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Ulrike Herrmann: Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen

Cover Ulrike Herrmann: Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind. Westend Verlag (Frankfurt) 2019. 256 Seiten. ISBN 978-3-86489-263-9. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Das Buch von Ulrike Herrmann setzt sich im ersten Teil mit dem verbreiteten Bild Ludwig Erhards als dem eigentlichen „Vater“ des deutschen „Wirtschaftswunders“ auseinander. Ihre These lautet:

  • Die von Erhard propagierte „Sozialen Marktwirtschaft“ enthält im Kern die falsche Vorstellung, dass der Markt „aus sich heraus“ schon sozial sei und so den „Wohlstand für alle“ garantiere. Deshalb habe sich Erhard nie für Sozialpolitik interessiert. Alle wichtigen politischen Entscheidungen zum Ausbau des deutschen Sozialstaates (u.a. die Rentenreform von 1957) seien von Konrad Adenauer gegen den wirtschaftspolitischen Rat Erhards durchgesetzt wurden.

Im zweiten Teil des Buchs geht es darum, dass dieser Mythos einer „Sozialen Marktwirtschaft“ den Blick auf zwei zentrale Probleme der Gegenwart vernebelt:

  • die Vertiefung der Europäischen Währungsunion zu einer Politischen Union, die mit einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik auch die europäische Arbeitslosigkeit bekämpft,
  • die notwendige ökologische Erneuerung der Marktwirtschaft in Richtung einer Postwachstumsgesellschaft.

Autorin

Ulrike Herrmann ist ausgebildete Bankkauffrau und hat an der FU Berlin die Fächer Geschichte und Philosophie studiert. Sie arbeitet als Wirtschaftskorrespondentin bei der „tageszeitung“ (taz). Neben ihrer journalistischen Tätigkeit veröffentlichte Ulrike Herrmann mehrere Bücher, die sich mit der Banken- und Finanzmarktkrise beschäftigte („Hurra, wir dürfen zahlen“, 2010 und „Der Sieg des Kapitals“, 2013).

Entstehungshintergrund

Schon in ihrem letzten Buch („Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie – oder was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können“, 2018) hat sie sich mit den Mythen der liberalen Mainstream-Ökonomie auseinandergesetzt. Sie vertritt darin die These, dass der Kapitalismus zwar mehr Reichtum produziert, aber gleichzeitig den Abstand zwischen Arm und Reich immer weiter vergrößert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer kurzen Darstellung der historischen Hintergründe des deutschen Wirtschaftsaufschwungs und einem Porträt Ludwig Erhards, der sich zu Beginn der Nachkriegszeit als genialischer Schöpfer der „Deutschen Mark“ und des „Wirtschaftswunders“ präsentiert. Die chronologische Darstellung der wichtigsten wirtschaftspolitischen Weichenstellungen umfasst die westdeutsche Nachkriegsgeschichte bis hin zur „Wiedervereinigung“ und die Wirtschaftspolitik in der Ära Schröder und Merkel. Dazu der folgende Überblick:

  • In den ersten beiden Kapiteln I und II (Was von der Nazi-Zeit übrig blieb“, „Kein Wunder: Das Wirtschaftswunder) geht es um das wirtschaftliche „Erbe“ des Dritten Reichs und die historischen Gründe für das starke Wirtschaftswachstum der 1950er und 1960er Jahre, das den Westdeutschen ein neues nationales Selbstbewusstsein einflößte. Die schnelle Einführung der DM sei nicht Erhard, sondern Experten der amerikanischen Besatzungsmacht zu verdanken und das deutsche „Wirtschaftswunder“ erklärt sich aus besonderen historischen Umständen: den trotz Kriegszerstörung intakt gebliebenen deutschen Unternehmensstrukturen, dem durch den Korea-Krieg zu Beginn der 1950er Jahre ausgelösten weltwirtschaftlichen Boom und nicht zuletzt einer gut funktionierenden Europäischen Zahlungsunion.
  • In den glänzend geschriebenen Kapiteln III (Ludwig Erhard: Ein talentierter Selbstdarsteller) und IV (Die Rettung kam von außen: Europa) kratzt die Autorin am Denkmal Ludwig Erhards. Für Herrmann ist Erhard zunächst ein genialer „Selbstvermarkter“ und „Netzwerker“ innerhalb der liberalen Wirtschaftseliten seiner Zeit. Es beginnt damit, dass er sich nach dem Krieg auf peinliche Weise als „Mann des inneren Widerstands“ ausgibt. Wie einschlägige geschichtswissenschaftliche Forschungen zeigen, auf die sich die Autorin bezieht, war er aber in Wahrheit ein Profiteur des Nationalsozialismus. Er hat für Gauleiter und Himmler-Behörden Gutachten erstellt und damit bestens verdient. Herrmann hält Erhard zudem für keinen ernstzunehmender Wirtschaftstheoretiker und erst recht nicht für einen originellen Kopf, eher für einen begabten „Second – Hand – Dealer“ von schon damals überholten Ideen eines Wirtschaftsliberalismus.

Auch als Wirtschaftspolitiker sei es ihm nicht gelungen, die Macht der Kartelle und die deutsche Tradition des Korporatismus nennenswert zu begrenzen, um eine faire Konkurrenz im Sinne seiner marktwirtschaftlichen Theorie durchzusetzen. Es sei auch niemals seine Absicht gewesen, etwas an der ungleichen Verteilung der Vermögens- und Einkommensverhältnisse zu verändern. Erhard war strikt gegen Gewerkschaften eingestellt und habe immer betont, Arbeitnehmer müssten Lohnsenkungen hinnehmen, damit es ihnen zukünftig besser gehe. Der wirtschaftliche Nutzen einer staatlichen Steuerung der Wirtschaft sei ihm bis zum Schluss seiner politischen Laufbahn fremd geblieben.

  • Das Kapitel V (Die „soziale Marktwirtschaft“ war nicht sozial) würdigt gegenüber dem liberalen Rhetoriker Erhard den nüchternen sozialpolitischen Sinn Adenauers, auf den neben den weitblickenden außenpolitischen Entscheidungen zur Westintegration auch die großen sozialpolitischen Leistungen der jungen Bundesrepublik zurückgehen. Gegen den „fachmännischen Rat“ Ludwig Erhards hat er die Rentenreform von 1957 durchgesetzt und auch die anderen wichtigen sozialpolitischen Gesetze, die die Fundamente des heutigen Sozialstaats darstellen. Die Autorin tritt zudem dem Mythos entgegen, Ludwig Erhard habe in den fünfziger Jahren mit der „Sozialen Marktwirtschaft“ eine völlig neue Wirtschaftsordnung schaffen wollen. Das lag ihm ebenso fern wie eine nachfrageorientiert Politik der Einkommens- und Lohnsteigerungen.
  • In den Kapiteln VI (Die Krisen kehren zurück) und VII (Staat im Staat: Die Bundesbank) befasst sich die Autorin mit den wirtschaftlichen Ursachen, die im Dezember 1966 zum Rücktritt Erhards vom Amt des Bundeskanzlers führten und insbesondere mit der unrühmlichen Rolle der Deutsche Bundesbank, die durch eine restriktive Geld- und Kreditpolitik die ökonomische Rezession 1965/66 vertieft, und so indirekt zum Sturz Erhards beigetragen habe.
  • In Kapitel VIII (Ein historisches Geschenk: Die Wiedervereinigung) streift die Autorin nur kurz die „Macken der Planwirtschaft“ im sowjetischen „Vasallenstaat DDR“ (Herrmann) und verteidigt dann die Entscheidung Kohls und Genschers für eine eilige Umsetzung der Währungsunion. Allerdings kritisiert sie auch Kohls Griff in die Sozialkassen der Arbeitnehmer, der die Finanzierungsgrundlagen der gesetzlichen Sozialversicherung unterminiert habe und wiederum die Politik der Deutsche Bundesbank in diesem Zeitraum. Sie hat ab 1992 die Zinsen stark erhöht, um die Inflation einzudämmen. Damit habe sie den Einheitsboom abgewürgt und viele Menschen arbeitslos gemacht.
  • Das Folgekapitel IX („Die Reichen werden beglückt – vor allem von Rot-Grün“) handelt vom kurzen rot-grünen „Interregnums“. Das ist die kurze Zeit der Unterbrechung der liberal-konservativen Regierungen zwischen 1998 und 2005. Es stellt aus Sicht der Autorin die zweite große Zäsur in der Geschichte des deutschen Sozialstaates dar. Die Politik der Regierung Schröder/Fischer hat in der Folge nicht nur tief in das Gefüge der sozialen Sicherungssysteme eingegriffen, sondern auch das Ansehen der SPD in der Wählerschaft irreparabel beschädigt, weil Schröder und seine Berater dem Erhard'schen Irrglauben gefolgt seien, dass durch Unternehmenssteuersenkungen und den Aufbau eines europaweit konkurrenzlosen Niedriglohnsektors Wachstumseffekte entstehen, von denen letztlich auch die Arbeitnehmer profitieren würden. In Wahrheit hat die rot-grüne Wirtschaftspolitik für Herrmann die Kluft zwischen Arm und Reich nur noch weiter vertieft.
  • In den Kapiteln X „Die Finanzkrise ab 2007: Die Pleite einer Bank war keine gute Idee“ und XI „Ein Kontinent zerstört sich selbst: Die Eurokrise“ geht es um die wirtschaftspolitischen Fehlentwicklungen in der Ära Merkel, die die ökonomischen und sozialen Grundlagen der EU nachhaltig gefährden. Da ist zum einen das Problem einer falsch konstruierten Währungsunion der 17 Euro-Länder, die gegen die Spekulationen der Finanzmärkte bis heute nur ungenügend abgesichert ist. Der zweite fundamentale Fehler ist für die Autorin die von Deutschland propagierte Sparpolitik, die auch in der Phase einer Rezession immer weiter den Staatshaushalt kürzen möchte, sodass in der Krise auch noch die staatliche Nachfrage ausfällt. Dazu kommt der „Mythos Exportweltmeister“. Die in Deutschland gefeierten Exportüberschüsse schwächen aber in Wahrheit die deutsche Binnenkonjunktur und gefährden auf lange Sicht auch die Absatzmärkte für deutsche Waren.
  • Das Fazit ihres Schlusskapitels XII „Politik lohnt sich“ lautet: Erhard war ein „einfältiger Ökonom“ (S. 251), aus dessen Theorie eines angeblich „sozialen Marktes“ für die Politik der Gegenwart so gut wie nichts zu lernen sei. Umso erstaunlicher ist für die Autorin, dass sich bis heute viele Sozialdemokraten und „Vordenker“ eines „grünen New Deals“ und sogar der LINKEN, wie Sarah Wagenknecht, sich von Erhards „Soziale Marktwirtschaft“ angezogen fühlen. Heute seien aber angesichts der wachsenden sozialen Ungleichheit und der Umweltprobleme andere Konzepte gefragt, die den Primat staatlicher Politik gegenüber der Wirtschaft wiederherstellen.

Diskussion

Ich greife zwei Punkte heraus:

  • Die Wiedervereinigung als Erfolgsgeschichte? Die Autorin, deren historische Rückblicke sehr kritisch ausfallen, macht bei der Wiedervereinigungspolitik der Regierung Kohl eine überraschende Ausnahme. Sie bewertet Kohls Einigungspolitik bei allen Fehlern im Einzelnen und im Umgang mit den Ostdeutschen umstandslos als „Erfolgsgeschichte“. Kohls Entscheidung für eine deutsche Währungsunion mag alternativlos gewesen sein. Aber gilt das auch für die politische Form der administrativen Eingliederung als Beitritt? Zumindest hatte das Grundgesetz auch ein alternatives Verfahren vorgesehen: die Beratung einer neuen Verfassung, in der die demokratische gewählten Abgeordneten West- und Ostdeutschlands sich auf gleicher Augenhöhe begegnen und eine neue Verfassung für Gesamtdeutschland beschließen.
  • Wachstumsimperative und ökologische Erneuerung – ein unversöhnlicher Gegensatz? Die Autorin ist überzeugt, dass die Marktwirtschaft aus sich heraus die Umweltprobleme „nicht lösen kann, die sie selbst erzeugt hat.“ (S. 251). Die Versuche rot-grüner Denker Marktwirtschaft und Ökologie miteinander zu versöhnen seien daher zum Scheitern verurteilt. Ganz ohne Wachstum aber geht es auch für sie nicht. So beschreibt sie am Ende ihres Buchs mit Bezug auf den Schweizer Ökonomen Mathias Binswanger und dessen Werk „Der Wachstumszwang“ (2019) das aktuelle Dilemma jeder Wirtschaftspolitik, die keine Krise der Demokratie herbeiführen will: Keine moderne Wirtschaftspolitik könne aus den ökomischen Wachstumszwängen einfach „aussteigen“, ohne den Wohlstand und die soziale Sicherheit der Gesellschaft und damit die Demokratie zu gefährden. Ein radikaler ökologischer Umbau kann sich dabei nicht um die „soziale Frage“ herumdrücken, so Ulrike Herrmann. Eine soziale Umverteilung ist „unumgänglich, wenn man bereit wäre echte Wirtschaftspolitik zu betreiben.“ (S. 253). Wie aber diese „echte Wirtschaftspolitik“ genau aussehen soll, d.h. wie in einer modernen Ökonomie der Übergang in eine Postwachstumsgesellschaft ohne tiefe politische Krisen gestaltet werden kann, das bleibt auch für sie am Ende offen. Weder die Wirtschaftspolitiker noch die wissenschaftliche Forschung hätten sich bisher an diese Kernfrage herangetraut.

Fazit

Das gut recherchierte und in jedem Kapitel verständlich geschriebene Buch richtet sich an ein interessiertes Lesepublikum, das die Fragen der aktuellen Wirtschafts- und Sozialpolitik für zu wichtig hält, um sie allein den Fachleuten zu überlassen.

Ulrike Herrmann hat eine instruktive und pointiert formulierte Darstellung der bundesrepublikanischen Wirtschaftsgeschichte vorgelegt, die von den legendären Anfängen der „Sozialen Marktwirtschaft“ bis zu den gegenwärtigen politischen Mythen der „Schwarzen Null“ und des „Exportweltmeisters“ reicht.

Ihr erklärtes Ziel ist dabei die Entmystifizierung nationalliberaler und konservativer Legenden, die insbesondere bei den Nostalgikern der AfD die Träume einer Rückkehr zum DM – Nationalismus nähren. Die Reise geht für die Autorin nicht zurück in ein vermeintlich „goldenen Zeitalter“ des Nationalstaats und der „Sozialen Marktwirtschaft“, sondern nach vorne in eine europäische Zukunft. Ihre Hoffnung richtet sich auf eine europäisch koordinierte Wirtschaftspolitik, die soziale Verteilungsgerechtigkeit einfordert, um den ökologischen Umbau der Wirtschaft voranzutreiben.


Rezensent
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Zitiervorschlag
Peter Flick. Rezension vom 18.10.2019 zu: Ulrike Herrmann: Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind. Westend Verlag (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-86489-263-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26242.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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