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Manfred Prisching: Bluff-Menschen

Cover Manfred Prisching: Bluff-Menschen. Selbstinszenierungen in der Spätmoderne. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 326 Seiten. ISBN 978-3-7799-6062-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Anders handeln als man denkt!

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, diese Enttarnung wird immer wieder herangezogen, wenn es um Fragen geht, wie der Mensch sein Leben gestaltet, wie er den individuellen Anspruch und die kollektive Wirklichkeit zusammenbringt, und wie er denkt und handelt. Der Psychiater, Psychotherapeut und Diplomtheologe Manfred Lütz setzt sich damit auseinander (Bluff! Die Fälschung der Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/​14059.php); im philosophischen Diskurs wird an die human-soziale Verantwortung der Menschen appelliert (Hans Lenk, Human-soziale Verantwortung. Zur Sozialphilosophie der Verantwortlichkeiten, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​23473.php); die anthropologischen und soziologischen Wegweiser mahnen, den „Widerspruch zwischen den Erfahrungen der Welt und den Berichten, in denen darüber … Rechenschaft gegeben wird“ aufzulösen, zumindest aber habhafter zu werden ( Bruno Latour, Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/​17792.php); sozialwissenschaftlich geht es darum, Selbstfindungs- und Wahrheitsbewusstsein zu fördern (Martina Franzen/Alena Jung/David Kaldewey/Jasper Korte, Hrsg., Autonomie revisited. Beiträge zu einem umstrittenen Grundbegriff in Wissenschaft, Kunst und Politik, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/​17917.php), und neuro-biologisch geht es um die Erfahrung, dass eine bewusste, achtsame, selbstfürsorgliche und empathische Haltung Lebenskraft schafft ( Joachim Bauer, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/​18891.php).

Entstehungshintergrund und Autor

„Es geht um die Identität der Menschen, um ihre Individualität und ihre vielfachen, miteinander verwobenen Selbste“. In der sich immer interdependenter, entgrenzender und global entwickelnden Welt kommt es darauf an, human und menschenwürdig zu leben. Der Begriff „Bluff“ wird ursprünglich beim Kartenspiel verwendet. Mit ihm soll die Fähigkeit benannt werden, mit Gesten und Verhaltensweisen dem Gegenüber zum eigenen Nutzen zu täuschen und dadurch zu gewinnen. Diese spielerische, durch Ordnungsmuster eingegrenzte und von den Spielern geforderte und akzeptierte Haltung, hat bei individuellen und lokalen und globalen gesellschaftsbestimmten Verhaltensweisen eine Übertragung gefunden, die der Soziologe von der Universität im österreichischen Graz, Manfred Prisching, in einen neuen Zusammenhang bringt. Es geht ihm nicht darum, verschwörungstheoretische Verbindungen aufzuzeigen, auch keine therapeutischen Ratschläge gegen Bluffs zu geben, und auch nicht um moralische Fingerzeige; vielmehr meint er mit Bluff „Denk- und Handlungssysteme, von denen alle Beteiligten wissen, dass es sich um luftige Gebilde handelt, um prekäre Konfigurationen, die man nicht ganz ernst nehmen kann (oder muss), die aber dennoch Rahmen und Vorgaben für das Handeln darstellen, an die man sich alten kann (oder muss)“. Der Autor grenzt somit den Begriff Bluff ab von Manipulation, arglistiger Täuschung oder gar Betrug. Er geht vielmehr davon aus, dass Bluffs als medien- und werbegestützte Formen der lokalen und globalen Kommunikation zunehmen sich als „vage Spielregeln, Fiktionen, Imaginationen, Simulationen, Kopien, Metaphern, Games“ zeigen.

Aufbau und Inhalt

Den Spagat zwischen Manipulation und Bluff, zwischen Lüge und Täuschung unternimmt Manfred Prisching in seinem Buch „Bluff-Menschen“, neben der Einführung und den Schlussbemerkungen, in einer eigenwilligen Klassifizierung: Mit den Großbuchstaben A – D thematisiert er „Das Selbst – Individualisierung und Singularisierung“ – „Die Maske – Konformisierung und Normalisierung“ – „Vereinbarmachung des Unvereinbaren“ – „die Akzeptanz des Nichtgeltenden“; und mit „Bluff I- XII“ diskutiert er – „Das wahre Selbst“, „Ganzheitlichkeit, Flüchtigkeit, Vereinzigartigung“, „Masken, Moden, Stile“, „Aussteiger, Konforme, Popoide“, „Adaptierung, Regulierung, Dsiziplinierung“, „Optionen, Steigerung, Luxus“, „Vergemeinschaftung, Verpflichtung, Stilisierung“, „Vernunft, Stars, Euphorie“, „Sakralität, Transzendenz, Erlösung“, „Ratgeber, Therapeuten, Opfer“, „Körper, Jugendlichkeit, Schönheit“, „Bullshit, Fakes, Nonsense“.

Dass jeder Mensch über eine eigene, unverwechselbare und zu schützende Persönlichkeit verfügt, ist als unveräußerliches, nicht relativierbares Menschenrecht postuliert und als globale Ethik ausgewiesen; genauso, wie die Pluralität und die Anerkennung der gleichwertigen Vielfalt der Menschheit existenzsichernd sind. Es sind Fragen nach Gewissheiten, Beherrschbarkeiten, Machbarkeiten, das Im-Griff-haben, Haben- und Seinsmodi, die uns in der Illusion wähnen, die Welt zu kennen und zu können. Zu erkennen (und zu akzeptieren), dass es zwischen dem fundamentalen menschlichen Beziehungsbegehrens und dem Objektbegehren einen Unterschied gibt: Eine komplett verfügbar gemachte Welt wäre nicht nur reizlos, sie wäre auch resonanzlos ( Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​25302.php); und es sind die Singularitäten, die Aussicht auf eine humane Menschheits- und Weltentwicklung signalisieren ( Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​23620.php). Das „wahre Selbst“ ist eingebunden in Hoffnung und Vision, in Ziel und Kompromiss, in Normalität und Konformismus, in der Vereinbarung und im Unvereinbaren, in der Akzeptanz des Realen, im Bau von Potemkinschen Dörfern und im Sein und Design. Das „wahre Selbst“ entsteht und bildet sich durch inneres Erleben und in der Bewusstheit der Andersheit.

„Die Spätmoderne ist keine Gesellschaft der Individuen, sondern eine der individualistischen Masken und der allgegenwärtigen Bluffs“. Es ist die Selbststilisierung, und es ist das Auffälligsein, die Bluffs wirksam und selbstverständlich machen lassen und konsumistische Identitäten hervorbringen: „Ich will alles, und das sofort und umsonst!“. Es ist die „zweidimensionale Gesellschaft“, die auf den Prinzipen „Geld und Spaß“ gebaut ist und den „Influencer“ als Bluffer herausstellt ( vgl. dazu z.B.: Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Was unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir der kollektiven Dummheit entkommen können, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​22651.php). „Es gibt nicht nur gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit, es gibt auch eine gesellschaftliche Konstruktion von Teilwirklichkeiten, die sich manchmal selbst entwickeln, manchmal im Zuge politischer (und ideologischer, JS) Strategien geschaffen werden“. Es sind die beunruhigenden, gesellschaftlichen Erfahrungen, dass Fakes und Nonsense von den Followern der Bluffer als alleinige Wirklichkeiten aufgenommen werden. Sie sind gar nicht mehr aufnahmefähig und bereit für Fakten, und sie nehmen nur noch wahr, dass Wahrheit die Erfindung eines Lügners ist (Heinz von Foerster/Bernhard Pörksen, 2011).

Fazit

Ist Bluff Täuschung, Fluchtpunkt oder Identitätsentfaltung? Ist es die Lösung, dass derjenige, der nicht mit blufft untergeht? „Es geht um die Kluft zwischen der kulturellen Selbstverständlichkeit von Individualisierung und Spontanisierung … und dem strukturellen Erfordernis von Standardisierung, Disziplinierung, Normalisierung zum Fortbetrieb einer komplexen Entität“. Wenn, wie Manfred Prisching in seiner Studie herauszuarbeiten versucht, Bluffen zum erwartbaren Anforderungsprofil einer spätmodernen Gesellschaft gehört, bleibt die (bange) Frage: Wo bleiben die notwendigen Gesellschaftsutopien, die Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Friedfertigkeit und Menschenwürde? ( vgl. dazu: Harald Welzer, Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25575.php).Interessant und denkanregend ist die Begriffsumdeutung, die Prisching vornimmt. Ob sie allerdings weiter- und zielführend ist, sollte mit einer kritischen semantischen und methodischen Frage nachgegangen werden. Der Rezensent steht deshalb vor der Frage, ob es ausreicht festzustellen: Ein Bluff ist ein Bluff, ist ein Bluff, ist ein Bluff… Damit sollen nicht Hilflosigkeit und Unverständnis über das Essay zum Ausdruck kommen, sondern auch Anerkennung für das Wagnis, den Begriff „Bluff“ und seine differenten Wirkungen im individuellen und kollektiven Kommunikations- und Verständigungsprozess zu thematisieren – weil Denken und Auseinandersetzung des zôon politikon mit sich und der Welt immer darauf angewiesen ist, Ja-Ja und Nein-Nein sagen zu können.

Noch ein Schlussappell an Beltz-Juventa: Mehrere Verlage sind mittlerweile dazu übergegangen, ihre Produktionen nicht mehr in überflüssige und umweltschädliche Plastikfolien einzuschweißen. Der Verlag Beltz Juventa gehört noch nicht dazu!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.11.2019 zu: Manfred Prisching: Bluff-Menschen. Selbstinszenierungen in der Spätmoderne. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6062-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26229.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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