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Annette C. Cremer: Studieren und Forschen mit Kind

Cover Annette C. Cremer: Studieren und Forschen mit Kind. UTB (Stuttgart) 2018. 192 Seiten. ISBN 978-3-8252-4877-2. D: 18,99 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 25,50 sFr.

Reihe: UTB - 4877.
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Thema

Der Titel des Buches „Studieren und Forschen mit Kind“ ist Programm. Annette Caroline Cremer macht es sich darin zur Aufgabe die besondere Situation von Eltern in der Wissenschaft und in der akademischen Ausbildung an Universitäten zu beschreiben, sowie konkrete Ratschläge und Hilfen zur Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft zu geben.

Das Thema spiegelt sich nicht zuletzt im Cover des Buches. Nachdem der weiße Titel auf rotem Hintergrund ins Auge sticht, wandert der Blick auf das grafisch reduzierte, ausdrucksstarke Bild. Es zeigt eine Akademikerin, die mit aufrechtem, zielgerichtet wirkenden Gang und Blick einen Kinderwagen eine Steigung, also unter erschwerten Bedingungen, nach oben schiebt. Es entsteht der Eindruck einer Mutter, die selbstbewusst den herausfordernden Weg einer akademischen Ausbildung mit ihrem Kind geht. Nach der Betrachtung des Covers stellt sich die Frage: Richtet sich das Buch entgegen der Ankündigung im Klappentext ausschließlich an Mütter? Cremer argumentiert, dass sich das Buch an alle (werdenden) Eltern richtet. Mütter werden allerdings fokussiert, da diese die Familienverantwortung überwiegend übernehmen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Annette Caroline Cremer ist akademische Rätin am historischen Institut der Universität Gießen. Sie studierte Kunstgeschichte und Anglistik und ist den Kulturwissenschaften [1] promoviert (Dr. phil.) und habilitiert. Bereits in der kurzen Vorstellung ihrer Person sowie im Vorwort zu „Studieren und Forschen mit Kind“ macht Cremer transparent, dass sie bereits während ihres Studiums Mutter war. Mit Bezug auf das Thema des Buches ist diese ihr Privatleben betreffende Transparenz durchaus angemessen sowie ausschlaggebend für die Authentizität des Textes.

Eben diese persönliche Lage und die damit verbundenen Erfahrungen mit der Vereinbarkeit von Familie und Studium resp. Wissenschaft der Autorin sind Grundstein für die Entstehung des Buches „Studieren und Forschen mit Kind“. Sie möchte Studierenden die Eltern sind oder Eltern werden (wollen) einen Praxisratgeber zur Seite stellen, der bei der Entscheidung für oder gegen die Universität, sowie auf dem Weg durch die Qualifikation und Arbeit unterstützen soll. Dazu greift sie auf ihre Erfahrungen, auf Recherchen und auf Beobachtungen zurück.

Aufbau

Das Buch öffnet mit einem Vorwort der Autorin, die kurz ihren Bezug zur Thematik schildert. Sie selbst sei dreifache Mutter und habe ihre akademische Qualifikation unter Vereinbarkeit mit Familienverantwortung bestritten. Dabei sei ihr sowohl Gegen- als auch Rückenwind begegnet. Sie bezeugt einen Entwicklungsbedarf der genannten Vereinbarkeit, anhand der Besetzung von hochdotierten Professuren an Universitäten, die geschlechtsbezogen unausgewogen ist. Ihr Buch sieht sie als Motivation zur Vereinbarkeit ohne bei der Realität des vereinbarkeitsbezogenen Alltags Abstriche zu machen. Dazu gliedert sie den Text in drei Kapitel, die sich je in zwei weiteren Ebenen eröffnen [2]:

  • Kapitel 1 Studium und Wissenschaft mit Kind
  • Kapitel 2 Den Alltag meistern
  • Kapitel 3 Schluss

Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis kann der DNB oder dem oben aufgeführten Link entnommen werden.

Das Buch schließt mit Anmerkungen, Literaturangaben sowie weiterführenden Links.

Viele Abschnitte enden mit optisch hervorgehobenen Zusammenfassungen, die ein Überfliegen des Buches erleichtern.

Inhalte

Kapitel eins fokussiert nach einer das Buch in seiner Gesamtheit betreffenden Einleitung die akademischen Qualifikationsstufen chronologisch vom Studium bis zur Professur. Cremer ist daran gelegen einen realitätsgetreuen Eindruck zu vermitteln. Dazu kontrastiert sie eine Anekdote aus ihrem Alltag und Aussagen wie „Mit Kind zu studieren, zu promovieren und zu habilitieren, ist kein leichtes Unterfangen“ (20) mit Vorschlägen und Maßnahmen zur Erleichterung der Situation. Exemplarisch: Soziale Netzwerke, Finanzielle Hilfen, Teilzeitstudium, Verlängerte Buchausleihen, Still- und Wickelräume an Universitäten, Frauen- und Gleichstellungsbüros. Sie bezieht sich dabei sowohl auf die individuelle Ebene, wenn sie fragt, welche Eigenschaften die Eltern mitbringen sollen, als auch auf institutionelle Hilfen. Kapitel eins kann als Hilfestellung in der Planung gelesen werden.

In Kapitel zwei nimmt Annette Caroline Cremer den Alltag der Vereinbarkeit in den Blick und verlässt damit die Planung zugunsten der gelebten Vereinbarkeit. Beginnend mit der Kinderbetreuung betont die Autorin rechtliche Ansprüche von (studierenden) Eltern und verknüpft diese mit Kriterien für die Auswahl von Kinderbetreuungseinrichtungen. Diesbezüglich gibt sie Empfehlungen zum effizienten Arbeiten in kinderfreien Zeiten. Unter „Sekundäre Aufgaben“ (133) spricht sie Tätigkeiten an, die die Hauptaufgabe stützen: Recherchearbeit, Sprechstunden, Korrespondenz mit Dozent*innen…und grenzt voneinander ab, wann es sinnvoll und wann es nicht sinnvoll ist Kinder bei der Erledigung dieser Aufgaben dabei zu haben. Übergreifend für die Vereinbarkeit im Alltag empfiehlt Annette C. Cremer einen offenen Umgang mit allen Beteiligten: KiTa-Personal, Dozent*innen, Partner*in, Arbeitgeber*innen und der Familie. Gleichzeitig warnt sie davor, sich mit Nichteltern zu vergleichen. Vielmehr rät sie sich passende Vorbilder zu suchen sowie sich Zeitverzögerungen durch die Doppelbeanspruchung bewusst zu machen. Annette C. Cremer wendet sich am Ende des zweiten Kapitels alltäglichen Krisen und deren Bewältigung zu: (Kinder-)Krankheiten und Termindruck, Durststrecken überbrücken und Hilfen annehmen.

Im dritten und letzten Kapitel beschießt die Autorin „Studieren und Forschen mit Kind“. Beim Lesen der ersten beiden Unterüberschriften entsteht ein nüchterner Eindruck, wenn von der (punktuellen) Entscheidung zwischen Kind oder Universität und dem (zeitweisen) Ausstieg die Rede ist. Cremer macht dann einen Bogen zur Ermutigung durch das Setzen von Prioritäten, die nicht endgültig sein müssen. Das biologische Alter thematisiert die Autorin als Hürde, die gesetzlich manifestiert (z. B. Wissenschaftszeitvertragsgesetz) und im zwischenmenschlichen Austausch handhabbar wird. Damit im Zusammenhang stehen Überlegungen dazu, „[w]as Eltern potentiellen Arbeitgebern bieten können“ (167): Ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, Organisationstalent und Effektivität, Priorisierung, Abgrenzung und Delegieren. Zusammengenommen Managementfähigkeiten, die von Arbeitgeber*innen gerne gesehen sind. Das Buch schließt mit einem verhalten optimistischen Appell: „Bleiben Sie mutig, realistisch und aufmerksam“ (171).

Diskussion

Gerade für Eltern, die die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie leben oder bedenken ist das Buch gut aufgestellt. Im Sinne der Diversität werden verschiedenste Familienkonstellationen thematisiert. Cremer nimmt ihre Hervorhebung der Ressource Zeit (vgl. 21), ernst. Das Buch hat ein Format, das in jede Tasche passt, einen ansprechenden Umfang und ist durch das ausdifferenzierte Inhaltsverzeichnis sowie die optisch hervorgehobenen Zusammenfassungen in knappen Zeitfenstern lesbar.

Bereits beim Überblicken des Inhaltsverzeichnisses fällt der Anwendungsbezug ins Auge, der wie angekündigt, einem Praxisratgeber entspricht. Das stark ausdifferenzierte Inhaltsverzeichnis ermöglicht eine schnelle inhaltliche Orientierung, führt jedoch auf 192 Seiten zu teilweise sehr knappen Abschnitten, was der Qualität keinen Abbruch tut (vgl. „Gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Promotion mit Kind“, 66-67).

„Studieren und Forschen mit Kind“ stellt sich in Teilen als wissenschaftlich recherchiertes, in Teilen auf beliebig wirkenden Erfahrungen und Beobachtungen basierendes Werk dar. Die Autorin ist sich dieser Bandbreite bewusst, wie sie im Vorwort äußert. Ein Aspekt, der die (erfahrungsbasierte?) Beliebigkeit bezeugt, ist die nicht explizit begründete Fokussierung von Universitäten unter dem Ausschluss weiterer Einrichtungen des tertiären Bildungssektors (Hochschulen für angewandte Wissenschaften / Fachhochschulen und weitere), wenngleich Studium und Forschung mit Kind dort, vermutlich mit zu vernachlässigenden Unterschieden, stattfindet.

Der Aufbau der inhaltlichen Gliederung ist nicht durchgehend schlüssig. So stellt sich die Frage, warum eine den gesamten Text betreffende Einleitung innerhalb von Kapitel 1 platziert wird und warum „Erleichterungen der Studienbedingungen für Mütter und Väter (I.3) sowie „Informelle Lösungen: Kleine Helfer im Hochschulalltag“ (I.4) nicht unter „Studieren mit Kind“ (I.2) subsummiert werden. Auf die Inhalte hat dies keine Wirkung, doch irritiert diese Inkonsistenz den Überblick.

In Teilen liest sich das Buch wie ein allgemeiner Ratgeber zum Studieren und Arbeiten in der Wissenschaft. Die Spezifizierung auf Vereinbarkeit mit Kindern geht zum Beispiel bei „(Frei-)Räume zum Arbeiten“ (123), Überlegungen zur Gestaltung des Arbeitsplatzes, nicht hervor. Ein Verweis darauf, dass der Arbeitsplatz so gestaltet sein sollte, dass Kinder mit Trinkgläsern und Zickzackscheren keinen unmittelbaren Schaden anrichten können fehlt, obwohl doch recht naheliegend und alltäglich. Ebenso im Abschnitt „Schlafen Sie gut“ (132), in dem erholsamer Schlaf als Grundbedingung für das gelingende Bewältigen der hohen Ansprüche benannt wird, ohne dass Cremer drauf eingeht, dass Kinder die Nacht ggf. zum Tag machen und der Aufmerksamkeit der Eltern bedürfen. An anderen Stellen gelingt diese Einbindung, wenn sie anspricht, dass soziale Medien während der Arbeitsphasen nicht präsent sein sollen, gleichzeitig jedoch das Handy für familienbezogene Erreichbarkeit zur Hand sein muss.

Fazit

„Studieren und Forschen mit Kind“ eignet sich gut für einen ersten Überblick über Ansprüche, Möglichkeiten und Hindernisse der Vereinbarkeit von Familie und Studium/Forschung. Dank der Hinweise auf weiterführende Quellen haben Lesende die Möglichkeit für sie relevante Themen zu vertiefen. Obwohl die Autorin ausdrücklich über Studium und Forschung an Universitäten schreibt, dient das Buch auch Mitgliedern weiterer Einrichtungen des tertiären Bildungssektors, allerdings unter Verzicht einer expliziten Ausweisung. 

Der Anspruch der Autorin ein realistisches Bild der Vereinbarkeit zu vermitteln und praxisorientierte Ratschläge zu geben, ist an vielen Stellen gelungen, an manchen Stellen lückenhaft und erzeugt im Lesen einen ambivalenten Eindruck. Selbstverständlich bleibt es Lesenden unter Einbezug der individuellen Lebenssituation überlassen, ob sich „Studieren und Forschen mit Kind“ um eine Erarbeitung vieler Nach- und einiger Vorteile der Vereinbarkeit von Studium/Forschung mit Kind oder vielmehr um einen gut gemeinten Rat zum Nichttun handelt.


[1] Vgl. https://objekt-glas.de/de/annette-c-cremer.html (zuletzt abgerufen am 13.12.2019, 10:43)

[2] Im Folgenden wird lediglich die erste Gliederungsbene aufgezeigt. Die zweite und dritte Ebene fächert sich auf bis zu 13 (Unter-)Unterüberschriften auf. Auf deren Inhalte wird punktuell im Abschnitt „Inhalte“ eingegangen.


Rezension von
Elisabeth Sommer
Promovendin an der HAW Landshut und der Universität Bamberg; M. A. Soziale Arbeit; B. A. Soziale Arbeit; Examinierte Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin
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Zitiervorschlag
Elisabeth Sommer. Rezension vom 24.01.2020 zu: Annette C. Cremer: Studieren und Forschen mit Kind. UTB (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-8252-4877-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26255.php, Datum des Zugriffs 22.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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