschrieben sowie generell erörtert, welche Möglichkeiten sich generell durch Präventionsprogramme ergeben. Das fünfte Kapitel ordnet mit drei Fragen selbstverletzendes Verhalten klinisch und kulturtheoretisch ein: „Nimmt selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter zu? Ist selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter eine eigenständige psychische Erkrankung oder nur ein Symptom? Was muss im Umgang mit selbstverletzendem Verhalten bei Jugendlichen beachtet werden?“

Der Anhang enthält Diagnosekriterien nach DSM-5 hinsichtlich Nichtsuizidaler Selbstverletzungen bzw. Suizidaler Verhaltensstörung, ein Glossar mit über 50 Fachbegriffen, eine Seite mit hilfreichen Internetanschriften, ein 23seitiges Literaturverzeichnis sowie ein kurzes, 48 Einträge umfassendes Sachwortregister.

Diskussion

Dieses Fachbuch beschreibt, erklärt und informiert über die wesentlichen Aspekte bei der Thematik „Selbstverletzendes Verhalten“ bei jungen Menschen. Das Autorenpaar klärt dabei sprachlich und inhaltlich überzeugend auf. Psychologen/-innen, Sozialarbeitende, Therapeutinnen/-innen und auch Pädagogen/-innen sowie Ärzte/-innen und wohl auch verschiedentlich Eltern erhalten hier wertvolle Informationen für den professionellen Umgang mit selbstverletzenden Verhaltensweisen bei jungen Menschen. Gerade die Bewertung von verschiedenen Studien sowie die Einordnung pharmakologischer Wirkungen machen das Buch unverzichtbar für alle professionell mit Jugendlichen mit selbstverletzenden Verhaltensweisen, tätigen Menschen. Auch die differenzierte Abgrenzung zu suizidalem Verhalten bzw. die beschriebenen Einschätzungshilfen sind ausgesprochen gut. Außerdem werden die Familien, die Schulen, die Jugendhilfe und die klinischen und ambulanten Unterstützungsmöglichkeiten detaillierter dargestellt. Aktuelle Studien werden einbezogen und es wird verdeutlicht, dass es sich bei selbstverletzendem Verhalten – trotz der schwierigen Daten- und Forschungslage – um ein eher zunehmendes und ernstzunehmendes Phänomen handelt, welches weder dramatisiert noch bagatellisiert werden sollte. Das Autorenpaar schafft es ausgesprochen gut, sowohl klinische als auch eher ambulante „Fälle“ darzustellen. Die Fallbeispiele an sich sind ausgesprochen alltagsnah beschrieben und beziehen sich auf unterschiedliche Behandlungssettings und verschiedene Entwicklungsphasen bei jungen Menschen.

Fazit

Die klare Struktur des Buches, die kleinteilige Gliederung, die Auflockerung durch Tabellen und Abbildungen, das Glossar wichtiger Fachbegriffe, das Sachwortverzeichnis sowie die Literatur- und Internetlink-Listen machen das Werk zu einem unverzichtbaren Werkzeug, um den betroffenen Menschen und auch ihren Begleitpersonen Hilfe zukommen zu lassen. Ein insgesamt ausgesprochen Mut machendes, ehrliches Buch für Helfende, welches persönliche Erfahrungen und Forschungsergebnisse so gut miteinander abgleicht, dass man wesentlich gestärkt und sicherer im Umgang mit jungen Menschen mit dieser Symptomatik sein wird!


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
E-Mail Mailformular


Alle 60 Rezensionen von Detlef Rüsch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 29.04.2020 zu: Michael Kaess, Alexandra Edinger: Selbstverletzendes Verhalten. Entwicklungsrisiken erkennen und behandeln : mit E-Book inside. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-621-28665-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26226.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung