socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stefan Hauser, Roman Opilowski u.a. (Hrsg.): Alternative Öffentlichkeiten

Cover Stefan Hauser, Roman Opilowski, Eva L. Wyss (Hrsg.): Alternative Öffentlichkeiten. Soziale Medien zwischen Partizipation, Sharing und Vergemeinschaftung. transcript (Bielefeld) 2019. 318 Seiten. ISBN 978-3-8376-3612-3. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Edition Medienwissenschaft - Band 35.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK


Thema

In dem Sammelband wird der Frage nachgegangen, mit welchen Folgen unter den Bedingungen der Digitalisierung Öffentlichkeit hergestellt wird und wie sich digitale und nicht-digitale Verfahrensweisen der Herstellung von Öffentlichkeit zueinander verhalten.

Die einzelnen Beiträge sollen ein Spektrum verschiedener Zugänge zum Themenfeld abbilden und analysieren, „wie sich die jüngeren Entwicklungen der Nutzung und sprachlichen Gestaltung der 'neuen' Kommunikationsmöglichkeiten auf die Tektonik von Öffentlichkeit(en) auswirken“.

Herausgebende

Prof. Dr. Stefan Hauser: Leiter des Zentrums für Mündlichkeit an der Hochschule Zug (Schweiz)

Dr. Roman Opiłowski: Leiter der Forschungsstelle für Medienlinguistik am Institut für Germanistik an der Universität Wroclaw (Polen).

Prof Dr. Eva L. Wyss: Professorin für Deutsche Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik der Universität Koblenz-Landau.

Aufbau

Der Sammelband enthält neben einer Einleitung der Herausgebenden elf Beiträge, deren Autor*innen ihren fachlichen Schwerpunkt überwiegend in der Germanistik oder Linguistik verorten und die sich aus verschiedenen Perspektiven mit Phänomenen der Alternativen Öffentlichkeiten beschäftigen.

Inhalt

Die Herausgebenden stellen in der Einleitung zunächst verschiedene definitorische Ansätze von „Sozialen Medien“ und „Alternativen Öffentlichkeiten“ vor. Ihre Arbeitsdefinitionen, an denen sich die nachfolgenden Beiträge aber nicht zwangsweise orientieren, lauten wie folgt:

Soziale Medien sind ein Sammelbegriff für bestimmte Angebote und Formen digital vernetzter Medien, die das onlinebasierte Bearbeiten und Veröffentlichen von Inhalten aller Art sowie die Beziehungspflege und den Austausch zwischen den Menschen erleichtern (S. 9 unter Anlehnung an Schmidt 2013).

Der verwendete Begriff alternative Öffentlichkeiten soll die Tatsache in den Vordergrund stellen, dass digitale Öffentlichkeiten auch durch nicht-institutionelle Akteure geschaffen werden können und mit teilweise anderen Produktions- und Rezeptionslogiken verbunden sind, als dies bei journalistischen Massenmedien (unter den Bedingungen des vordigitalen Zeitalters) der Fall war (S. 10).

Diskurspragmatische Perspektiven auf neue Öffentlichkeiten in Webforen von Steffen Pappert und Kersten Sven Roth (S. 19 ff.): In diesem Beitrag wird das Potenzial von medien- und kommunikationswissenschaftlichen Modellen für die sprachliche Analyse von Webforen, erörtert. Es wird davon ausgegangen, dass die Foren einen Rahmen für eine neue Art von Öffentlichkeit bieten und es den Nutzenden ermöglichen grenzübergreifend zu interagieren. Die Diskussion steht im Zusammenhang mit einem Forschungsprojekt, zur angewandten Diskursanalyse und fragt, ob Beiträge zu Webforen eine eigene Art der Diskursrealisierung darstellen. Im zweiten Teil wird ein heuristisches Modell vorgeschlagen, das helfen soll, die theoretischen Vorstellungen von Öffentlichkeit in eine empirische, sprachliche Analyse umzuwandeln.

Medien, Wahrnehmung, Öffentlichkeit, Wahrnehmungs-Gemeinschaften und deren Interaktion als Gegenstand der Medienlinguistik von Gerd Antos (S. 53 ff.): Der Autor zeigt, welche Rolle die Bewusstseinsgemeinschaften in der religiösen und literarischen Kommunikation früher und wie sich eine journalistische Öffentlichkeit und ein öffentliches Bewusstsein mit dem Aufkommen der Presse, der Massenmedien und der Sozialen Medien entwickelte. Er veranschaulicht seine Ausführungen anhand dreier Bewusstseinsgemeinschaften innerhalb und außerhalb von Sozialen Medien, die „zu Brennpunkten und Foren für eine 'alternative Öffentlichkeit' werden sollen“ (S. 53).

Medien als Schutz vor Interaktionen von Ruth Ayaß (S. 81): Ayaß diskutiert die verschiedenen Möglichkeiten von Medien, mittels derer die Akteure Zugänglichkeit und Nicht-Zugänglichkeit herstellen und anzeigen können. Ihre Analyse zeigt, dass Medien unterschiedliche Grade an Zugänglichkeit ermöglichen, die als ein Kontinuum zu beschreiben sind. Mittels fotografischer Ethnografie zeigt Ayaß, wie Medien in öffentlichen Kontexten als »involvement shields« (Gofman) eingesetzt werden und warum deren Verwendungen als Interaktionsvermeidung zu verstehen ist.

Kollektive Trauer 2.0 zwischen Empathie und Medienkritik: Ein Fallbeispiel von Konstanze Marx (S. 109 ff.): Der Beitrag befasst sich mit Ergebnissen einer Fallstudie, die Rückschlüsse auf die Konzeptualisierung der Trauerarbeit im Internet zulässt. Anhand des vor einigen Jahren abgestürzten Germanwings-Flugzeugs zeigt Marx die Verflechtung von privater und öffentlicher Kommunikation auf und verdeutlicht außerdem, wie die Community eine angemessene Trauerkommunikation auszuhandeln versucht.

Der #MeToo-Protest. Diskurswandel durch alternative Öffentlichkeit von Birte C. Gnau und Eva L. Wyss (S. 131 ff.): Am Beispiel von #MeToo untersuchen die beiden Autorinnen, wie sich Änderungen im Diskurs beschreiben lassen, welche Elemente des Diskurses sich ändern und inwieweit sie mit Änderungen im öffentlichen Raum zusammenhängen können, insbesondere der der Kommunikationspraktiken sozialer Medien.

Meso-Kommunikation zwischen Stadt/Netz: Zur Struktur alternativer Kommunikationswege von Christine Domke (S. 167 ff.): Domke weist zunächst darauf hin, dass durch ortsgebundene Kommunikation in der Stadt (Plakate, Graffiti oder Durchsagen) viele verschiedene Formen der Zielgruppenansprache möglich sind. Sie erarbeitet und definiert anschließend den Begriff der Mesokommunikation und vergleicht darauf aufbauend Online-Kommunikationsformen mit eher klassischer Massenkommunikation wie Websites.

Webvideos als Medien öffentlicher Wissenschaft. Eine exemplarische Analyse audiovisueller Strategien der Wissenschaftskommunikation von Thomas Metten (S. 191 ff.): Der Beitrag zeigt, wie neue Formen der Wissenschaftskommunikation an der komplexen Schnittstelle von medialen, sozialen und institutionellen Entwicklungen entstehen. Wissenschafts-Webvideos, so Metten, böten durch verschiedene Erklärmöglichkeiten und durch ein komplexes, multimodales Zusammenspiel einen neuen Spielraum für die Repräsentation und die Kommunikation der Wissenschaft und generierten neue Formen der öffentlichen Wissenschaft.

Formen der Partizipation online. Dissens in der Leserrezension von Françoise Hammer (S. 219 ff.): Basierend auf einer empirischen Analyse negativer Kundenbewertungen auf amazon.de zeigt Hammer, wie unterschiedlich die Beteiligung im Social Web je nach Kommunikationssituation und -zweck genutzt werden kann. In konfliktreichen Kontexten scheine Dissens eine bevorzugte rhetorische Strategie zu sein. Er ermöglicht der/m Verfasser*in, den eigenen Standpunkt öffentlich zu vertreten, regt jedoch nicht zur Interaktion an.

Thematische Felder in deutschen und polnischen Online-Kommentaren zum Terroranschlag in Nizza im Juli 2016 von Roman Opiłowski (S. 237 ff.): Am Beispiel des Terroranschlags in Nizza wird untersucht inwiefern Nutzer*innenkommentare den Verlauf realer Prozesse beeinflussen. In diskursiver, multimodaler und kontrastiver Perspektive analysiert Opiłowski die Facebook-Seiten der Nachrichtenmagazine DerSpiegel und Polityka sowie deren Nutzer*innenkommentare zu o.g. Anschlag

Sprache-Bild-Kommunikation in Imageboards. Das Internet-Meme als multimodaler Kommunikationsaktin alternativen Öffentlichkeiten von Andreas Osterroth (S. 269 ff.): Osterroth analysiert Internet-Memes im Hinblick auf alternative Öffentlichkeiten. Im Fokus stehen soziale Gruppen die mitunter nur existieren, um mit Memes oder über sie zu kommunizieren.

Kundenbeschwerden in der digitalen Öffentlichkeit als Form des Widerstands – am Beispiel des Facebookauftritts von Vodafone von Nadine Rentel (S. 287 ff.): Rentel analysiert und kategorisiert Kundenbeschwerden mittels einer pragmalinguistischen Analyse kommunikativer Teilhandlungen, die sie in Beschwerdeeinträgen identifizierte. Der Vergleich zu persönlich vorgebrachten Beschwerden zeigt, dass es bestimmte Ausdrucksformen gibt, die konstitutiv für Online-Beschwerden sind.

Fazit

Der vorgestellte Sammelband bietet durch seine alltagsnahen Beispiele interessante Sichtweisen auf alternative Öffentlichkeiten. Da das Buch jedoch eine stark linguistische Ausrichtung hat, ist es aus Sicht der Sozialen Arbeit und ihrer verwandten Felder leider nicht empfehlenswert.

Through its everyday examples the presented book offers interesting perspectives on alternative publics. However, since the book has a strong linguistic focus, it is unfortunately not recommended from the perspective of social work and its related fields.


Rezension von
Dipl.-Soz.päd./arb. (FH) Daniela Cornelia Stix
Daniela Cornelia Stix, Diplom-Sozialpäd./-arb. (FH), Medienwissenschaftlerin (Master of Arts) ist Lehrkraft für besondere Aufgaben für Medienpädagogik und Mediendidaktik im Studiengang Intermedia an der Universität zu Köln. Sie promovierte zum pädagogischen Einsatz von Social-Media-Plattformen in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit
E-Mail Mailformular


Alle 15 Rezensionen von Daniela Cornelia Stix anzeigen.


Zitiervorschlag
Daniela Cornelia Stix. Rezension vom 29.01.2020 zu: Stefan Hauser, Roman Opilowski, Eva L. Wyss (Hrsg.): Alternative Öffentlichkeiten. Soziale Medien zwischen Partizipation, Sharing und Vergemeinschaftung. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-3612-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26286.php, Datum des Zugriffs 07.08.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung