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Ralf Pampel: Wir reden zu wenig!

Cover Ralf Pampel: Wir reden zu wenig! Angebote zur sexuellen Bildung Erwachsener. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 121 Seiten. ISBN 978-3-8379-2860-0. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.

Reihe: Angewandte Sexualwissenschaft.
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Autor

Ralf Pampel ist Diplom-Sozialpädagoge (BA), hat darüber hinaus Angewandte Sexualwissenschaft (HS Merseburg) studiert und arbeitet als Referent für Sexuelle Bildung & Sexualpädagogik. „Wir reden zu wenig!“ ist der erste von ihm erschienene Band.

Thema

Das Buch „Wir reden zu wenig!“ von Ralf Pampel zeigt klar, spannend und in konzentrierter Form den Bedarf von Sexueller Bildung mit Erwachsenen und die persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten, die jenseits eines pathologisierenden Verständnis darin zum Tragen kommen können. Es gibt einen Überblick über aktuelle Sichtweisen auf die Sexualitäten Erwachsener. Vor diesem Hintergrund untersucht Pampel theoretische und praktische Zugänge für die Sexuelle Bildung für diese Zielgruppe (S. 12). Darauf aufbauend entwickelt er eine konzeptionelle Grundlage für „angemessene Angebote Sexueller Bildung mit Erwachsenen“ (S. 14) sowie hilfreiche Kriterien, um diese zugänglich zu etablieren.

Das Buch erscheint als Band 15 der Reihe „Angewandte Sexualwissenschaft“ im Psychosozial- Verlag. Dieser interdisziplinären Reihe liegt ein positives Sexualitätsverständnis zugrunde und sie möchte eine bessere Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis ermöglichen. So auch Pampels Band.

Aufbau

Das Buch ist in 10 Kapiteln aufgebaut. Die ersten 6 Kapitel bilden das theoretische Fundament. Es folgt im Kapitel 7 und 8 die Untersuchung der drei Praxisbeispiele. Die letzten beiden Kapitel bündeln die Ergebnisse aus den Exkursen in Theorie und Praxis und geben einen konzeptionellen Ausblick.

Inhalt

In den ersten 6 Kapiteln des Buches gibt Pampel fundierte Einblicke in die theoretischen Ansätze Sexueller Bildung sowie aktuelle wissenschaftliche Perspektiven auf sexuelle Entwicklungen von Erwachsenen.

Eingangs skizziert Pampel die Ansprüche emanzipatorischer Sexualpädagogik und Sexueller Bildung. Er vollzieht dabei die geschichtliche Entwicklung von der klassischen Sexualpädagogik zum Konzept der Sexuellen Bildung nach und begründet die Notwendigkeit dieser Veränderungen.

Weiter thematisiert er lebenslange sexuelle Lernprozesse. Im Gegensatz zur Kindheit und Jugend gibt es im Erwachsenalter aufgrund verstärkter individueller Erfahrungen und Entscheidungen im Beruf, Parter*innenschaften, konkretem sexuellen Tun und Umgang mit den eigenen reproduktiven Möglichkeiten viel mehr Ursachen für Veränderungen in der eigenen Sexualität (S. 27). Pampel stellt eine aktuelle Sichtweise auf die Sexualität Erwachsener in der Gesellschaft mit ihren vielfältigen Aspekten, Funktionen und Problemfeldern dar und widerspricht vehement dem Klichee einer „normalen erwachsenen Sexualität“ (S. 39). Darüber hinaus beschreibt Pampel in seinen theoretischen Befunden, wie durch die Medialisierung und Kommerzialisierung von Sexualität neue sexuelle Mythen erschaffen werden. Überhöhte Ideale und eine verzerrte Wahrnehmung der Sexualität führen folglich auch im Erwachsenenalter zu Ängsten, Verunsicherungen und einem erlebten Optimierungszwang. Postmoderne Veränderungen bergen viele neue Chancen für die freie Entfaltung und Selbstbestimmung. Andererseits wirft die Pluralisierung von Lebens- und Liebesformen, von Geschlechtsidentitäten, sexuellen Orientierungen, Rollenbildern oder Funktionen von Sexualität viele neue Fragen auf, die das Individuum mit sich verhandeln will. Pampel betont hierbei nach Valtl, dass die postmoderne Gesellschaft uns individuell weitgehend frei lässt, das eigene sexuelle und reproduktive Leben selbstbstimmit zu gestalten, aber wir damit auch allein gelassen werden (S. 62/63).

Hierin sieht er Möglichkeiten, die Sexuelle Bildung abdecken könnte – z.B. einzutreten für eine sexuelle Sprachfähigkeit und für ein sexpositives Bild von Sexualität; Angebote zu schaffen für eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität, die sich im Laufe des Lebens verändern und entwickeln kann; Reflexionsräume zu öffnen für den eigenen Sexualisationsprozess, gesellschaftliche Einflüsse und mediale Prägungen bzgl. Sexualität etc. (vgl. 61- 64)

Im Kapitel 7 werden schließlich drei unterschiedliche Konzepte Sexueller Bildung näher betrachtet: das multimediale Aufklärungsprojekt für Erwachsene „Make Love“ von Ann-Marlene Henning, die körperorintierte Sexuelle Bildung für Frauen von Julia Sparmann sowie die sexuelle Bildungsarbeit im Rahmen des alternativen Sexshop „Other Nature“ in Berlin. Dabei analyisiert Pampel einerseits die medialen Produkte und gewinnt andererseits Einblicke in das praxisbasierte Handlungs- und Erfahrungswissen über Leitfrageninterviews der drei Anbieterinnen.

Anschließend im Kapitel 8 vergleicht er die drei Konzepte und fasst die Kernansätze zu den Punkten: Zugang zur Zielgruppe, Gender, Entwicklungsaufgaben, sexuelle Probleme, Liberalisierung und Diversifikation, Kommerzialisierung, sexuelles Wissen, Sprache und Enttherapeutisierung zusammen.

Im Kapitel 9 entwickelt Pampel aus den vorhergehenden Untersuchungen Kriterien für eine „angemessene Form und die Umsetzung von Angeboten zur Sexuellen Bildung mit Erwachsenen“ (Pampel, S. 105): Dabei werden besonders mögliche Themen, Angebotsformate, Kriterien für Räumlichkeiten sowie notwendige Kompetenzen der Angebots-Leiter*innen konkretisiert.

Diskussion und Fazit

Das Buch von Ralf Pampel wirft grundsätzliche Fragen zur Notwendigkeit und Gestaltung sexueller Erwachsenenbildung auf. Es bildet leicht verständlich und in sehr konzentrierter Form (121 Seiten) aktuelle wissenschaftstheoretische und praktische Zugänge zu Sexueller Bildung mit Erwachsenen ab und ist damit ein empfehlenswertes Grundlagenbuch für alle Fachkräfte der Sexuellen Bildung, der sozialen Arbeit und angrenzenden Fachbereiche.

Ralf Pampel leistet mit dem Buch einen sehr wichtigen Beitrag, die Vielschichtigkeit erwachsener Sexualitäten in der Postmoderne und daraus entstehende Entwicklungen und Bedarfe verdichtet sichtbar zu machen und untermauert damit die Notwendigkeit sexueller Bildungsarbeit mit dieser Zielgruppe. Über die drei Praxisbeispiele wird das, was Sexuelle Bildung alles sein könnte, greifbarer und mit Leben gefüllt. Da die sexuelle Bildungsarbeit mit Erwachsenen noch in den Kinderschuhen steckt, stehen die Beispiele nicht repräsentativ für die Sexuelle Bildung mit Erwachsenen im Allgemeinen (vgl.115). Dennoch können sie neben den theoretischen Befunden richtungsweisend sein, um wesentliche Kriterien für weitere Angebote Sexueller Bildung mit der Zielgruppe zu schärfen.

Pampel betont schon im Titel die kulturell tiefverankerte Sprachlosigkeit trotz sexueller und neosexueller Revolutionen. Neben der Überwindung der Sprachlosigkeit zeigt er das enorme Themenspektrum auf, was Erwachsenen in ihrer Sexualität tangieren kann und animiert, sich diesen Fragen und Themen in der Sexuellen Bildung anzunehmen. Der konzeptionelle Ausblick ist mit Sicherheit für all jene eine tolle Anregung und Hilfestellung, die gerne in dem noch wenig etablierten Feld der sexuellen Bildungsarbeit mit Erwachsenen einsteigen oder ihm strukturell den Weg ebnen wollen.

Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die an Sexueller Bildung allgemein und an deren konkreten Möglichkeiten und Visionen für das Erwachsenenalter interessiert sind.

Literatur

www.sexuellebildung.org (letzter Zugriff: 20.09.2019)

Pampel, Ralf (2019): Wir reden zu wenig! Angebote zur sexuellen Bildung Erwachsener. Gießen: Psychosozial-Verlag.


Rezensentin
Julia Sparmann
Sexualberaterin und Referentin für Sexuelle Bildung; M.A. Angewandte Sexualwissenschaftlerin, Sexologin, Dipl.Theaterpädagogin
Homepage www.juliasparmann.de
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Zitiervorschlag
Julia Sparmann. Rezension vom 07.11.2019 zu: Ralf Pampel: Wir reden zu wenig! Angebote zur sexuellen Bildung Erwachsener. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2860-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26258.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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