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Guy Hocquenghem: Das homosexuelle Begehren

Cover Guy Hocquenghem: Das homosexuelle Begehren. Edition Nautilus Verlag (Hamburg) 2019. 200 Seiten. ISBN 978-3-96054-208-7. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

Reihe: Nautilus Flugschrift.
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Thema

Feste schwule Identität oder sexuelle Offenheit? Um diese Frage kreisen aktuelle deutschsprachige Debatten. Der deutschsprachig zuerst 1974 erschienene Band „Das homosexuelle Verlangen“ (frz. 1972) von Guy Hocquenghem liefert hierzu bedeutsame Perspektiven, die durch die Neuherausgabe wieder zugänglich werden.

Autor und Herausgeber

  • Der Schwulenaktivist und Autor Guy Hocquenghem (1946-1988) wirkte in der französischen Schwulenbewegung – mit Auswirkungen auch auf deutsche Diskussionen (bspw. auf den westberliner „Tuntenstreit“). Seine Schriften prägen bis heute internationale Debatten und haben mit der Queer Theory noch einmal Auftrieb erhalten.
  • Hauke Branding ist freier Wissenschaftler und forscht zu Klassetheorien, zur Schwulenbewegung und Queer Theory.
  • Lukas Betzler promoviert an der Universität Lüneburg zu „Literatur zwischen Autonomie und fait social. Das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft in der Kritischen Theorie“.

Aufbau und Inhalt

Der Neubearbeitung von Burhart Kroebers Erstübersetzung „Das homosexuelle Verlangen (jetzt: Begehren)“ folgt ein Nachwort der beiden Herausgeber.

Inhaltsbeschreibung

Guy Hocquenghem war eine bestimmende Persönlichkeit in den revolutionären gesellschaftlichen Debatten im Gefolge des Pariser Mai 68. Er engagierte sich von 1962 bis 1965 in der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Frankreichs, anschließend in verschiedenen linken aktivistischen Gruppen. Heimat fand er in der 1971 mehrheitlich von lesbischen Frauen gegründeten FHAR (Front Homosexuel d‘Action Révolutionnaire). Durch sein öffentliches Coming-out im linksliberalen Nachrichtenmagazin Nouvel Observateur im Januar 1972 wurde er – auch etwas unfreiwillig – zum „Gesicht“ der französischen Schwulenbewegung.

Seine Schrift „Das homosexuelle Verlangen“ (frz. 1972, dt. 1974) basiert auf seinem gesellschaftlichen Aktivismus und auch seiner sexuellen Aktivität, nimmt marxistische und, im Anschluss an Félix Guttari und Gilles Deleuze, kritische psychoanalytische Debattenstränge auf und stellt ein Plädoyer für die Offenheit des sexuellen Verlangens (Begehrens) dar, das sich eindeutiger Kategorisierung entziehe. Entsprechend wird das Buch von Annamarie Jagose in ihrer bis heute im deutschsprachigen Raum unübertroffenen Einführung in die Queer Theory („Queer Theory – Eine Einführung“ (2001 [1996]) wie auch international von weiteren Queer-Theoretiker_innen, als eine der kühnen, offenen und ideenreichen Schriften „mit queeren Vorzeichen“ eingeordnet, noch lange bevor es überhaupt eine Queer Theory unter diesem Namen gab.

Die deutsche Übersetzung von Burkhart Kroeber, die unter dem Titel „Das homosexuelle Verlangen“ 1974 erschienen war, bildet die Grundlage der nun publizierten aktualisierten Übersetzung von Hauke Branding und Lukas Betzler, die statt des Begriffes „Verlangen“ „Begehren“ verwendet, um einerseits an neuere gesellschaftliche Debatten und Begriffsverwendungen besser anzuschließen, andererseits, um sich besser an den Wortgebrauch von Jacques Lacan und seiner Schule anzulehnen. Diese begriffliche Änderung ist auch schon der größte Eingriff – die weiteren Veränderungen betreffen eher Nuancen, sparsam werden Erläuterungen eingefügt. Für die Neuveröffentlichung haben Branding und Betzler mit Kroeber zusammengearbeitet.

Das von Branding und Betzler angefügte Nachwort stellt eine eigene Positionierung zum Werk Hocquenghems dar. Ausgehend von einigen aktuellen Bezügen wird das Buch „Das homosexuelle Verlangen (Begehren)“ historisch eingeordnet; kritische Positionen werden gerade gegen damalige marxistische Perspektiven vorgetragen, positive Anschlussmöglichkeiten in der Verbindung radikaler Gesellschaftskritik mit psychoanalytischen Ansätzen gesehen.

Diskussion und Fazit

Es ist eine Wohltat, dass dieser seit langem international verbreitete, aber deutschsprachig vergriffene Band von Guy Hocquenghem durch die Editionsarbeit von Branding und Betzler nun auch hier wieder zugänglich ist! Damit besteht die Möglichkeit, dass aktuelle Debatten anders und fundiert geführt werden können. Allein der Vorschlag der Neuübersetzung von „désir“ als „Begehren“ statt als „Verlangen“ oder – ebenfalls möglich – „Wunsch“, bringt eine neue Detailtreue in die Diskussion.

Das Nachwort liefert einige Perspektiven. Allerdings fehlen eine tiefer gehende biografische Einordnung Guy Hocquenghems sowie ein umfassender Überblick über die deutschsprachige und internationale Rezeption von „Das homosexuelle Verlangen (Begehren)“ und über weitere Werke des Autors. Ein Hinweis auf die Rezeption im Standardwerk der Queer Theory von Annamarie Jagose fehlt ganz, stattdessen postulieren die Herausgeber_innen, dass für die Queer Theory in Deutschland Hocquenghem keine Rolle gespielt habe. Auch werden die lesenswerten Beträge von Rüdiger Lautmann und Norbert Reck in dem im vergangenen Jahr erschienenen Band „Die Idee der Homosexualität musikalisieren: Zur Aktualität von Guy Hocquenghem“, die weitreichende Einordnungen von Hocquenghems Leben und Wirken vornehmen, inhaltlich gar nicht berücksichtigt. Der löbliche Band bleibt so hinter seinen Möglichkeiten zurück.


Rezension von
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 19.12.2019 zu: Guy Hocquenghem: Das homosexuelle Begehren. Edition Nautilus Verlag (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-96054-208-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26259.php, Datum des Zugriffs 21.01.2020.


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