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Tabea Lenhard: In Between

Cover Tabea Lenhard: In Between. Identität und Zugehörigkeit Deutscher Third Culture Kids im Spannungsfeld der Kulturen. Tectum (Baden-Baden) 2018. 169 Seiten. ISBN 978-3-8288-3997-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Im Zentrum des Buches von Tabea Lenhard stehen Third Culture Kids. Diese Kids haben einen Teil ihrer Kindheit und Jugend außerhalb von Deutschland gelebt und sind vor ihrer Adoleszenz nach Deutschland gezogen (worden). Die Autorin untersucht deren Frage von Zugehörigkeit und Heimat wie Identität und Weltbild. Als Gruppe sind die Kids in Deutschland fast unbekannt, kaum untersucht, eigentlich unsichtbar. Diese jungen Menschen machen keine offensichtlichen Probleme, dennoch haben sie in ihrer Subjektfindung Kontingenzen, weil sie ihre Passungsverhältnisse neu definieren müssen. Die Autorin nähert sich diesem gesellschaftlich größer werdenden Phänomen „zwischen den Kulturen“ anhand von Fachliteratur und Interviews.

Autorin

Die Autorin lebte selbst während ihrer Kindheit in sechs Ländern auf drei Kontinenten. Ihr formaler Bildungsweg führt über den BA-Soziale Arbeit zum MA-Klinische Sozialarbeit in Freiburg.

Aufbau

Im theoretischen Teil des Buches stehen aus Sicht der Fachliteratur „Third Culture Kids“ (TCK) im Blick, um auf entscheidende Analysekriterien von Identität und Zugehörigkeit als inhaltlichem Kern überzugehen, die wiederum theoretisch um psychische Bewältigung als Kriterium ergänzt werden.

Die empirische Studie, die die Autorin mit vier Interviews vornimmt, baut auf den theoretischen Grundlagen auf, um bisher wenig Bekanntes ergänzend zu beleuchten und zu erörtern. Forschungsinteresse, -gegenstand und die dazugehörige Methode werden ebenso sauber herausgeschält wie die Einzelfalldarstellungen mit ihren Vergleichen angelegt sind.

Inhalt

Das Switchen und auch Leben zwischen deutlich verschiedenen Kulturen lässt den lebenslänglich nie abgeschlossenen Prozess Identität anders wirken als in homogeneren Settings. Von Migrant*innen ist dieses Phänomen bekannt, doch für Kinder und Jugendliche, die als (Auslands-) Deutsche erstmalig (bewusst) nach Deutschland kommen, gibt es in der deutschen Fach- und Wissenschaftslandschaft fast nur schwarze Löcher. Lenhard befasst sich tiefgreifend mit Identität und Zugehörigkeit und profunden Fragen der Bewältigung. Heimat kann überall und nirgends sein, wobei das transitorische Moment aus objektiver Sicht deutlich sein mag, doch subjektiv gesehen handelt es sich emotional um einen Prozess von Irrungen und Wirrungen, weil das „Alte“ wirkt, bevor das Neue angekommen ist. Teilidentitäten (nicht Identitäten) werden diffus, entwickeln sich aus einer Neuanpassung heraus. Vor diesem Hintergrund prüft die Autorin Formen von Identitätsbildung und beleuchtet Coping-Modelle. Andersartigkeit, Hybridität, Zugehörigkeit, Verbundenheit und Ankommen in einer fremden Heimat bilden zentrale Kategorien zwischen Theorie und Praxis und letztlich die Frage, wie in der Heimat aus Fremdbestimmung Selbstbestimmung werden kann, wobei der emotionalen und rationalen Bewältigung innerhalb der Transition ein weiterer Schlüssel für Erkenntnis zukommt.

Abschließend fokussiert Tabea Lenhard noch einmal ihre literaturspezifischen wie empirischen Erkenntnisse, bettet sie kurz in TCKs aus anderen Kulturkreisen ein, ohne sie zu exemplifizieren. Allgemein findet sie bei den Interviewten gelebte Vielfältigkeit, der Wunsch nach einem Kontinuum sowie einem gelungenen Ankommensprozess in der neuen Heimat. In der Sozialisationstheorie entspricht das facettierten sozialen Praxen des Ich im Wir und des Wir im Ich mit Übereinstimmung und Reibung im kleinen und großen Gesellschaftlichen.

Diskussion

Tabea Lenhard stößt eine Diskussion an, deren Inhalte bezüglich der gewählten Zielgruppe in der deutschen Fachliteratur bisher vernachlässigt werden. In der Entwicklungszusammenarbeit, für den Diplomatischen Dienst etc. existieren nur rudimentär Konzepte, über die das vorgelegte Buch weit hinausweist. Sozialisation und Identität werden bei Lenhard nicht dem ansonsten üblichen neoliberalistischen „Anything Goes“ verschrieben.

Frau Lenhard gibt nicht nur viele Anstöße für kulturelle Transition im klassischen Wechsel von Kulturen, sondern bietet ebenso erhellende Anknüpfungspunkte: In Anlehnung an „Third Culture Kids“ kann zudem von „Broken Culture Kids“ (Finkeldey) gesprochen werden, um forschende Zielrichtungen zu verdeutlichen. Brüche in subjektiv erfahrener Kultur gibt es viele, doch sind dahinterstehende Theorien noch recht wenig forschungsbezogen anschlussfähig. Aus Sicht der hier kommentierten Arbeit fehlt z.B. ein breites Kulturverständnis mit dem Zentralen von Kultur: Sprache. Kulturell gesehen bildet Sprache den Schlüssel zur Selbstbestimmung in einer lebendigen Kultur. Sprachen sind nicht einfach übersetzbar, denn dahinter stecken Traditionen, Denk- und Handlungsweisen zwischen Emotion, Kognition und Symbolik.

Ein weiterer wichtiger Punkt, den Tabea Lenhard hervorhebt, doch nicht tiefgründig verfolgt, betrifft den der Religion. Religion als emotionaler Hafen, wie sie ihn für einen Interviewten behandelt, schafft besondere Bedingungen. In anderen Zusammenhängen findet dies Beachtung bei weltweiten Rekrutierungen des Islamischen Staates: Heimat im Winkel der Welt wird erfolgreich suggeriert. George Lipsitz zeigt 1999 in seinen „Dangerous Crossroads“ (Andrä-Wördern) über den Blues universelle Heimat auf. Abschließend: Zu Hause ist da, wo das Bett steht. Heimat verkörpert eine Emotion mit reflektierter Kognition, die durch einen lebenslangen Prozess gefärbt ist und wird.

Fazit

Lenhard hat ein Buch geschrieben, das in eine Forschungslücke hineinweist und daher kulturellen Alltagen ein verändertes Gesicht gibt (sozio-kulturelle Erfahrung, Bewältigung von kulturellen Brüchen, Ankommen in subjektiver und objektiver Sicht). Sie hat sehr sauber recherchiert und ebenso empirisch gearbeitet. Das Buch ist sehr lesenswert, obwohl an einigen Stellen mehr theoretische Breite (Kulturbegriff, Sprache, Sozialisation, Vergleich zu Geflüchteten) sinnvoll gewesen wäre. Letztlich bildet das Projekt einen beeindruckenden Anfang zu der kulturellen Fragestellung um Third Culture Kids. Aus den vier Interviews, die von der Autorin zu generalisiert in eine Literatureinbettung gebracht werden und dem theoretischen Konstrukt lassen sich problemlos weitere Projekte entwickeln. Das als wissenschaftsimmanente Kritik.

Das Buch ist für alle Menschen, die mit Fragen von Kultur und deren Adaption zu tun haben, ein Gewinn: Seien es Sozialpädagog*innen, Pädagog*innen, Lehrer*innen, Menschen in der Entwicklungszusammenarbeit, dem Diplomatischen Dienst oder allgemein Kulturschaffende. Für die Arbeit und Fortbildung mit den Thematiken „kulturelles Erbe“, „kommunikatives Gedächtnis“ oder „soziokulturelle Passagen“, also kulturellen Fragestellungen in Praxis und angewandter Forschung ist das Buch sehr zu empfehlen, weil es facettenreich ausfällt, klar und deutlich formuliert und logisch aufgebaut, gedacht und inhaltlich fundiert ist.


Rezension von
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Verstehenssoziologe, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
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Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 04.12.2019 zu: Tabea Lenhard: In Between. Identität und Zugehörigkeit Deutscher Third Culture Kids im Spannungsfeld der Kulturen. Tectum (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8288-3997-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26232.php, Datum des Zugriffs 30.09.2020.


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