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Maike Weißpflug: Hannah Arendt

Cover Maike Weißpflug: Hannah Arendt. Die Kunst, politisch zu denken. Matthes & Seitz (Berlin) 2019. 317 Seiten. ISBN 978-3-95757-721-4. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,60 sFr.
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Thema

Mit ihrem Buch möchte Maike Weißpflug eine bisher vernachlässigte Seite der politische Philosophin Hannah Arendt ins rechte Licht rücken. Ihre These lautet: Arendts Interpretationen der Werke der Weltliteratur, von Homer bis Kafka, eröffnen einen besseren Zugang zu ihrem Denken als ihre Interpretationen der philosophischen Klassiker. Aus der Beschäftigung mit der Literatur gewinne sie ihre zentralen Einsichten für eine politische Theorie.

Darüber hinaus sollte sich die zeitgenössische Soziologie und Politikwissenschaft an Hannah Arendt ein Beispiel nehmen, wie die Sensibilität für den zeitdiagnostische Gehalt der Literatur auch den Blick der politischen Theorie auf die Gegenwart schärfen kann.

Autorin

Maike Weißpflug ist Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Politische Theorie. Nach ihrer Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der RWTH Aachen arbeitet sie heute im Forschungsbereich „Museum und Gesellschaft“ des Museums für Naturkunde Berlin. Sie ist Mitinitiatorin des Blogs „theorieblog.de“, in dem wissenschaftliche Autoren und Autorinnen sich über den Stand ihrer Forschungsarbeiten austauschen und ihre Ergebnisse zur Diskussion stellen.

Entstehungshintergrund

Wie Michael Walzer, den Weißpflug in ihrer Einleitung zustimmend zitiert, plädiert auch sie für eine bescheidene Sicht auf die Rolle des Intellektuellen als Gesellschaftskritiker, der keine überzogenen Theoriensprüche stellen sollte (vgl. S. 12). Als einen weiteren Referenzpunkt für ihre Sicht auf Arendt nennt die Autorin Michel Foucault. Arendts „Kunst, politisch zu denken“ entspreche den Intentionen Foucaults und seiner „Kunst der Subversion“, die sich jenseits von platonischer Wahrheitssuche und abgestumpftem Empirismus bewegt. Auch Foucault verlange von politischen Intellektuellen, die eigene Involviertheit in das soziale Machtsysteme kritisch zu reflektieren, statt auf einen exklusiven Zugang zur Wahrheit zu pochen (vgl. S. 88 f.).

Aufbau und Inhalt

Die Besonderheiten des Denkansatzes von Hannah Arendt rekonstruiert die Autorin in drei Schritten:

I. In Teil I („Unabhängiges Denken“) erläutert Maike Weißpflug die philosophischen Einflüsse auf Arendt und die zentralen Schlüsselbegriffe ihres ideengeschichtlichen Ansatzes:

  • Der erste Abschnitt „Traditionsbruch“ (S. 25 ff.) befasst sich zunächst mit dem geistesgeschichtlichen Bruch im philosophischen Denken des 19. Jahrhundert. Mit dem Holocaust als dem „Zivilisationsbruch“ des 20. Jahrhunderts sind die politischen und moralischen Maßstäbe des Verstehens endgültig gesprengt und die daraus resultierenden Konsequenzen sind für die Philosophie unausweichlich. In diesem Zusammenhang greift Arendt die Forderung ihres philosophischer Lehrers Martin Heidegger nach einer „Destruktion der Metaphysik“ auf. Eine zeitgenössische Philosophie, die der neuen Wirklichkeit eines umfassenden Autoritätsverlusts von Wissenschaft und Moral gerecht werden will, muss den von Platon geschaffenen begrifflichen Rahmen einer traditionellen Metaphysik verlassen. In dieser Situation „adaptiert“ Arendt (in den Formulierungen Weißpflugs) „Benjamins Methode, das Prinzip der Montage“, die sie sich für ihre Version einer kritischen Geschichtsschreibung zunutze macht. Walter Benjamin liefere ihr das narrative Muster einer „rettenden Kritik“ (S. 29), die nach dem Bruch mit der Autorität der Überlieferung es als ihre Aufgabe ansieht, nach den „Perlen“ der verschütteten Erfahrungen der Vergangenheit nach Elementen einer politischer und menschlicher Freiheit zu suchen, um sie in Form poetischer „Denkbilder und Begriffe“ ans Tageslicht zu heben.
  • Unter der Überschrift „Paria und Bürger“ stellt Weißpflug dar, wie Arendt am Beispiel des französischen Politikers und Publizisten Bernard Lazare und seiner entschiedenen Haltung in der Dreyfus-Affäre die Rolle des kritischen Intellektuellen definiert. Arendt erklärt im Anschluss an Max Webers Paria -Definition Lazare zu einem „selbstbewussten Paria-Intellektuellen“, der paradoxerweise, weil er am Ende der sozialen Hierarchie steht, eine nicht unbeträchtliche politische Wirksamkeit als Stachel im Fleisch des selbstgefälligen Bürgertums entfalten konnte. Anhand von zwei Beispielen will Weißpflug nun zeigen, wie Arendt selbst als Publizistin ihrem Vorbild gemäß für öffentliche Kontroversen gesorgt hat. Den berühmten Bericht „Eichmann in Jerusalem“ (1963) streift sie nur kurz in einem Kapitel zum Humorverständnis Hannah Arendts. Dafür setzt Weißpflug sich ausführlich mit ihrem skandalumwitterten Aufsatz „Reflections on Little Rock“ (1959) auseinander, der ihr Rassismus-Vorwürfe eingehandelt hat.
  • In „Zwischen allen Stühlen“: „Little Rock“ geht um Arendts Kommentar zu den rassistischen Vorfällen in der US-Kleinstadt Little Rock, in denen schwarze Schulmädchen durch einen rassistischen Mob gewaltsam am gemeinsamen Schulbesuch mit Weißen gehindert werden. Im Kern vertrat Arendt die provokante, um nicht zu sagen „verquere“ Meinung, dass der Fall neben einem zu verurteilenden Rassismus auch eine gefährliche Form des egalitären Furors liberaler Bürgerrechtler demonstriere. Sie schreckten nicht einmal davor zurück, hilflose Kinder für ihr politisches Vorhaben zu instrumentalisieren. Es geht Weißpflug weniger um die konkreten Aussagen Arendts in diesem Fall als vielmehr darum, den Sinn ihrer Intervention richtig zu erfassen: ihren Mut zu einer abweichenden Meinungsäußerung, die sich nicht durch den Hinweis auf die Verletzung einer „Political Correctness“ abschrecken lässt. Auch wenn Arendt, wie auch Weißpflug glaubt, mit ihren Argumenten in diesem Fall falsch lag, zeige sich in der Affäre eine herausragende Tugend Arendts: ihr Mut zum Nonkonformismus, gepaart mit einer gewisse Nonchalance, die sie mit dem berühmten Satz Ciceros aus den „Tuskulanischen Gesprächen“ begründet. Dort heißt es: Vor die Wahl gestellt, sich zwischen den Meinungen der Pythagoreer und denen Platos zu entscheiden, würde er, Cicero, im Zweifelsfall eher sich mit Plato auf Abwege begeben als mit fragwürdigen Leuten wie den Pythagoreern Recht zu haben, auch wenn sie wahre Auffassungen vertreten. Darin sieht Weißpflug eine „dichte und gehaltvolle Beschreibung von Politik“, die klar mache, dass für sie das Vertrauen in die Person und das „Kriterium der Geselligkeit“ (S. 100) gegenüber Rationalitätskriterien im Vordergrund stehe. Personale Verbundenheit und Geselligkeit seien maßgebend für die Erfahrung einer gemeinsamen Welt. Auch wenn sie „nicht universell, rational oder vernünftig begründet ist“ kann sie „aber dennoch Orientierung und Sinnstiftung im Handeln geben“ (S. 101).
  • Der Abschnitt „Liebe zur Welt“ erläutert Arendts zentrale Erfahrung der menschlichen Pluralität mit dem Hinweis auf den französischen Dichter René Char. Seine in der Zeit der Résistance entstandenen Werke zeigten, dass es auch inmitten des Krieges und der schrecklichen Finsternis einer „Weltentfremdung“ die Chance gibt, „die Schönheit des Miteinanderhandelns“ zu entdecken. Das Kapitel endet mit Weißpflugs Betrachtungen zu Arendts philosophischer Analyse des Humors: das Lachen sei für Arendt Ausdruck einer inneren Distanz zu den eigenen Verstrickungen in die Geschichte. Arendts Lachen über eine Figur wie Eichmann, die zu ihrer berühmten Formulierung von der „Banalität des Bösen“ geführt hat, sollte ja zeigen, dass dieser Person keine dämonische „Größe“ zukomme. Die „Hanswurst“ Eichmann sei offensichtlich (das zeige der Prozess) nicht in der Lage, so Arendt, die politischen Folgen der eigenen Taten zu erkennen, geschweige denn die Verantwortung dafür zu übernehmen. Dabei geht Weißpflug allerdings nicht auf den Einwand von Kritikern ein, dass Arendt hier vielleicht einer geschickten Selbstinszenierung Eichmanns aufsaß.

II. In einem weiteren Schritt, in Teil II („Literatur und Politik“), geht es nun darum Arendts Affinität zur Literatur zu begründen und zu zeigen, wie sich aus narrative Darstellungen neue Begriffe finden lassen, die historisch vollkommen neue Phänomene der Politik erst erklären können. Die herausragende Rolle der „schönen Literatur“ an den exponierten Stellen ihres Werks belegten, dass erst Literatur für Hannah Arendt neue politische Erfahrungen verständlich mache.

  • Das Kapitel beginnt mit einem Abschnitt zum „Politischen bei Homer“ (S. 130 ff.). Homer habe das Politische als „Erscheinen in und durch die Sprache“ (S. 132) begriffen und so einen innovativen Begriff des politischen Handelns formuliert, der Arendts Vorstellung eines emphatischen Neubeginns im Sprechen und Handeln entscheidend mitgeprägt hat. Die für ihr Werk zentralen Einsichten zum Charakter moderner Politik, insbesondere in „den fiktiven, entgrenzten Charakter totalitären Handelns“ gewinnt Arendt aber nach Weißpflug aus ihrer „Lektüre der Schriften von Franz Kafka.“ (S. 111)
  • In den zwei Abschnitten zu Arendts Kafka-Interpretation („Literatur und Totalitarismus bei Kafka“) (S. 135 ff.) macht die Autorin deutlich, dass für Arendt die von Kafka im Romanfragment „Das Schloss“ beschriebene Gesellschaft sich als unmenschlich erweist, weil dort jede Freiheit und Spontaneität des Handelns ausgelöscht wird. So schöpfe sie aus der Lektüre die Einsicht in ein scheinbar lückenloses Machtsystem, das sich bis in das Innere der Figuren fortsetzt. Kafka habe die Idee eines freien und spontanen Handelns und das „Recht, Rechte zu haben“ systematisch ad absurdum geführt. Führt: Streichen! Arendt bewundert die dichterische Einbildungskraft, dank der es Kafka im Romanfragment „Das Schloss gelungen sei, den in der Bürokratie angelegten totalitären Charakter frühzeitig zu erkennen und darzustellen. Aber in seiner literarischen Darstellung einer unhintergehbaren Pluralität menschlicher Perspektiven und seinem klaren Blick auf die „Unabsehbarkeit menschlicher Verhältnisse“ und seine Figuren, die die Folgen ihres Tuns nicht überschauen können, zeige sich auch ein wahrhaft abgründiger Humor, mit dem Kafka die Ohnmacht menschlichen Handelns beleuchtet (vgl. S. 114). Trotz dieser von Kafka gnadenlos beschriebenen Erfahrung der Machtlosigkeit des Einzelnen betont Weißpflug, dass Arendt Kafka keinesfalls für einen „Propheten des Untergangs“ oder einen Vertreter der „kalten Verhaltenslehre“ ansieht. Die utopisch-messianische Hoffnung auf eine Erlösung der Welt schrumpft allerdings ein auf die profane Möglichkeit eines Neubeginns im Hier und Jetzt, als Beginn eines neuen Sprechens und Handelns und eine existentielle Freiheit, die durch keine Macht ganz kontrolliert oder gar vernichtet werden kann.
  • Die literarischen Interpretationen Arendts in den Abschnitten über den „Radikalen Weltverlust bei Joseph Conrad“ (S. 149) und die „Urteilskraft bei Melville“ (S. 166 ff.) sollen im Fall von Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ ein ungeschminktes Bild der destruktiven Tendenzen des imperialen Zeitalter geben bzw. im Blick auf „Billy Budd“ etwas zu den Fallstricken des absolut Guten aussagen. In Conrads Roman gehe es Arendt um ein neues Verständnis der Rolle des fiktionalen Erzählers Marlow, aus dessen Perspektive Conrad die Ereignisse im Kongo schildert. Die Sichtweise Marlows wird von Arendt als horrifizierte Stufe der Vorstellung einer „natürlichen Gleichheit“ der Menschen interpretiert, die den zivilisierten Bürger auf dieselbe Stufe wie die „nackten Wilden“ (Burke) stellt. In ihrer Interpretation versuche Arendt, den ethnozentrischen Blick auf die Afrikaner dadurch verständlich zu machen, dass die Konfrontation mit einer „natürlichen Gleichheit“ zwischen barbarischen Wilden und zivilisierten Europäern bei diesen ein Trauma auslöst. Sie interpretiert das Trauma als Ausdruck einer „tiefen Beziehungslosigkeit“, weil für den Europäer das Gemeinsame und Verbindende mit der Welt des „Primitiven“ nicht mehr erkennbar sei. Das Problematische dabei ist, dass Arendt übersieht, dass im „archaische Schrecken“, den Marlow und den Erzähler empfinden, sich auch ein Distinktionswille ausdrückt, der sich durch den Anblick der „Wilden“ beleidigt und auf die gleiche Stufe einer „primitiven Kultur“ herabgewürdigt sieht. Anhand von Melvilles „Billy Budd“ will Arendt (nach Weißpflug) zeigen, wie man auch hier durch die Versenkung in die unterschiedliche Figurenperspektiven zu ungewöhnlichen politischen Urteilen gelangt: Nach Arendts Deutung wird Billy die Reinheit seines „engelhaften“, gütigen Charakters (gepaart mit einem Mangel an sprachlicher Ausdrucksfähigkeit) zum Verhängnis. Ein eklatanter Mangel an sozialer Klugheit erklärt seine Gewalttat gegenüber dem verschlagenen Claggart, was uns zeigen soll, dass wir uns in politischen Fragen nicht auf den Maßstab des Guten verlassen könnten, da gerade in der politischen Sphäre aus dem absoluten Gefühl für „das Gute“ auch unbeabsichtigt „das Böse“ entstehen könne.
  • In dem nachfolgenden Kapitel zu „Literatur und Engagement bei Brecht“ (S. 173) stellt Arendt in ihrer Interpretation des Dramas „Die Maßnahme“ heraus, dass die fragwürdigen Intentionen des Autors (die Rechtfertigung stalinistischer Politik) die realen Gehalt, die Wirklichkeitserfahrung des Kunstwerks in diesem Fall nicht zerstören kann: „Brecht und Conrad sagen, was ist“ (S. 159). In Bezug auf Brechts Drama „Die Maßnahme“ ist das die Wahrheit über die unerbittliche Logik einer stalinistischen Gewaltpolitik, die um die Welt zu verändern, „die Menschen zwingt, gegen ihre eigene Überzeugungen zu handeln“ (S. 179). Die zweifelhaften politischen Intentionen könnten aber (ganz entgegen dem anderslautenden Urteil Adornos) den literarischen Wert des Dramas nicht diskreditieren.
  • Der letzte Abschnitt „Erzählen als Urteil“ (S. 189) erklärt, was das Interesse Arendts an der Literatur ausmacht: Literatur bietet einen anderen Zugang zur Wirklichkeit als Theorien, eine neue Beziehung zwischen Erfahrungen und Begriffen, die sich die politischen Theorie nutzbar machen kann. Denn ohne die Verbindung mit der phänomenalen Welt verliere das politische Denken seinen Erfahrungsgehalt.

III. In Teil III („Limitiertes Denken “) versucht die Autorin Arendts „Verfahren der Kritik“ (S. 223) auf die aktuellen ökologischen Herausforderungen zu beziehen. Weißpflug zitiert Arendts Bemerkung, es sei ein „Irrglaube“ anzunehmen, „dass die gemeinsame Welt ökonomisch konstituiert werde, wie das etwa Adam Smith glaubte.“ (S. 226). Arendt habe die Spannung zwischen kapitalistischer Wirtschaftsweise, der grenzenlosen Kapitalakkumulation und der Grenzen, die uns die natürlichen Lebensgrundlagen setzten, erkannt. Kulturwissenschaftliche Analysen könnten ein Gegengewicht zu den technischen Vorstellungen einer homogenen Welt bilden, denn es fehle „angesichts des Klimawandels an konkreten, artikulierbaren Erfahrungen der eigenen Wirksamkeit“, weil „das was um uns herum passiert“ sich „unseren Sinnen“ entziehe (S. 269 f.). Das Fazit ihres Schlusskapitels lautet: Auch in einer globalisierten Welt, die von Entgrenzungen geprägt ist, sei es möglich selbstbewusst zu urteilen und zu handeln, wenn „wir sinnlich in der Welt zu Hause sind.“ (S. 177). Angesichts scheinbarer Sachzwänge und einer unaufhörlich fortschreitenden Naturzerstörung bleibt nach Arendt nur die Hoffnung auf die Freiheit des Denkens.

Diskussion

Ich greife drei Punkte aus der umfangreichen Darstellung heraus:

  • Unabhängiges Denken angesichts wachsender Armut und Ungleichheit. Wie überzeugend auch immer Maike Weißpflug Arendts emphatische Begriff von Freiheit verteidigt, es gibt einen blinden Fleck in Arendts Denkansatz: mit Berufung auf Aristoteles und Tocqueville konstruiert Arendt eine unausweichliches Dilemma zwischen Freiheit und Gleichheit. Wie Maike Weißpflug andeutet, hatte Hannah Arendt das Problem der Armut „nicht besonders gut im Blick“ (S. 89). Sie hat zwar das Problem der „Unsichtbarkeit der Armut“ thematisiert, aber wenn den Armen, wie Weißpflog schreibt, mit Hannah Arendt „stets nur die eine Hoffnung (bleibt): trotz aller Umstände doch handeln zu können“ (S. 89), dann ist das eindeutig zu wenig. Die Rede vom „selbstbewussten Paria“, der sich von niederdrückenden materiellen Verhältnissen nicht beeindrucken lässt, hat nicht nur für diejenigen, die dauerhaft mit Hartz IV abgespeist werden, etwas Elitäres.
  • Aus dem Erzählen entsteht politische Theorie. Hannah Arendt eigene, unkonventionelle Art der Begriffsbildung, die sie aus ihren Literaturinterpretationen gewinnt, sollen der politischen Theoriebildung auf die Beine helfen, indem sie Erfahrungsmomente ganz unterschiedlicher Herkunft durch eine „narrative Vermittlung von Begriff und Erfahrung“ (S. 202) zusammenbringt. Im Falle Kafkas scheint das zu gelingen, in anderen Interpretationen Arendts eher nicht, weil ihr „unvoreingenommener“ Blick auf literarische Erfahrungen durch ihren philosophischen Begriff des „Verstehens“ verstellt ist, wie ihre Interpretation von Conrads „Herz der Finsternis“ zeigt. In der Interpretation des Conrad – Romans sucht sie, wie Weißpflug schreibt, die Nähe zu einer „Art des historischen Verstehens“ (S. 151), die man auch als historisierende „Einfühlung“ bezeichnen kann. Es bleiben also Zweifel, ob Arendt in ihren literarischen Interpretationen exemplarisch vorgeführt hat, dass sich Literaturanalysen umstandslos in politische Theorie übersetzen lassen. Der von Jürgen Habermas gegenüber Derrida und Rorty geäußerte Verdacht, ob die Einbeziehung der Literatur in wissenschaftliche bzw. philosophische Argumentationen nicht auf eine fatale „Einebnung der Gattungsunterschiede zwischen Literatur und Philosophie“ (S. 132) hinausläuft, mag auch im Falle Hannah Arendts nicht ganz unbegründet sein.
  • Das Verhältnis zur Natur neu erzählen. Die Autorin hofft, dass kulturwissenschaftliche Erzählungen, die sich am Vorbild Hannah Arendts orientieren, zum Übergang in eine Postwachstumsgesellschaft und zur Verbreitung des ökologischen Bewusstseins beitragen werden. Es bleibt die Frage, ob am Ende vielleicht nicht doch eher Experten öffentliches Gehör finden, die empirischen Fakten zum Klimawandel und zur Naturzerstörung in die Diskussion einbringen bzw. Sozialwissenschaftler, die darlegen, wie der Primat staatlicher Politik gegenüber der Wirtschaft wiederhergestellt werden kann.

Fazit

Meike Weißpflugs Buch präsentiert uns in ihrem gut lesbaren Buch Hannah Arendt als Vorbild für ein erfahrungsbezogenes und unabhängiges politisches Denken ohne „theoretische Absicherungen“. Es eignet sich durchaus als Einführung in Arendts politische Theorie, wobei für die „Arendt-Kenner“ vor allem der Mittelteil des Buches zum Verhältnis von Literatur und Politik interessant sein dürfte.


Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Zitiervorschlag
Peter Flick. Rezension vom 18.12.2019 zu: Maike Weißpflug: Hannah Arendt. Die Kunst, politisch zu denken. Matthes & Seitz (Berlin) 2019. ISBN 978-3-95757-721-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26249.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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