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David H. Barlow, Kristen K. Ellard u.a.: Transdiagnostische Behandlung emotionaler Störungen

Cover David H. Barlow, Kristen K. Ellard, Todd J. Farchione, Shannon Sauer-Zavala, Heather Murray Latin u.a.: Transdiagnostische Behandlung emotionaler Störungen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. 208 Seiten. ISBN 978-3-456-85241-6. 29,95 EUR, CH: 39,90 sFr.

Teil: Arbeitsbuch.
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Thema und Entstehungshintergrund

In der psychotherapeutischen Praxis zeichnet sich seit einiger Zeit ein Paradigmenwechsel ab, der auch im vorliegenden Buch zum Ausdruck kommt. Zum einen verschwimmen starre Grenzen zwischen einzelnen Therapieverfahren immer mehr, zum anderen werden stetig neue Interventionen entwickelt, die nicht mehr auf einzelne Störungen abzielen – die sog. Störungsspezifischen Interventionen – sondern solche, die störungsübergreifend Einsatz finden. Transdiagnostisch (ein etwas anderer Begriff dafür) bezeichnen dabei solche Interventionen, die sich bei mehreren unterschiedlichen Diagnosen bzw. Störungen als hilfreich erwiesen haben. Beispiele hierfür sind die Fähigkeit zu Akzeptieren und Loszulassen, oder Metakognitionen. Hier werden nun Emotionen bzw. emotionale Störungen als transdiagnostisch relevante Faktoren in den Fokus genommen, da diese nach Ansicht der Autoren u.a. bei depressiven Störungen, Angsterkrankungen und einigen Persönlichkeitsstörungen zu finden sind. Im ersten Kapitel wird dies dahingehend spezifiziert, dass vor allem häufige, starke Emotionen, eigene negative Reaktionen auf Emotionen und das Vermeiden von Emotionen ausschlaggebend für die Entstehung einer Pathologie gelten. Damit beziehen die Autoren implizit die Nutzung von Emotionsregulationsstrategien mit ein und rücken so in die Nähe vergleichbarer Autoren (als ein Beispiel sie das Training emotionaler Kompetenzen von Prof. Matthias Berking genannt). Im Unterschied zu weiteren Publikationen mit ähnlicher Thematik (zumindest zu jenen mir bekannten) liegt mit dem hier besprochenen Buch allerdings das erste Patienten- bzw. Übungsbuch vor. Es erschien zeitgleich mit einem ausführlicheren Therapeutenmanual.

Beide Bücher stellen die Übersetzung von Veröffentlichungen der Arbeitsgruppe um David Barlow dar, einem der weltweit bekanntesten Wissenschaftler und Autor mit dem Schwerpunktthema Angst.

Autor*innen

David H. Barlow, PhD ist emeritierter Professor für Psychologie und Psychiatrie und Gründer des Center for Anxiety and related Disorders der Boston University. Er ist Hauptherausgeber einer Reihe von Therapiemanualen und Patientenbüchern sowie Herausgeber von The Oxford Handbook of Clinical Psychology. Er hat über 600 Fachartikel und Kapitel in mehr als 80 Büchern und klinischen Manualen veröffentlicht, hauptsächlich in den Bereichen Beschreibung und Behandlung emotionaler Störungen und klinische Forschungsmethoden. Barlow ist weltweit als einer der führenden Experten für die Behandlung von Angststörungen bekannt und galt lange als Vertreter störungsspezifischer Ansätze.

Prof. Dr.phil. Franz Caspar ist emeritierter Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern. Dort trat er die Nachfolge von Prof. Klaus Grawe an. Ebenfalls dort leitete er die Psychotherapie-Ambulanz und zwei Psychotherapie-Weiterbildungsprogramme. Er ist Forschungsrat beim Schweizerischen Nationalfonds und unter anderem Past President der Society for Psychotherapy Research und der International Federation for Psychotherapy. Zu seinen Forschungsinteressen zählen insbesondere die therapeutische Beziehung sowie die Plananalyse. Er zeichnet sich für die deutschsprachige Übersetzung verantwortlich.

Als weitere Autoren werden genannt: Todd J. Farchione, Shannon Sauer-Zavala, Heather Murray-Latin, Jacqueline R. Bullis, Kristen K. Ellard, Kate H. Bentley, Hannah T. Boettcher und Clair Cassiello-Robbins, alle MitarbeiterInnen der Boston University bzw. der Harvard Medical School.

Aufbau

Das Arbeitsbuch gliedert sich in 13 Kapiteln, die sich auf unterschiedliche therapeutisch relevante Ziele im Umgang mit emotionalen Störungen beziehen, bzw. verschiedene Fähigkeiten beschreiben. Den einzelnen Kapiteln stehen kurz gefasste Ziele voran, die im jeweiligen Kapitel verfolgt werden. Am Ende finden sich Zusammenfassungen sowie mögliche Hausaufgaben und die dazu notwendigen Formulare und Arbeitsblätter. Weiterführende Links, z.B. zum Herunterladen der Arbeitsblätter finden sich unter den jeweiligen Formularen. (Hier wäre ein Link zu den kompletten Arbeitsblättern bspw. im vorderen Teil des Buches womöglich sinnvoller gewesen).

Dem „eigentlichen“ Buch ist ein Vorwort vorangestellt und im Anhang finden sich weitere Informationen zu Selbstbeurteilungsfragebögen, Beispielformulare und ein Glossar mit wichtigen Definitionen zu Schlüsselbegriffen.

Die grafische Aufmachung ist einfach gehalten. Neben grau gefärbten Skizzen finden sich grau und blau hinterlegte Grafiken und Tabellen. Wichtige Stellen im Text sind zur besseren Lesbarkeit fett markiert.

Inhalt

Die einzelnen Inhalte bzw. Fähigkeiten stellen die Autoren als ein Haus mit Fundament, mehreren Stockwerken und dem Dach dar. In den einzelnen Kapiteln wird immer wieder Bezug auf dieses Bild genommen, sodass dem Leser stets die Verbindung der Komponenten und damit deren Wichtigkeit erinnerbar ist.

Kapitel 1: Was sind emotionale Störungen?

Im ersten Kapitel erfährt der Leser, was die Autoren unter emotionalen Störungen verstehen und in welche Komponenten man diese zerlegen kann (s. oben). Anhand von Fallbeispielen, die sich durch das weitere Buch ziehen, werden die Auswirkungen veranschaulicht. Spezifische emotionale Störungen werden je nach Diagnose bzw. psychischer Störung dargestellt, um dem Leser Hilfestellung hinsichtlich der eigenen Schwierigkeiten zu geben und um diese einsortieren zu können. Zur Förderung des Commitments wird der Leser mittels Checkboxen gefragt, ob er eine weitere Behandlung unter den erläuterten Gesichtspunkten als hilfreich erachtet.

Kapitel 2: Über diese Behandlung

Im zweiten Kapitel wird über die Behandlung aufgeklärt. Der Leser bekommt eine Übersicht über die folgenden Kapitel und einen Leitfaden, wie das Buch am besten zu benutzen ist. Dabei werden auch Fragen zu parallel stattfindenden Behandlungen aufgegriffen und im besten verhaltenstherapeutischen Sinne werden Vor- und Nachteile (hier als Kosten bezeichnet) einander gegenübergestellt, um die Motivation weiter zu stärken und mögliche Hindernisse im Vorfeld zu klären.

Kapitel 3: Lernen Sie, Ihre Erfahrungen aufzuzeichnen

Analog zum Vorgehen in einer psychotherapeutischen Behandlung wird der Leser mit dem Prinzip der Selbstbeobachtung und der Praxis der Dokumentation vertraut gemacht. Es ist gemeinhin bekannt, dass psychotherapeutisches Wirken hauptsächlich zwischen einzelnen Sitzungen stattfindet, sodass dies auf das Manual übertragen wurde. Ausführlich werden Nutzen und Vorteile einer Selbstdokumentation erläutert, bevor das konkrete Vorgehen schrittweise erläutert wird. Am Ende des Kapitels befinden sich einige Skalen und Formulare, die der Nutzer wochenweise bearbeiten soll. Dabei wird zwischen notwendigen und optionalen Formularen unterschieden, was sich aufgrund der Wahlfreiheit wiederum positiv auf die Motivation auszuwirken vermag. Die Formulare entsprechen klassischen Fragebögen mit mehrstufigen Ratingskalen.

Kapitel 4: Ziele setzen und Motivation aufrechterhalten

Das vierte Kapitel beginnt mit einer Evaluation der Hausaufgaben des vorherigen Kapitels. Es erfolgt eine spezifischere motivationale Klärung durch eine genauere Analyse der Problemgebiete und dem Setzen erreichbarer Ziele mittels einer angepassten Version der bekannten Zielerreichungsskala (GAS). Der Leser wird aufgefordert, sich mit den Vor- und Nachteilen von Veränderungen zu befassen und so zu einer ausgewogenen Entscheidungsbalance zu kommen.

Kapitel 5: Ihre Emotionen verstehen – Was ist eine Emotion?

In diesem Kapitel erfährt der Leser, warum Emotionen notwendig und hilfreich sind und wie diese in Teilbereiche zerlegt werden können, damit besser mit ihnen umzugehen ist. Dazu begründen die Autoren, warum sie Emotionen in den Fokus des Buches genommen haben und welche Funktion Emotionen im Alltag haben. Beispielhaft werden einzelne Emotionen beschrieben und dann in die Komponenten Kognition, Physiologie und Verhalten zerlegt. Das Drei-Komponenten-Modell stellt dann auch die weitere Hausaufgabe dar.

Kapitel 6: Ihre Emotionen verstehen – Dem Verlauf der Emotion folgen

Im sechsten Kapitel wird der Weg der Selbstbeobachtung weitere beschritten und ausgebaut. Der Leser erfährt, welche Muster hinter emotionalen Auslösern stehen können und wie er diese erkennen kann. Außerdem werden kurz- und langfristige Konsequenzen von emotionalen Reaktionen beleuchtet. Exemplarisch werden hierzu der typische Verlauf einer emotionalen Reaktion und spezifische Auslöser für verschiedene psychische Störungen tabellarisch aufgezeigt. Der Nutzer des Buches soll so angeleitet werden, eigene Dynamiken zu erkennen und diese im folgenden Arbeitsblatt aufzuschreiben.

Kapitel 7: Achtsame Bewusstheit für Emotionen

Für eine hilfreiche Beobachtung unangenehmer Emotionen hat sich die achtsame und nicht wertende Wahrnehmung als hilfreich erwiesen. In die Bestandteile dieser Fähigkeit führt das siebente Kapitel ein. Darin werden erst die Vorteile einer gegenwartsorientierten und bewertungsfreien Haltung gegenüber den emotionalen Erfahrungen dargelegt, bevor mehrere kurze Achtsamkeits- und Wahrnehmungsübungen angeboten werden. Dazu geben die Autoren konkrete Schritte vor und verlieren den Bezug zu den eingangs festgelegten Behandlungszielen nicht. Als hilfreich können die eingestreuten Selbstinstruktionen und kleinen Tipps zur Verankerung in der Gegenwart genannte werden.

Kapitel 8: Kognitive Flexibilität

Unter kognitiver Flexibilität verstehen die Autoren die Fähigkeit, den Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen besser zu verstehen und die dahinter stehenden Denkmuster zu identifizieren, umso flexibler im Denken sein zu können. Damit definieren die Autoren Gedanken als wichtigen Bestandteil einer emotionalen Erfahrung entsprechend des bereits vorgestellten Drei-Komponenten-Modells. Inhaltlich lehnt sich das Kapitel an Erkenntnisse der kognitiven Therapien an, indem automatische Gedanken und typische Denkfallen verdeutlicht werden. Die konkreten Strategien um das Denken flexibler werden zu lassen, entsprechen dann im Wesentlichen bekannten Interventionen der kognitiven Umstrukturierung (z.B. die Pfeil-Abwärts-Strategie). In der Selbstbeurteilung wird das Konzept um metakognitive Überlegungen erweitert, indem die erlebte Kontrolle über Denkprozesse erfragt wird.

Kapitel 9: Emotionsbezogenem Verhalten entgegenwirken

Im dritten Geschoss geht es um emotionsbezogenes Verhalten, also dem Verhalten, das genutzt wird, um mit starken Emotionen umzugehen. Die Autoren erläutern dies näher und differenzieren hilfreiches und hinderliches Verhalten. Kern des Kapitels nimmt die Frage ein, warum Menschen trotz negativer Konsequenzen beharrlich auf solche Verhaltensweisen zurückgreifen, die negative Konsequenzen haben. Tabellarisch werden die Kurz- und Langzeitkonsequenzen spezieller Verhaltensweisen veranschaulicht. Besonders interessant ist hier die Unterteilung in emotionsgesteuertes Verhalten, offenes und subtil-verdecktes sowie kognitives Vermeiden und die Nutzung von Sicherheitssignalen. Möglichkeiten, aufgebaute Teufelskreise zu durchbrechen werden ebenso thematisiert, wie hilfreiche alternative Handlungsmöglichkeiten vorgestellt werden.

Kapitel 10: Körperliche Empfindungen verstehen und angehen

Hier wird dem Leser vermittelt, wie er körperliche Empfindungen identifizieren kann, die eine Verbindung zu emotionalem Erleben haben und wie diese miteinander interferieren. Außerdem wird erläutert, wie sich die Vermeidung dieses Erlebens negativ auf die Entstehung und Aufrechterhaltung emotionaler Störungen auswirkt und wie eine vermehrte Zuwendung bis hin zum absichtlichen Hervorrufen körperlicher Symptome für die Behandlung genutzt werden können. Die Autoren bedienen sich hier als verschiedener Methoden aus expositionsbasierten Ansätzen.

Kapitel 11: Umsetzen in der Praxis – Emotions-Exposition

Das elfte Kapitel stellt quasi eine Zusammenführung der vorherigen Kapitel und damit eine Bündelung der vermittelten Fertigkeiten dar. Ziel ist es, den Leser dazu zu motivieren, sich eigenständige Emotions-Expositionsübungen zu suchen und sich mit diesen wiederholt zu konfrontieren. Dabei werden unterschiedliche Arten dieser Expositionsübungen illustriert und praktische Tipps vermittelt. Die Botschaft des Übens als Schlüsselfaktor wird deutlich in den Vordergrund gestellt.

Kapitel 12: Die Rolle der Medikation in der Behandlung emotionaler Störungen

Der Titel des Kapitels ist selbsterklärend. Die Autoren beleuchten den Einfluss psychopharmakologischer Medikation, indem sie die verschiedenen Stoffgruppen vorstellen und häufige Fragen, z.B. zur Wechselwirkung zwischen Psycho- und Pharmakotherapie nennen.

Kapitel 13: Weiter von hier: Das Erreichte anerkennen und in Ihre Zukunft schauen

Weniger als Fazit denn als Handlungsplan für die Zeit nach der Lektüre des Buches und als Kompass für weiteres Üben ist das letzte Kapitel gedacht. So erhält der Leser noch einmal eine komprimierte Zusammenfassung der Behandlungsziele und wird dazu ermutigt, eigene Fortschritte immer wieder in den Blick zu nehmen und zu bewerten. Darauf aufbauend werden Vorschläge zur Planung weiterer Übungen gemacht, mögliche Hindernisse werden vorweggenommen.

Diskussion

Das Buch stellt eine Hälfte eines Duos dar, das Helfer und Betroffene gleichermaßen an die Hand nehmen und einen kompetenten Umgang mit Emotionen und emotionalen Störungen vermitteln soll. Dabei folgen sowohl Therapeuten- wie auch Patientenmanual transdiagnostischen Strömungen auf der Grundlage der kognitiven Verhaltenstherapie. So erwartet – zumindest den erfahrenen Leser – nichts wirklich Neues bei der Lektüre. Viele der enthaltenen Interventionen gehören zum Standardrepertoire der Verhaltenstherapie, mittlerweile ergänzt durch emotionsfokussierte sowie achtsamkeits- und akzeptanzorientierte Techniken der sog. „Dritte Welle“. Damit ließe sich das Buch leicht auf eine Sammlung möglicher, weitgehend bekannter Interventionen reduzieren, das so manch erfahrener Praktiker nach kurzem Stöbern wieder zurücklegen mag. Damit blieben allerdings zwei wesentliche Aspekte im Verborgenen.

  • Zum einen handelt es sich beim vorliegenden Buch um das Erste (mir bekannte) Buch zur Thematik emotionaler Störungen, welches sich als praktisches Arbeitsbuch direkt an Betroffene richtet.
  • Zum anderen weist das Buch eine aufeinander aufbauende Logik auf, sodass sich aus der Anwendung einzelner Techniken ein kompletter Behandlungsansatz ergibt. Zwar ist auch dieser nicht wirklich neu, überzeugt aber durch den nachvollziehbaren Aufbau und seine Praktikabilität.

Dennoch erscheint das Buch im Vergleich zu sonstiger Selbsthilfeliteratur etwas spröde. Den wissenschaftlichen Hintergrund vermag das Buch nicht zu verstecken, kommt es doch mit sehr viel Text daher. Auflockernde Grafiken und Bilder fehlen weitegehend bzw. präsentieren sich eher zweckmäßig. Im Text selbst zeigen sich die Autoren sehr bemüht, Motivationslöchern zuvorzukommen und auftretende Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Angesichts der hohen Textdichte scheint dieser Versuch jedoch eher bemüht, auch wenn die Texte selbst verständlich geschrieben sind. So mangelt es auch nicht an Beispielen und Erklärungen, was allerdings auch inhaltliche Redundanzen bedeutet. Bewusst scheinen die Verfasser aber auch auf Wiederholung zu setzen, um neue neuronale Verbindungen zu erleichtern. So wird der Leser immer wieder dazu aufgefordert, seine Selbstbeobachtung fortzuführen und sich selbst zum Trainer zu entwickeln. Damit scheint das Buch als reines Anwenderbuch dann auch den sog. YAVIS-Patienten vorbehalten zu sein, jenen Patienten die über ausreichende intellektuelle Fähigkeiten verfügen, größere Textmengen zu verdauen und die vermittelten Inhalte dann auch noch eigenständig umzusetzen. Aus der Praxis scheint dies gerade bei jenen psychischen Störungen mit interferierenden motivationalen und kognitiven Schwierigkeiten problematisch bis hin zu unmöglich. Ein Patient mit mittelgradiger depressiver Störung, der sich durch das Buch hindurcharbeitet, bis er erste Erfolge spürt? Ich wage es zu bezweifeln. Gerade die Exposition mit aversivem emotionalem Erleben stellt in der Psychotherapie ein wichtiges Thema dar, verbunden mit diversen Schwierigkeiten. Menschen die unter zumindest mittelgradig ausgeprägten (emotionalen) Störungen leiden, sind vielfach zu Experten im Vermeiden geworden. Bereits mit therapeutischer Unterstützung ist die Zuwendung zum Vermiedenen schwer und oft langwierig, ein Arbeitsbuch muss hier gewissermaßen an seine Grenzen geraten. Allerdings ist dies den Autoren auch bewusst, raten sie doch zu therapeutischer Begleitung bei persistierenden Schwierigkeiten. Und obwohl es mehrfach im Text steht, hatte ich doch ein ungutes Gefühl bei der Lektüre des Kapitels zu begleitender Psychopharmakotherapie hinsichtlich des Absetzens von Medikamenten. Ja, die Warnung vor Experimenten und der Hinweis auf die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt sind vorhanden. Dennoch hätte ich mir diese expliziter gewünscht.

Warum ein derartiges Buch? Und warum noch ein extra Manual? Weil es dann auf einmal Sinn macht! (Nicht nur) Durch die Lektüre des Manuals qualifizieren sich professionelle Helfer in der Anwendung transdiagnostischer Interventionen bei emotionalen Störungen und können diese in einen Gesamtbehandlungsplan einbetten. Aus dem Arbeitsbuch können nun einzelne Interventionen und Arbeitsblätter ausgewählt und mit den Patienten besprochen und durchgeführt werden. Dies passt dann auch zu den von Caspar im Vorwort betonten Plananalysen und kann in die therapeutische Beziehung eingepasst werden. Letztlich bietet das Arbeitsbuch nämlich eine ganze Menge hilfreichen Input, der in handhabbare Stücke aufgeteilt, großen Nutzen bietet und hervorragend in die Praxis integrierbar ist.

Fazit

Mit dem Arbeitsbuch „Transdiagnostische Behandlung emotionaler Störungen“ liegt ein wissenschaftlich fundiertes Selbsthilfebuch vor, das Menschen mit psychischer Belastung dann unterstützen kann, wenn Emotionen als problematisch wahrgenommen werden. Das Buch folgt einem aufeinander aufbauenden Modell, in dem Fertigkeiten erlernt und geübt werden sollen, die einen kompetenten Umgang mit emotionalen Störungen ermöglichen. Die Inhalte werden dabei anschaulich vermittelt, allerdings von der hohen Textdichte überschattet. Eine anschaulichere Präsentation, z.B. durch Bilder wäre dem Lesefluss zuträglich gewesen. Sämtliche Inhalte sind gut aufeinander abgestimmt, die Vermittlung erfolgt nachvollziehbar und durch den Einbezug der Arbeitsblätter kann das Buch nutzbringend eingesetzt werden – vor allem begleitend in Therapie und Beratung.


Rezension von
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Psychologischer Psychotherapeut (VT);Dipl.-Soz.päd.
Ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg
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Zitiervorschlag
Tobias Eisenmann. Rezension vom 19.06.2020 zu: David H. Barlow, Kristen K. Ellard, Todd J. Farchione, Shannon Sauer-Zavala, Heather Murray Latin u.a.: Transdiagnostische Behandlung emotionaler Störungen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-456-85241-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26263.php, Datum des Zugriffs 01.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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