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Werner Schönig: Typologie und Klassifikation

Cover Werner Schönig: Typologie und Klassifikation in sozialer Arbeit und Sozialpolitik. Ambivalenz und kritische Nutzung von Ordnungsschemata sozialer Probleme. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2019. 235 Seiten. ISBN 978-3-8487-6052-7. 49,00 EUR.
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Thema

Werner Schönig geht mit Thomas Meyer von einem auffälligen Widerspruch zwischen der Bedeutung von Typologien und Klassifikationen in Sozialer Arbeit und Sozialpolitik und dem weitgehenden Fehlen eines einordnenden, systematischen, wissenschaftstheoretischen Diskurses aus: „Im Hinblick auf die große Bedeutung von Typologien in den Sozialwissenschaften verwundert es, dass sich die Sozialarbeitsforschung bislang nur wenig mit den Möglichkeiten empirisch begründeter Typenbildung beschäftigt hat“ (S. 11 mit Bezug auf Meyer 2011). „Typologien (und Klassifikationen (sind) in der Sozialen Arbeit und Sozialpolitik bis dato wenig systematisch betrachtet worden, obgleich sie doch deskriptiven, theoretischen und auch praktischen Wert haben“ (S. 12).

Ausgehend von diesem Forschungsdefizit verfolgt der vorliegende Band mehrere Ziele.

  1. Der vorliegenden Arbeit geht es darum, Typologien und Klassifikationen in ihrer Bedeutung für wissenschaftliches Arbeiten zu klären;
  2. der Band will die Bedeutung (aber auch Ambivalenz) von Ordnungsschemata für (Profession und Disziplin) Sozialer Arbeit sowie (für Praxis und Erforschung) der Sozialpolitik herausarbeiten, um schließlich
  3. den Nachweis zu führen, dass Typologien und Klassifikationen mit ihrer „Mittelstellung zwischen Praxis und Politik … (zwischen Besonderem und Allgemeinem) das Potenzial (haben), eine Verbindung zwischen den beiden Feldern herzustellen, diskursive Brücken zu bauen und Kommunikation zu ermöglichen“ (S. 14).

Autor

Der Autor Werner Schönig ist Professor im Fachbereich Sozialwesen an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfahlen (Köln). Schönig hat in den letzten Jahren eine Vielzahl äußerst anregender Veröffentlichungen jenseits des Mainstream, im Spannungsfeld von Sozialer Arbeit, Sozialpolitik und Sozialwirtschaft vorgelegt. Beispiele hierfür sind insbesondere seine 2012 publizierte „Duale Rahmentheorie Sozialer Arbeit“ sowie das 2015 erschienene Buch „Koopkurrenz in der Sozialwirtschaft“.

Entstehungshintergrund

Werner Schönig betont im Vorwort seines Buches, dass „die vorliegende Arbeit … stärker subjektiv und biographisch geprägt (ist) als das Thema vermuten lässt. Denn das Thema der Typologien und Klassifikationen in der Sozialen Arbeit und Sozialpolitik ist persönlich um so interessanter, je mehr man selbst als Wissenschaftler/in zum Typologisieren und Klassifizieren neigt“ (S. 5). „(B)iographisch geprägt, beginnend mit der Themenwahl, ausgehend von dem sehr subjektiven Gefühl des Unbehagens mit dem Stand der Diskussion“ (ebd.) nutzt Schönig ein „Forschungssemester mit Auslandsaufenthalt“ um sich der „selbstgewählten Fragestellung“ (ebd.) nach Rolle und Bedeutung von „Typologien und Klassifikationen in Sozialer Arbeit und Sozialpolitik“ zu stellen.

Aufbau

Nach der Einleitung gliedert Schönig sein Buch in vier größere Abschnitte.

  • Teil I. „Grundlagen“ bietet einerseits eine begriffliche Klärung und wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit Typologie und Klassifikation als Ordnungsschemata, ordnet sie dem Kreis der Theorien mittlerer Reichweite zu und klärt ihre Relevanz für Soziale Arbeit und Sozialpolitik.
  • Teil II „Illustration anhand ausgewählter Beispiele aus der Literatur“ entfaltet auf der Basis einer ausführlichen Literaturrecherche Beispiele für Ordnungsschemata aus Profession und Disziplin Sozialer Arbeit sowie der Sozialpolitik.
  • Teil III „Ergänzende Hinweise aus Experteninterviews“ beruht auf Experteninterviews mit Wissenschaftler*innen aus den USA, die Schönig während eines Auslandsaufenthalts im Rahmen eines Forschungssemesters an der Universität Pittsburgh (Sept.-Nov. 2018) geführt hat. Die Einführung der US-amerikanischen Perspektive scheint Schönig erhellend, weil in der „US-amerikanischen Kultur und speziell Wissenschaft“ Ordnungsschemata generell eine hohe Bedeutung zugemessen wird und dort zugleich eine „große Sensibilität für Probleme und Ambivalenzen von Ordnungsschemata“ (S. 154) gegeben sei.
  • Schließlich erörtert Teil IV die „Kritische Nutzung von Ordnungsschemata“.

Inhalt

Die Stärke von Typologien und Klassifikationen liegt in ihrer „Brückenfunktion“ (S. 88). Sie sind mit Robert Merton (1968) in den Bereich der Theorien mittlerer Reichweite einzuordnen. Theorien mittlerer Reichweite erscheinen als geeignet „den Graben zwischen Grundlagen und angewandter Forschung zu überbrücken“ (S. 15, mit Bezug auf Neun 2017). Sie befördern einen Forschungsprozess „between the stratosphere of global abstraction and the underground of thick description“ (ebd. mit Bezug auf Tilly 2010). „Das Mittel für diesen Brückenschlag sind Theorien mittlerer Reichweite in Gestalt von 'cohesive typologies of knowledge'“ (S. 15 f. mit Bezug auf Livingston 2014). Dabei werden die Begriffe Typologie und Klassifikation in der Literatur teils synonym verwandt, teils in eine hierarchische Über- und Unterordnung gebracht. Hier arbeitet Schönig präzise die mögliche Unterscheidung der Begriffe anhand unterschiedlicher Zuordnungslogiken heraus. „Dabei ordnen Typen die einzelnen Fälle nach Nähe, d.h. in einem Unschärfebereich und uneindeutig zu, während Klassifikation eindeutig zuordnet. Beide Verfahren haben Vor- und Nachteile. Sie bestimmen den Bereich der Ambivalenz, der mit den Ordnungsschemata verbunden ist“ (S. 95). Typologien und Klassifikationen sind aber nicht nur mit Blick auf Forschungsprozesse von Bedeutung, sondern wirken auch handlungsorientierend.

Auf diesen mehrfachen Brückenschlag sind Soziale Arbeit und Sozialpolitik auf besondere Weise angewiesen. Einerseits geht es sowohl in der Sozialen Arbeit wie in der Sozialpolitik (als Disziplin) darum Forschungsprozesse zu initiieren, in denen sich Theorie und Empirie wechselseitig befruchten (anwendungsorientierte Forschung). Andererseits braucht Soziale Arbeit wie Sozialpolitik (als Praxis helfenden bzw. politischen Handelns) Orientierung aus wissenschaftlicher Theorie und Forschung. Schließlich aber ermöglichen Typologien und Klassifikationen – so Schönigs wohlbegründete Hoffnung – eine bessere Kommunikation zwischen Sozialer Arbeit und Sozialpolitik. Denn Soziale Arbeit und Sozialpolitik erfüllen unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen in der Lösung sozialer Probleme, sind dabei eng aufeinander verwiesen, folgen aber unterschiedlichen Logiken. Sozialpolitik sucht nach allgemeinverbindlichen Regelungen und generellen Maßnahmen; Soziale Arbeit ist auf den Einzelfall hin orientiert. Ordnungsschemata können hier die Kommunikation „verbessern, wenn z.B. der Sozialen Arbeit die sozialpolitischen Rahmenbedingungen durch Rückgriff auf Typen von Wohlfahrtstaaten und deren innerer Logik verständlich werden, bzw. wenn die Sozialpolitik durch eine genaue Beschreibung (von) Zielgruppen und deren Lebenslagen plastisch die Notwendigkeit von Sozialreformen vor Augen geführt bekommt“ (S. 89).

Jenseits der theoretisch-methodischen wie definitorischen Grundlagen von Typologien und Klassifikationen als Ordnungsschemata und über die (manchmal überbordenden) Vielfalt der von Schönig recherchierten und dargestellten Beispiele für Typologien und Klassifikationen aus den Bereichen der Sozialen Arbeit und der Sozialpolitik betont die Studie die Ambivalenz von Ordnungsschemata und die Notwendigkeit ihrer kritischen Reflexion. Denn Ordnungsschemata wirken als solche immer auch ein- und ausgrenzend, sind Ergebnis kontingenter Entscheidungen und transportieren potentiell diskriminierende Normalitätsannahmen. Sie bleiben praktisch attraktiv und wissenschaftlich suspekt (S. 212; S. 216). „Die positiven Aspekte von Typologien und Klassifikationen in der Sozialen Arbeit und der Sozialpolitik werden sich nur nutzen lassen, wenn man das Ordnen selbst kritisch reflektiert und dann verantwortlich durchführt“ (S. 205). Schönigs Studie liefert hierfür in Kap. 8. einen „Prüfkatalog“ hinsichtlich der „expliziten theoretischen und professionellen Vorannahmen, (der) impliziten kulturellen Bilder und Weltsichten, (der) Forschungsmethode im engeren Sinne und den Implikationen in konflikthaften Diskursen“ (ebd).

Fazit

Schönigs Buch bietet eine – bislang fehlende – systematische Auseinandersetzung zu Rolle und Bedeutung von Typologien und Klassifikationen in Profession und Disziplin/​Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit wie der Sozialpolitik. Es werden nicht nur Grundfragen zu Typologien und Kategorisierungen angesprochen und geklärt, sondern ebenso vielfältige Anwendungsbeispiele aus Sozialer Arbeit und Sozialpolitik erörtert und um die Perspektive US-amerikanischer Expert*innen ergänzt. Schönig verschweigt auch nicht die Problematiken und Ambivalenzen in der Anwendung von Ordnungsschemata in Theorie wie Praxis. Vielmehr plädiert er für eine über klare Qualitätskriterien abgesicherte, prozessorientierte kritische Nutzung.


Rezension von
Prof. Dr. Günter Rieger
Studiengangsleiter Soziale Dienste in der Justiz, Fakultät Sozialwesen DHBW Stuttgart
Homepage dhbw-stuttgart.de
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Zitiervorschlag
Günter Rieger. Rezension vom 26.02.2020 zu: Werner Schönig: Typologie und Klassifikation in sozialer Arbeit und Sozialpolitik. Ambivalenz und kritische Nutzung von Ordnungsschemata sozialer Probleme. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2019. ISBN 978-3-8487-6052-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26238.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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