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Bettina Wuttig, Barbara Wolf (Hrsg.): Körper Beratung

Cover Bettina Wuttig, Barbara Wolf (Hrsg.): Körper Beratung. Beratungshandeln im Spannungsfeld von Körper, Leib und Normativität. transcript (Bielefeld) 2019. 359 Seiten. ISBN 978-3-8376-4412-8. D: 34,99 EUR, A: 34,99 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Soma studies - Band 4.
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Entstehungshintergrund

Der von Bettina Wuttig und Barbara Wolf herausgegebene (Workshop-) Tagungsband „Körper Beratung. Beratungshandeln im Spannungsfeld von Körper, Leib und Normativität“ wird als eine Anthologie angekündigt und eröffnet damit bildlich gesprochen einen Raum zu Beratung und Beratungshandeln, der von einer Vielzahl von Zugängen und Ansätzen geprägt ist. Verbleibt man in diesem Bild, so lässt sich der damit eröffnete ‚Raum‘ abschreiten und an verschiedenen Stationen halt machen, die die Bedeutung von Körper und Leib in und für die Beratung in die Raummitte rückt: Die bisher den Diskurs um Beratung stark dominierende psychologisch- psychotherapeutisch geprägte Sichtweise wird damit beträchtlich erweitert.

Aufbau und Inhalt

Die Dimensionen, die der Band absteckt, sind dabei in fünf Teile untergliedert:

  • (1) Körper und Subjektverständnis,
  • (2) Embodiment und Leiblichkeit,
  • (3) Normativitätskritik und Rekonstruktion,
  • (4) Methoden und
  • (5) (Körper-) Sozialphilosophische Perspektive. 

Bettina Wuttig eröffnet den Band und skizziert im ersten Teil „Körper und Subjektverständnis in der Beratung“ mit ihrem Beitrag „Beratung als somatische Subjektivierung(spraxis)“ ein theoretisches Rahmenwerk. Sie legt eine Perspektive und Verständnis des Subjekts in der Beratung dar, welches vor allem an poststrukturalistische und praxeologische Theoriebezüge anknüpft und Auseinandersetzungen mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen im Besonderen hervorhebt. Das Subjekt kommt dabei nicht nur sprach- und diskurstheoretisch in den Blick, sondern wird praxistheoretisch und in einer leib-körperlichen Dimension betrachtet. Der Kontext, in dem diese Rahmung stattfindet, ist der der Soma Studies. Beratung wird unter dieser Perspektive auch als Ort der Reproduktion sozialer Ungleichheit und in ihren ambivalenten Einbindungen betrachtet, „als Stätte, in der Praktiken der Subjektivierung stattfinden“ (44). Dadurch werden bestimmte Wirklichkeitsmuster reifiziert und dabei zeigt sich ein Normalisierungseffekt in der Beratung. Wuttig führt anhand der Analysekategorie Rassifizierung exemplarisch aus, wie Differenzierungspraktiken „weiße und rassifizierende Subjektivierungen“ hervorrufen können. Über ein traditionelles Verständnis von Identität hinausgehend bietet Wuttig eine poststrukturalistisch und praxeologisch informierte Perspektive auf das Subjekt an und verdeutlicht, wie sich dominante Rationalitäten in eine somatisch-affektive Dimension einschreiben können. Neben den Praktiken des „doings“ von Macht- und Herrschaftsverhältnissen werden auch Praktiken des „feelings“ erzeugt und können etwa durch Körpergesten und/oder Mimik wirken. (42 ff.) Sie schlägt mit Bezug auf leibphänomenologische Ansätze schließlich somatisch- leibliche Resonanz als kritische und machtsensible Perspektive auf Subjektivierung(spraxen) in der Beratung vor.

In ihrem Beitrag „Valenzen leiblicher Kommunikation zwischen Macht und Diversität“ hebt Barbara Wolf die Bedeutung affektiver Dimension in der Beratung hervor und geht auf einen leibbasierten Machtbegriff ein. Dabei bezieht sie sich auf eine Transformation von Begriffen der leibphänomenologischen Soziologie, die sie für den Beratungszusammenhang stark machen möchte. Vor diesem Hintergrund werden Lebenslagen von Ratsuchenden als „personale Regression“ (62) verstanden. Die affektive Betroffenheit wird dabei zum Ausgangspunkt von Beratung, um zu persönlicher Emanzipation zu verhelfen. Beim Gelingen der Beratung spielen jedoch gerade Machtbeziehungen eine konstitutive Rolle, so Wolf. Sie weist auf Machtverhältnisse hin, die aufgrund von machtvollen Differenzierungen auftreten und sich in Ungleichbehandlung ausdrücken. Mit dem Diversity Ansatz zeige sich – laut Wolf – ein Konzept, welches auf Differenzlinien und Ungleichbehandlung aufmerksam mache. Ausgehend von einem relationalen Machtbegriff, der Macht in Verhältnissen fokussiert, wird die Beratungsbeziehung zu einem zentralen Ort der Reproduktion von Ungleichheit. Wolf erweitert einen Machtbegriff um eine leibliche Perspektive, die sonst nicht thematisiert werde. Gerade das Empfinden von Ohnmacht könne in den sonst eher kognitiv basierten Ansätzen keine Berücksichtigung finden, weshalb die Dimension von Leib und Körper zentral ist. (67) Körper und Leib werden als Ebenen der Kommunikation in der Beratung herausgestellt. Wolf verweist auf einen Begriff des Leibs, in dem durch soziale Praktiken auch Ungleichheit und damit ein Wissen leiblich manifestiert werden könne. (69) Ausgehend von einer affektiven Betroffenheit der Enge oder Weite erweise sich dies in der Interaktion der Beratungsbeziehung als Einleibung, die Machtverhältnisse in der Beziehung festlege. In einem Wechselspiel von Eindruck und Ausdruck „dient der Körper als Resonanzkörper“ (73) und lässt sich als eine Quelle der Thematisierung der Berater_innen verstehen, in professionellem Takt zwischen Initiative und Zurückhaltung zu agieren. (73) Ausgehend von einem auf Schmitz aufbauenden Subjektverständnisses gehe es folglich darum, die durch eine Situation der Ratlosigkeit ausgelöste personale Regression in seinem affektiven Betroffensein in einen Ausgleich zu bringen. Zentral sei es, eine Mitte von Engung und Weitung zu finden und personale Emanzipation zu ermöglichen. Aus subjektivierenden und mit auf Engung beziehenden Affekten ließe sich so zu einer objektiven und neutralen Einordnung der Gegenwart gelangen. (75) Ziel sei es, die Balance zwischen personaler Regression und personaler Emanzipation zu ermöglichen, deren Ungleichgewicht gerade Beratungsbedarf evoziere. (77) Die „gemeinsame Gegenwart“ (78) des-sich-richten-auf sei dabei bestimmt von Annahmen und sozialen Praktiken, die es von Seiten der Berater_innen zu reflektieren gilt. Dabei gehe es darum, ein Nebeneinander von Diversität in Abgrenzung zu einer hierachisierenden Be- und Abwertung zu ermöglichen. Beratung finde dann in einer „kollektiven Atmosphäre“ statt, die durch verschiedene Einflüsse und leibliche Signale bestimmt sei und machtsensibel reflektiert werden müsse, „um nicht am Ziel der Beratung vorbei zu schießen“. (80)

Vor dem Hintergrund der reflexiven Moderne – als gesellschaftstheoretische Diagnose – stellt Holger Jessel in seinem Beitrag „Beratung als zwischenleiblicher Resonanzraum“ einen zunehmenden Beratungsbedarf heraus. Er hebt in seinem Beitrag zwei Perspektiven hervor: Die auf Beratungshandeln und das Nach- und Weiterdenken über Beratung im Rahmen wissenschaftlichen Diskurses. In Anlegung an das „Optionalisierungsdispositiv“ weist er auf die machtvolle Einbindung von Beratung in gesellschaftlichen Konstruktionen von Beratungsrelevanz hin. Jessel bezieht sich dabei in Anlehnung an Traue auf das Spektrum von Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten, Widerspruch von realen und behaupteten Optionen sowie zu erwartenden sichtbaren Möglichkeiten. An diesen Punkten lasse sich die Auseinandersetzung von Beratung und Wissenschaft ansetzen. In einer Verbindung von gesellschaftstheoretischer sowie leibphänomenologischer Perspektive, in der sowohl der Beratungsdiskurses als auch Erfahrungen des direkten Beratungskontaktes eingehen, sieht Jessel einen Ansatz, um „Beratung als Verkörperung des Sozialen“ (91) zu verstehen. In gesellschaftstheoretischer Perspektive bezieht er sich auf die Aspekte: Optimierung und Flexibilisierung, Praktiken der Beratung als „Fit für den Markt“, Resonanz (Rosa) und der Zugang zu Resonanzchancen sowie eine „dualistisch geprägt Denkkultur“ (93). Aus einer leibphänomenologischen Perspektive verweist er auf die Polarität von Körper-Haben und Leib-Sein sowie auf das immer schon leiblich eingelassen- sein in eine Sozialität, die sich als leibliche Resonanz eines zwischenleiblichen Phänomens versteht. Anhand einer Fallvignette verdeutlich Jesse das Phänomen der leiblichen Resonanz und verortet Beratung als einen „zwischenleiblichen Resonanzraum“ (97), der sich aus einem Verständnis von Leiblichkeit speist und sich auf den fungierenden, pathetischen, affizierbaren, mimetischen sowie inkorporativen und kultivierten Leib bezieht. Unter Bezug auf Rosas Resonanztheorie sowie der Zwischenleiblichkeit als anthropologische Basis verdeutlicht Jesse für die Professionalisierungsprozesse von Berater_innen eine Auseinandersetzung und Verbindung der Ebenen des immer schon auch biographisch etablierten Wissens und Könnens mit Bezug zu Leiblichkeit zu reflektieren- als Verleiblichung von Wissensbildungsprozessen (102). Er plädiert für eine intensive selbstreflexive Auseinandersetzung, die in einen reflexiven Habitus und reflexive Kompetenz münde (103). 

Den zweiten Teil „Embodiment und Leiblichkeit in der Beratung“ leitet Renate Schwarz mit ihrem Beitrag „Zwischenleibliche Resonanz und Intersubjektivität in Beratung, Supervision und Coaching“ ein. Ausgehend von dem Konzept des Embodiment, des immer schon leiblichen „wahrnehmen, erfahren, fühlen, denken wollen und tun“ (109) verdeutlicht Schwarz, dass es innerhalb der Beratung darauf ankomme, wie sich Berater_innen in Beratungssituationen erleben. Ausgehend von der Bedeutung der Beratungsbeziehung für einen gelingenden und wirksamen Beratungsprozess ist dann die Dimension des Embodiment von entscheidender Bedeutung. Beratung findet intersubjektiv statt und sei damit auch von einer Zwischenleiblichkeit geprägt. Schwarz führt Hartmut Rosas Konzept der Resonanz an, die sowohl Resonanzraum sowie Resonanzbeziehung habe (112), die eben auch in der Beratung – inmitten von berühren und berührt werden – im Sinne der Zwischenleiblichkeit einen Raum des „Dazwischen“ (115) eröffnet. Dieser Zwischenraum trägt zur Lösung schwieriger Situationen bei und biete auch Raum für das Beleuchten und Verändern von zwischenleiblicher Resonanz (115) und kann als Möglichkeit für Erkenntnis – und Lösungsprozesse nutzbar gemacht werden (120).

In ihrem Beitrag „Multimodale, kontextbezogene psychosoziale Beratung bei somatischen Erkrankungen und körperlichen Beeinträchtigung“ thematisiert Andrea Goll-Kopka unter Bezug auf die diability studies eine Perspektive auf körperliche Beeinträchtigung und Beratung. Dabei nimmt sie ausgehend von einer gesellschaftliche Dimensionen und einem systemischen Blickwinkel auf psychosoziale Beratung Erfahrungen Betroffener in den Blick, die durch verobjektivierende und machtvolle Eingriffe von Behandlungen traumatisierend wirken können. (127) Sie fokussiert dabei machtvolle Aspekte von Grenzverletzungen in der Behandlung und Begleitung von Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Der „Sprachlose Terror“ (128) bleibt unerhört und ausgehend von einer systemisch ressourcenorientierten tiefenpsychologischen Perspektive umreisst Goll-Kopka einen Raum von Beratung, der sich zwischen Stabilität, Multimodalität, körperbezogenem Vorgehen, intersubjektiver Bezogenheit, Erkennen und Diagnostizieren von traumatischem Stresserleben sowie Einbezug einer familienbezogenen Perspektive aufspannt. Darin lägen, so Goll-Kopka, Potenziale für Resilienz und posttraumatisches Wachstum.

Juliane Tugendheim verweist in ihrem Beitrag „Das falsche Selbst. Zur Bedeutung von Embodiment und der sozialen Dimension für Beratung und Psychotherapie. Eine macht- und kognitivismuskritische Perspektive“ auf die fehlende Dimension des Embodiment im Rahmen von therapeutischen und beraterischen Interventionen hin. Die Einschreibung in Körper als Einverleibung in ein Leibgedächtnis sei dabei gerade auch dafür ausschlaggebend, dass psychische und somatische Krankheiten entstehen. Gerade das Ausblenden des Embodiment verdecke Dimensionen von Macht, die seitens der therapeutischen und beraterischen Beziehung zu reflektieren seien. Gesellschaftliche Machtdimensionen schreiben sich, so Tugendheim im Anschluss an Foucault, in den Körper ein und reproduzieren dabei bestehende Verhältnisse. Eine Ausleibung könne im Anschluss an Wuttig aber erst erfolgen, wenn es ein Bewusstsein für eine Leib/Körper Dimension gebe. (141) Ausgehend von Winnicotts „wahrem und falschem Selbst“ geht es Tugendheim darum, eine Verbindung zu Bourdieus Habitus Konzept zu ziehen und danach zu fragen, ob die Normierungen als „falsches Selbst“ zu verstehen sind und der Habitus flexibel und transformierbar ist. (141) Tugendheim geht dabei von einem psychologischen Selbstbegriff aus, der geprägt ist von einem Dualismus aus erkennendem und erkanntem Selbst (James) sowie der mead‘schen Unterscheidung von Ich (I) und Mich (me), als Erkenntnisobjekt, sowie des Prozesses des Erkennens. Mit Winnicott beschreibt Tugendheim die Entwicklung eines wahren Selbst als sinngenerierend und mit kreativer Tätigkeit. Ein falsches Selbst hingegen grenze sich in der Entwicklung ab, wenn es von der Umwelt nicht gehalten werde. Es sei von Sinnlosigkeit geprägt, was sich am häufigsten in Liebesbeziehungen, Arbeitsbeziehung und Freundschaften zeige. (145) Tugendheim zieht hierbei Verbindungen zu Elias und Bourdieu und sieht im Konzept des Habitus eine ähnlich gelagerte Struktur, die gerade nicht von einem freien Willen des Selbst ausgehe (145). Integration gelinge nach Winnicott also in Ähnlichkeit mit dem Halten und sei damit an den Körper gebunden. Mit Bourdieu und Elias verdeutlicht Tugendheim, wie Machtstrukturen verinnerlicht und zu etwas werden, was Winnicott mit dem „falschen Selbst“ bezeichnet. Eine Reflexion des Körperbewusstseins ist dabei gerade deswegen wichtig, um die inkorporierte und in den Habitus als zweite Haut übergegangene Einleibung offen zu legen und ggf. zu verändern. In der Differenzierung von Körper-Haben und Leib-Sein sieht Tugendheim gerade die Möglichkeit einer Reflexion des Körper-Habens als Kapital der Einschreibung von Machtdimensionen.

Mit seinem Beitrag „Fluchtpunkt Resilienz. Psychosoziale Beratung unter neoliberalen Vorzeichen“ leitet Simon Bohn den dritten Teil „Normativitätskritik und Dekonstruktion (in) der Beratung“ ein. Psychosoziale Beratung lässt sich vor dem Hintergrund gouvernementalitätstheoretischer Betrachtung auch eingespannt in neoliberale Diskurse und im Rahmen von Aktivierungspolitik verstehen. Der Begriff und das Thema der Resilienz, so Bohn, stelle dabei in den Auseinandersetzungen um eine neoliberale Gouvernementalität mit Beratung eine wesentlichen Verbindung dar. Die sozialpolitische Zielgröße von Resilienz liege dabei in der präventiven Gestaltung für eine Bewältigung kapitalistischer Konkurrenzmechanismen. (171) Er bezieht sich dabei auf seine 2017 erschienene Studie „Ordnung des Selbst“, die psychosoziale Beratung im Feld der Hochschulberatung in den Blick nimmt. In der Perspektive von Fall- und Problemkonstruktionen in der psychosozialen Beratung (172) an Hand von erhobenen Expert_innen Interviews stellt Bohn Beratung als einen Ort der Anrufung, Adressierung und Subjektivierung eines bestimmten Verständnisses heraus, das sich an einem neoliberalem Menschenbild orientiert und steuerungslogisch an neoliberalen Ordungsmustern (179) anknüpft. In derzeitigen Beratungssettings ist eine Individualisierung struktureller Problemlagen zu beobachten. Diese Individualisierung findet durch die Vermittlung von Bewältigungsstrategien statt und ist – laut Bohn – unter dem Resilienz -Paradigma zu fassen. Schließlich führen diese individuellen Lösungsangebote und Strategievermittlungen zu einer Verstetigung struktureller Problemlagen, so Bohn (178).

Kerstin Jergus nimmt in ihrem Beitrag „Das verletzbare Selbst. Zur Rolle von Macht und Anerkennung in Beratungskontexten aus bildungstheoretischer Sicht“ Beratung unter bildungstheoretischer Perspektive in den Blick. Sie schließt dabei an Mollenhauers Überlegungen zu Beratung und Bildung an. Dabei hebt sie das bildungstheoretische Moment von Beratung hervor, was sie im Anschluss an Mollenhauers Überlegung in „kritische Aufklärung“ herausstellt (185). Weiter geht sie zur Vertiefung auf einen Bildungsbegriff nach Humboldt ein und verweist auf die Differenz von Ich und Welt als generelle Möglichkeit von Bildung als Selbst- und Weltbezüge. (187) Bildung weise dabei auf einen Zwischenraum aus Gegebenem und Möglichem, gerichtet auf das Andere hin. (187) Mit Foucault stellt Jergus die Machtförmigkeit des Subjekts der Pädagogik des klassischen Bildungsgedankens heraus, die sich auf Selbstbildungsprozesse verenge und Bildung auf Leistungsfähigkeit und als Kapital (188) hervorbringe. Damit führe Bildung auch zu einer Individualisierung von Bildungschancen, als „Unternehmer seiner Selbst“ (Bröckling, 189). Mit Bildung werde also eine bestimmte Form des Selbst angerufen und mit einem Menschenbild des Spätkapitalismus in Verbindung gebracht. Kritische Aufklärung als Distanznahme zu sich und der Welt erweist sich dahingehend als ambivalent, indem es sie auch an Leistung, Leistungssteigerung und damit auch Optimierung gebunden bleibt. Mit Mollenhauer an Bildung und Beratung „festzuhalten“ mache laut Jergus erforderlich, auf die „welthaften Anteile, bzw. die soziale Seite der Bildung hinzuweisen“ (190), die auch auf eine „Anerkennung der Anderen und des Anderen zielt“ (192).

In ihrem Beitrag „Glücksversprechen oder: Causes of pain are far from random. Beratung als Orientierung. Beratung als Normierung. Eine queer-phänomenologische Perspektive“ weist Eva Georg auf vier analytische Komplexe von Beratung hin. Neben den Begriffsdimensionen: Subjekt/​Selbst, Wahrnehmung/​Orientierung, Gefühl/Emotion führt Georg die Dimension der Veränderung an, die sie aus einer queer-phänomenologischen Perspektive weiter befragt. In Anlehnung an Sarah Amend gehe es nicht nur um die Frage nach dem wie der Zugangsweise der Wahrnehmung der Subjekte, sondern eben nach der Frage einer Verknüpfung von gesellschaftlicher Normierung und der Orientierung der Wahrnehmungen (199). Wahrnehmungskonzepte und Gefühlserleben lassen sich dann eben auch in der Beratung auf ihren normativen Gehalt hin befragen und damit auf andere Vorstellungen und Möglichkeiten hin erkunden. Die Art und Weise der Orientierung, in der Art und Weise des wie (201) der Wendung hin zu einem Objekt, liege die Gewordenheit des Subjekts, also in der Art, wie ein Objekt hin- oder zu gewendet werde, deren Richtung eben gerade bestimmt geprägt sein kann. Die Vorstellungen der Orientierung zeigen sich dabei an normativen gesellschaftlichen Vorstellungen orientiert. Georg sieht in Beratung die Möglichkeit einer kritischen Arbeit des Sichtbarmachens und Entkoppelns von Glück und Subjekt als Macht und Normalisierung, sodass das Empfinden von Unglücklichsein gerade erkannt wird als eingebunden in die Orientierung des wie der Wahrnehmung des Subjekts und der Welt. Dabei sei für die Beratung auch so etwas wie die Anerkennung von „Unglücklichsein“ zentral, die als Emotion durch die Thematisierung des Glücklichseins gerade ausgeklammert werde (215 f.).

Stephanie Schwab leitet mit ihrem Beitrag „Die Arbeit mit Körperlandkarten. Ein leibphänomenologischer Zugang im Kontext der Kinder- und Jugendpsychotherapie und Beratung“ den vierten Teil „Methoden (der Beratung)“ ein. In der „Arbeit mit Körperlandkarten“ sieht sie eine Ergänzung zu klassischen psychotherapeutischen Verfahren, die auf leibphänomenologischer Grundlage nach den leiblichen Empfindungen fragen. In Abgrenzung zu anderen methodischen Entwicklungen von Landkarten für Körperempfindungen stellt Schwab gerade die Perspektive des Empfindens des Leibes über die Grenze des Inneren hinaus dar. Die Methode versteht sich im Sinne „philosophischer Therapeutik“ und spricht dabei die Problematik des Abspaltens von Emotionen und deren Zugänglichkeit an. In Form von „Leibinseln“ ließe sich, so stellt Schwab an Fallbeispielen heraus, gerade auch ein Zugang zu den eigenen leiblichen Erfahrungen (zurück) gewinnen.

In ihrem Beitrag „Beratung als Praxis der Unterscheidung. Die Unterscheidungsidee von Georg Spencer Brown, angewandt auf Beratung für LGBTIQ und Geschlecht“ stellt Tanja Rode mit Bezug auf Spencer Brown Beratung als Ort der Reflexion von Unterscheidung vor. Sie diskutiert diese Perspektive für LGBTIQ und Geschlecht. Im Sinne von „einen Unterschied machen, nicht Unterschied erkennen“ (247) verweist Rode mit Brown auf die Praxis des Unterscheidens, in der der Unterschied überhaupt erst konstruiert und konstituiert werde. Sie deutet hierbei auf gesellschaftliche Normen hin, die damit auch als gegeben Unterscheidungen zu verstehen sind. Gerade in der Reflexion des „ursprünglichen“ Treffens von Unterscheidung sieht Rode einen Aspekt von Freiheit und Handlungsfähigkeit gegründet, was sie für die Beratung stark machen möchte. Über die Aspekte der Unterscheidung Inneres, Äußeres, Grenze, Kontext und Motiv lässt sich schließlich ein ‚reentry‘ als „Wiedereinführung des Kontextes in das Innere der Unterscheidung“ (250) realisieren. Am Beispiel der Unterscheidungsprozesse Geschlecht verdeutlicht Rode, wie ein reentry in der Beratung zu verstehen sein könne.

Bea Caroline Remark schließt den Methodenteil mit ihrem Beitrag „Wir sind auch die Anderen. Ein Essay über Körperlichkeit und Normativität“ und verdeutlicht, wie stark Normen als kategoriale Zuschreibung durch Andere wirken. Dies zeige sich darin, wie etwas dargestellt oder beschrieben ist, wie jemand gesehen und anerkannt wird oder auch nicht. Sie betont damit einen sozialen Aspekt von Normierung. Dabei beginne die Reflexion darüber gerade nicht bei anderen, sondern gelinge nur mit „Präsenz und liebevoller Achtsamkeit“ (275), das Wie des eigenen Handelns zu hinterfragen. Remark beschreibt, wie dies in der Arbeit mit Tanz und Kunst gelingen könne. Ihr gehe es in ihrer eigenen tanztherapeutischen Arbeit um die individuelle (Un-) Vollkommenheit (276), über die Festschreibungen hinaus zu gehen, um dadurch Nachhaltigkeit und Freiheit zu ermöglichen. Sie versteht Freiheit dabei als Öffnung des Blicks auf Ganzheitlichkeit hin, der über eine gesellschaftliche Verengung und normierende Bilder hinausgehe. Nachhaltigkeit bedeute dann eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit normierten Bildern (277). Mit einem ‚Poem an Picture‘ “Wir sind die Anderen“ verdeutlicht Remark ihren Beitrag daran anschließend bildhaft und lyrisch. 

In Teil V „Beratung (körper-) und sozialphilosophisch revisted“ spürt zunächst Knut Emig in seinem essayistischen Beitrag „Der vernünftige Leib bei Nietzsche (oder Beratung als Perspektivismus)“ einer Leibphilosophie im Anschluss an Nietzsche nach, deren Ausgangspunkt darin liege, dass das Denken nicht ohne den Körper möglich sei. Nietzsches Kritik an der platonisch-christlichen Psychologie der Seele richtet sich auf deren Atomisierung, worin immer auch eine Hierachisierung der einzelnen Teile impliziert sei. Das Thema Leib wird dabei mit Macht verbunden. Nietzsche gehe dabei von einem Begriff des Selbst als Referenzort (291) aus – als leibliches Selbst. Emig verweist dabei auf den in der Philosophie vollzogenen somatic turn (293) und bezieht sich auf Foucaults Auseinandersetzungen um Macht und Kontrolle über Körper, die sich aus einem Dualismus von Seele und Körper ergebe. Für Beratungszusammenhänge gewendet stellt Emig heraus, dass neben der Thematisierung des Erlebens selbst (psychologisch) und der Frage nach der Vielheit des Empfindens (somatisch) auch nach Möglichkeitsräumen (Vernunft des Leibes) zu fragen sei (300/301).

Lea Spahn geht in ihrem Beitrag „Des/Orientierung- ein leiblich somatisches Moment (k)einer Beratungssituation“ von einer mikroanalytischen Perspektive auf Situationen aus. Sie versteht den Begriff ‚Situation‘ „als Materialisierung von gesellschaftlicher Ordnung und Normativität und von (widerständigen) Subjektivierungsprozessen“ (304). Diese Perspektive macht Spahn für die Betrachtung von Beratungssituationen fruchtbar. Sie fokussiert dabei auf das Beratungsgeschehen an sich. Neben Sprachhandlungen als einer somatisch und leibkörperlichen Dimension von Sozialität, betrachtet sie die soziale Praxis als solche. Das Spüren des Selbst in sinnlich-leiblicher Wahrnehmung erscheine dabei als intersubjektives Ereignis (312) der Zwischenleiblichkeit. Dies verdeutlicht sie anhand eines Beispiels einer Mikroanalyse einer Situation in einer Gruppe, die Bewegungsimprovisation übt. Unter Bezug auf Sarah Amends queer-phänomenologische Ansätze macht Spahn auf eine machtvolle Dimension aufmerksam, indem Wahrnehmung immer schon eine bestimmte Art und Weise der Orientierung darstelle, in dem Soziale Ordnungen sich in „Körpern und leiblichen Erleben“ materialisiert. (315) Durch die Distanznahme sei immer auch ein Moment der Desorientierung möglich, worin sie ein widerständiges Moment sieht und Beratung als einen Ort erscheinen lässt, eine Materialisierung des Sozialen als leib-körperliche Praxis machtkritisch zu befragen. Damit ergeben sich, so Spahn, auch alternative Positionierungen und Handlungsmöglichkeiten (319).

Christoph Bauer und Rebekka Rau stellen in ihrem Beitrag „Die Besänftigung des Subjekts. Beratung und der utopische Körper“ Beratung im Anschluss an Foucault als heterotopischen Raum vor. Heterotopien lassen sich nach Foucault als Orte verstehen, an welchen eine soziale Ordnung durch Platzierungen nicht selbstverständlicher Ordnungen sichtbar wird und auf unsichtbare Aspekte hinweisen. Den Körper bezeichnet Foucault dabei als Utopie, als Ort realer Dinge und Ort der imaginierten Positionierung des Subjekts- als existenzielles Paradox. Der Raum des Sag- und Sichtbaren hänge von Normierungen der Gesellschaft ab, die über Intelligibilität entscheide, über die Lesbarkeit des Subjekts (327). Im Auseinanderklaffen von Ich und Körper (326) ergebe sich ein Spalt, der sich mit Utopie fülle und so das existenzielle Paradox „besänftige“. Mit einer Kartografie des Nicht-Ortes als Erlebnisraum Ich-Körper, als Raum der Heterotopie und gesellschaftlicher Normativität, zeige sich ein Zusammenspiel von Utopie und Gesellschaft und schaffe Ansätze für eine Veränderung. Mit den Aspekten: Spiegel, Tod und körperlicher Liebe gebe Foucault Begrenzungen des Subjekts an, die als Begrenzung der prinzipiellen Offenheit und Besänftigung der existenziellen Utopie und Andersverortung des Ichs (336) zu begreifen sind. In einer Vorstellung von Beratung als Schnittstelle zwischen Utopie und Gesellschaft ließen sich neue Formen finden. Dabei zeige sich die Notwendigkeit, dass Berater_innen eine „stumme Sakralisierung“ (336) sichtbar werden lassen, reflektieren und für machtkritisches Bewusstsein zugänglich machen. Darin sehen Bauer und Rau eine Möglichkeit, geeignete Interventionsformen für Beratungszusammenhänge zu finden.

Targol Dalirazar nimmt in ihrem Beitrag „Wege in die Einsamkeit“ Bezug auf Hannah Arendts Auseinandersetzungen mit „Alleinsein“. Dalirazar geht dabei auf ein Verständnis dieses Begriffs von „Zwei-in-Einem-Sein“ (340) als einem stummen Dialog ein, welches für Beratung an Relevanz gewinnen könne. In der Differenzierung von Verlassenheit und Isoliertheit zeige sich Einsamkeit als stummes Zwiegespräch (345), worin Denkprozesse überhaupt erst stattfänden und Erinnern sich als eine „bestimmte Form des Denkens“ (347) ereigne. Arendt versteht dabei moralisches Verhalten als einen bestimmten Umgang mit sich selbst. Dalirazar verbindet nun ihre Differenzierung von Alleinsein mit der Ethik psychosozialer Beratung als Möglichkeit einer Norm. Dazu setzt sie vor dem Hintergrund personenzentrierter Beratung Bezüge zur Relevanz eines inneren Dialogs und positiven Selbstkonzepts (348). Dalirazar stellt eine „Logik der Einsamkeit“ (351) als Thema einer Ethik der Beratung heraus, die im Rahmen beratungswissenschaftlicher Auseinandersetzung diskutiert werden solle. 

Fazit

Der Sammelband hält sein Versprechen von der Eröffnung einer reichhaltigen Perspektive. Die insgesamt eher dicht geschriebenen Beiträge lassen auf eine weiter auszuführende Entwicklung der darin verarbeiteten Perspektiven blicken. Die Stärke des Sammelbandes liegt zweifelsohne in der mehrdimensionalen Zugänglichkeit zu Beratung und der damit gewonnenen Perspektive auf das Beratungshandeln mit den sich verschränkenden Dimensionen Leib, Macht, Normalisierung. Damit wird das Buch selbst Ausdruck und zeigt sich in einem normalisierungskritischen Moment, indem es den Raum der Beratung als Möglichkeitsraum offen hält und Verschiedenheit und auch ein Nebeneinander zulässt. Das bezieht sich nicht nur auf die gewählten Themen und Zugänge, sondern auch auf Textformen und Darstellungsarten, die in diesem Band variieren und sich versammeln.

Übergeordnet zeigt sich eine an poststrukturalistischer, praxeologischer und leibphänomenologischer Perspektive orientierten Verortung von Beratung mit einer machtsensiblen Perspektive mit Blick auf somatisch – affektive Dimensionen. Gerade in den letzten Jahren ist vor dem Hintergrund der Leib/Körper Dimension eine kritische Befragung von Beratung lauter geworden. Mit diesem Sammelband kommt zu den beratungswissenschaftlichen Auseinandersetzungen ein entscheidender Beitrag hinzu und bereichert die Diskussion. Versteht sich Beratung im Medium der Sprache, wird der Blick und die Auseinandersetzung um Beratung dahingehend erweitert, dass Sprechen leiblich ist- der Leib/Körper in Beratung also immer schon am Werk ist. Die Beiträge stellen Konzeption, Vorstellung und Ideen von Beratung heraus, die vor dem Hintergrund von Diversität und der Reproduktion von Ungleichheit, als Resonanzraum und Zwischenleiblichkeit thematisieren. Damit ist auch noch einmal auf andere Weise das Nachdenken über die Figur der Berater_innen und deren (leibliches) Involviert-Sein in das Format selbst angesprochen, wie dies in den bisherigen Diskursen in der Art noch wenig in den Blick kommt. Beratung ist auch ein Ort des Sicht- und Sagbaren sozialer Ordnung. Auch hinsichtlich einer machtsensiblen Perspektive eröffnet der Band einen erweiterten Ausgangsblick auf beraterische Professionalität. Der Sammelband stellt dahingehend einen wichtigen Beitrag zu den aktuellen Diskussion dar.


Rezension von
Jakob Christoph Will
Dipl. Päd, Lehrbeauftragter, mehrjährige Berufspraxis in Feldern psychosozialer Beratung
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Zitiervorschlag
Jakob Christoph Will. Rezension vom 10.01.2020 zu: Bettina Wuttig, Barbara Wolf (Hrsg.): Körper Beratung. Beratungshandeln im Spannungsfeld von Körper, Leib und Normativität. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4412-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26247.php, Datum des Zugriffs 02.04.2020.


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