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Walter D. Mignolo: Epistemischer Ungehorsam

Cover Walter D. Mignolo: Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität. Turia + Kant (Wien) 2019. 206 Seiten. ISBN 978-3-85132-943-8. D: 14,00 EUR, A: 14,00 EUR.

Reihe: Es kommt darauf an - Band 12.
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Thema

Das Buch „Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität“ beschreibt ein Projekt, das den Eurozentrismus und das westliche Denken fundamental kritisiert, indem vorhandene Regelsysteme und Erklärungskontexte hinterfragt und historische Machtstrukturen offengelegt werden. Jens Kastner und Tom Waibel weisen in ihrem Vorwort darauf hin, dass das Projekt im Diskursfeld der Cultural Studies, der Subaltern Studies und der Postcolonial Studies eingebettet ist. Da es sowohl ein akademisch-theoretisches als auch politisch-aktivistisches Projekt ist, sind viele Menschen damit verbunden. Prominente Vertreter sind in Süd-Amerika neben Walter Mignolo auch Enrique Dussel und Aníbal Quijano.

Entstehungshintergrund

Im Jahr 2012 erschien „Epistemischer Ungehorsam“ des argentinischen Literaturwissenschaftlers Walter Mignolo als Band 12 der Reihe „es kommt darauf an“ beim Verlag Turia + Kant. 2019 wurde ein Reprint vom im Original 2006 erschienen Buch „Descolonialidad del ser y del saber“ gedruckt. Die Übersetzer Jens Kastner und Tom Waibel beschreiben und diskutieren in ihrer ausführlichen Einleitung „Dekoloniale Optionen“, in welchen Diskursfeldern Mignolos Überlegungen zu verorten sind und spüren nicht nur dem Text, sondern auch verschiedenen Kontexten nach. So betonen sie zum Beispiel die epistemische Dimension des Ungehorsams, der das okzidentale Wissen mit seinem Entstehungskontext reflektiert.

Inhalt

Mit Franz Fanon gibt Mignolo zu bedenken, dass der Kolonialismus nicht nur darauf aus ist, die Gegenwart und die Zukunft zu ordnen, sondern auch die Vergangenheit verzerrt und entstellt. Durch ein Forschungsprojekttreffen an der Duke University und an der Universität von North Carolina 2004 angeregt, orientierte sich Mignolo an der Überlegung wie die kritische Theorie Max Horkheimers heute – global und pluriversal – aktualisiert werden könnte. Nach reifen Überlegungen fordert Mignolo „eine Art Dekolonialisierung des ‚Geistes‘ (Thiong‘o) und der ‚Imaginarien‘ (Gruzinski)“ (46). Damit betont er, dass Sein und Geist dekolonialisiert werden müssen, wobei zusätzlich zu beachten ist, dass die Erkenntnis immer auch schon ein Produkt der Kolonialisierung ist und demnach ebenso bei der Dekolonialisierung zu berücksichtigen ist. Letztere Forderung geht auch auf Quijano zurück, der die Erkenntnis als Instrument der Kolonialisierung beschrieben hat.

Auf verschiedenen Überlegungen auch von KollegInnen des Forschungsprojekts aufbauend, führt Mignolo nicht nur die Kolonialisierung mit der Moderne und der damit verbundenen Rationalität zusammen, sondern fordert letztendlich eine Dekolonialisierung der Erkenntnis. So beschreibt er, dass die Wahrnehmung als aisthesis von kolonialen Machtstrukturen durchzogen ist. Darüber hinaus ist sowohl unser Erkennen als auch Verstehen in einem gesponnenen Netz der Kolonisierung gefangen. Die Art und Weise wie wir aktuell denken und verstehen ist von diesem Netz durchzogen. Wenn es hier um eine Kritik am modernen Totalitätsbegriff geht, ergibt das nach seinem Verständnis keine Postkolonialität, sondern eine Dekolonialität. Mignolo möchte also die Kolonialität nicht zeitlich überwinden, um ein mögliches „danach“ zu gestalten. Sein Ziel ist es vielmehr, sie durch die Reflexion aufzubrechen und vielleicht in kleinen Teilen sogar aufzulösen. Denn die Kolonialisierung ist allumfassend und kontrolliert Bereiche wie die Ökonomie, die Autorität, die Natur und natürliche Ressourcen, das Geschlecht und die Sexualität sowie die Subjektivität und Erkenntnis.

In dieser Schlussfolge entsteht sowohl mit der Postkolonialität als auch mit der Postmoderne ein Bruch, wobei Mignolo selbst nicht verwenden würde, da der Begriff Bruch bereits ein Produkt der Kolonialität ist und dort seinen Platz gefunden hat. Die Kritische Theorie und Postkoloniale Kritik sind akademische Transformationsprojekte, die hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte berücksichtig werden müssen. Durch die Dekolonialisierung sollen andere Epistemologien, also andere Verständnis- und Erkenntnisprinzipien zu Tage gefördert werden. Aber wie? Mignolo schlägt dafür zum Beispiel eine Entkoppelung vor, die eine Geo- und Körperpolitik der Erkenntnis zum Ziel hat. Hier folgt man nicht mehr einem „ich denke, also bin ich“, sondern einem „man ist, von wo man aus denkt“ (122).

Nach Mignolo muss nicht die Emanzipation, sondern die Befreiung geleistet werden. Denn die Emanzipation unterliegt ebenso dem europäischen Aufklärungsgedanken. Damit soll nicht das Emanzipationsprojekt an sich kritisiert oder gar unnotwendig, aber die Wichtig- und Notwendigkeit des weiteren Projektes der Befreiung betont werden. Es soll nicht darum gehen, wer Recht hat, sondern wer davon profitiert. Die „Emanzipation war das Konzept zur Festigung der Freiheit der Bourgeoisie als neuer Klasse“ (64). Bei der Befreiung geht es um ein anderes Projekt, nämlich um das der Dekolonialisierung. Nicht nur die Kolonialisierten müssen dekolonialisiert werden, sondern auch die KolonialisatorInnen. Für Mignolo könnten Texte von Aimé Cesaire und Frantz Fanon als Gründungstexte dazu gesehen werden (66). Diese gehen nämlich gegen eine Monokultur des Denkens vor, welche sich wie folgt zusammensetzt: „[Sie] ist die Totalität der großen Erzählungen der okzidentalen Zivilisation, ihrer imperialen Sprachen […] sowie ihrer griechischen und lateinischen Grundlagen.“ (67) Deshalb muss auch die Vergangenheit, wie in etwa verschiedene Revolutionen, vor dem Hintergrund der Dekolonialisierung und der Entkoppelung neu gelesen beziehungsweise interpretiert werden.

Die Rhetorik der Moderne und die Logik der Kolonialität sind zwei Seiten einer Medaille, da beide unser Leben monokulturell bestimmen. Mignolo wiederholt mehrmals, dass man von einem bestimmten Ort, aber auch einer bestimmten Zeit aus denkt. Mignolo geht es um Äquivalenz und Gleichberechtigung, die ohne eine dekoloniale und depatriarchale Geo- und Körperpolitik der Erkenntnis unmöglich erscheint. Auch die Vorstellung, dass verschiedene Modernen und damit verschiedene Projekte benannt werden können befriedigt ihn nicht, da auch diese alternativen oder hybriden Projekte der Logik der Moderne folgen, die nur eine Erzählung von imperialen und sprachmächtigen Subjekte zulässt. Dies kann man in den Arbeiten von Hegel, aber auch von Samuel Huntington beobachten, da beide Fälle von imperialer und kolonialer Differenz zeugen, die durch die Fortführung einer westlichen Geschichte reorganisiert wird. Ein Problem ist das daraus entstehende ethnisch-rassische Pentagon, das sich aus weiß, hispanisch, afro-amerikanisch, afro-asiatisch und native american zusammensetzt. Ein Blick in die Geschichtsschreibung zeigt uns, dass die Erzählung der Moderne keine alternativen Möglichkeiten zugelassen hat. Die Entstehung des Kapitalismus wurde durch die Entdeckung Amerikas ermöglicht und damit entstand eine Aneignung von Land, die Ausbeutung von Arbeitskraft und Produktion von Rohstoffen in einem bis dahin nicht bekannten Ausmaß.

Im Gegensatz dazu steht das Projekt der Dekolonialisierung, die neue Logiken formulieren, welche die Handlungsmacht aller Einzelnen stärken soll. „Folglich ist die Entkoppelung der Ausgangspunkt für Praktiken und Konzeptionen von Ökonomie, Politik, Ethik, Philosophie, Technologie und Gesellschaftsorganisation, in denen nicht der Fortschritt und das Wirtschaftswachstum, sondern das Wohlergehen der Leute unser Handeln motiviert“ (80f). Fanon hat die Subjektivität der Verdammten transparent gemacht und „zurück in das Haus der Erkenntnis gebracht“ (165). Dieser Moment der Umschreibung oder Formierung einer neuen Geschichte weltweit hat, so Mignolo, bereits begonnen, denn mit dem Aufkommen der Geo- und Körperpolitik der Erkenntnis wurde ein Bruch in der Theo- und Egopolitik herbeigeführt (162). „Die grundlegenden Fragen des dekolonialen Umsturzes lauten: Was erkennen, wie begreifen und wozu“ (168)?

Diskussion

Es ist keine einfache Aufgabe, die uns Mignolo stellt. Denn die eigenen Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen gehört zu den schwierigsten Tätigkeiten mit denen wir konfrontiert werden können. Die Umwelt, wie sie uns umgibt, scheint nicht nur nahezu natürlich gewachsen, sondern gewinnt aus dieser scheinbaren Natürlichkeit auch ihren autoritären Charakter den wir nicht so einfach in Frage stellen. Jedoch zeigt schon dieser Umstand der nicht hinterfragten Autorität wie wenig wir die Strukturen in denen wir Leben transparent machen und diskutieren. Der Autor von „Epistemischer Ungehorsam“ geht aber noch weiter, da es nicht nur darum geht, unsere Wahrnehmung und Erkenntnis zu hinterfragen, sondern Alternativen zu bilden.

Obwohl wir in einer Welt leben, in der eine gemeinsame kapitalistische Ökonomie vorherrschend ist, betont Mignolo, dass diese Welt sich durch eine Polyzentrik auszeichnet. Diese Polyzentrik lässt eben auch einen Dekolonialismus, zu, der bereits von verschiedenen Stellen ausgeübt wird. Die Welt und wie wir sie wahrnehmen ist also nicht in Stein gemeißelt – wir können sie verändern!

Der Titel des Buches macht einen grundsätzlichen Vorschlag zum Ungehorsam. Es geht dabei jedoch nicht darum, alles abzulehnen. Vielmehr ist es wichtig zu überprüfen wie unser Denken zustande kommt und wer aus der Grammatik unseres Denkens ausgelassen wird.

Fazit

Mignolo versteht es Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. Während sein Programm der Dekolonialisierung anmutet theoretisch zu bleiben, verabsäumt er es nicht mehrere Beispiele anzuführen, die sein Denken illustrieren und die Grammatik der Kolonialität transparent macht. Nach der Lektüre von „Epistemischer Ungehorsam“ möchte man gleichzeitig mehr von diesem Autor lesen und bereits formierte Denkmuster hinterfragen. Ein Projekt der Dekolonialisierung ist also kein ausschließlich akademisches Projekt, sondern auch eines für den nicht wissenschaftlichen Alltag. Es geht darum manifestierte Denkweisen aufzudecken und neu zu ordnen. Ein Projekt, das niemals endet!


Rezension von
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
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Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 21.02.2020 zu: Walter D. Mignolo: Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität. Turia + Kant (Wien) 2019. ISBN 978-3-85132-943-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26241.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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