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Silvia Krumm, Reinhold Kilian u.a. (Hrsg.): Qualitative Forschung in der Sozialpsychiatrie

Cover Silvia Krumm, Reinhold Kilian, Heiko Löwenstein (Hrsg.): Qualitative Forschung in der Sozialpsychiatrie. Eine Einführung in Methodik und Praxis. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2019. 283 Seiten. ISBN 978-3-88414-686-6. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.

Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783884149720.
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Thema

In ihrer Einführung betonen die Herausgeber*innen die besondere Bedeutung qualitativer Forschung, welche ihre Rolle als einfachen Zusatz zu quantitativen Forschungsdesign längst überwunden habe. Um „dem häufig beklagten >Methoden-Praxis-Gap< qualitativer Forschung“ (S. 10) zu begegnen widmen sie sich dem Anwendungsfeld der Sozialpsychiatrie und stellen dazugehörige Studien und qualitative Forschungsmethoden exemplarisch vor. Die „qualitative Forschung in der Sozialpsychiatrie soll damit einerseits methodologisch begründet, vor allem aber konkret in der Anwendung nachvollzogen werden“ (S. 10). Der Band stellt dabei keinen Anspruch auf methodische Vollständigkeit (was auf den ca. 280 Seiten auch kaum möglich wäre) und wenden sich sowohl an Forschungsinteressierte als auch an Studierende, Nachwuchswissenschaftler*innen und Praktiker*innen in sozialpsychiatrischen Feldern.

Autor*in oder Herausgeber*in

Die drei Herausgeber*innen stammen jeweils aus sozialwissenschaftlichen Kontexten und weisen Forschungserfahrung in qualitativ-sozialpsychiatrischer Empirie auf.

  • Dr. phil. Silvia Krumm ist Soziologin und Krankenpflegerin und forscht seit 2003 in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II der Universität Ulm zu verschiedenen sozialpsychiatrischen Themen.
  • Dr. rer. Soc. Reinhold Kilian ist ebenfalls Soziologe und Professor für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie an der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie II der Universität Ulm.
  • Dr. phil. Heiko Löwenstein ist Sozialarbeiter und Professor für Theorien, Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen.

Die Herausgeber*innen steuern selbst einige für die Thematik grundlegende und einleitende Artikel. Zudem konnten etliche namenhafte Personen aus der sozialpsychiatrischen Forschung als Autor*innen gewonnen werden.

Aufbau und Inhalt

In ihrer Einführung stellen die drei Herausgeber*innen ihr Vorhaben dar und führen prägnant in sämtliche Beiträge des Sammelbandes ein. Der Band enthält insgesamt 20 einzelne Beträge und gliedert sich in folgende sieben Abschnitte:

Sozialpsychiatrie und Qualitative Forschung: Grundlagen und Verknüpfungen

Dieser einführende Abschnitt besteht hauptsächlich aus Beiträgen der Mitherausgeberin Krumm. Sie ordnet zunächst die Begrifflichkeit „Sozialpsychiatrie“ historisch ein und beschreibt sie anhand dreier Bedeutungskomponenten: Als „kritische Haltung“ (S. 20) gegenüber der Psychiatrie, als möglichst alltags- und wohnortsnahe Versorgung psychisch erkrankter Menschen sowie als wissenschaftlicher Blickwinkel, welcher sich „sozialen Fragestellungen zuwendet“ (S. 21). Der letzte Aspekt bildet einen Schwerpunkt und schafft so die Überleitung zur qualitativen Methodik als besonders geeigneten Ansatz innerhalb der sozialpsychiatrischen Forschung. In weiteren Artikeln beschreibt Krumm die Grundsätze der qualitativen Forschung, stellt Überlegungen zu Güte- und Qualitätskriterien an und beendet den Abschnitt mit ethischen Fragestellungen zur Forschung mit und über Menschen. In einem Einschub leistet der Mitherausgeber Kilian eine Gegenüberstellung von qualitativer und quantitativer Forschung und benennt dabei Vor- und Nachteile der jeweiligen Herangehensweise. Er arbeitet in seinem Beitrag insbesondere den Nutzen bzw. die Grenzen von Mixed-Methods-Studien (oder auch Triangulation) heraus, worauf sich weitere Autor*innen in diesem Band mehrfach beziehen. 

Tiefen und Untiefen der Sinnrekonstruktion: Inhaltsanalyse und Hermeneutik

Die beiden Beiträge dieses Abschnittes spannen den Gesamtbogen qualitativer Forschungszugänge mit den beiden Polen Inhaltsanalyse und Hermeneutik und knüpfen damit an die vorherigen Ausführungen von Krumm zum dimensionalen Verständnis qualitativer Forschung an. Mitherausgeber Löwenstein gibt zu Beginn einen ersten Einblick in rekonstruktive Forschung und narrativ-offene Verfahren. Er betont deren Vielfalt und fokussiert beispielhaft die Sequenzanalyse als einen gemeinsamen Nenner hermeneutischer Verfahren. Anhand eines kurzen Beispiels erläutert er Herangehensweisen und Vorgehen innerhalb der Sequenzanalyse und verweist auf Anknüpfungspunkte. Im Gegensatz dazu behandelt der Artikel von Staiger und Krumm in diesem Abschnitt stärker die strukturierten inhaltsanalytischen Ansätze. Basierend auf der Grounded-Theory und den Arbeiten von Mayring (2015), Kuckartz (2012) und Schreier (2014) stellen sie den klassischen, strukturierten Ablauf einer Inhaltsanalyse vor und betonen deren induktives und deduktives Wechselspiel. Abschließend benennen sie die zeit- und ressourcenökonomischen Vorteile der Methodik, weisen aber auch auf deren erkenntnistheoretischen Grenzen hin, da latente und immanente Inhalte kaum erfasst werden. 

Die Bedeutung des Gewordenseins: Biographische Ansätze in der sozialpsychiatrischen Forschung

Die vier Artikel in diesem Abschnitt widmen sich rekonstruktiven Verfahren, welche die Biografie der Studienteilnehmer*innen in den Blick nehmen. Den Einstieg leistet Riemann, mit einem sehr persönlichen Rückblick auf seine eigene Studie „Das Fremdwerden der eigenen Biografie. Narrative Interviews mit psychiatrischen Patienten“ (S. 100) von 1987. Anhand der damaligen Ergebnisse und Eindrücke diskutiert er, was biografische Ansätze in der heutigen sozialpsychiatrischen Forschung leisten können. Dabei arbeitet er unter anderem die Bedeutung qualitativer, biografischer Ansätze für die Arbeit von Praktiker*innen heraus und wirbt für eine entsprechende Einbindung in die Lehre von Sozialarbeiter*innen und anderen Professionellen im sozialwissenschaftlichen Bereich. An den Beitrag anschließend stellen Kardorff, Meschnig und Klaus eine Mixed-Method-Studie zu biografischen Verläufen von psychisch erkrankten Menschen vor, welche eine berufliche Rehabilitationsmaßnahme durchlaufen haben. Nach einem kurzen Blick auf die quantitativen Anteile fokussiert der Beitrag den Nutzen biografisch-narrativer Interviews. Es wird aufgezeigt wie anhand von „Eckfällen“ (S. 123) charakteristische Fallkonstellationen für den Ablauf beruflicher Rehabilitation identifiziert werden und daraus Rückschlüsse für spezifische Interventionen gezogen werden können. Im folgenden Beitrag von Sommerfeld wird ebenfalls der spezifische Nutzen qualitativer Anteile in Mixed-Method-Studien herausgestellt. Seine Studie zu Re-Integrationsprozessen von psychisch erkrankten Menschen in ihr soziales Umfeld, konzentriert sich vor allem auf die Kopplung psychischer und sozialer Prozesse. Der Autor beschreibt unterschiedliche qualitative (biografische Interviews) und quantitative Methoden (Real-Time-Monitoring) zu verschiedenen Forschungszeitpunkten. Der besondere Nutzen biografischer Interviews liegt dabei in der Möglichkeit Problemdynamiken retrospektiv (vor dem Forschungszeitpunkt liegend) zu untersuchen und biografisch einzuordnen. Den Abschluss gestaltet Zillig, welche zunächst erneut grundlegend in die Methodik biografischer Fallrekonstruktionen einführt und deren doppelte Konstruiertheit (Gegenwarts- und Vergangenheitsperspektive) betont. Dabei arbeitet sie ähnlich wie Kardorff et al. mit Typologien und verweist auf die Verallgemeinbarkeit qualitativer Forschung durch den Rückschluss von dem „konkreten Fall auf alle gleichartigen Fälle“ (S. 157).

Lebenswelten erkunden: Ethnographie und teilnehmende Beobachtung

Der erste Beitrag von Schmid und von Peter führt grundlegend in die Methodik der teilnehmenden Beobachtung ein. Vor- und Nachteile werden auf das sozialpsychiatrische Themengebiet bezogen und eventuell nötige Anpassungen herausgearbeitet (z.B. in Form von „Feedback-Loops“). Der Beitrag von Bieler und Klausner widmet sich iterativen Go-alongs als besondere Form teilnehmender Beobachtung. Anhand einer spezifischen Studie werden diese begleitete und kommentierte Stadtspaziergänge vorgestellt und deren Nutzbarkeit in anderen qualitativen Forschungsprojekten eruiert.

Sozialpsychiatrie und symbolische Ordnung: Diskursanalyse

Ähnlich wie im vorherigen Abschnitt führt der erste Artikel von Schneider und Hillebrecht zunächst grundlegend in die Methodik beziehungsweise in den spezifischen Blickwinkel der Diskursanalyse ein. Mit einem Rückbezug zu Foucault beschreiben die Autor*innen die Diskursanalyse als besondere Untersuchungsform, welche „institutionalisierte Aussagepraktiken“ (Diskurse) und damit verbundene Objektivationen, sowie Subjektivationen (Dispositive) in den Blick nimmt. Darauf aufbauend stellen Baer, Luck-Sikorski und Schomerus eine Studie dar, welche die Zusammenhänge zwischen massenmedialen und persönlichen Diskursebenen untersucht. In ihrer Schlussfolgerung beschreiben sie die besonderen Zusammenhänge zwischen Sprache, Wissen und gesellschaftlich Erwünschtem, was mit der genutzten Methodik gut herausgearbeitet werden kann.

Erfolg und Misserfolg psychiatrischer Versorgung aus der Nutzerperspektive: Qualitative Bedarfsanalyse und Evaluation

Der Abschnitt beginnt mit einem Artikel von Amering und Süssenbacher, welche nach den „Effekten von Behandlungssituationen“ (S. 206) fragen. Sie listen dafür vier Studien auf und beschreiben übersichtlich die jeweils genutzten Methoden sowie die erzielten Ergebnisse. Während dabei unterschiedliche Erhebungsmethoden (u.a. narrative Interviews und teilnehmende Beobachtung) dargestellt werden, orientieren sich die Auswertungen der vier Studien mit wenig Abweichung an der bereits beschriebenen Inhaltsanalyse und der Grounded Theory. Im folgenden Artikel stellen Frank und Bitzer ebenfalls die Ergebnisse ihrer Studie dar, welche der Frage nachging, welche Bedürfnisse Angehörige von depressiv erkrankten Menschen haben. Sie arbeiteten dabei mit Fokusgruppen als besondere Form der Gruppendiskussion und nutzen in der Auswertung ebenfalls einen inhaltsanalytischen Zugang. Die Ergebnisse dienen der Konzeption einer psychoedukativen Gruppe nach japanischem Vorbild, welche sich inhaltlich besonders auf „ein alltagsnahes Aufgreifen von mit Informationsbedarfen assoziierten Attributionen, Belastungen und krankheitsbedingten Einschränkungen“ (S. 225) konzentrieren soll. In gleicher Weise führen Gahleitner, Frank und Priet den Abschnitt fort. Sie berichten über das „Modellprojekt zur Verbesserung der psychosozialen Versorgung traumatisierter Gewaltopfer im Rahmen der Frühintervention“ (S. 229) in Potsdam und evaluieren die Arbeit der dazugehörigen Trauma-Ambulanz. Das Forschungsdesign umfasst mehrere sowohl quantitative als auch qualitative Erhebungen, deren Möglichkeiten und Grenzen für die Fragestellung kurz abgewogen werden. Der Schwerpunkt des Artikels liegt, im Sinne des vorliegenden Bandes, auf der Darstellung der qualitativen Anteile. Hier wurden mittels problemzentrierter Interviews Nutzer*innen zu ihren Erfahrungen mit der Trauma-Ambulanz befragt. Die Auswertung erfolgte mittels inhaltsanalytischer Verfahren. Insbesondere das in der evaluierten Trauma-Ambulanz institutionalisierte Eingangsscreening scheint eine schnelle und bedarfsgerechte Zuweisung zu einer entsprechenden Hilfeform zu ermöglichen. Abschließend loben die Autor*innen vor allem die „klinisch und psychosozial engagierte Soziale Arbeit“ (S. 240) als bei „defizitären sozialstrukturellen Faktoren kompensierend und bei sozialen Problemlagen und Ungleichheitsverhältnissen im Alltag unterstützend“ (ebd.). Der letzte Artikel dieses Abschnitts von von Peter und Schwarz widmet sich dem Einsatz von Forschungstagebüchern, einer „im Feld der Sozialpsychiatrie kaum genutzten und im Methodenrepertoire der empirischen Gesundheitsforschung weitgehend vergessenen Methode“ (S. 246). Nach einer kurzen methodischen Einführung diskutieren die beiden Autoren ausführlich die Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen von Forschungstagebüchern und nutzen als Beispiel anschaulich ihre eigene Forschungspraxis. Sie werben für einen verstärken Einsatz der Methode um ein an „Introspektionen und (emotionalen) Bewertungen gesättigtes Wissen“ (S. 253) zu erzeugen. Gleichzeitig problematisieren sie die so erworbenen Daten jedoch auch als „angeforderte Dokumente“ (S. 254), welche immer auch co-produziert werden.

Noch stärker als die anderen Abschnitte fokussiert dieser Teil auf die Darstellung von Studien und deren Ergebnisse. Die unterschiedlichen qualitativen Möglichkeiten zu Bedarfsanalysen und zur Evaluation sozialpsychiatrischer Angebote werden somit anschaulich dargestellt, wobei der Fokus auf der qualitativen Inhaltsanalyse liegt. Es fehlt im Vergleich zu den anderen Abschnitten ein einleitender Artikel, der sich grundlegend mit Fragen der Evaluation und der verwandten Bedarfsermittlung auseinandersetzt.

Von der Fremd- zur Selbstbeschreibung Psychiatrischer Versorgung: Partizipative Forschungsanasätze

Die letzten beiden Beiträge des Bandes von Achberger und von Schulz, Mahlke, Demke, Heumann und Bock nehmen neuere Ansätze der partizipativen Forschung in den Blick. Die Autor*innen beider Beiträge überlegen wie partizipative Forschung umgesetzt werden kann und welche Schwierigkeiten sich auftuen können. Als Beispiele in dem noch jungen Feld werden die Projekte EmPeeRie und EmPeeRie NoW vorgestellt. Den Abschluss bildet der sehr persönliche Beitrag von Schulz, welche selbst als Genesungsbegleiterin tätig ist und den Verlauf ihres Forschungsprojektes über die Einbindung von Genesungsbegleiter*innen in psychiatrischen Krankenhäusern darstellt. Sie problematisiert das Missverhältnis „>>Maskottchen<< nach außen hin [zu] sein, nach innen aber geringe bis gar keine Bedeutung oder sogar Abgrenzung zu erfahren“ (S. 277). Dabei zeigt sie anschaulich, wie eine qualitative Fragestellung und Herangehensweise sich im Forschungsprozess verändert und sich den Erkenntnissen anpassen kann.

Diskussion

Nachdem im Vorherigen die qualitativ hochwertigen Artikel einzeln beschrieben und gewürdigt wurden, sollen hier einige Überlegungen zum Gesamtband und den Unterabschnitten insgesamt angestellt werden.

Der erste Abschnitt bildet das Fundament für den gesamten Band und führt in die relevanten Konzepte ein. Durch seine übersichtliche und nachvollziehbare Darstellung eignet er sich auch für Studierende und Neueinsteiger*innen in die qualitative Forschung. Der zweite Abschnitt spannt den Bogen, von der hermeneutischen (im Band besonders durch die biografischen und ethnografischen Ansätze und der teilnehmenden Beobachtung dargestellt) zu der inhaltsanalytischen (insbesondere Bedarfs- und Evaluationsstudien) Herangehensweise. Anhand dessen lassen sich die darauffolgenden Abschnitte einordnen.

Dem Titel des Bandes entsprechend werden die Möglichkeiten qualitativer Sozialforschung in der Sozialpsychiatrie in besonderer Weise herausgearbeitet. Hilfreich sind hierbei vor allem die vielfältigen Beispiele aus der Forschungspraxis der Autor*innen, wodurch die einzelnen Methoden und Ansätze gut veranschaulicht werden und nachvollziehbar sind. Daneben werden aktuelle Informationen aus z.T. aktuell laufenden Studien vermittelt, was die Lektüre auch für Praktiker*innen interessant macht. Als Kritikpunkt kann angemerkt werden, dass nicht alle Forschungsverfahren eine konkrete theoretische Einführung erhalten, sondern nur im Rahmen von Studienergebnissen vorgestellt werden. Zudem werden Erhebungs- und Auswertungsmethoden nicht getrennt vorgestellt, was von den Herausgeber*innen zwar beabsichtigt und begründet wird, für Einsteiger*innen aber verwirrend sein kann.

Während andere Sammelbänder oder Lehrbücher zur Sozialforschung die qualitative Forschung häufig lediglich als sinnvolle Vorstufe zu quantitativen Studiendesigns loben, wird sie hier als eigenständiger und facettenreicher Forschungsansatz herausgestellt. Ihr wird dabei ein eigener Erkenntnisgewinn zugesprochen, welcher über die reine Ergänzung quantitativer Verfahren deutlich hinaus geht. Gleichzeitig weisen die einzelnen Artikel auch realistisch auf ihre Grenzen hin und arbeiten den Sinn und Zweck von Mixed-Method-Studien heraus, um so die „Blindstelle“ (S. 61) der jeweils anderen Methoden zu reduzieren.

Der Bezug zur Sozialpsychiatrie wird konsequent durchgehalten und in vielen seiner Facetten abgedeckt. Dies gilt sowohl für die vorgestellten Studiensettings (von stationär über ambulant zur konkreten Lebenswelt der Nutzer*innen) als auch für die versammelten Autor*innen. Hier sind etliche in der Sozialpsychiatrie tätigen akademischen Berufsgruppen abgedeckt (Soziale Arbeit und Soziologie, Medizin, Psychologie und weitere). An dieser Stelle sei besonders der zwar kurze, aber sehr persönliche Teil von Gwen Schulz hervorgehoben, welche als Genesungsbegleiterin in der Peer-Forschung tätig ist und damit partizipative Forschungsansätze vorantreibt.

Der Band sollte allerdings nicht als Lehrbuch von qualitativen Forschungsmethoden verstanden werden. Die Artikel funktionieren als Einführung in die unterschiedlichen Ansätze. Darstellungen zum konkreten Forschungsvorgehen sind kurzgehalten und dienen für einen ersten Eindruck und zur Übersicht. Letzteres gelingt sehr gut und ist auch das in der Einleitung vorgestellte Ziel der Herausgeber*innen. Die oben vorgestellte Einteilung der Beiträge, der konsequente Rückbezug aller Autor*innen auf die sozialpsychiatrische Forschung und die in jedem Beitrag abschließenden fortführenden Literaturhinweise unterstützen dieses Vorhaben und ermöglichen eine leichte Zugänglichkeit. Der Rezensent selbst konnte das Sammelband für den methodischen Vorbereitung seiner Masterthesis nutzen, da die einzelnen Beiträge, wie intendiert, zu eigenen Forschungsprojekten motivieren und die Lektüre einen guten Einstieg zu den vielfältigen Möglichkeiten bietet.

Fazit

Der vorliegenden Band ermöglicht einen vielfältigen Einblick in die qualitative Forschung in sozialpsychiatrischen Feldern. Er enthält Beiträge zu biografischen, ethnografischen, diskursanalytischen und partizipativen Ansätzen sowie zu qualitativen Bedarfsanalysen und Evaluationen. Somit werden die beiden Pole qualitativer Forschung, von der rekonstruktiven zur inhaltsanalytischen Orientierung, gleichberechtigt dargestellt. Beiträge welche eher einzelne Verfahren in den Mittelpunkt stellen, wechseln sich mit konkrete Studiendesigns und Ergebnissen aus der sozialpsychiatrischen Forschung ab. Das Vorhaben der Herausgeber*innen die theoretisch-methodischen Ansätze möglichst praxisnah zu vermitteln, gelingt und führt zu einer spannenden Lektüre für Forschungsinteressierte, Studierende und Praktiker*innen. Der Band dient zwar nicht als Lehrbuch für einzelne Verfahren, kann aber gut als Einstieg in eigene qualitative Forschungsprojekte genutzt werden und sowohl eigene sozialpsychiatrische Fragestellungen als auch die Methodenwahl sinnvoll vorbereiten und begleiten.


Rezension von
Danny Ochs
Sozialarbeiter/Sozialpädagoge (Bachelor of Arts). Tätig in einer Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie und berufsbegleitend Master-Student der Klinischen Sozialarbeit in Berlin und Coburg.
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Zitiervorschlag
Danny Ochs. Rezension vom 08.01.2020 zu: Silvia Krumm, Reinhold Kilian, Heiko Löwenstein (Hrsg.): Qualitative Forschung in der Sozialpsychiatrie. Eine Einführung in Methodik und Praxis. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2019. ISBN 978-3-88414-686-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26239.php, Datum des Zugriffs 25.01.2020.


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ISSN 2190-9245

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