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Robert Rossa, Julia Rossa: Alles Übungssache

Robert Rossa, Julia Rossa: Alles Übungssache. 100 therapeutische Hausaufgaben für Kinder und Jugendliche. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 32,95 EUR.

EAN 401-917210010-0.


Robert Rossa, Julia Rossa: Alles Übungssache. 100 therapeutische Hausaufgaben für Kinder und Jugendliche. Kartenset mit 100 Bildkarten.

Thema und Entstehungshintergrund

Im Hinblick auf das Vorgehen im Rahmen einer Psychotherapie kursieren bei Laien immer wieder Missverständnisse und Vorurteile. Diese sind nicht selten durch die mediale Darstellung in Filmen beeinflusst, in denen häufig immer noch die klassische Psychoanalyse nach Freud dargestellt wird, bei der die behandelte Person auf einer Couch liegt und frei assoziierend über sein oder ihr Leben reflektiert. Moderne Psychotherapieformen, die sogenannten Richtlinienpsychotherapieverfahren, gehen jedoch komplett anders vor. Ob es nun um die Gesprächspsychotherapie, die Verhaltenstherapie oder die systemische Therapie geht – sogar die von dem klassisch analytischen Vorgehen abgeleitete tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie zeigt andere Vorgehensweisen. Je nach Ansatz nimmt jedoch die Arbeit außerhalb der Therapiesitzung – im „wirklichen Leben“ – eine zunehmend größere Relevanz ein. Im Rahmen der Sitzungen werden Ideen (z.B. zum Problemlösen) entwickelt, die im Alltag der betreffenden Person dann erprobt und in der nächsten Sitzung reflektiert werden. Mit derartigen therapeutischen „Hausaufgaben“ arbeitet insbesondere die Verhaltenstherapie. Diese ist auch das insbesondere für Kinder und Jugendliche am besten evaluierte Verfahren. Insofern sind diese Hausaufgaben ein essentieller Bestandteil einer Therapie von Kindern und Jugendlichen. Je nach Therapiephase dienen sie der Diagnostik (zu Beginn) oder der Veränderung (weiterer Verlauf).

Autor und Autorin

Dr. Robert Rossa, Dipl. Soz.-päd., ist tätig als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut im Bereich Verhaltenstherapie. Schwerpunkt: Schematherapie und EMDR, amtl. bestellter Betreuungsvisor des Jugendgerichts, Leiter der „Superheldenakademie“.

Julia Rossa, Dipl. Soz.-päd., ist Dozentin für systemische Selbstbehauptungs-Trainings und gewaltfreie Kommunikation für Grundschullehrer; Schulsozialarbeiterin, Einzelfallhilfe und Ausbilderin schulinterner Streitschlichter, fachliche Beratung und Begleitung der Lehrer und Pädagoginnen bei Kindeswohlgefährdungen.

Aufbau und Inhalt

Die Box enthält ein Kartenset von 100 Karten und ein 15seitiges Begleitheft, in dem erläutert wird, wie mit den Karten umgegangen wird. Laut Klappentext eignen sich die Karten für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren. Die 100 Karten sind auf folgende Module aufgeteilt:

  1. Exploration von Informationen
  2. Angst und Depressionen
  3. Wut und Aggression
  4. Konzentration und Organisation
  5. Achtsamkeit und Emotionen

Zu jedem Modul wurden jeweils 20 Karten entwickelt. Die Aufteilung macht deutlich, dass es sich um ein Kartenset handelt, das störungsübergreifend genutzt werden kann und soll. Es finden sich keine Karten, die expliziten Krankheitsbildern zugeordnet wurden, vielmehr wird auf die emotionalen Hintergründe der Störungsbilder eingegangen. Die Hausaufgaben seien sowohl für die Einzel- als auch die Gruppentherapie und im ambulanten und stationären Setting verwendbar. Laut Handbuch (S. 8) sollen mittels der therapeutischen Hausaufgaben folgende Ziele erreicht werden:

  • Informationen explorieren
  • Einsicht und Erfahrung ermöglichen
  • Ressourcen sowie aufrechterhaltende Faktoren erkennen
  • Selbst- und Fremdbeobachtung begünstigen
  • Transfer in den Alltag fördern
  • Systematische Auseinandersetzung mit dem persönlichen Umfeld
  • Annahmen und Einstellungen überprüfen
  • Überdauernde Verhaltensänderung fördern
  • Kommunikation stärken

Diese werden dann für die jeweils zu therapierende Person individualisiert zusammengestellt und auch entsprechend angepasst, denn „(…) Patienten, die keinen Bezug zwischen einer Aufgabe und ihrem Auftrag herstellen können, (zeigen) weniger Bereitschaft, die therapeutische Hausaufgabe zu erledigen“ (S. 5).

Neben derartigen Tipps gehen geht das Autorenteam im Begleitheft darauf ein, wie therapeutische Hausaufgaben konkret in den Therapieprozess eingebaut werden können und wie sie konkret umgesetzt werden sollten. Des Weiteren wird auch auf den Fall eingegangen, wenn sich Kinder weigern, derartige Aufgaben umzusetzen. Der Begriff „Hausaufgaben“ ist bei vielen Kindern und Jugendlichen aufgrund ihrer schulischen Erfahrungen negativ besetzt. Auch darauf geht das Autorenteam kurz ein, nennt jedoch keine Alternative, sondern plädiert vielmehr dafür, das Eigeninteresse des Kindes in Einzel- oder Familiengesprächen herauszuarbeiten und damit die Motivation zu erhöhen.

Abschließend werden konkrete Hinweise zur Anwendung des Kartensets geliefert.

Diskussion

Wie alle Kartensets des Beltz-Verlags besticht auch dieses durch die hervorragende Gestaltung und Verarbeitung. Die Karten sind jeweils auf einer Seite auch für die Zielgruppe sehr ansprechend gestaltet, auf der Rückseite finden sich übersichtliche Erläuterungen der Aufgaben. Die Karten könnten den Kindern und Jugendlichen mitgegeben werden, in der Regel werden sie jedoch wahrscheinlich eher kopiert werden. Dies gestaltet sich ein wenig kompliziert, wenn Vor- und Rückseite auf einen Zettel gemeinsam kopiert werden sollen. Entweder man entscheidet sich für die Textseite, oder man muss die Karte mehrfach kopieren und auf einem Zettel zusammenführen. Derartige Aspekte hätten sich lösen lassen, indem das Kartenset evtl. auch als Onlinematerial zur Verfügung gestellt würde. Es ist jedoch davon auszugehen, dass seitens des Verlags darauf verzichtet wurde, um eine illegale Verbreitung der Karten zu verhindern.

Die gewählten Module machen Sinn, decken sie doch die relevantesten Themen des Klientels ab. Dennoch wäre es sicher möglich gewesen, hier auch noch andere Themenblöcke mit einzubinden. Beispielsweise Zwänge, Ernährung oder auch Karten für die Eltern, die ebenfalls aktiv in die Behandlung von Kindern und Jugendlichen einbezogen müssen. Vielleicht wird diesbezüglich das Set ja noch eine Erweiterung erfahren.

Im Hinblick auf die bereits oben geführte kritische Diskussion zum Begriff der „Hausaufgaben“ liefern Walter und KollegInnen (2007, vgl. die Rezension unter https://www.socialnet.de/rezensionen/5096.php) einen guten Alternativbegriff: Sie sprechen vom „Job der Woche“. Dieser könnte auch problemlos im Umgang mit dem vorliegenden Kartenset seine Anwendung finden, taucht der Begriff „Hausaufgabe“ doch tatsächlich konkret auf keiner Karte auf.

Fazit

Das Kartenset bietet wie fast alle Kartensets des Verlags und des Autorenteams eine hilfreiche Unterstützung für den therapeutischen Alltag. Man kann die Inhalte sicher auch problemlos ohne ein derartiges Set umsetzen, es vereinfacht diesen Prozess jedoch deutlich und gestaltet diesen zudem attraktiv für alle Beteiligten. Insgesamt bietet es insbesondere für Anfänger und Anfängerinnen sehr hilfreiche Anregungen, allerdings kann es auch gut von Erfahrenen ergänzend genutzt werden.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Ausbildungsambulanzleiter LAKIJU-VT Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP)
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 05.03.2020 zu: Robert Rossa, Julia Rossa: Alles Übungssache. 100 therapeutische Hausaufgaben für Kinder und Jugendliche. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26273.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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