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Bettina Kohlrausch, Christina Schildmann u.a.: Neue Arbeit – neue Ungleichheiten?

Cover Bettina Kohlrausch, Christina Schildmann, Dorothea Voss: Neue Arbeit – neue Ungleichheiten? Folgen der Digitalisierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 216 Seiten. ISBN 978-3-7799-3055-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

Reihe: Arbeitsgesellschaft im Wandel.
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Thema

Die digitale Transformation verändert Arbeit auf dramatische Weise. Maschinen ersetzen Menschen, Kunden kooperieren mit Computern, Hierarchien lösen sich auf. Die Rolle der Mitarbeiter transformiert sich vom Erbringer der Arbeitsleistung zur Kontrolle der Maschinen, Mensch und Maschine interagieren miteinander, die Kompetenz, Big Data Daten sinnhaft zu kombinieren und zu interpretieren, wird immer wichtiger, die räumliche Verortung der Mitarbeiter verliert an Bedeutung, traditionelle Arbeitsorte und -zeiten lösen sich auf, die Arbeit wird immer mehr automatisiert, Tätigkeiten mit unmittelbarer menschlicher Interaktion werden in Hochlohnländern aufgewertet, die Kompetenz zur Selbstorganisation wird immer wichtiger.

Die neue Arbeitswelt ist geprägt durch Netzwerke, hoch spezialisierte Mitarbeiter kommunizieren weltweit, physische Büros werden zu temporären Ankerpunkten für menschliche Interaktion, Führen erfolgt immer mehr auf Distanz, das zunehmende Innovationstempo stellt immer größere Anforderungen an die Mitarbeiter.

Die Herausgeber untersuchen mit ihrem Autorenteam, inwieweit diese Veränderungen neue Muster sozialer (Un-)Gleichheit generieren. Dabei wollen sie unterschiedliche Forschungsansätze und gesellschaftliche Debatten zusammenführen und einen systematischen Überblick über die aktuellen soziologischen Betrachtungen zur Digitalisierung und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen geben.

Autoren

Bettina Kohlrausch ist Professorin für Bildungssoziologie an der Universität Paderborn. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind (Berufs-)Bildungsforschung, Arbeitsmarktforschung und soziale Ungleichheiten.

Christina Schildmann ist Leiterin der Forschungsstelle „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung, vorher war sie Leiterin des wissenschaftlichen Sekretariats der Kommission „Arbeit der Zukunft“. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Arbeitsmarkt-, Gleichstellungs- und Familienpolitik

Dorothea Voss ist Abteilungsleiterin in der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung.

Entstehungshintergrund

Die digitale Transformation hat zur Folge, dass auf der einen Seite soziale Verwerfungen durch eine Verschärfung sozialer Ungleichheit wegen des Wegfalls von Arbeitsplätzen entstehen, auf der anderen Seite sich eine zunehmende Umverteilung von Vermögen im Zuge der Veränderung von Produktionsprozessen und -verhältnissen entwickelt. Gleichzeitig werden Produktivitätssprünge erwartet, die zu einer Digitalisierungsrendite für das Gemeinwohl führen können und die neue Möglichkeiten der sozialen Vernetzung sowie des Teilens möglich machen. Diese Veränderungen aufgrund der Digitalisierung werden zu Gewinnern und Verlierern führen, sodass sich die Frage stellt, ob sich neue Muster sozialer Ungleichheit entwickeln. Weiterhin ist zu klären, wie stabil diese Muster sozialer Ungleichheit sind und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Die Forschung zu diesen Fragen steht erst am Anfang. Die Herausgeberinnen wollen deshalb ein Zwischenfazit ziehen, um zu zeigen, welche empirischen Befunde über die digitalisierungsbedingten Polarisierungen oder sozialen Öffnungen und neue Zuweisungen von sozialen Positionen vorliegen.

Aufbau und Inhalt

Bettina Kohlrausch zeigt in ihrem Beitrag „Soziale Ungleichheit und Verunsicherung im Zeitalter der Digitalisierung“, dass die digitale Transformation als Verbesserung der Arbeitsergebnisse, aber auch als Entgrenzung, Kontrolle und Verdichtung von Arbeitsprozessen empfunden wird. Mitarbeiter, bei denen die negativen Empfindungen überwiegen, haben häufig Statusängste. Es zeigt sich, dass das Ausmaß von Autonomie in der Arbeitswelt zu neuen Ungleichheitsparameter führt. Obwohl sich die Gesellschaft in Umfragen relativ zufrieden zeigt, entwickelt sich bei manchen ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Kontrollverlustes über das eigene Leben, was zu Abstiegsängsten und sozialer Verunsicherung führen kann. Die Digitalisierung bildet damit ein Risiko besonderer Qualität, weil die Beteiligung am Erwerbsleben bzw. die Stabilisierung der Position am Arbeitsmarkt immer mehr Energie von den Beschäftigten verlangt. Erwerbsarbeit stellt somit einen, vielleicht sogar den integrativen Anker im Leben der meisten Menschen dar.

Christina Schildmann, Constanze Kurz und Katharina Oerder arbeiten in ihrem Beitrag „Neue Bruchlinien in einer sich digitalisierenden Arbeitswelt“ neue Differenzierungen zwischen männlicher und weiblicher Arbeits- und Lebenswelt, zwischen agilen Wissensarbeitern und der beruflichen Mitte, zwischen Kern- und neuen Randgesellschaften sowie zwischen Arbeit und dem Kapital digitaler Großkonzerne heraus.

Kerstin Jürgens zeigt in ihrem Beitrag „Das „smarte“ Leben – Ein Versprechen der Digitalisierung auf dem Prüfstand“, dass digitale Technologien die Zeit- und Ortsflexibilität erhöhen und damit vor allem Frauen helfen, arbeiten zu können, sofern sie eine entsprechende Verhandlungsmacht aufbauen und über eine Netzstruktur sowie Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien verfügen. Dadurch entsteht in Hinblick auf die Sorgearbeit eher eine Verstärkung der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen.

Tanja Carstensen kommt in ihrem Beitrag „Verunsichtbarmachung von Geschlechterungleichheiten? Digitalisierte Arbeit zwischen Rhetoriken neuer Möglichkeiten und der Reorganisation alter Muster“ zum Ergebnis, dass sich Frauen subjektiv von den Auswirkungen der Digitalisierung häufiger negativ betroffen fühlen als Männer.

Martin Krzywszinki zeigt in seinen Ausführungen „Digitalisierung und Wandel der globalen Arbeitsteilung – Industriearbeit im Wandel“, dass der Einsatz von smarten Robotern (Cobots) in der Produktion nur sehr langsam vorangeht und menschliche Tätigkeiten durch diese kaum substitutiert werden, vielmehr sogar Erleichterungen verschaffen.

Anke Mönnig, Gerd Zika und Tobias Maier stellen in Ihrem Beitrag „Wirtschaft 4.0 – Wachstumspotenziale bei gleichzeitig steigender Lohngleichheit?“ im oberen Qualifikationssegment einen Anstieg der Beschäftigung, dafür aber erhebliche Einbrüche in der Mitte, fest. Das Segment der angelernten und ungelernten Beschäftigten nimmt jedoch durch die Digitalisierung nicht zu. Sie gehen jedoch davon aus, dass diese Gruppen geringere Gehaltszuwächse zu erwarten haben, als höhere Qualifikations- und Entgeltgruppen.

Rita Meyer zeigt in Ihren Ausführungen „Beruflichkeit 4.0 – Qualifizierung für die Arbeit heute und morgen: Herausforderungen und Handlungsoptionen“, dass das Prinzip „Beruflichkeit“ mit dem Ziel der umfassenden beruflichen Handlungskompetenz auch unter veränderten Rahmendbedingungen die Möglichkeit bietet, eine zentrale Funktion für die Sozialintegration in die Arbeitswelt zu übernehmen, indem Individuum, Organisation und Gesellschaft gekoppelt werden. Gelingt die Sozialintegration jedoch nicht mehr ausreichend, sind Exklusionsprozesse die Folge.

David Durward und Jan Marco Leimeister beschreiben in ihrem Beitrag „Crowd Work als neue Form digitaler Erwerbsarbeit – Veränderungen der Arbeitsorganisation in Unternehmen“, dass betriebliche Organisationsprinzipien und damit auch Determinanten der Statuszuweisungen im Zuge der digitalen Transformation infrage gestellt werden. Damit entstehen neue Formen der Kollaboration und der Zugang zu neuen Tätigkeiten für Mitarbeiter, die die Chancen der Digitalisierung nutzen können.

Zuletzt fordert Daniel Buhr in seinem Text „Gemeinsam und einsam – Digitalisierung braucht Innovation durch Partizipation“, dass Innovationen durch soziale Innovationen in unterschiedlichen Teilsystemen der Gesellschaft, insbesondere in Hinblick auf den Wohlfahrtsstaat, begleitet werden.

Fazit

Eine disrupte Ablösung der alten Ordnung erscheint trotz der Dynamik der digitalen Transformation aktuell nicht in Sicht. Die Autoren sehen eher ein Puzzle als ein klares Bild von Gewinnern und Verlierern in der digitalen Arbeitswelt. Vorteile werden die Mitarbeiter daraus erzielen, die aus einer privilegierten Statusposition heraus individuelle Ressourcen einsetzen bzw. erhalten. Hierzu gehören insbesondere die Qualifizierung sowie die Arbeitnehmerrechte.

Die Mitarbeiter, die diese Möglichkeiten nicht haben, verschlechtern ihre Position relativ. Das aktuelle Bildungssystem und unser System des Wohlfahrtsstaates werden den aktuellen Herausforderungen nicht gerecht, sodass eine verstärkte soziale Ungerechtigkeit die Folge sein kann.

Insgesamt sind die Veränderungen der Erwerbsarbeit in Folge der digitalen Transformation überschaubar, gleichzeitig sind viele Mitarbeiter in hohem Maße verunsichert. Es zeigt sich jedoch, dass der Sozialstaat mit dem Modus der Sozialintegration über Leistung und Seniorität zunehmend zur Disposition steht. Die Autoren beschreiben in diesem Band, welche institutionellen Stellschrauben relevant sind, um soziale Integration und gesellschaftliche Teilhabe auch unter Bedingungen der veränderten Arbeitswelt sicherzustellen. Dabei lassen sie sich durch die Grundidee leiten, dass die Veränderungen aus der Gesellschaft heraus in Form demokratischer Prozesse erfolgen sollte.

Damit bietet dieser Herausgeberband einen wertvollen Beitrag zur substantiellen Diskussion der Folgen der digitalen Transformation für die Mitarbeiter.


Rezension von
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 17.02.2020 zu: Bettina Kohlrausch, Christina Schildmann, Dorothea Voss: Neue Arbeit – neue Ungleichheiten? Folgen der Digitalisierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3055-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26230.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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