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Jasmin Donlic, Elisabeth Jaksche-Hoffman u.a. (Hrsg.): Ist inklusive Schule möglich?

Cover Jasmin Donlic, Elisabeth Jaksche-Hoffman, Hans Karl Peterlini (Hrsg.): Ist inklusive Schule möglich? Nationale und internationale Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2019. 310 Seiten. ISBN 978-3-8376-4312-1. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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HerausgeberInnen

Jasmin Dinlic, Elisabeth Jaschke-Hoffmann und Hans Karl Peterlini

Thema

Die HerausgeberInnen stellen die Frage nach der „generellen Umsetzbarkeit inklusiver Schule“. Es soll nicht darum gehen, OB Inklusion möglich ist, sondern WIE sie möglichst weitgehend umgesetzt werden kann. Es bestehen hohe Erwartungen an inklusiven Umgang mit Diversität, dennoch halten sich die selektiven Strukturen aus verschiedenen Gründen noch hartnäckig. Die einzelnen Beiträge aus dem deutschsprachigen Raum, Skandinavien, Italien, Kanada, USA, Bosnien und Herzegowina und aus afrikanischen und asiatischen Ländern beleuchten diese Widersprüche aus verschiedenen Blickwinkeln und beschreiben spezifische Problematiken aus ihren jeweiligen Ländern.

Die HerausgeberInnen konstatieren, dass in der Diskusson über Inklusion mit der Aussage, jede/r sei anders, diskriminierende Zuschreibungen vermieden werden sollen. Es bestehe aber die Gefahr, dass die spezifischen Bedürfnisse einiger, „die auf bestimmte Weise anders sind“, relativierend unterschlagen würden.

Mit dem Bekenntnis zu einer „fragmentarischen Sichtweise“ wollen die HerausgeberInnen, „unterschiedliche Diskurse und Fragestellungen“ aufgreifen. Dabei verzichten sie bewusst auf eindeutige Definitionen über „tiefgreifende Widersprüche und Ambivalenzen hinweg“. Die einzelnen Beiträge sollen Anstöße für „das nie abgeschlossene Weiterdenken und Weiterarbeiten an einer differenzsensiblen, teilhabeorientierten, chancengerechten Schule und Gesellschaft“ darstellen. 

Aufbau

Das Buch ist unterteilt in drei Teile:

  1. Theoretische Grundlagen;
  2. Strukturelle Fragestellungen und Bedingungen;
  3. Feldbezüge und Praxiserfahrungen.

Die einzelnen Teile sind jeweils in verschiedene Kapitel untergliedert.

Inhalt

Teil 1: Theoretische Grundlagen

Patricia Stosic & Isabell Diehm: Integration oder Inklusion? Ein Systematisierungsversuch der Debatte um die Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Die Autorinnen setzen sich kritisch mit der Entwicklung der Begriffe „Integration“ und „Inklusion“ im Hinblick auf Schülerinnen und Schüler mit „Migrationshintergrund“ auseinander. Nach einem Exkurs über Integration und Inklusion im Zusammenhang mit Behinderung werden diese beiden Diskurse miteinander verglichen.

Hans-Karl Peterlini: Falsche Kinder an der richtigen Schule oder umgekehrt? Der Autor regt einen Perspektivenwechsel von „selektiven Normalitätsvorstellungen hin zu einer Phänomenologie des ‚So-Seins‘“ an. Er schlägt eine „pädagogische Wahrnehmung von Differenz anstelle von klinischen Diagnosen“ vor, die sich weder auf Maßnahmen zur Selektion noch auf in manchen Fällen weiterhin notwendige individuelle Maßnahmen zur Förderung erschöpfen soll. Vielmehr soll die „Lebenswirklichkeit konkreter Menschen“ als Normalität betrachtet werden. Lernen soll so nicht mehr vom Ergebnis her gedacht, sondern als eine individuelle Erfahrung zwischen Lehrendem und Lernendem betrachtet werden, die beide Seiten bereichert.

Teil 2: Strukturelle Fragestellungen und Bedingungen

Ewald Feyerer: Kann Inklusion unter den Strukturen des segregativen Schulsystems in Österreich gelingen? Der Autor zeigt auf, dass trotz einiger Modellprojekte die Inklusion durch das segregative Schulsystem in Österreich und die Vermeidung notwendiger Strukturdiskussionen stark behindert wird. Die Problematik werde durch die derzeitige Regierungspolitik verschärft.

Dario Ianes, Heidrun Demo & Silvia Dell’Anna: Historical steps and current challenges for the Italian inclusive education system. Die AutorInnen beschreiben unter anderem Forschungen, bei denen positive Entwicklungen in inklusiven Settings auch im Hinblick auf die Kompetenz der Lehrkräfte (Methodenvielfalt, Wahrnehmung von Entwicklungen beim Lernen und bei der Sozialisation von behinderten und nicht behinderten SchülerInnen) gezeigt wurden. Dennoch gibt es noch weitere Herausforderungen. So erfolgt beispielsweise die Zuteilung der pädagogischen Ressourcen nach wie vor aufgrund von Kriterien des medizinischen Modells, was eine echte Teilhabe der Kinder mit Behinderung erschwert und weitere Probleme mit sich bringt.

Ernst Kocnik, Rahel More & Marion Sigot: Exklusion inklusive, Be-hinderungen im schulischen Alltag. Die AutorInnen beschreiben zunächst internationale Studien zu den Perspektiven ehemaliger SchülerInnen mit Behinderung. Danach stellen sie ausführlich eine qualitative Studie über die Perspektive zweier lernbehinderter Frauen vor, die sowohl inklusive Settings in Regelschulen als auch Sonderschulen erlebt haben. Die AutorInnen kommen in Übereinstimmung mit der heutigen Forschungslage zu dem Schluss, dass der Besuch einer Sonderschule im weiteren Lebenslauf eine stigmatisierende Wirkung haben kann, auch wenn von den ehemaligen Schülerinnen in beiden Schulformen positive UND negative Erfahrungen gemacht worden waren. Es folgt die Beschreibung einer Entwicklung von „Inklusion light“ in Kärnten. Abschließend fordern die AutorInnen, dass die Regelschulen mit den notwendigen Ressourcen so ausgestattet werden sollen, dass für alle SchülerInnen optimale Bedingungen für eine soziale Teilhabe geschaffen werden können.

Niels Anderegg: Auf die Schulleitung kommt es an! Schweizer Perspektive auf den Zusammenhang zwischen Schulführung und Inklusion. Der Autor erläutert Besonderheiten der Situation in der Schweiz, die unter anderem darin bestehen, dass in 46 Kantonen unterschiedliche Regelungen bestehen und die gesetzlichen Vorgaben oft vage sind. Er beschreibt exemplarisch Vorgänge im Kanton Zürich, wo die Anzahl der diagnostizierten Behinderungen in den letzten Jahren gestiegen ist. Es folgt eine Analyse möglicher Ursachen dieser aus seiner Sicht problematischen Entwicklung und der Einflussmöglichkeiten einer Schulleitung auf gelingende Inklusion.

Bettina Fritsche & Andreas Köpfer: (Para-) Professionalität im Umgang mit Ungewissheitsstrukturen. Eine kulturvergleichende Rekonstruktion von Interviews mit Assistenzkräften im inklusionsorientierten Unterricht. Insbesondere der Stellenwert des Arbeitsbündnisses der (para-) professionellen Assistenzkräfte mit ihren Schülerinnen und Schülern für ihr professionelles Selbstverständnis wird empirisch untersucht und international verglichen. Darauf aufbauend werden erste Hypothesen formuliert auf weitergehende Desiderate verwiesen.

Michelle Proyer, Gertraud Kremsner, Camilla Pellech & Michael Doblmair: Ankommen reloaded. Zur teilpartizipativen Entwicklung und Installierung einer pädagogischen Bildungsmaßnahme für ‚forced-migrant‘-Lehrerinnen und Lehrer. Die Universität Wien entwickelte einen Zertifikatskurs, den sie „Bildungswissenschaftliche Grundlagen für Flüchtlinge mit Migrationshintergrund“ nannte. Der Artikel beschreibt selbstkritisch die verschiedenen Phasen der Kursentwicklung. Der Fokus liegt auf dem teilpartizipativen Ansatz, den die Universität gewählt hat.

Teil 3: Feldbezüge und Praxiserfahrungen

Elisabeth Jaschke-Hoffmann: Diversität und Inklusion in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung. Phänomenologische Vignetten als Zugang. Die Autorin betont, dass in der Ausbildung auf die Breite des Themas Inklusion und die diesbezüglichen enormen Herausforderungen für Lehrkräfte eingegangen werden muss. Um die Verbindung zur Praxis herzustellen, werden daher Vignetten eingesetzt. Zwei dieser Vignetten werden beschrieben und analysiert.

Susanne Reisenbauer: Herstellung und Bearbeiten von Differenzen im Unterricht. Lehrerinnen- und Lehrerperspektiven auf inklusiven Unterricht in Addis Abeba (Äthiopien) und Bankok (Thailand). Die Autorin vertritt die Auffassung, dass Lehrkräfte darin bestärkt werden müssen, „Differenzkonstruktionen in ihrem pädagogischen Handeln zu reflektieren“. Diese These untermauert sie anhand ihrer Forschungen in jeweils einer Schule in Addis Abeba und Bankok.

Peter Holzwarth, Doris Kuhn & Sabrina Marruncheddu-Krause: Life Skills und Medien. Es werden zwei Projekte beschrieben, die mit dem „Life Skill Konzept“ der WHO arbeiten. Die Fragestellung der Arbeit bezieht sich auf die Verknüpfung dieses Konzept mit Arbeit mit Medien. Es geht um die „Stärkung des Selbstvertrauens und die Entwicklung überfachlicher Kompetenzen“.

Yaliz Akbaba & Anja Hackbart: Repräsentationen von Disability. Was zwei Bilder über die diskursive Ordnung von Behinderung zu zeigen wissen.Die AutorInnen beiziehen sich auf die Disability Studies, Behinderung wird als soziales Konstrukt verstanden. Zwei Fotografien werden analysiert im Hinblick darauf, „welche Möglichkeitsräume für die Repräsentation von Disability darin aufgerufen werden“.

Marianne Vardalos: From Residential Schools to Indigenous-Perspective Schools, Transforming Canada's colonial history into a future of truth and reconciliation. Die Autorin beschreibt die im 19. und 20. Jahrhundert gängige kanadische Praxis, Kinder der Indigenen Bevölkerung von ihren Familien zu trennen und in Internate zu bringen. Die dramatischen psychosozialen Folgen sind in den Familien bis heute deutlich spürbar. In jüngerer Zeit wurde im Gegensatz dazu auch mit neu entwickelten Curricula gearbeitet, die Kultur und Sprache der Indigenen Bevölkerung aufgreifen. Dadurch wurden in vielerlei Hinsicht positive Wirkungen erzielt.

Emina Osmandzikovic: Inclusive Ecucation: American Dream or Elusive Reality for Undocumented Migrants? Shifting the foundations of the American Dream. Die Autorin beschreibt den Gegensatz zwischen dem Anspruch der USA, führend auf dem Gebiet der Inklusion zu sein und der Lebensrealität der MigrantInnen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Der Schwerpunkt des Artikels liegt auf Teilnahme der MigrantInnen ohne Aufenthaltsgenehmigung am College und/oder der Universität. Ihre Bildungschancen haben sich zwar in den meisten Staaten der USA verbessert, allerdings nicht in allen. Außerdem sind diese Fortschritte nicht stabil, denn sie sind nach wie vor abhängig von dem jeweiligen Präsidenten der USA.

Jasmin Donlic: ‚Two Schools Under One Roof‘ Visible Segregation in the Education System in Bosnia und Herzegowina. Dieses Konzept wurde 1995 nach dem Krieg installiert, damit Flüchtlinge ohne Furcht vor Diskriminierung zurückkommen konnten. Die Kinder aus den verschiedenen Ethnien haben nun getrennten Unterricht, verschiedene Curricula und getrennte Pausen. Inzwischen gibt es aber Initiativen von Jugendlichen, die die ethnischen Unterschiede zwar respektieren, die Spaltung in den Schulen aber überwinden wollen.

Martina Jaliovec: Eine Minderheit am Rande des Bildungssystems. Zur Marginalisierung von Kindern aus Sinti- und Romafamilien. Die Autorin beschreibt die Situation der Roma in Europa und die oft geringen Bildungschancen ihrer Kinder. Sie geht auf ihre Problematik im Hinblick auf Bildung ein und beschreibt dann umfassende Strategien, die auch von der EU mitentwickelt wurden und bei deren Durchführung erste Erfolge sichtbar wurden.

Diskussion

Ihrem Anspruch, vielseitige Informationen und Denkanstöße zum Thema Inklusion zu geben, werden die AutorInnen gerecht.

Fazit

Wer ein wenig vom Berufsalltag zurücktreten und den Horizont erweitern möchte, dem bietet dieses Buch Informationen über vielseitige Aspekte der Inklusion und über die teilweise ähnlichen und teilweise unterschiedlichen Problemstellungen in einzelnen Ländern.


Rezension von
Ortrud Aden
M.A. Sonderpädagogik und Rehabilitationswissenschaften, z. Z. Tätigkeit in einer Autismusambulanz
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Zitiervorschlag
Ortrud Aden. Rezension vom 29.06.2020 zu: Jasmin Donlic, Elisabeth Jaksche-Hoffman, Hans Karl Peterlini (Hrsg.): Ist inklusive Schule möglich? Nationale und internationale Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4312-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26288.php, Datum des Zugriffs 26.11.2020.


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