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Wilhelm Körner, Georg Hörmann: Staatliche Kindeswohlgefährdung?

Cover Wilhelm Körner, Georg Hörmann: Staatliche Kindeswohlgefährdung? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 298 Seiten. ISBN 978-3-7799-3969-6. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Prävention im Kindes- und Jugendalter.
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Thema

In diesem dringend notwendigen Buch wird der Versuch unternommen, die medial emotionalisiert ausgeschlachteten Kinderschutzskandale und den enormen Anstieg von Inobhutnahmen und Fremdunterbringungen von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren im Hinblick auf die unterschiedlichen am Prozess der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung beteiligten Professionen (Sozialpädagogik, Soziale Arbeit, Erziehungswissenschaften, Psychologie, Medizin, Rechtswissenschaften) multiperspektivisch, interdisziplinär und vor allem kritisch zu betrachten.

Herausgeber

  • Wilhelm Körner, Dr. phil., Dipl.-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Rechtspsychologische Gemeinschaftspraxis, Münster
  • Georg Hörmann, Prof. Dr. mult., Arzt/Psychotherapie, Dipl.-Psychologe, Rechtspsychologische Gemeinschaftspraxis, Münster

Aufbau

Der Sammelband enthält neben der Einleitung der Herausgeber insgesamt 20 Artikel von 24 Autor*innen.

„Staatliche Kindeswohlgefährdung?“ gliedert sich in drei Teile.

Im ersten Teil „Grundfragen des staatlichen Handelns“ werden aus der rechtlichen Unbestimmtheit des Begriffs „Kindeswohlgefährdung“ Verbesserungen bei den Gefährdungseinschätzungsprozessen vorgeschlagen sowie die Hinwendung der Jugendämter zum intervenierenden statt präventiven Kinderschutz kritisiert. Weiter werden die positiven Effekte für den Kinderschutz vorgestellt, die eine Implementierung der Kinderrechte ins Grundgesetz bedeuten könnte. Thematisiert wird auch die (unzureichende) Beachtung von Urteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte für rechtliche nationale Kinderschutz- und Kinderrechts-Verfahren.

Im zweiten Teil „Probleme und Innovationen des staatlichen Handelns“ wird der bundespolitische Umgang mit der Forderung nach einer „Unabhängigen Kommission zur Auswertung von Erfahrungen mit der Kinder- und Jugendhilfe und der Familiengerichtsbarkeit“ hinterfragt. Andere Autor*innen beschäftigen sich mit der Notwendigkeit der Spezialisierung der Heimerziehung, mit dem komplexen Aufgabenfeld und den gleichzeitig schlechten Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter*innen des Allgemeinen Sozialen Dienstes als Teil des Jugendamtes sowie mit den Auswirkungen des Mangels an staatlichen Qualitätsstandards zur Integrationen von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen. Als gelungenes Beispiel der Aufnahme des Themas Kinderschutz und Kindeswohlgefährdung in das universitäre Ausbildungscurriculum von Sozial-, Erziehungs- und Rechtswissenschaftler*innen wird das Frankfurter Modell vorgeschlagen.

Im Hinblick auf den zunehmende Erstellung von Schutzkonzepten wird bemängelt, dass diese Gefahr laufen, als reine Kontroll- und Zwangsinstrumente zur Veränderung elterlichen Verhaltens instrumentalisiert zu werden und dies wiederum dem freiheitlichen Grundsatz der Sozialen Arbeit entgegensteht. Ein kritischer Überblick zu den gängigen Diagnostik- Verfahren, Gefährdungs-Screenings und Dokumentations- und Diagnostikbögen zur Einschätzung von Kindeswohlgefährdung sowie ein Plädoyer für den Einsatz standardisierter Berurteilungsverfahren von Kindeswohlgefährdung findet sich in den letzten beiden Artikeln des zweiten Teils.

Im dritten Teil „Folgen des staatlichen Handelns“ werden die Zusammenhänge zwischen einer unzureichenden Politik zur Bekämpfung von Armut und Kindeswohlgefährdung erläutert. Die anderen Beiträge beschäftigen sich mit den Auswirkungen und Folgen von staatlich veranlassten Maßnahmen (Inobhutnahmen, dauerhafte Fremdunterbringungen, Einschränkung bzw. Entzug des Umgangs- und Sorgerechts) zum (vermeintlichen) Schutz des Kindeswohls. Analysen der vorhandenen Statistiken zu Inobhutnahmen und Kindeswohlgefährdung werden systematisch vorgenommen und Fälle aus Sicht von betroffenen Eltern und Professionellen geschildert sowie der Nutzen von Jugendschutzstellen (Einrichtungen, in denen Jugendliche in Folge einer Inobhutnahme in Gruppenkontexten untergebracht werden) aus Sicht von Jugendlichen dargestellt.

Inhalt

Teil I: Grundfragen staatlichen Handelns

Georg Hensen und Reinhold Schone beleuchten die Folgen für Eltern und Kinder, die durch den bisherigen Mangel einer klaren, rechtlichen Bestimmung des Begriffs Kindeswohlgefährdung verursacht werden. Wenngleich die Offenheit und Unbestimmtheit des Begriffs der Komplexität des Einschätzungsprozesses von Kindeswohlgefährdung Rechnung tragen, bedarf es laut den Autoren eines Verständnisses von Kindeswohlgefährdung als zugleich rechtliches und normatives Konstrukt. D.h, die am Prozess der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung teilnehmenden Akteure müssen ihre eigenen Bewertungsmaßstäbe gründlich reflektieren bzw. zwischen Tatsachen und Meinungen unterscheiden. Die Autoren fordern damit einen Minimalkonsens bei der Bestimmung der mit dem Begriff assoziierten Gewaltphänomene gegen Kinder und Jugendliche. Unbeleuchtet lassen die Autoren in diesem Zusammenhang das allgemeine Problem der Deutungshoheit in interdisziplinären Prozessen.

Wolfgang Hammer kritisiert in seinen beiden Artikeln in diesem Buch die Hinwendung der Jugendämter zum intervenierenden Kinderschutz zuungunsten des präventiven Kinderschutzes. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) verfehle seine Leitziele, wie die Vermeidung von Benachteiligung, den Ausbau positiver Lebensbedingungen, der Schaffung einer kinder- und familienfreundlichen Umwelt, solange nur an Symptomen herumgedoktert werde und es keine ausreichende Zusammenarbeit zwischen Gesundheits-, Schul-, Sozial- und Arbeitspolitik zur Bekämpfung von Kinderarmut gebe, letztere stelle den Indikator schlechthin für Kindeswohlgefährdung dar.

Wolfgang Rosenkötter beleuchtet den zentralen Schutzfaktor von Kindern, der in der Resilienz und Selbstwirksamkeit bestehe, welche Kinder erlangen, indem sie demokratisch erzogen würden, d.h. dass sie ihre Rechte kennen und beteiligt werden. Eine zentrale Verbesserung des Kinderschutzes sieht er in der Aufnahme der UN-Kinderrechte ins Grundgesetz, in der Installation von Kinderschutzbeauftragten in jedem Bundesland und in unabhängigen Ombudsstellen für Kinder.

Franz J.A. Romer arbeitet in seinem Artikel zum Einfluss von Urteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) gegenüber nationalen Urteilen in Deutschland heraus, dass die Entscheidungen des EGMR die Rechtskraft deutscher Entscheidungen letztlich unberührt ließen bzw. es keine Informationen dazu gebe, was Deutschland unternehme, um die Entscheidungen umzusetzen, d.h. z.B. Richter und Mitarbeitende von Jugendämtern über die Urteile des EGMR zu unterrichten und zur Umsetzung zu verpflichten.

Teil II: Probleme und Innovationen des staatlichen Handelns

Monika Armand hinterfragt, was von der Forderung des CDU-Politikers Marcus Weinberg nach der Einrichtung einer Unabhängigen Kommission zur Auswertung von Erfahrungen mit der Kinder- und Jugendhilfe und der Familiengerichtsbarkeit übrig geblieben ist. So wurde anstelle dieser Kommission ein Forschungsprojekt bei einem gewinnorientierten Unternehmen (IKJ ProQualitas GmbH) zur Untersuchung problematischer Kinderschutzverläufe von der Bundesregierung in Auftrag gegeben. Armand hält aber die Einrichtung einer unabhängigen Beratungsinstanz für Einzelfälle von besonderer Bedeutung für Betroffene wichtig.

Wolfgang Rosenkötter plädiert für eine Ausdifferenzierung der Heimerziehungslandschaft nach den unterschiedlichen Hilfebedarfen („Schädigungsbildern“) junger Menschen sowie für die Einführung eines individuell-differenzierten Feststellungsverfahrens zur Heimerziehungsbedürftigkeit. Er greift damit die bisherige Schwierigkeit auf, einerseits die Indikation für eine Heimerziehung klar und konkret zu definieren und andererseits entsprechende individuell zugeschnittene, hilfreiche Angebote in der Heimerziehung zu finden.

Joel Oliver Zombou bemängelt den staatlichen Umgang mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen (UMF) und vertritt die vorsichtige These einer strukturellen Diskriminierung zwischen minderjährigen Deutschen und UMF. Da es an bundesweiten Qualitätsstandards zum Umgang und zur Integration von UMF für Kommunen und Ausländerbehörden mangle, sind die Perspektiven für UMF auf Integration abhängig von den zum Teil stark variierenden kommunalen Ansätzen der Ausländerbehörden.

Kathinka Beckmann fasst die 2018 veröffentlichte Studie zum Ist-Zustand der Arbeitssituation des Allgemeinen Sozialen Dienstes bzw. der Bezirkssozialarbeit als ein Teil des Jugendamtes zusammen. Danach sind die Einführung einer Fallobergrenze pro ASD- Mitarbeiter*in, eine angemessene technisch-räumliche Ausstattung, ein Dokumentationssystem nach Sinnhaftigkeit und nicht primär aus Absicherungsgründen sowie eine angemessene Einarbeitung neuer Kolleg*innen zentrale Bedingungen, um den Mitarbeiter*innen die Zeit zu verschaffen, ihrer wichtigen Funktion als Beratungsinstanz nachzukommen und nicht nur als Feuerwehr in Notfällen im Sinne von Verdachtsmeldungen auf Kindeswohlgefährdung gemäß §§ 8a, 8b SGB VIII zu agieren.

Carola Berneiser zeigt anhand des interdisziplinären Frankfurter Modells der Studiengänge Soziale Arbeit, Erziehungs- und Rechtswissenschaften zum Thema Kinderschutz die Notwendigkeit auf, ein bundesweit verpflichtendes Lehr- und Lernangebot in den genannten Studiengängen zu installieren. Dass entsprechende Curricula eines kooperierenden Kinderschutzes nicht längst bundesweit erstellt wurden seit der Ratifizierung der UN- Kinderrechtskonvention und spätestens seit der Einführung des Bundeskinderschutzgesetzes, deckt einen gewaltigen Missstand in der Realisierung des Vorrangs des Kindeswohls auf.

Reinhold Schone identifiziert, dass zunehmend Schutzkonzepte als Mittel zur Kontrolle von Eltern und als Mittel zur Risikoeingrenzung von öffentlichen und freien Jugendhilfeträgern genutzt werden. Dabei gehe es nicht um die konkrete Abwehr unmittelbar bevorstehender Gefährdungen des Kindeswohls, sondern darum, Eltern zur Veränderung ihres Verhaltens zu zwingen, um mögliche Gefahren zu vermeiden. Dadurch würde die individuelle Freiheit und die Privatheit des familiären Lebens bis hin zur Verfassungswidrigkeit eingeschränkt.

Schone teilt mit Hammer die These der problematischen Zunahme des intervenierenden, kontrollierenden, freiheitseinschränkenden Kinderschutzes.

Einen Überblick zu den gängigen Risikoinventaren für Kindeswohlgefährdung in Form von Diagnostik-Verfahren, Gefährdungs-Screenings und Dokumentations- und Diagnostikbögen geben Franka Metzner, Philipp Wolkwitz, Nora Martha Lehmann, Silke Pawlis. Die Autor*innen kommen zu dem Ergebnis, dass nicht alle Risikoinventare eine Einschätzung aus Sicht der Eltern sowie eine Schutzfaktorenanalyse vorsehen. Weiter verweisen sie auf die fehlende Validierung der Risikoinventare durch eine wissenschaftliche Begleitforschung sowie eine mangelnde Migrationssensibilität der genutzten Instrumente.

Wilhelm Körner hat in seinem Artikel geeignete Diagnoseinstrumente zur Erkennung von Kindeswohlgefährdung ausgewählt und stellt diese vor. Er plädiert für den Einsatz von standardisierten Beurteilungsverfahren, weil sie zuverlässigere Ergebnisse erzielen als nicht- standarisierte, personenabhängige Verfahren.

Teil III: Folgen staatlichen Handelns

Anne Lenze beleuchtet die Frage, inwiefern die staatlich installierten Instrumente zur Bekämpfung von Kinderarmut geeignet erscheinen, um durch Armut verursachte Gefährdungsindikatoren für ein entwicklungsförderliches Aufwachsen von Kindern einzudämmen. Sie kritisiert das existenzminimalistische Niveau der Grundsicherung, welches zur Folge habe, dass Kindern, die im Grundsicherungsbezug stehen, der Ausschluss von Lebenschancen drohe, wie die Teilhabe an Bildung, gesunder Ernährung, Sport, Musik etc. Weiter fordert sie energische Maßnahmen gegen den in Deutschland ausgeprägten Niedriglohnsektor und den Abzug des errechneten Existenzminimums von Kindern bei der Beitragsbemessung im Rahmen von Renten-/​Kranken- und Pflegeversicherung. Leider gibt die Autorin keine Hinweise zur Frage, ob gegebenenfalls ein Zusammenhang von Armutsrisiko und Inobhutnahmen besteht bzw. statistisch nachweisbar ist.

Katrin Hummel kritisiert ungerechtfertigte Inobhutnahmen durch die am Kinderschutz beteiligen Akteure, wie freie und öffentliche Jugendhilfeträger sowie Familiengerichte, die sie u.a. auf den ökonomischen Anreiz für Inobhutnahmen zurückführt. Demnach verdienen freie Träger in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt immense Summen (9 Milliarden Euro jährlich) mit Inobhutnahmen. Hier fehlt eine dezidierte Betrachtung, wie viele, der in dieser Summe eingerechneten, Inobhutnahmen sich im Nachhinein als ungerechtfertigt erwiesen haben.

Auch Andrea Christidis beklagt in ihrem Artikel „Jugendhilfe als Geschäft“ die zu vermutenden ökonomischen Interessen der am Prozess der Inobhutnahmen agierenden Akteure. Sie verweist dabei auf die nicht definierten, also mangelnden verbindlich festgelegten Gütekriterien für die von Gerichten an selbstständig tätige Gutachter*innen in Auftrag gegebenen Erstellungen von Erziehungsfähigkeitsgutachten. Da, ihrer Meinung nach, Familienrichter*innen sich in der Regel an den Einschätzungen solcher Gutachten und an den Berichten der Jugendamtsmitarbeiter*innen orientieren, ist ihre Neutralität und Unabhängigkeit bei der Urteilsfindung zum Nachteil der Eltern und Kinder nicht gegeben.

Weiter wertet sie pauschal Jugendamtsmitarbeiterinnen als nicht ausreichend qualifiziert ab. Im Hinblick auf die Gehirnentwicklung von Kindern zieht sie Studien heran, die nachweisen sollen, dass eine Erziehung durch leibliche Eltern oder Pflegeeltern der Heimerziehung vorzuziehen ist. Dabei betrachtet Christidis nicht differenziert, unter welchen Bedingungen betroffene Kinder vor ihrer Heimunterbringung gelebt und wie diese ihre Gehirnentwicklung geprägt haben.

Birger Antholz unternimmt den Versuch, anhand von Statistiken zu Inobhutnahmen in den Jahren 1995 bis 2016 nachzuweisen, dass nicht die Notwendigkeit, d.h. gewichtige Anhaltspunkte der Gefährdung des Kindeswohls, die extrem ansteigende Zahl von Inobhutnahmen begründen, sondern diese sich durch die lokal stark variierenden Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe erklären. Seine Ergebnisse verdeutlichen, wie Willkür und regionale Strukturen des Kinder- und Jugendhilfesystems bei der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung zum Tragen kommen. Bemerkenswert sind weiter seine statistisch fundierten Befunde, dass weniger die Zunahme „schwieriger“ Kinder oder „Problemfälle“ (wie Armut, Schulabbruch, Gewalt, Kriminalität oder sonstiger Drittfaktoren) den Inobhutnahme-Anstieg erklären kann, sondern der „Anstieg der Heimkinder“ einen statistisch nachweisbaren gesellschaftlichen „positiven Trend ins Negative um(kehrt)“ (S. 232). Mit dem – aus seiner Sicht nicht gerechtfertigten – Ausbau des Personals im Allgemeinen Sozialen steigen auch die Anzahl der Kindeswohleinschätzungen und der Inobhutnahmen. Letztlich fehlt allerdings seiner Unterstellung eines „Kinderwegnahmesystems“ zur Sicherstellung des „Jugendamtmitarbeiterwohls“ eine statistische Auswertung der Hintergründe und Folgen von Inobhutnahmen sowie die Sichtweise der Inobhut genommenen jungen Menschen.

Geradezu relativierend zu vor allem Antholz’ und Andrea Christidis’ Artikeln erscheint der Beitrag von Katharina Gundrum, Jacqueline Kunhenn und Gertrud Oelerich. Mit Methoden der sozialpädagogischen Nutzerforschung wird ausschließlich aus Sicht von 19 Jugendlichen zwischen 16 und 17 Jahren, die sich auf eigenen Wunsch in einer Jugendschutzstelle befinden, der Gebrauchswert von Inobhutnahmen analysiert. Diese Interviews belichten die Inobhutnahmen von sog. Selbstmeldern aus der Perspektive von Jugendlichen deutlich differenziert und offenbaren, dass diese einen Ort der Ruhe und des Redens im Sinne eines Hilfs- oder Schutzangebotes gegenüber dem konfliktreichen Alltag der Jugendlichen darstellen können. Gleichzeitig kristallisiert sich heraus, dass der Nutzungsaspekt aus Sicht der Jugendlichen abhängig ist von der jeweiligen (zufälligen) Gruppenkonstellation und vom empathischen Vorgehen der Fachkräfte der Schutzstellen. Der qualitativen Studie, die keinen repräsentativen Anspruch erhebt, fehlen dennoch statistische Daten zum Verhältnis von sog. Selbstmeldern zu zwangsweisen Unterbringungen in Jugendschutzstellen, um eine Einschätzung zu ermöglichen, inwiefern Selbstmelder im Bereich der Inobhutnahmen typisch sind.

In Olaf Przybillas Artikel offenbart sich in einem geschilderten konkreten Fall ein folgenschwerer Dilletantismus der am Prozess beteiligten Behörden beim Gefährdungseinschätzungsprozess. Das Landratsamt Bamberg unterstellte der Bamberger Konzertsängerin Petra Heller, die und deren Sohn an Borreliose litten, die Erkrankung an dem fachlich höchst umstrittenen „Münchhausen-by-proxy-Syndrom“ und entzogen ihr einzig auf dieser Grundlage ihren Sohn mit neun Jahren bis zu dessen Volljährigkeit – ohne die Einräumung jeglichen Umgangskontaktes. Dass in solchen Fällen selbst das Justizministerium keinerlei Einfluss und Kontrolle auf laufende Prozesse ausüben möchte, verdeutlicht, welcher Willkür diese Mutter und ihr Sohn ausgesetzt waren.

Im letzten Artikel beschreibt Aris Christidis detailliert die verheerenden Folgen und Irrwege seines Umgangs- und Sorgerechtsstreits um seine eigenen Kinder. Die Schilderung seiner rechtlichen und privaten Odyssee veranlassen die Leser*innen ihr eigenes Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat, in dem nicht nur alle Menschen als vernünftig, d.h. auch moralisch urteilsfähig anerkannt werden (sollen), sondern auch auf Grundlage der Vernunft und von rationalen Argumenten entschieden werden (soll), zumindest deutlich zu hinterfragen, wenn nicht zu bezweifeln. Gleichzeitig ist die Wut des Autors derart spürbar, dass der Eindruck einer Emotionalisierung der Fakten entsteht, die es dem Leser/der Leserin schwer macht, sich eine objektive Meinung zu bilden.

Diskussion und Fazit

In allen Artikeln wird sichtbar, dass die in den letzten Jahren getätigten rechtlichen und politischen Anstrengungen sowie die Handlungsansätze der Praktiker*innen im Bereich des Kinderschutzes nicht ausreichen, die immanente Normativität des Konstruktes „Kindeswohl“ zu objektivieren, um so ausschließlich am Wohl des Kindes orientiert zu entscheiden und es bestmöglich zu schützen.

Es werden in diesem Buch Irrwege in Einzelfällen und die Instrumentalisierung des Schutzes des Kindeswohls für die Entwicklung eines gigantischen, ökonomischen Marktes sichtbar.

Es zeigt sich, dass es an Instanzen und Mechanismen fehlt, die die Gefährdungseinschätzungen der am Prozess beteiligten Professionen angemessen kontrollieren und evaluieren. Vor allem aber wird deutlich, dass der in den letzen Jahren sukzessive Abbau der präventiven, offenen, niederschwelligen Kinder- und Jugendangebote einen folgenschweren Fehler darstellt: Zum einen in ökonomischer Hinsicht, denn intervenierende Maßnahmen sind um ein vielfaches teurer und zum anderen in moralischer Hinsicht, denn intervenierende Maßnahmen sind selbst häufig oft hochgradig traumatisierende, Bindungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten intensivierende „Hilfen“.

Angesichts der immanenten Normativität des Themas überrascht es nicht, dass die Emotionalität und die Wucht des Themas es den Leser*innen nicht leicht machen, sich eine rational-objektive Meinung zu bilden.

„Staatliche Kindeswohlgefährdung?“ ist ein wichtiges Buch für alle Akteure, die im interdisziplinären, multiprofessionellen Kinderschutz agieren oder zukünftig agieren wollen. Es regt dazu an, die eigene strukturelle Eingebundenheit und die eigenen praktizierten Handlungsansätze zu hinterfragen. Das Buch sorgt damit hoffentlich für eine Verbesserung im kooperierenden Kinderschutz zugunsten des Wohls von Kindern.


Rezensentin
Lucie Tonn
Dipl. Päd., Fachberaterin im Kompetenzzentrum Kinderschutz des Deutschen Kinderschutzbundes Landesverband NRW. e.V.
Homepage www.kinderschutz-in-nrw.de
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Zitiervorschlag
Lucie Tonn. Rezension vom 20.11.2019 zu: Wilhelm Körner, Georg Hörmann: Staatliche Kindeswohlgefährdung? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3969-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26271.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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