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Brett Edwards: Insecurity and Emerging Biotechnology

Cover Brett Edwards: Insecurity and Emerging Biotechnology. Governing Misuse Potential. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2019. 97 Seiten. ISBN 978-3-030-02187-0. D: 58,84 EUR, A: 60,49 EUR, CH: 60,50 sFr.
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Thema

Brett Edwards analysiert in seinem Buch Insecurity and Emerging Biotechnology – Governing Misuse Potential Herausforderungen hinsichtlich nationaler und globaler Sicherheit, die durch emergente Technologien im Allgemeinen und durch die synthetische Biologie im Speziellen gestellt werden. Was als Herausforderung wahrgenommen wird und wie Herausforderungen adressiert werden, hängt sehr stark von sozialen, ethischen, politischen und geschichtlichen Aspekten ab, deren Wechselwirkungen die konkreten Gesetzte und Strategien zur Verbesserung der Sicherheit bestimmen.

Autor

Brett Edwards ist Dozent am „Department for Politics, Languages and International Studies“ an der University of Bath. Seine Interessen sind das Zusammenspiel von Technologie, Kontrolle und Sicherheit. Das Thema Sicherheitsaspekte im Kontext der synthetischen Biologie ist in vielen seiner Publikationen präsent, vor allem in seiner Dissertation „The Ethics and Governance of Dual-Use Synthetic Biology within the United States and the United Kingdom (2003 - 2012).“

Aufbau

Das Buch ist dreigeteilt:

  • Die ersten beiden Kapitel dienen als Einführung und setzten den Rahmen.
  • Das dritte Kapitel gibt eine Einführung in das Feld der synthetischen Biologie.
  • Die letzten vier Kapiteln (wobei das letzte eine Zusammenfassung ist), interpretieren das Gebiet der synthetischen Biologie durch den in den ersten beiden Kapiteln festgelegten Rahmen.

Inhalt

Die Sorge des Missbrauchs neuer Technologien ist nicht neu. Die Art, wie damit umgegangen wird, ändert sich jedoch. Edwards ist in seinem Buch an den heutigen Umgang mit folgenden Fragen interessiert (S. 2):

  • Wie kann ein nationaler und globaler Zustand der Sicherheit erreicht werden?
  • Sollte der Forschungsdrang des Menschen begrenzt werden?
  • Welche ist die Beziehung zwischen Technologie und Mensch?

Dabei interessieren ihn weniger die konkreten Technologien, sondern eher die gesellschaftlichen und institutionellen Systeme, die aufgebaut wurden, um neue Technologien zu generieren und zu kontrollieren.

Dass einfache Antworten auf die gestellten Fragen unmöglich sind, ist klar. Die Schwierigkeit der Bewertung der einzelnen Technologien und somit ihrer Implikationen ist ein Grund dafür: „Many in society are still in disagreement about the social effects of inventions even with the benefit of hindsight; from the motor car, to plastics, and nuclear weapons“ (S. 4). Umso schwieriger ist die Bewertung emergenter Technologien. Eine Möglichkeit des Umgangs mit diesen Fragen ist die Verantwortung bei den Erfinder*innen zu platzieren (seien es Individuen, Gruppen oder Unternehmen), eine Disposition, die in der westlichen individualistischen Gesellschaft verwurzelt ist (S. 4).

Die große Schwierigkeit, die emergente Technologien mit sich bringen ist „Vorsicht mit militärischen, wirtschaftlichen und exploratorischen Bedürfnissen in Einklang zu bringen“ (S. 5 – eigene Übersetzung). Emergente Technologien machen oft große Versprechen, bergen aber auch Gefahren, was den öffentlichen Diskurs eine Gratwanderung zwischen „paranoia and hubris“ werden lässt. Auf einer viel tieferen Ebene geht es darum, wie Kriege rechtfertigt und wie sie geführt werden, ebenfalls wie innerstaatliche Ordnung und Sicherheit aufrechtgehalten werden.

Edwards bespricht die auftretenden Schwierigkeiten anhand von drei Paradoxien (S. 9):

  • Das Erfinder-Paradoxon (innovator’s paradox) – durch die duale Natur einer Erfindung hinsichtlich ihrer Nutzung (dual use) befindet sich der Erfinder in einer schwierigen Situation.
  • Das Paradoxon der Innovationssteuerung (innovation governance paradox) – Innovation soll Sicherheit garantieren, durch seine duale Natur führt Innovation jedoch zu widerstrebenden Anforderungen bzgl. Nutzung und Kontrolle.
  • Das Paradoxon der globalen Unsicherheit (global insecurity paradox) – nur ein globaler Rahmen kann die nationale Sicherheit garantieren, stattdessen wird versucht die globale Sicherheit durch nationale Sicherheit sicherzustellen.

Im Rahmen des Erfinder-Paradoxons ist der Autor an zwei Fragen interessiert:

  • Welche Technologien sollten nicht oder nicht mehr entwickelt bzw. weiterentwickelt werden?
  • Wie groß ist die tatsächliche Verantwortung des Erfinders hinsichtlich seiner Erfindung?

Die Beantwortung beider Fragen hängt sehr stark ab von individuellen, gesellschaftlichen, ethischen und organisatorischen Aspekten. Auch wenn die Erfinder*innen und Wissenschaftler*innen ganz allgemein eine wichtige Rolle in der Verwaltung und dem Einsatz neuer Technologien spielen, haben Staaten und Gesellschaften weiterhin eine große Verantwortung im Bereich Sicherheit. Das Paradoxon der Innovationsteuerung erschwert jedoch die effektive Ausübung dieser. So ist es oft schwer von Anfang an abzusehen, welche Implikationen eine neue Technologie haben wird, nach deren breiten Propagierung wird es schwierig diese zu kontrollieren. Auf internationaler Ebene stellt sich die Frage, welche Technologien geheim bleiben müssen, welche frei verbreitet werden können und welche nur ausgewählten Partnern zur Verfügung gestellt werden sollen. Die oft globalen Implikationen lokal entwickelter oder eingesetzter Technologien verlangen nach einem überstaatlichen Konzept zur Garantie der Sicherheit. Solch ein Konzept bietet aber laut Edwards ebenfalls kein allgemeingültiges Rezept: „To adopt an international security framing risks ignoring the way in which technology emerges as part of the security order – and emphasizing instead its instrumentation within it.“ (S. 31)

Die ersten beiden Kapitel (Introduction und The Three Paradoxes of Innovation Security) haben einen allgemeinen Fokus und setzen den Rahmen für die restlichen Kapitel des Buches, welche den noch jungen Bereich der synthetischen Biologie hinsichtlich

  • seines nationalen und internationalen Missbrauchspotenzials,
  • der ethischen Probleme die aufgeworfen werden und
  • der Prozesse innerhalb der akademischen Welt analysieren.

Das junge Feld ist im aktuellen Stadium noch von „hype, ambiguity, institution building and power struggles“ (S. 35) charakterisiert.

Synthetische Biologie wird als „specific scientific paradigm of biological innovation, and in particular, the applications of engineering principle to biology“ (S. 36) definiert, gleichzeitig wird aber auch darauf hingewiesen, dass der Begriff synthetische Biologie sehr elastisch ist und mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird. Nach dem Versuch einer engeren Eingrenzung des Gebietes stellt der Autor Personen, Institutionen und Konferenzen – kurz: den akademischen Kontext des Forschungsfeldes – dar. Das Feld der synthetischen Biologie bringt unterschiedliche Sicherheitsrisiken und Bedenken mit sich, da einerseits biologische Waffen ein Problem sein können aber auch biologische „Verbesserungen“ der Soldaten ethische Probleme mit sich bringen.

Die vorletzten drei Kapiteln Synthetic Biology and the Dilemmas of Innovation, Synthetic Biology and the Dilemmas of Innovation Governance und Synthetic Biology and Dilemmas of Insecurity besprechen Initiativen im Rahmen des Bereiches der synthetischen Biologie vor dem Hintergrund der drei Paradoxien. Die Kapitel weisen die gleiche Struktur auf: nach der Besprechung der Initiativen und Positionen werden jeweils die Herausforderungen diskutiert. Das siebte und letzte Kapitel fasst hauptsächlich die vorherigen drei Kapiteln zusammen.

Diskussion und Fazit

In einer Welt, die sich immer schneller dreht, lassen sich viele Fragen stellen. Muss sich alles immer schneller ändern? Welche Implikationen haben die Änderungen? Haben wir die Änderungsprozesse noch unter Kontrolle oder haben sich schon die Prozesse verselbstständigt? Und wie stellen wir sicher, dass wir uns irgendwann nicht selbst zerstören? Edwards interessiert in seinem Buch die letzte Frage. Er geht sie wissenschaftlich kühl für das emergente Feld der synthetischen Biologie an. Er entwirft keine Szenarien und gibt keine Lösungen, sein Ziel ist die Leser*innen für den breiteren Kontext zu sensibilisieren (S. 92). Dies tut er indem er Beziehungen analysiert und sich anschaut wer was und wie macht. Edwards kompakter Text richtet sich an Wissenschaftler*innen; die Fragen, die er stellt, richten sich aber an uns alle.


Rezension von
Petre Sora
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Zitiervorschlag
Petre Sora. Rezension vom 16.01.2020 zu: Brett Edwards: Insecurity and Emerging Biotechnology. Governing Misuse Potential. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2019. ISBN 978-3-030-02187-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26282.php, Datum des Zugriffs 05.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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