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Rainer Mühlhoff, Anja Breljak u.a. (Hrsg.): Affekt Macht Netz

Cover Rainer Mühlhoff, Anja Breljak, Jan Slaby (Hrsg.): Affekt Macht Netz. Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der Digitalen Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2019. 356 Seiten. ISBN 978-3-8376-4439-5. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Digitale Gesellschaft - Band 22.
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Thema

Zu der Frage, wie sich die Digitalisierung auf die gesellschaftliche Kommunikation auswirkt, gibt es bereits viele Werke. In diesem Sammelband haben Expertinnen und Experten jedoch die Aspekte zusammengetragen, die vor allem die Rolle des Affekts betonen – jenen Zustand unreflektierter Emotionalität, der aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird.

Herausgeber*innen

Rainer Mühlhoff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich „Affective Studies“ an der Freien Universität Berlin. Anja Breljak ist Doktorandin am Forschungskolleg „SENSING: Zum Wissen sensibler Medien“ am Brandenburgischen Zentrum für Medienwissenschaften (ZeM) in Potsdam. Jan Slaby ist Professor für Philosophie des Geistes und der Emotionen an der Freien Universität Berlin.

Aufbau

Das Buch ist in folgende Kapitel aufgeteilt:

Kapitel 0 – Was ist Sozialtheorie der Digitalen Gesellschaft? (Einleitung von Anja Breljak und Rainer Mühlhoff)

Kapitel I – Infrastrukturen der Kontrolle

  • Anja Breljak: Die Zeit der Datenmaschinen
  • Felix Maschewski, Anna-Verena Nosthoff: Netzwerkaffekte
  • Rainer Mühlhoff: Big Data Is Watching You
  • Shirin Weigelt: Tasten

Kapitel II – Affekt, Netz und Subjektivität

  • Jorinde Schulz: Klicklust und Verfügbarkeitszwang
  • Katharina Dornenzweig: Die umkämpfte Grenze zwischen Liebe und Stalking
  • Jule Govrin: More Substance Than a Selfie?
  • Henrike Kohpeiß: Tears In Heaven
  • Christian Ernst Weißgerber: Die neue Lust am Ressentiment

Kapitel III – Öffentlichkeit, Protest und Politik

  • Philipp Wüschner: The Internet Is Dead – Long Live the Internet
  • Marie Wurth: Affektive Netze
  • Jan Beuerbach: Öffentlichkeit trotz allem
  • Anja Breljak, Jorinde Schulz: „Die Mächte verstehen, die am Werk sind“
  • Jan Slaby: Negri und Wir: Affekt, Subjektivität und Kritik in der Gegenwart

Inhalt

Bereits in ihrer Einleitung betonen Anja Breljak und Rainer Mühlhoff, dass in sozialen Netzwerken die „Zeit des Likens und Teilens vorbei“ sei. Stattdessen setze beispielsweise Facebook stärker auf Emotionen und etwa die „Live-Video-Funktion“. Das befördere „Hasskommentare, Verschwörungstheorien und selbstjustiziale Verfolgungsdebatten“. Den Administratoren von Facebook komme daher eine herausgehobene Rolle zu. Affekte seien bei der „Gelbwesten-Bewegung“ in Frankreich intensiv genutzt worden, was dazu führe, dass auch Facebook „grundlegend politisch“ werde. Der „medientechnologische Umbruch“ stelle, so die Autoren, deshalb auch einen „gesellschaftspolitischen Umbruch“ dar. Das Individuum stelle sich dabei aber „prinzipiell in den Dienst der technischen Apparate, ihrer Macht und ihrer Ausbeutungsmechanismen“.

Anja Breljak beschreibt in ihrem Beitrag „Die Zeit der Datenmaschinen“ die Fähigkeit der entsprechenden Plattformen, „ein Geschehen datifizieren, das heißt erfassen, speichern und auswerten (zu) können“. Wenn der Affekt dazukomme, schalte sich das Bewusstsein – wenn überhaupt – später ein als der Körper. Vor diesem Hintergrund sei es interessant, dass beispielsweise Fitness-Apps die Körperfunktionen aufzeichnen. Was vordergründig zur Selbsterkenntnis beitrage, sei vor allem ein Geschäft für die Betreiberfirmen. Der „volonté digitale“ in Abgrenzung von den Rousseau’schen Kategorien beziehe sich nicht mehr auf das „hinreichend informierte Volk“, argumentiert Breljak. Die digital präsenten Meinungsäußerungen suggerierten einen „gemeinsamen Willen“, der zunehmend auch politisches Gewicht erhalte. Die daraus resultierende „Politik der Affekte“ folge dem Prinzip der Demagogie.

Die von Mark Zuckerberg für Facebook proklamierte „technologische Neutralität“ hinterfragen Felix Maschewski und Anna-Verena Nosthoff in ihrem Beitrag. Sie werfen den Betreibern des sozialen Netzwerks „geschäftstüchtige Verantwortungslosigkeit“ vor. „Algorithmische Voreingenommenheit“ sei das „umfassende ‚Regierungsprogramm‘ Facebooks“. Netzwerkeffekte sowie – affekte würden genutzt, um „im Guten wie im Bösen Klicks“ zu generieren. Das führe zu einer „Simplifizierung der Kommunikation“ und so letztlich zum Verlust der Reflexion zugunsten des Reflexes.

Rainer Mühlhoff spricht in einem Beitrag zu „Big Data“ von einer „digitalen Entmündigung“ durch die großen Netzwerk-Firmen. Vor dem Eindruck der „empfundenen Unverzichtbarkeit dieser Services“ würden Google, Facebook und andere eher als Infrastruktur und nicht als Dienstleistung gesehen. Dass dabei massenweise Daten abgegriffen und verwertet werden, werde heruntergespielt. Das nutzerfreundliche Design dieser Angebote sei vor allem dazu gedacht, die Nutzerinnen und Nutzer „einzuhegen“. Es brauche nun, so Mühlhoff, einen neuen Diskurs um Überwachung, Datensicherung und Privatsphäre.

Mit der „Eingabe“ von Daten beschäftigt sich Shirin Weigelt in ihrem Beitrag, der das „Primat der Schriftlichkeit“ von Kommunikation in Frage stellt. Aus Mimik oder Gestik könnten Firmen bereits heute „Emotionen und kognitive Zustände auslesen“. Unterdessen stellt Jorinde Schulz ihre Betrachtungen in den Kontext der „Hörigkeit“. Wer soziale Netzwerke nutzt, werde dazu angehalten, „reponsiv und verfügbar zu sein“. Das führe bis hinein in die Arbeitswelt. Insgesamt führe das zu einem „Spiel der Gegenseitigkeit und der Überwachung“. Anhand der Routinen verschiedener Plattformen erläutert die Autorin ihren Ansatz, den sie als „digitale Vernichtung des Raums“ bezeichnet.

Katharina Dornenzweig beschäftigt sich ausführlich mit „Stalking“ und damit verbundene Affekte, die beispielsweise durch Filme und Fernsehserien geprägt werden. Anhand von Dating-Plattformen illustriert Jule Gorvin die „Affektökonomien“, die durch den ständigen Aufruf zur Präsentation des „authentischen Selbst“ bedient werden. Proteste gegen unregulierten Waffenkauf in den USA stellt Henrike Kohpeiß als kollektiv-affektiven Prozess mit politischen Auswirkungen dar. Die Autorin kommt dabei zu dem Schluss, dass Optimismus als „politisches Potenzial“ verstanden werden könne, „das durch die Distribution von Affektivität befördert wird und enorme Mobilisierung nach sich ziehen kann“. Nach einer theoretischen Abhandlung von Christian Ernst Weißgerber über die Rolle des Ressentiments in Netz-Dynamiken widmet sich Philipp Wüschner unter anderem dem Phänomen des „Trolling“.

Marie Wurth greift die „MeToo-Bewegung“ als Beispiel für die „Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen und Geschehnissen“ auf: Der Vorteil liege beim weltweiten Netz darin, unabhängig vom eigenen Standort Teil einer politischen Bewegung zu sein. Die Partizipation sei vor allem auf der Grundlage von Affekten zu verstehen, so die Autorin. Über eine Rekonstruktion der affektiven Netze, in denen Menschen eingebettet sind, könne man „Erklärungen für Ursachen, Motive oder auch Zwecke von Handlungen“ gewinnen. Die Aneignung von (Kommunikations-) Räumen auf Social-Media-Plattformen vergleicht Jan Beuerbach in seinem Beitrag für diesen Sammelband mit dem „Aufschlagen von Zelten auf dem Zentralplatz der Stadt“. Postdigitaler (politischer) Protest finde inzwischen immer zugleich on- wie offline statt. Daher müsse die Ausgestaltung neuer Infrastrukturen für die Kommunikation intensiver diskutiert werden, auch um aus historischen Erfahrungen zu lernen.

Anja Breljak und Jorinde Schulz befragen in einem Beitrag den italienischen Politikwissenschaftler Toni Negri, der politischen Aktivismus lobt und die Rolle der Algorithmen kritisch skizziert: Diese müsse sich die Öffentlichkeit „wieder aneignen“. In seinem Nachwort nimmt Jan Slaby darauf Bezug und plädiert für einen „Ethos der Schweigsamkeit“ sowie der „Selbst-Intransparenz“ im Netz.

Diskussion

In zuweilen hoch theoretischer Form behandeln die Autorinnen und Autoren die Aspekte, die sich durch die Verbindung von Affekten und Macht im Digitalen ergeben und beschreiben anhand von Fallbeispielen, wie sich das auf die Gesellschaft auswirkt. Konkret geben sie Hinweise darauf, wie „Daten-Autonomie“ gefährdet ist und was das mit Individuen und Gruppen machen kann. Grundsätzlich wird dabei die aus ihrer Sicht zu wenig regulierte Macht der großen Internet-Konzerne thematisiert.

Fazit

Der Sammelband leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der zunehmend (auch) digitalisierten Struktur von Öffentlichkeit. Die Forschung in diesem Bereich ist für das Funktionieren demokratischer Prozesse von Meinungs- und Willensbildung sowie Entscheidung essenziell. Umso wichtiger ist es, sich detailreich mit den Strukturen und Maßgaben der digitalen Kommunikationskultur zu beschäftigen. Wissenschaftlich wie politisch lassen sich darauf Diskussionsbedarfe klar benennen.


Rezension von
Prof. Dr. Frank Überall
Medien- und Politikwissenschaftler an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft; www.politikinstitut.de
Homepage www.politikinstitut.de
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Zitiervorschlag
Frank Überall. Rezension vom 16.03.2020 zu: Rainer Mühlhoff, Anja Breljak, Jan Slaby (Hrsg.): Affekt Macht Netz. Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der Digitalen Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4439-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26257.php, Datum des Zugriffs 11.08.2020.


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