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Claudia Obermeier, Linda Dürkop-Henseling (Hrsg.): Typisch Soziologie!?

Cover Claudia Obermeier, Linda Dürkop-Henseling (Hrsg.): Typisch Soziologie!? Sozialwissenschaft zwischen Wissenschaft und Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 225 Seiten. ISBN 978-3-7799-3786-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema und Aufbau

Thema des Buchs ist das Spannungsverhältnis bzw. viel eher Kontinuum der Soziologie zwischen Wissenschaft und Praxis. Nun können in einem knapp 220 Seiten starken Buch selbstredend weder die akademische Soziologie noch ihre außerakademischen Anwendungsbereiche erschöpfend dargestellt werden, weswegen der Band „nur“ einen Auszug aus der Disziplin bietet, gegliedert entlang ausgewählter spezieller Soziologien. Dabei wird jeder Teilbereich von einem „Steckbrief“ zur jeweiligen speziellen Soziologie eingeleitet, z.B. „Soziologie der Politik“ (S. 49; wenngleich nun ausgerechnet dieser Beitrag nicht mit dem Stichwort „Steckbrief“ überschrieben ist, was der Sache jedoch inhaltlich keinen Abbruch tut). Darauf folgen zu jeder Spezialisierung ein bis zwei Beiträge aus einem korrespondierenden Praxisfeld. Insgesamt ist den Beiträgen neben einer obligatorischen Einleitung eine Art historisch-genetisches Kapitel zum Fach vorangestellt, welches das „Typische“ der Soziologie herausarbeiten soll.

Ziel des Sammelbands ist es, Studierenden Orientierung bei der Berufswahl zu geben sowie die Soziologie als Wissenschaft mit einschlägigen außerakademischen Tätigkeitsbereichen zu verknüpfen (vgl. S. 14)

Herausgeberinnen

Dr. Claudia Obermeier und Dr. Linda Dürkop-Henseling sind Soziologinnen und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Sozialwissenschaften der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU).

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf einer von den Herausgeberinnen organisierten zweisemestrigen Ringvorlesung zur Berufsorientierung für Soziologiestudierende. Einige der dort gehaltenen Vorträge sind als Beiträge in den Herausgeberband eingegangen. Dass Berufsorientierung nicht nur an der CAU ein Thema ist, sondern das Fach (auch nicht erst seit gestern) insgesamt beschäftigt, kann man bspw. an einschlägigen Veranstaltungen sehen, wie etwa auf der Regionalkonferenz der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im Herbst 2019 an der Universität Jena bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Soziologie als Beruf. (Aus-)Bildung zwischen Forschungsorientierung und Employability“.

Inhalt

Bereits in der Einleitung kann man den Grund für die möglichen Schwierigkeiten von Studierenden der Soziologie bei der Berufswahl bzw. -orientierung erfahren: Es ist die akademische Ausbildung, die stark auf das Vermitteln wissenschaftlicher Inhalte und damit sehr viel eher auf Wissenschaft als auf sonstige Arbeitsmärkte ausgerichtet ist. Dabei kann „soziologische Expertise […] in beinahe jedem Berufsfeld ihre Verankerung und eine Wirkungsstätte finden“ (S. 12). Erklärter Anspruch des Bandes ist es somit, „die Extraktion soziologische geprägter Fertigkeiten“ in den Mittelpunkt der Beiträge zu stellen (a.a.O.). Das würde man sich dann bei der Lektüre der einzelnen Beiträge an der einen oder anderen Stelle noch etwas deutlicher wünschen, aber der Sammelband soll ja auch nur einen Ein- und Überblick geben und nicht gleich alle Felder mit dem soziologischen Senkblei (vgl. S. 21) in all ihrer Tiefe ausloten.

Über die Frage, was Soziologie eigentlich ausmacht, haben sich schon etliche große Geister die Köpfe zerbrochen, Definitionsversuche gibt es mehr als genug. Der initiale Beitrag zu Herkunft und Stand des Faches versucht gar nicht erst, an diese elaborierten Konzepte anzuknüpfen, sondern behandelt sein Anliegen dankenswerterweise sehr niedrigschwellig. Dankenswert ist dies, da so bereits Studienanfänger*innen den Beitrag problemlos rezipieren können – ebenso wie vielleicht Eltern, Tanten und Großväter, die sich sorgen mögen, was aus dem Kind mit dem Studium einer solch vermeintlich brotlosen Kunst denn einmal werden soll. Soziologie befasst sich demnach mit den Beziehungen von Personen zueinander und dem Sinn des aufeinander bezogenen Handelns dieser Personen (vgl. S. 16). Schon in ihrem Ursprung bei Comte entwickelt sich die Soziologie als Wissenschaft aus der gesellschaftlichen Praxis (bzw. der Beobachtung dieser), aber auch mit Blick auf die Erarbeitung möglicher Empfehlungen zum Umgang mit jener Praxis (vgl. S. 17 f.). Wer sich bereits ein wenig mit Berufsmöglichkeiten für Soziolog*innen befasst hat wird hier vermutlich unweigerlich an Beratung, Lobbying und dergleichen denken (was dann später im Rahmen der Politischen Soziologie bzw. „Soziologie der Politik“ ab S. 49 auch zur Sprache kommt). Schlaglichtartig wird ein Blick auf historische Stationen der Entwicklung des Fachs geworfen sowie auf einzelne klassische Autoren und Entwicklungslinien der Soziologie. Ein klein wenig definitorischer als oben erwähnt wird es dann auch noch, wenn Soziologie als „Ordnungswissenschaft“ begriffen wird, „die sich mit den Bedingungen und Regeln sowie den Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens beschäftigt“ (S. 23), woraus eine „Vielzahl verschiedener Forschungsgegenstände und Anwendungsbereiche“ resultiert (S. 24). „Diese Offenheit, Anschlussfähigkeit und der bisweilen kritische, fachliche Zugang zur allen Menschen umspannenden Gesellschaft sind es letzten Endes, die aus Soziologinnen und Soziologen kompetente Praktikerinnen und Praktiker machen, die in vielen beruflichen Kontexten brillieren können.“ (S. 24), womit dann auch erst einmal umrissen wäre, was denn nun eigentlich das Typische der Soziologie sein soll.

Auch in den einleitenden Beiträgen aus dem Bereich der Speziellen Soziologien wird relativ niedrigschwellig referiert. So kann ohne große Umschweife und theoretischen Unterbau schnell klar gemacht werden, worum es bspw. in der Soziologie der Politik geht, nämlich im Kern um Macht(-beziehungen) (vgl. S. 49). Darüber hinaus beschäftigt sich dieser Zweig der Disziplin aber auch mit der Erforschung von Werten und Einstellungen, Demokratie, Transformationsprozessen, Parteien und Partizipation (vgl. S. 50). Der Verweis auf die berufliche Praxis politischer Soziolog*innen beschränkt sich an dieser Stelle noch auf die weitgehende Projektförmigkeit der Arbeit, welche stets die nächste Wahl oder ein anderes Kampagnenziel im Blick hat (vgl. S. 50). Dass es aber auch für Absolvent*innen mit politsoziologischem Schwerpunkt ein breiteres Betätigungsfeld gibt, wird im Praxisbeitrag zu diesem Thema schnell klar, denn: „Überall dort, wo Menschen miteinander leben und auskommen müssen, wird Politik gemacht“ (S. 53). Eingedenk der Vielgestaltigkeit menschlichen Zusammenlebens sollten sich also nicht eben wenige Berufsmöglichkeiten ergeben. Und so deckt der Beitrag auch ein breites Spektrum von ebendiesen ab, vom hauptberuflichen Politiker*innendasein über die Arbeit in (politischen) Stiftungen bis zur Tätigkeit als Berater*in. Als kleines Manko könnte man dabei erachten (muss dies aber nicht tun), dass der Beitrag mit Blick auf den Politikbetrieb im engeren Sinne hauptsächlich auf der parlamentarischen Ebene bleibt und nur ganz am Schluss kurz darauf verweist, dass es auch in Ministerien, (Kommunal-)Verwaltungen und dergleichen ähnliche Möglichkeiten gibt wie die ansonsten beschriebenen. Bei alledem scheint – wenig überraschend – eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder als Referentin am dichtesten an dem zu sein, was man im Studium gelernt bzw. wie man dort gearbeitet hat. Es wird aber auch klar, dass es auch in der Beratung bzw. im Lobbying Möglichkeiten geben kann, relativ studiennah tätig zu werden. Der Beitrag zeigt außerdem auf, was man für eine Tätigkeit im politischen Bereich (im weitesten Sinne) mitbringen (vgl. S. 56 f.) und was man dort erwarten kann (vgl. S. 57). Politik als berufliches Betätigungsfeld für Soziolog*innen ist insofern recht passend, als es dort oftmals keine spezifischen bzw. formalen Voraussetzungen bzgl. einer Ausbildung für den jeweiligen Job gibt und Soziologie eben auch nicht formal auf einen spezifischen Beruf vorbereitet. Passfähigkeit von Absolvent*innen und beruflichen Möglichkeiten scheint hier also erst einmal gegeben – sicher nicht umsonst findet man in einschlägigen Stellenausschreibungen die Aussage, der/die Bewerber*in möge doch bitte ein Studium der Soziologie (oder verwandter Disziplinen) mit entsprechendem Schwerpunkt vorweisen können.

Mögliche berufliche Betätigungsfelder für Stadtsoziolog*innen erschließen sich, wenn man die Stadt als eine Art Verdichtung der Gesellschaft auf kleinerem Raum begreift, z.B. Forschung zu Ungleichheit und Segregation in der Stadt und zu deren Auswirkungen bspw. auf Bildung. Naheliegend wäre demnach, die Soziologie auch in der Stadt- bzw. allgemeiner in der Raumplanung mit einzubinden. Nahliegend wäre aber auch, die genannten Themen nicht nur als Forschungsgegenstände, sondern auch als zu beeinflussende Phänomene zu sehen. Dann ist man unmittelbar im Aktionsradius der Stadtentwicklung und damit bei der Steuerung hochkomplexer Lebensräume (vgl. S. 124). Und mit Komplexität und damit verbundenen Konzepten wie Kontingenz, Nebenfolgen etc. kennen Soziolog*innen sich natürlich bestens aus. Mögliche Aufgaben dort finden sich im Bereich der Kommunikation, der Organisation und Durchführung von Beteiligungsprozessen – die bestenfalls zur Raumaneignung der Beteiligten führen, womit diese Tätigkeit auf eine „gestaltende Form soziologischen Handelns“ hinausläuft (S. 134). Darüber hinaus geht es um Konfliktmoderation sowie – und damit ist man schon wieder recht nah am Studium – um Monitoring und Forschung. Außerdem geht es um Planung, Steuerung und die Entwicklung sozialer Infrastruktur. Spezifisch soziologisch dabei ist der Blick auf die einzelnen Aufgaben sowie ihre produktive Verknüpfung miteinander. Als Anforderungen des Feldes, die Soziolog*innen jedoch mitbringen, werden hier insbesondere „analytische, kommunikative und strukturierende Kompetenzen“ herausgestellt (S. 135).

Diskussion

Gerade die Tatsache, dass bspw. der Beitrag zur Soziologie als Wissenschaftsdisziplin eben nicht wild mit den Klassikern des Fachs um sich wirft, sondern eher auf einschlägige Sekundärliteratur und Lehrbücher verweist, kann als große Stärke gewertet werden, richtet sich einerseits der Band insgesamt doch an ein Publikum, welchem zum Zeitpunkt der Lektüre vermutlich eher noch ein Laienstatus zugeschrieben werden muss. Andererseits ist es aber in der außerakademischen soziologischen Berufspraxis erfahrungsgemäß oftmals so, dass man Marx, Weber, Luhmann und Co. auch nicht in ihren tiefsten Tiefen rezipieren muss – jedenfalls nicht dergestalt, wie man sich ihnen im Studium gewidmet hat. Das spiegelt sich dann eben auch in den Beiträgen aus jener Praxis, die – wenngleich vielleicht nicht immer explizit – durchaus Anknüpfungspunkte für das im Studium erworbene Wissen aufzeigen, und zwar aus einer dezidiert praxisorientierten Perspektive und sich nicht dem künstlichen Zwang unterwerfen, krampfhaft Beziehungen zu diesem oder jenem theoretischen Aspekt des Fachs herstellen zu wollen.

Fazit

Aus den Beiträgen wird deutlich, dass Soziologie durch ihre Binnendifferenzierung viele Anschlussmöglichkeiten für Absolvent*innen des Faches außerhalb des akademischen Bereichs bietet, darüber hinaus jedoch auch die Bereitschaft vorausgesetzt werden muss, die eigenen Fähigkeiten über die Grenzen der Disziplin hinaus weiterzuentwickeln. Insgesamt sind die Beiträge gut geschrieben mit nur geringer „Fallhöhe“ zwischen den akademischen und den praktischen Teilen, außerdem erleichtern intertextuelle Verweise die Verknüpfung der verschiedenen speziellen Soziologien untereinander. So lässt sich der Band auch für Studienanfänger gut lesen und zumindest in großen Teilen sicher auch für komplette Laien (etwa die oben angesprochene potentiell besorgte Verwandtschaft). Über die Auswahl der soziologischen Teildisziplin hätte man an dieser oder anderer Stelle sicher trefflich streiten können, was sich jedoch in dem Moment erübrigt, in dem man erkennt, dass keine halbwegs übersichtliche Auswahl alle Aspekte zur Zufriedenheit aller berücksichtigen könnte. Und so mag man eventuell seine persönliche Lieblingssoziologie nicht wiederfinden (bspw. fehlen Management-, Markt- und Sportsoziologie), gleichwohl geben die vorhandenen Beiträge hinreichend Einblicke sowohl ins Fach als auch in seine außerakademische Praxis, um sich ein Bild von den Möglichkeiten zu machen, die sich bieten. Der Anspruch auf eine erschöpfende Darstellung wird bei alledem ohnehin nicht erhoben, aber nach der Lektüre sollte man zumindest einen guten Eindruck davon haben, in welcher Richtung man sich bzgl. der eigenen beruflichen Zukunft weiter kundig machen sollte (sei es durch Recherche oder in Form eines Praktikums).


Rezension von
Jens Kretzschmar
Jens Kretzschmar, M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter Institut für kommunale Planung und Entwicklung e.V.
Arbeitsschwerpunkte und Interessen: Politische Soziologie, Steuerung und Governance, Sozialplanung, soziologische Resilienzforschung.
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Zitiervorschlag
Jens Kretzschmar. Rezension vom 26.03.2020 zu: Claudia Obermeier, Linda Dürkop-Henseling (Hrsg.): Typisch Soziologie!? Sozialwissenschaft zwischen Wissenschaft und Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3786-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26283.php, Datum des Zugriffs 30.09.2020.


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