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Karin Weiss, Dietrich Thränhardt (Hrsg.): SelbstHilfe. Wie Migranten Netzwerke knüpfen [...]

Rezensiert von Dipl.-Sozialwirt Prof. Roderich Kulbach, 04.04.2006

Cover Karin Weiss, Dietrich Thränhardt (Hrsg.): SelbstHilfe. Wie Migranten Netzwerke knüpfen [...] ISBN 978-3-7841-1585-6

Karin Weiss, Dietrich Thränhardt (Hrsg.): SelbstHilfe. Wie Migranten Netzwerke knüpfen und soziales Kapital schaffen. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2005. 256 Seiten. ISBN 978-3-7841-1585-6. D: 19,00 EUR, A: 19,00 EUR, CH: 33,60 sFr.
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Einführung in das Thema

Das Buch beschäftigt sich mit der schon häufig bearbeiteten Frage, ob Zuwanderer - Organisationen die Integration befördern oder hemmen. Dazu kommen neben den Herausgebern zehn Autoren zu Wort, die zu drei Themenbereichen Stellung nehmen:

Konzepte und Organisationen in Einwanderergruppen

Selbsthilfe - Konzepte der Bundesländer und Kommunen

Statistisches Gesamtbild.

In ihrer Einleitung distanzieren sich die Herausgeber von der bekannten These Essers, Organisationen mit "Heimatlandorientierung" behinderten die Integration in Deutschland. Sie fordern differenziertere Überlegungen, wann und unter welchen Umständen die ethnische Selbstorganisation integrationsfördernd oder eventuell hemmend ist. Hierzu soll der  vorliegende Band beitragen.

Inhalt

Die vier Beiträge zu den unterschiedlichen Konzepten und Organisationen in Einwanderergruppen machen die Notwendigkeit einer differenzierten Diskussion zum Thema "Selbstorganisation von Migranten" sichtbar.

  • Die Untersuchungen Martin Sökefelds zu den alevitischen Vereinen in Deutschland belegt zum einen, dass türkische Selbstorganisationen höchst heterogen sind. Was bisher bereits für die kurdischen Zuwanderer aus der Türkei bekannt war, wird hier noch einmal in eine ganz andere Richtung aufgefächert: Die ca. 400.000 in Deutschland lebenden türkisch stämmigen Aleviten haben durch ihre Organisationen einen Integrationsschub erfahren, der sich durch Bildungs- und Berufserfolge auch verifizieren läßt. Dazu mag  einerseits beigetragen haben, dass sie ihren Glauben in der Türkei nicht ungestört pflegen durften und daher in Deutschland eine langfristige Perspektive sahen. Andererseits gehörten viele Aleviten linken Organisationen in der Türkei an, die nach dem türkischen Militärputsch von 1980 ebenfalls verfolgt wurden. Der Autor zeigt also auf, wie es in einer bestimmten historischen Situation zu einer produktiven Neuformierung einer Gemeinschaft trotz oder durch Migration kommen kann.
  • Dietrich Thränhard und Yvonne Rieker greifen in ihren Beiträgen den erstaunlichen Sachverhalt auf, dass die spanischen Schüler in Deutschland zu denjenigen gehören, die von den Zuwanderern die besten Ergebnissen in Schule und Beruf haben, während die italienischen Schüler am untersten Ende rangieren. Dabei wird deutlich, dass es vor allem der flächendeckenden Vereinsbildung der spanischen Eltern geschuldet ist, dass ihre Kinder trotz Halbtagsschule und fehlenden Kindertagesplätzen zu guten Abschlüssen kamen. Alle relevanten Akteure (neben den Eltern spanische Priester, Sozialberater, Lehrer, Konsulate) einigten sich auf eine gezielte Förderung der Kinder im deutschen Schulsystem bzw. auf die Gründung von Kindertagesstätten, in denen spanische Kinder mit deutschen zweisprachig zusammen aufwachsen. Dagegen ist der Mißerfolg der italienischen Schüler nicht zuletzt auf die Zersplitterung und Konkurrenz der Beteiligten zurückzuführen: Mission Cattolica vs. Sozialberatung der Caritas, Auslandsorganisationen der Parteien von rechts vs. links, Einflüsse der Regionen von Sizilien bis zur Lombardei etc. Dies führte zu einem Gerangel um Zuschüsse aus Rom, zu Konkurrenz und Klientelstrukturen sowie zur Übertragung von Konflikten aus dem Heimatland. Auf der Stecke blieben dabei die eigentlichen Interessen der Kinder und Jugendlichen.
  • Die Ausführungen von Karin Weiss zur Situation der Vietnamesen in der DDR belegen den Unterschied der Zuwanderer in Ost und West. In den neuen Bundesländern liegt der Anteil von Ausländern mit maximal 2 % trotz Zuweisung von Flüchtlingen deutlich unter dem der alten Länder. Eine längerfristige Migrationsgeschichte mit dem Ziel der Integration von Zuwanderern hat es auch in der DDR nie gegeben. Das hat auch Auswirkungen auf die Selbstorganisation. Bis heute lebt die Mehrheit der größten Gruppe der Arbeitsmigranten in die DDR, die Vietnamesen, relativ isoliert von den Deutschen. Gleichzeitig trug das ethnische Netzwerk wesentlich zur Existenzsicherung bei, auch wenn es nur schwach strukturiert war, z. B. in Vereinen.
  • Der zweite Teil des Buches befaßt sich mit Selbsthilfe-Konzepten der Bundesländer und Kommunen. Dabei schneidet NRW recht gut ab, weil es hierfür in der Vergangenheit politische Unterstützung durch die Grünen gab. Für die Auswahl der städtischen Programme  (Münster und München) werden weniger sachliche als vielleicht persönliche Motive eine Rolle gespielt haben.
  • Die Ausführungen von Uwe Hunger im letzten Teil der Schrift dienen der Gesamterfassung von Ausländervereinen auf der Basis des Bundesausländerregisters und stellen einen soliden Überblick zur numerischen Situation dieser vereine in Deutschland dar.

Diskussion

Die Autoren wollen mit dem Buch das Verständnis für den rasch wachsenden Pluralismus vertiefen und auf der Grundlage einer qualifizierten empirischen Analyse die positiven Aspekte von Migranten-Selbstorganisationen betrachten, u. a. um Pauschalitäten (Schlagwort: Parallelgesellschaften) vorzubeugen. Dies ist ihnen gut gelungen.

Der interessierte Leser hätte zusätzlich Informationen gewünscht, wozu denn solche Erkenntnisse dienlich sind. Vereinsgründungen, auch von Migranten, unterliegen bei uns keinen Beschränkungen, wenn die Ziele nicht ungesetzlich sind. Es bleibt jedoch in den Ausführungen weitgehend ausgespart, dass die Förderung der Migrantenvereine bzw. für die Schulung ihrer Funktionsträger in Deutschland lächerlich gering ist. Ferner müßte auf kommunaler Ebene ein Lösungsvorschlag für den Zwiespalt Erwähnung finden, einerseits sozialraumbezogen zu fördern und andererseits gruppenbezogen.

Fazit

Die Autoren legen eine Schrift vor, die in das Bild neuerer transnationaler Konzepte paßt und Migrationsfolgen nicht schematisch unter assimilatorischen Gesichtspunkten einordnet.

Rezension von
Dipl.-Sozialwirt Prof. Roderich Kulbach
Ev. Fachhochschule Bochum, Fachbereich Sozialarbeit
Lehrgebiet: Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation. EFQM - Assessor

Es gibt 12 Rezensionen von Roderich Kulbach.

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Zitiervorschlag
Roderich Kulbach. Rezension vom 04.04.2006 zu: Karin Weiss, Dietrich Thränhardt (Hrsg.): SelbstHilfe. Wie Migranten Netzwerke knüpfen und soziales Kapital schaffen. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2005. ISBN 978-3-7841-1585-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2625.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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