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Daniel König: Politische Partizipation von Migranten in Europa

Cover Daniel König: Politische Partizipation von Migranten in Europa. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2019. 395 Seiten. ISBN 978-3-339-11054-1. D: 99,80 EUR, A: 102,60 EUR.

Schriftenreihe Studien zur Migrationsforschung - Band 19.
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Migration und Integration: Die zwei Seiten der gleichen Medaille 

Wanderbewegungen, physische und psychische Veränderungen, sind Grundelemente des menschlichen Daseins. Es klingt wie eine Tautologie, dass der Mensch, seit er als homo erectus und zôon politikon existiert, unterwegs ist. Migration ist somit Veränderung! Zweitrangig, wenn auch ursachenbedingt, sind dabei die Gründe, die ihn in Bewegung bringen: Es können freiwillige oder erzwungene sein. Im sozialwissenschaftlichen Diskurs wird von endogenen und exogenen Faktoren von Migration gesprochen. Während erstere Gründe in den Lebensbedingungen der Menschen in ihren Ursprungs- und Heimatländern zu suchen sind – Armut, Verfolgung, Kriege, Klimawandel – und Push-Faktoren genannt werden, sind letztere darin zu suchen, dass Pull-Faktoren bessere, sichere und menschenwürdigere Lebensbedingungen in den Einwanderungsländern versprechen. Für die (Aus-)Wandernden bedeutet dies Hoffnung und die Notwendigkeit der Anpassung an die neue, fremde Welt; für die Einheimischen die Bereitschaft und die Fähigkeit, sie aufzunehmen und zu integrieren. Kontinente, Regionen und Länder sind auf Einwanderer angewiesen. Ihre gesellschaftliche, kulturelle und ökonomische Entwicklung ist davon abhängig, wie und in welchem Maße die Eingliederung der Eingewanderten gelingt. Dieser Prozess der Integration bestimmt ein gelingendes, friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben der Menschen, lokal und global.

Es sind die Herausforderungen, wie sie als Aufklärungs-, Bildungs- und Erziehungswerte in einer Gesellschaft gegeben und verfasst sind. So wird das Recht eines jeden Menschen, in einem anderen Land Aufnahme (Asyl) zu finden, als allgemeingültiges, nicht relativierbares Menschenrecht verstanden. Als der Europäische Rat 2001 dem Europäischen Konvent (EK) beauftragte, eine „Verfassung für Europa“ zu erarbeiten, und er am 20. Juni 2003 den „Entwurf eines Vertrages über eine Verfassung für Europa“ vorlegte, da erinnerte der EK daran, dass „der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit den Anfängen der Menschheit in immer neuen Schüben besiedelt haben, im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft“. Auch wenn eine Europäische Verfassung bisher nicht gelungen ist, gilt es doch – und heute besonders – an einem Gemeinsamen Europa mitzuarbeiten (vgl. z.B.: Ulrich Schmidt-Denter, Die Deutschen und ihre Migranten. Ergebnisse der europäischen Identitätsstudie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/​12676.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Wenn heute nicht wenige europäische Länder und die Europäische Union insgesamt Grenzen gegen Einwanderung ziehen und weltweit Mauern gegen MigrantInnen gebaut werden, entsteht ein schiefes, menschenunwürdiges Bild von einer Menschheit, die sich – wenn es passt – als „eine globale Welt“ bezeichnet, und andererseits egozentristisch, nationalistisch, rassistisch und populistisch handelt. In der sich immer stärker entwickelnden, globalisierten Welt kommt es darauf an, global denken und lokal handeln zu lernen. Das heißt nicht, die unrealistische Einstellung zu pflegen: „Europa kann nicht (allein) das Elend der Welt beseitigen!“; vielmehr kommt es darauf an, eine globale Verantwortung zu zeigen (siehe dazu: Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung. Was wir Menschen in extremer Armut schulden, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​21228.php). Das Dilemma wird deutlich: Es ist die Suche nach der ethischen Balance von Integration und Recht bei Migrationsprozessen.

Der Sozialwissenschaftler Daniel König von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf forscht darüber, „wie sich Migranten in verschiedenen europäischen Ländern politisch beteiligen“. Seine forschungsleitende Frage lautet: „Welchen Einfluss übt der Migrationshintergrund auf die politische Partizipation aus?“. Er nimmt dazu die Informationen und Daten des „European Social Survey“ und untersucht, welche institutionellen Rahmenbedingungen die politische Partizipation von Migranten fördert oder behindert. Er wählt dafür 15 europäische Länder aus und vergleicht deren nationale, rechtliche und verfassungsgemäße Grundlagen zu Migrationsfragen mit den innerstaatlichen Ansprüchen und Wirklichkeiten und zwischen den Ländern: Belgien, Schweiz, Deutschland, Dänemark, Spanien, Frankreich, England, Ungarn, Irland, Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal, Schweden und Slowenien. Seine Forschungsergebnisse legt er mit dem Band „Politische Partizipation von Migranten in Europa“ vor.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der er die Begrifflichkeiten „Migration“ – „Integration“ – „Politische Partizipation“ klärt, und die Fragestellung der Forschungsarbeit erläutert, wird die Forschungsarbeit in die weiteren Kapitel gegliedert:

  • „Migration und Integration“,
  • „Politische Partizipation“,
  • „Determinanten politischer Partizipation von Migranten“,
  • „Untersuchungsmodell, Hypothesen und methodisches Vorgehen“,
  • „Empirische Untersuchung“,
  • „Empirische Befunde“ und
  • „Migration und politische Partizipation zwischen ‚Flüchtlingskrise‘ und Rechtspopulismus“.

Mit der Max Frisch-Analyse (1965): „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“ – wird die Problematik der vielschichtigen Erwartungshaltungen von Anspruch und Wirklichkeit in der jüngeren europäischen Migrations- und Einwanderungsgeschichte deutlich. Es sind die Begriffe, die in den verschiedenen europäischen Sprachen, in der Geschichte, Kultur und Mentalität der europäischen Länder unterschiedliche Bedeutungszusammenhänge aufweisen und damit sowohl parallele als auch kontroverse gesellschaftspolitische Aktivitäten bewirken. Es sind die (unterschiedlichen) Entwicklungen in den demokratischen Beteiligungsprozessen in den untersuchten Staaten, nach denen die Forderung nach politischer Partizipation differenziert ausfallen lässt. Und es sind vor allem die gewachsenen und gewohnten Strukturen, die den demokratischen, freiheitlichen Gleichheitsgedanken zwischen den Autochthonen und Allochthonen, zwischen Mehrheiten und Minderheiten fragwürdig werden lässt (vgl. z.B. dazu auch: Aladin El-Mafaalani, Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​24884.php).

Die Forschungsarbeit bestätigt zum einen die (zu erwartenden) euro- und globalzentristischen Tendenzen der Abgrenzung und Abschottung von den Migrationsströmen, korrigiert aber andererseits auch die (durchaus gepflegten) Einstellungen, dass es ein Gefälle von den bildungsbewussten Einheimischen zu den bildungsferneren Eingewanderten gäbe: „Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund zeigt sogar ein etwas höheres Bildungsniveau als die einheimische Bevölkerung“. Dies, so lässt sich vermuten, ist auf ein durchaus funktionierendes, gleichberechtigtes, demokratisches Bildungssystem zurückzuführen: „Migranten der zweiten Generation und eingebürgerte Migranten zeigen ein deutlich stärkeres Interesse an der politischen Mitbestimmung im Aufnahmeland als die erste Generation und nicht-eingebürgerte Befragte“.

Fazit

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit von Daniel König können (natürlich) nicht auf alle Imponderabilien und Konfliktfälle eine Antwort geben. Durch die umfangreichen Erfassungs- und Vergleichsdaten, die der Autor im Zeitraum von 2002 bis 2014 herangezogen hat und in Tabellen, Statistiken und Grafiken bereitstellt, bietet die Studie für weiterführende Forschungen und für das Studium hilfreiche Informationen an. Die Schlüsselfrage, wie es gelingen kann, dass alle Menschen in einer Gesellschaft, individuell und kollektiv und ohne Unterscheidung ihrer Herkunft und ihres Status, gleichberechtigt politisch partizipieren können, nämlich entscheidet darüber, wie die Conditio Humana in einer gerechten und gleichberechtigten EINEN WELT gelebt werden kann.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.04.2020 zu: Daniel König: Politische Partizipation von Migranten in Europa. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-339-11054-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26289.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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