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Karsten Krauskopf, Franziska Rogge u.a.: Förderplanung im Team für die Sekundarstufe (FiT-S)

Cover Karsten Krauskopf, Franziska Rogge, Karin Salzberg-Ludwig, Michel Knigge: Förderplanung im Team für die Sekundarstufe (FiT-S). Anleitung für die effiziente Planungssitzung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2019. 124 Seiten. ISBN 978-3-497-02889-4. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thematischer Hintergrund

Das Förderprogramm im Team für die Sekundarstufe (FiT-S) beinhaltet ein Verfahren zur Unterstützung und Beratung von Schüler*innen mit Problemen und Schwierigkeiten bei der Bewältigung schulischer Anforderungen. Mit Hilfe von Analyse- und Strukturkarten lässt sich relativ zügig ein moderiertes und multiprofessionell ausgerichtetes Teamgespräch bzw. eine entsprechende Planungssitzung durchführen. Entwickelt wurde das Verfahren im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ finanziert mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Der Band beginnt mit einem Plädoyer für heterogene Lerngruppen.

Autor*innen

Die Autor*innen forschen am Lehrstuhl Inklusion und Organisationsentwicklung an der Universität Potsdam. Karin Salzberg-Ludwig und Michel Knigge sind dort als Professor*innen tätig und Karsten Krauskopf und Franziska Rogge sind wissenschaftliche Mitarbeiter*innen.

Aufbau

Die Veröffentlichung gliedert sich nach folgenden Kapiteln:

  1. Was ist FiT-S?
  2. Wie kann Lernen in der Schule gelingen?
  3. Wie kann Lernförderung im Team gelingen?
  4. FiT-S – Wir planen individuelle Fördermaßnahmen im Team.
  5. Fördermaßnahmen konkretisieren.
  6. Ergebnisse der empirischen Erprobung von FiT-S.
  7. Fazit und Ausblick.

Durch Zusammenfassungen und grafische Markierungen der Themenschwerpunkte wird eine gute Lese- und Bearbeitungshilfe zur Verfügung gestellt.

Zum vorliegenden Band gehören Analyse- und Strukturkarten: Krauskopf et.al. (2019): Förderplanung im Team für die Sekundarstufe (FiT-S). 55 Planungskarten, München: Ernst Reinhardt-Verlag, 24, 90 Euro (ISBN 978-3-497-02892-4).

Inhalt

1. Kapitel: In diesem Text wird, auch mit Hilfe beispielhafter Erklärungen, das Verfahren skizziert. Verwiesen wird auf die zentralen Dimensionen schulischen Lernens in der Sekundarstufe:

  • Domänenspezifische – also fachbezogene- Kompetenzen,
  • grundlegende fächerübergreifende Kompetenzen,
  • Motivation und
  • Handlungssteuerung.

Mittels der Bearbeitung dieser Dimensionen durch das Team entsteht ein strukturiertes Bild der jeweiligen Lernschwierigkeiten aus dem Ziele und erste Unterstützungsmaßnahmen abgeleitet werden können.

2. Kapitel: Unterschiedliche Lerntheorien und spezifische soziale und kognitive Entwicklungsphasen werden erörtert mit dem Fazit: “Lernen kann als ein aktiver und komplexer Prozess verstanden werden, der von inneren und äußeren Faktoren beeinflusst wird“ (S. 19). Zu diesen Faktoren gehören Umwelteinflüsse, soziale Beziehungen und individuelle Faktoren. Diese Faktoren werden erläutert wie auch daran anschließend die weiter oben bereits genannten zentralen Dimensionen präzisiert werden. Dabei wird auf Fächer eingegangen (u.a. Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen), auf fachübergreifende Kompetenzen (u.a. Wahrnehmung, Kognition, Intelligenz, Lernstrategien), auf Motivation (Selbstbewertung, Feedback). Bei der Handlungssteuerung werden selbstregulative Strategien wichtig: u.a. Impulskontrolle, Selbstbeobachtung, Frustrationstoleranz. Aufgrund dieser Faktorenvielfalt wird festgestellt: „Zusammengefasst lässt sich sagen, eine adäquate Förderung kann nur im Team und in der Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen gelingen“ (S. 32).

3. Kapitel: Um ein gemeinsames Verständnis für Schüler*innen mit Problemen zu entwickeln wird auf das Modell der geteilten Mentalität verwiesen. D.h., dass auch divergierende Sehweisen der Teammitglieder in den „Befund“ integriert werden als Grundhaltung multiprofessioneller Kooperation. Eingefügt werden können aber auch Wahrnehmungen z.B. des Schülers, seiner Mitschüler oder ggf. der Eltern. Zu berücksichtigen sind Barrieren, denen der gesamte Verständigungs- und Interpretationsprozess unterliegt. Dazu gehören z.B. mangelnde Zeitressourcen, Verantwortungsdiffusion in großen Teams, häufiger Personalwechsel der Teamer. Es wird auf unterschiedliche Gelingensbedingungen verwiesen, die notwendig sind, um eine Gesamtheit der jeweiligen Einzelexpertisen entstehen zu lassen.

4. Kapitel: Erörterten die bisherigen Kapitel Rahmenbedingungen und theoriegeleitete Grundlagen stellt dieses wichtige Kapitel den Verfahrensablauf anhand eines Fallbeispiels vor. Zum Einsatz kommen nun die Analyse- und Strukturkarten. Die 33 farbigen Analysekarten beinhalten Lern- und Handlungsoperationen des betroffenen Schülers. Die grüne Karte M1 nennt z.B. zwei solcher Operationen bzw. Regulationen:

  • Emotionale Reaktion bei auftretenden Problemen.
  • Umgang mit besonderen Situationen (u.a. erste Liebe, Tod eines Angehörigen).

Auf der Rückseite der Karten wird auf Unterstützungsmaßnahmen hingewiesen. In diesem Fall: Lernen, Gefühle zu benennen, Vermitteln das Fehler legitim sind und angemessener Wechsel von An- und Entspannung im Unterricht.

Die Strukturkarten stellen durch Pfeile und andere Symbole Verbindungen zwischen zutreffenden Problembeschreibungen her. Das Team ordnet nun nach dem Vorlesen der Karten durch ein Teammitglied die Problemanzeigen in eine Skala: Stärken, nicht problematisch, kaum problematisch, problematisch, sehr problematisch. Das Team muss sich auf zehn Karten in den Bereichen problematisch (sechs Karten), sehr problematisch (vier Karten). beschränken und mindestens eine Stärke festlegen. In dem Fallbeispiel werden unter „sehr problematisch“ folgende vier Probleme genannt: Selbstwertgefühl (Karte M2), Verarbeitung von Lerninhalten (Karte G2), Umgang mit Schwierigkeiten beim Lernen (Karte H4) und Emotionsregulation (Karte M1). Dass durch eine Moderation begleitete Verfahren durchläuft fünf Phasen, wobei in der vierten Phase Förderziele und Fördermaßnahmen für die folgenden sechs Wochen festgelegt werden, die in der fünften Phase überprüft werden. Das Kapitel verweist immer wieder auf Beispiele und Arbeitsbögen zur Dokumentation und Visualisierung des jeweiligen Falles (erspart das Protokoll). Letztlich werden die Maßnahmen nach sechs Wochen evaluiert, auch im Rahmen von Schülergesprächen. Die Forschungsgruppe nennt eine Langversion von 90 Minuten und eine Kurzversion von 45 Minuten als Dauer der Teamsitzung.

5. Kapitel: Dieses Kapitel enthält eine Material- und umfangreiche Literatursammlung zur Konkretisierung von Fördermaßnahmen. Dabei werden die einzelnen Dimensionen von domänespezifischen Kompetenzen bis zu sozialen Beziehungen und Umwelteinflüssen im Zusammenhang mit den Analysekarten erörtert. Im Grunde genommen findet hier eine anspruchsvolle und notwendige Vertiefung des Verfahrens statt mit dem Ziel, Fördermaßnahmen konkret zu benennen. Dazu wird jeweils auf spezifische Fachliteratur verwiesen.

6. Kapitel: Die empirische Erprobung von FiT-S in Brandenburg zeigt zunächst Diskussionssequenzen aus den Phasen 1 und 2 des Verfahrens (z.B. zu Zuordnungsvorgängen in der Teamsitzung). Des Weiteren wird die Trennschärfe der Dimensionen ausgewertet und festgestellt, dass mittels der Karten die Diskussion präzisiert wird und neue Aspekte zum Verständnis des Falles hervortreten. Die qualitative Auswertung der Fallgespräche ergab, dass Förderziele und Fördermaßnahmen als konkret und verständlich eingeschätzt wurden. Die jeweilige Zusammenarbeit im Team wurde insgesamt als sehr positiv eingeschätzt. Die Eignung des Verfahrenes für die Schulpraxis wurde durch die befragten Lehr- und Fachkräfte bestätigt und eine Weiterempfehlung bekräftigt.

7. Kapitel: Das Abschlusskapitel ermuntert interessierte Lehr- und Fachkräfte ggf. mit kleinen Schritten, das Verfahren umzusetzen und in der Schule eine „Task-Force“ zu bilden, die sich zunächst auf eine kleine Gruppe von Schüler*innen konzentriert. Auch wird darauf verwiesen, dass eine gute Vorausplanung erforderlich ist. Die Forschungsgruppe arbeitet weiter an einer Verfeinerung des Verfahrens und bittet um Rückmeldung bei Erprobungen. In der Universität Potsdam findet das Verfahren Eingang zu einschlägigen Seminaren und das grundsätzliche Ziel wird weiter verfolgt: „Die stetige professionelle Weiterbildung junger Lehrkräfte […]“ (S. 105).

Diskussion

Zweifellos handelt es sich um ein innovatives Verfahren Lern- und Schulschwierigkeiten von Schüler*innen systematisch in multiprofessionellen Teams zu erfassen und Unterstützung bereit zu stellen. Dass die Implementierung in den Schulalltag einige Hürden sichtbar werden lässt verschweigt die Forschungsgruppe nicht. Jedenfalls ist im zeitlichen Vorfeld eine intensive Beschäftigung seitens der Teamer mit dem Manuel und den beigefügten Karten erforderlich. Sicherlich wird in einigen Schulen eine erfolgreiche Anwendung mit dem Verfahren eintreten. Andere Schulen, die erfolgreich die multiprofessionelle Arbeit bereits durchführen, werden schwerer zu überzeugen sein. Erfolgreiche Praxisbeispiele sind z.B. aus den inklusiven Schulen und den Ganztagsschulen bekannt. Gleichwohl ist multiprofessionelle Kooperation in den oben genannten Zusammenhängen ein unerledigtes Thema für die betroffenen Berufskulturen. Und dazu liefert der Band einen konstruktiven Beitrag.

Fazit

FiT-S ist ein innovatives und systematisches Verfahren, um Schülerinnen und Schüler mit Lern- und Schulschwierigkeiten nachhaltig zu unterstützen. Die zentrale Arbeitsform ist die multiprofessionelle Kooperation von Lehr- und sozialpädagogischen Fachkräften in der Schule, sowie Psychologen und weiteren Fachleuten. Effiziente Teamsitzungen werden durch 55 Planungskarten strukturiert anhand derer konkrete Unterstützungsziele und Unterstützungsmaßnahmen praktisch umgesetzt werden können.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 25.11.2019 zu: Karsten Krauskopf, Franziska Rogge, Karin Salzberg-Ludwig, Michel Knigge: Förderplanung im Team für die Sekundarstufe (FiT-S). Anleitung für die effiziente Planungssitzung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2019. ISBN 978-3-497-02889-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26227.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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