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Heidrun Friese, Marcus Nolden u.a. (Hrsg.): Rassismus im Alltag

Cover Heidrun Friese, Marcus Nolden, Miriam Schreiter (Hrsg.): Rassismus im Alltag. Theoretische und empirische Perspektiven nach Chemnitz. transcript (Bielefeld) 2019. 218 Seiten. ISBN 978-3-8376-4821-8. D: 29,99 EUR, A: 29,99 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Thema

Einerseits ist mit dem Hinweis auf Rassismus das Thema dieses Sammelbandes deutlich genannt, andererseits besteht wohl doch Unklarheit darüber, wie man mit dem BegriffRasse sinnvoll arbeiten kann und ob man von Rassismus vielleicht nur reden – und schreiben – sollte, um jemanden als Bösewicht zu kennzeichnen. Doch wer die Medienberichte über Opfer des Corona-Virus in den USA beachtet, wird rasch lernen, dass dort als Rassen, genannt races, Whites, African-American, Asian, und Latinos mit großer Selbstverständlichkeit voneinander unterschieden werden. Auch singt der unsterblich gewordene Michael Jackson im Internet in dem Text zu Heal the World seit 1991 unverändert von the entire human race, womit die ungeschiedene Menschheit insgesamt gemeint ist und nicht ein sich unter- oder überlegen fühlender Teil davon. Begriffe hin oder her, das Buch enthält höchst beachtenswerte Texte zu Ausländerfeindlichkeit und zu erschreckenden Rückfällen in Gruppenegoismen aus der Kolonial- und der Nazizeit, die sicher mancher der Leser für überwunden hielt. Das ist ein Grund mehr, diesen Band zu lesen.

Entstehungshintergrund

In Chemnitz wird am 26. August 2018 ein 35-jähriger Mann durch Messerstiche tödlich und zwei weitere werden schwer verletzt. Verhaftet werden ein Iraker und ein Syrer als Tatverdächtige. Es kommt zu einem Angriff auf das Restaurant Shalom (7), und zu rechtsextremistischen Ausschreitungen, die von Leuten inszeniert werden, die sich die Erregung der Einwohner über den Tod des 35-jährigen zu Nutze machen. In ihrer Einleitung mit dem Titel „Chemnitz im Herbst“ (7-15) beschreiben die drei Herausgeber den Hintergrund für die Entstehung des Buches. Die Ereignisse, die sich an den August 2018 anschlossen, werden in den Kontext von neuen Formen des Alltagrassismus, des Antisemitismus und von identitären Mobilisierungsstrategien (8) gestellt. Letztere zeigen sich nicht nur in Hate Speech (vgl. 158 f.), sondern auch in „Trauerriten, die digital verbreitet werden“ (9). – Die Herausgeber liefern innerhalb der Einleitung eine Vorschau auf die weiteren Beiträge zu diesem Sammelband in Kurzfassung.

Herausgeber*innen und Autor*innen

Als Herausgeber*innen werden genannt: Heidrun Friese, Marcus Nolden und Miriam Schreiter. Die drei werden zusammen mit allen Verfassern am Ende des Buches vorgestellt. Friese als Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der TU Chemnitz, Nolden und Schreiter als promovierte Mitarbeiter eben dort.

Beiträge zu diesem Sammelband, der einschließlich der Einleitung aus 11 selbstständigen Texten besteht, schrieben außerdem:

Frank Asbrock, der an der TU Chemnitz Professor für Sozialpsychologie ist, Daniel Corlett, der dabei ist, in Chemnitz zu promovieren, aber eine Stelle an der Universität Jena innehat, Felix Hoffmann als promovierter Hochschullehrer und Flüchtlings- und Migrantenforscher an der FU Berlin, Vera Kaiser ist Psychologiestudentin und Hilfskraft in der Sozialpsychologie in Chemnitz. Außerdem Shadi Kooroshy als Rassismus- und Migrationsforscherin, die gerade in Trier promoviert. Paul Mecheril wirkt als Professor für Migration im der Fakultät Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Thomas Pfeiffer ist promovierter Sozialwissenschaftler, der als Verfassungsschützer vor Rechtsextremismus warnt und im Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen arbeitet. Claas Pollmanns wirkt als Soziologe in der Sozialpsychologie in Chemnitz. Susanne Rippl ist Professorin der Soziologie in Chemnitz und hat über „Xenophobia and Gender“ geforscht. Liriam Sponholz ist als Privatdozentin an der Universität München bei Prof. Brosius tätig und hat sich 2018 in Klagenfurt über „Hate Speech in den Massenmedien“ habilitiert. Juliane Wetzel ist promovierte Mitarbeiterin in der Antisemitismusforschung der TU Berlin. Zu den Arbeitsgebieten dieser Autorinnen und Autoren gehört die Rassismusforschung, aber sie ist nicht das dominierende Thema.

Die im Buch genannten Forschungsbereiche der Verfasser*innen sind: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Stereotypen, Vorurteile, Diskriminierung, Autoritarismus, postkoloniale Perspektiven, Flüchtlinge, Migrationsforschung, Integrations- und Inklusionsforschung, (Anti-) Feminismus, Gender, autoritäre Einstellungen, deutsch-israelische Beziehungen, Rechtsextremismus und Antisemitismus.

Aufbau

Auf die Einführung folgen die zwei Hauptteile des Buches:

  • „I. Alltagsrassismus“ und
  • „II. Chemnitz und darüber hinaus.“

Der erste Teil enthält vier Texte:

  • „Zur Verwobenheit von race und state,“
  • zu dem Fremden als Feind
  • zum Anti-Rassismus und
  • zum Antisemitismus heute.

Teil II besteht aus sechs Beiträgen:

  • Rechte Radikalisierung,
  • Dem Mainstream auf der Spur,
  • Politiken des Todes,
  • Hate Speech,
  • Diskriminierungserfahrungen und
  • der Schluss-Text mit dem Untertitel „Zwischen Skandalisierung und Tabuisierung.“

Inhalt

Der Hauptteil I. Alltagsrassismen beginnt mit dem Aufsatz: Wir sind das Volk (17-29) von Shadi Kooroshy und Paul Mecheril. Er trägt den wichtigen Untertitel „Zur Verworrenheit von race und state.“ Das Eingangszitat dort erinnert an die Angriffe von Hoyerswerda im September 1991 auf Asylsuchende und Vertragsarbeiter. Damit beginnt damals eine „Flut rassistischer Gewalt“ (17) als Bedrohung gegen das Leben „der nicht-weißen Bevölkerung Deutschlands“ (17). – Die Verfasser kritisieren die Einschränkung des im Grundgesetz garantierten Asylrechts durch „die schwarz-gelbe Regierung mit Hilfe der Stimmen der SPD“ (17).

Die „migrantengesellschaftlich als Andere Geltenden“ sind für die Anhänger von Pegida ‚Muslime‘ (18). Doch die Anknüpfungspunkte für das Anderssein können verschiedene sein. Die Krise des Nationalstaates liegt in der Suche nach einem „natio-ethno-kulturell kodierte(m) Wir“ das, wenn es funktionieren soll, ohne biologische Kategorien auskommen sollte (18). Die Verfasser erklären, dass aktuelle Problem weniger eine „Migrations- oder Flüchtlingskrise“ sind als ein Infragestellen der „nationalstaatlichen Ordnung“ (19), auch weil es eben zum Nationalstaat gehöre, dass er über „symbolische und faktische Gewalt gegen… Andere“ verfüge (19).

Die beiden Verfasser weisen den Gedanken zurück, Rassismuskritik als wissenschaftliche Unternehmung wäre ein ethisches Anliegen, das zu einem moralische Urteil führt. Es sei vielmehr eine Analyse des „Wirkens von Dominanz- und Herrschaftsverhältnissen.“ Der „Rassismuskritik gehe es um die Aufklärung der (in Zeiten der programmatischen Post-Rassismus zumeist hinter dem Rücken der Akteur_innen wirkenden) race-Kategorien…“ (19).

Ihrem zweiten Abschnitt geben die Verfasser die Überschrift: „Der Vorrang des natio-ethno-kulturell kodierten Wir“ (20). Von dem so bezeichneten „Wir“ schreiben sie, dass es „sich nur durch Abgrenzung konstituieren kann,“ die mit der „Abwertung der imaginierten Anderen verbunden“ ist, „da erst die Abwertung der Anderen die Höherwertigkeit des Wir garantiert…“ (21). Kooroshy und Mecheril finden dann eine „strukturelle Verwandtschaft“ zwischen „Race und Nation“ und nennen als Beleg die „von allen Nationalstaaten getragene Absicht der Verhinderung von Mehrstaatlichkeit.“ Darum „neigt die Praxis der Nation dann zu einem Rückgriff auf das Rasse-Denken… der etwa den Rassismus des europäischen Kolonialismus kennzeichnete“ (21). „Das ‚vernünftige‘ Subjekt der europäischen Aufklärung greift auf die Abgrenzung zu seinem ‚un-vernünftigen Anderen‘ zurück, um an sich selbst und den eigenen universellen Vorrang glauben zu können“ (22).

Je intensiver dieser Vorrang in Frage steht, „desto eher greift die Sicherung des Wir-Vorrangs auf Rasse-Kategorien und damit auf die Dämonisierung der Anderen. zurück“ (22) Es geht also um „territoriale und Superioritäts-Ansprüche eines Wir,“ und zu deren Durchsetzung werden „Rassekontruktionen aufrufende Bilder und Imaginationen der Anderen“ (22) eingesetzt. „Das Insistieren auf der Rechtmäßigkeit der weitgehenden Undurchlässigkeit der. Grenzen... mobilisiert Rassismus. Es sind Grenzpraktiken, die rassistische Praktiken zur Folge haben“ (23). Ein Hinweis auf Präsident Trumps immer wieder versprochenen Mauerbau an der Grenze zu Mexiko wäre hier einleuchtend.

Eine weitere Zwischenüberschrift lautet: Der territoriale Anspruch des natio-ethno-kulturell kodierten Wir. Der moderne Staat produziert seit seiner Geburtsstunde bis in die Gegenwart race… wegen der Assoziation von Staats-Territorium und Volk (23). Schon Hobbes beschrieb in seinem Leviathan einen Naturzustand, in dem die Menschen ohne Staat leben (24). Dabei herrscht dann Kampf jeder gegen jeden: Absolute Freiheit geht mit absoluter Unsicherheit einher. In einer nächsten Phase verzichten die Menschen auf absolute Freiheit und unterwerfen sich dem Staat. So erhalten sie Sicherheit und Ruhe. Die „Unterscheidung zwischen Naturzustand und Staat“ bringt race hervor. Der bei Hobbes als Naturzustand beschriebene Kriegszustand herrschte in Amerika bei dessen Entdeckung: Die Ureinwohner kannten keine Regierung, sie gehorchten nur einer Familienhierarchie. Daher erschienen sie als „Wilde“ und ihre angestammte Heimat als ein anarchischer, chaotischer Ort, der zur Eroberung bereit stand (24).

Bei Locke (25) entsteht Eigentum durch Arbeit, weil ich den Apfel pflücke, wird er mein. Aber man darf nur so viel Eigentum anhäufen, wie man selbst nutzen kann, d.h. so, dass die Äpfel nicht verderben. Durch die Einführung von Geld, das unverderbliche ist, erlischt die von Gott gegebene Obergrenze der Eigentumsmenge, die angehäuft werden darf. Es entfällt die Beschränkung des Eigentums auf die Resultate der eigenen Arbeit! Gesetze überführen das Gemeingut in den „Besitz des Staates und dessen Bürger“ (26). Nach Locke durften die Kolonialherren aus England sich aneignen, was den Ureinwohnern gehörte, weil die sich noch im Naturzustand befanden, die Europäer dagegen einen Staat hatten. Die neue Welt ist – für Locke – Gemeingut wegen ihrer statelessness. Die „rassistische Kodierung“ wiederholt diese gedankliche Konstruktion, die schon die Rechtlosigkeit der Indianer begründete. Das Resultat bleibt gleich, trotz einer Zweiteilung der Begründung: a) universaler Rassismus (uns sind alle anderen unterlegen) – b) kultureller Rassismus (uns sind die Farbigen, die Muslime etc. unterlegen) (26).

Kooroshy und Mecheril enden ihren Beitrag mit einer Schlussbetrachtung: Die Wirksamkeit des race-Denkens führe zur „Moralische(n) Neutralisierung“ und „buchhalterisch-administrative(n) Gleichgültigkeit“ (27). Das verhindere die „Anteilnahme an dem Schicksal und Leid Anderer“ (27). Diese weitverzweigte race-Logik lasse sich nur in kleinen Schritten überwinden.

Ebenfalls zu dem Hauptteil Alltagsrassismen gehört der Aufsatz von Heidrun Friese: Der Fremde als Feind (31-59). Friese trägt durch Bezugnahme auf Hannah Arendt. (31, 41, 53) zusätzlich dazu bei, ihre Leser zu überzeugen. Sie dokumentiert den Diskurs im Internet und zeigt die weitgehende Unfähigkeit derjenigen, die sich dort äußern, ihre fremdenfeindliche Haltung zu reflektieren, geschweige denn zu bedauern. Friese zitiert einen typischer Chat, der so beginnt: „Es REICHT mir einfach! Ich war nie fremdenfeindlich…“ Dann kommt mit einem „aber“ eingeleitet einer der zahllosen Hinweise auf ein „Erstarken von rechtsnationalen, rechtsradikalen Bewegungen – nicht nur in Chemnitz…“ (32)

Solche Tendenzen sind weitgehend getragen von Leuten, „die (sich) zur bürgerlichen Mitte zählen.“ Gefordert werden – in den Beiträgen dieser Internet-Teilnehmern – eine „ordentliche Integration“ und eine „kulturelle Anpassung,“ wobei ganz unklar bleibt, was das ist, und auf welche Kultur sich das bezieht (33). Bei der Nachfrage im Netz, was mit Kultur gemeint sei, kommt die herablassende Antwort, der Frager solle mal „andere Länder. besuchen“ (33). „Dort werden Sie vielleicht feststellen, worüber hier geredet wird.“ Kultur wird „verräumlicht, naturalisiert und damit jeglicher Befragbarkeit entzogen.“ Friese bezieht sich auf ZON (Zeit online), wo man zwar keine Hate Speech findet, aber einen Mikrorassismus: Die überhebliche „Anspielung wird zur Übereinkunft, die Hass und Ressentiment teilt“ (33).

Wo „ein narzisstisches ‚Ich‘ in den Mittelpunkt gerückt, subjektive Anschauung und Erfahrung zur einzigen Richtschnur für Vernunft und zur gültigen Urteils- und Argumentationsinstanz werden“ (33) ist mit selbstkritischer Infragestellung nicht zu rechnen. Das erinnert an Präsident Trump und dessen „Souveränität des Ego“ (33). „Im Zentrum stehen ‚Meinung‘ und Position“ (Fußnote 7, S. 33). Das ist „mikrorassistisches Framing,“ bestehend aus Meinungen wie: Die Politik hat versagt, Kanzlerin Merkel hat rechtswidrige entschieden, indem sie Flüchtlinge unbesehen hereinließ, die Grenzen müssen gegen die Invasion der Ungewollten verteidigt werden, „Migranten aus fremden Kulturkreisen ließen sich nicht integrieren und unterhöhlten deutsche ‚Identität‘“ (34). Die Beiträge zu ZON „verteidigen weißes Privileg durch Ausschluss und Forderung nach geschlossenen Grenzen und machen ein rassistisches, kulturrassistisches Framing deutlich“ (34 f.).

Vertreter dessen, was die Verfasserin Kulturrassismus nennt, halten sich für human, denn die Fremden werden nicht einfach ins Meer geworfen: „Vielmehr findet sich mehr oder weniger elegant und eloquent verpackt, was wir mittlerweile als kulturellen Rassismus bezeichnen, der mit Emphase kulturelle Differenzen und fremde ‚Kulturkreise‘ beschwört, um eigene nationalkulturelle Identität zu affirmieren und damit zugleich an das verdrängte koloniale Erbe anzuknüpfen“ (35). „Nun sind gerade die zunehmende Verachtung und Beschädigung von Ethik und Moral, von Normen und Werten natürlich bereits wieder Teil rassistischer Diskurse und der derzeitigen Verschiebung der Grenzen des Sagbaren“ (35). Es geht den von Friese beobachteten Internet-Schreibern auch um die Befreiung von zu viel Moral bei denen, die man im Netz als Gutmenschen zu disqualifizieren sucht.

Unbeantwortet bleibt bei solchen individualistischen angeblichen „Befreiungen“ die Frage, „wie ziviles Zusammenleben ohne den Bezug auf Ethik und Moral möglich sein soll“ (35). In diesen Zusammenhang gehört die „populistischen Welle der sozial ‚Abgehängten,‘ der gesellschaftlich an den Rand gedrängten ‚Mehrheit,‘“ in deren Interesse „die ökonomische Entwicklung und die soziale Frage“ von der Politik vorangebracht werden sollte. Stattdessen werde – so die Klage der Populisten – von politischen Aktionen zugunsten von ‚Minderheiten‘ geredet, also zugunsten Fremder, denen jede Legitimation fehle (36). Die Mehrheit legitimiert sich über die als Feinde gesehenen Fremden – also gerade nicht, wie bei Simmels Fremden! Die Verfasserin meint dann, „dass Europa sich über den externalisierten Anderen konstituiert“ anstatt über den Anderen als Initiator von Fortschritt (36).

Es kommt zu einem „Rassismus ohne Rasse“ (36), weil der Begriff Rasse durch Kultur und „spätestens seit 9/11“ durch Religion ersetzt wird. Friese fasst das zusammen als „das Framing von Differenz.“ Das beruht auch auf „der Verteidigung der Normalität weißen Privilegs“ als der Grundlage „kultureller Hegemonie, die persönliche Toleranz und individuelles Wohlwollen immer schon übersteigen“ (36). Daran kann die politische Debatte eben auch im Internet anknüpfen. Die Verfasserin sieht das so, dass dort „derzeitige Auseinandersetzungen um Migration alltäglich mikrorassistisch gerahmt sind“ (38).

Es folgt in Frieses Text der Abschnitt „Kultur und rassistisches Framing.“ Sie sieht den alten Begriff des Kulturkreises als in „populistische Vorstellungswelten und Diskurse eingegangen“ (39). Dazu erwähnt sie kritisch auch den Wiener Völkerkundler Pater Wilhelm Schmidt. Der dort vertretene Kulturbegriff sei – so Friese – ein Nachklang aus der Zeit des Imperialismus und Kolonialismus. Sie konfrontiert „das liberale Projekt“ das „Unterschiede zwischen Menschen anerkennt“ mit dem „nationalistisch-rassistischen Projekt“ in dessen Sicht „das Fatum Rasse-Kultur einer Veränderbarkeit grundsätzlich unzugänglich ist.“ Aus dieser Sicht stammt dann der Satz: „certain people will never be converted to something other than they are. They are, so to speak, beyond repair“ (40). Das ist die Gegenposition zu dem Fremden bei Simmel, der einer erstarrten Gesellschaft Aufbruch und Erneuerung bringt.

Friese zitiert neben Hannah Arendt auch Zygmunt Bauman, besonders Baumans Hinweis auf die Tendenz, dass in fortgeschrittenen Industriegesellschaften, Teile der Gesellschaft durch Rationalisierung im Produktionsprozess überflüssig werden. Friese meint dann, dass der Rassismus auch durch Projektion der Angst vor Überflüssigkeit von Inländern auf Ausländer zustande komme (41).

In dem Abschnitt „Mobilität – der Fremde als Feind“ (42) taucht als weitere Angst und neues rassistisches Moment das auf, was Friese „demographische Panik“ nennt. Weil der Einheimische erkennt, dass die Geburtenrate bei den Fremden deutlich höher ist, wird der junge Mann aus dem Ausland als jemand gesehen, der potentiell eine große Zahl von Nachkommen seines Typs zeugen wird, falls man ihn im Inland dulden und aufnehmen wollte (43). Obschon Friese das nicht ausführt, liegt dazu eine offenkundige Parallele zu den USA unter Trump vor (44). Das wird noch deutlicher bei der Beschreibung des „outrage discourse,“ der emotionale Ablehnung des Fremden provoziert und – ganz wie Trump – „das Ego absolut setzt“ 47).

Wichtig ist auch der Hinweis, dass die Internet-Kommunikation die für entwickelten Gesellschaften ehemals charakteristische Trennung öffentlich – privat zusammenbrechen lässt: In der „Debatte über Migration“ fallen beide Sphären zu einer einzigen zusammen: Das Private wird so politisiert: Wen Sie nicht in Ihrer Wohnung aufnehmen möchten, den sollten Sie auch nicht in Ihr Land lassen! Wenn jemand klingelt, schauen Sie doch durch das Guckloch in der Tür, um zu sehen, wer da vor der Tür steht. Wenn Sie jeden hereinlassen, wird er vielleicht „ihre Frau betatschen oder dergleichen“ (49). Wieder sind die Trump-Parallelen mit Händen zu greifen. (Auf S. 51 taucht der Name Trump dann auf). Auch Salvini in Italien wird zitiert (50). Migranten werden als Wirtschaftsflüchtlinge und als Schmarotzer gesehen und sollen dort bleiben – oder dorthin zurückgesandt werden – woher sie kommen. (51) – „Send them back, send them back“ ließ Trump auf einer Wahlkampf-Rally seine Anhänger skandieren. Am Schluss ist bei Friese noch die Rede von dem Alltagsrassismus, der auf das „Naturrecht des Stärkeren“ rekurriert (53). Die „Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt wird zitiert, und auch Arendts Formulierung vom „Zerteilen das gemeinsamen Menschseins“ (54).

Der für eine Rezension vorgesehen Raum reicht nicht aus, die weiteren acht Beträge zu diesem Sammelband so zu kommentieren, wie das mit den beiden ersten (nach der Einleitung) geschah, und wie es die anderen Texte verdienten. Darum endet diese Inhaltsangabe mit stichwortartigen Hinweisen auf die wichtigsten Themen des jeweiligen Textes:

Felix Hoffmann, S. 61–77: Identitäre Politik und Nationalstaat, antirassistische Perspektiven, Alteritätspolitik als Verzicht auf identitäre Logiken.

Juliane Wetzel, S. 79–97: Antisemitismus, Kontexte angepasster Stereotypenmuster, rechtsextremer Antisemitismus. Antisemitische Haltungen unter Muslimen und antimuslimischer Rassismus. Kollektive Akteure des Alltagsrassismus: a) Identitäre Bewegung, b) ProChemnitz, c) Kaotic Chemnitz.

Susanne Rippl, S. 101–118: Zeitgeschichtliche Einflüsse: Modernisierung, Globalisierung und neoliberale Politik tragen zur Wiederbelegung rechtspopulistischer Einstellungen (in Sachsen) bei. Spezifika Ostdeutschlands: Autoritäre Strukturen, Staatsautoritarismus bis zur Wende.

Thomas Pfeiffer, S. 119–138: Identitäre Bewegung entwickelt ein „Polit-Marketing“. Brückenschlag zu eindeutig rechtsextremen Bevölkerungskreisen. Popkulturelle Anleihen, um Jugendliche und junge Erwachsene anzusprechen. Angebot: „Erlebniswelt Rechtsextremismus“.

Miriam Schreiter, S. 139–156: Bürgerbewegung ProChemnitz mit Facebook Auftritt. „Der Tod wird hier gezielt als ‚Schockereignis‘ inszeniert, um ein Aufbruchsmoment zu schaffen.“ Gedenken an den Toten (wie im Horst-Wessel-Lied: marschier‘n im Geist in unser‘n Reihen mit).

Liriam Sponholz, S. 157–177: Hate Speech in sozialen Medien und als Anlass zur Vernetzung. „In den Sozialen Medien werden gezielt ‚Sorgen‘… verbreitet und dazu genutzt, um Menschen anzugreifen“.

Frank Asbrock, Vera Kaiser, Claus Pollmanns, Daniel Corlet, S. 179–193: „Folgen von Rassismus auf die Gesundheit von Betroffenen“. Abwehrreaktionen: „Stärkere(n) Identifikation mit der eigenen Gruppen“ und/oder „Protest gegen Herabsetzung und Diskriminierung“. Ausgrenzungserfahrungen: Bedrohung und Furcht vor Rechtsextremismus.

Markus Nolden, S. 195–211: Chemnitzer Bürgerdialoge als Versuche zur Aufarbeitung der Vorgänge im Anschluss an den 26.08.2018. Dort wird „die eigene – bewusste oder unbewusste – Verstrickung in Praktiken des alltäglichen Rassismus verdrängt und auf extreme Gruppen projiziert“.

Diskussion

Auf die Problematik des Begriffs Rassismus wurde schon hingewiesen. Vielleicht hätten Herausgeber und Autoren mit gleicher oder gar größerer Wirkung ihrem Band den Titel Ausländerfeindlichkeit oder Fremdenfeindlichkeit geben können, denn darum geht es ja. Der Fremde stört und der Rassist fühlt sich wohl bei dem Gedanken, dass er oder sie sich den Fremden wegdenken. Gleichsam beiläufig fiel in dieser Besprechung der Name Georg Simmel, dem die Soziologie den legendären Exkurs über den Fremden verdankt. Wie jeder weiß, schützen viele traditionelle Kulturen den Besucher aus der Fremde durch ein Gastrecht. Dies wohl auch darum, weil man von dem Wanderer etwas lernen kann. Die Ambivalenz des Fremden liegt eben darin, dass er Möglichkeiten des Wandels signalisiert, von denen der eine sich bedroht fühlt, während der andere darin eine Chance sieht. (Vgl. dazu den Abschnitt „The Stranger: Invader or Innovator?“ S. 17–25 in: H. J. Helle, Refugees, Religions, and Social Change, Amazon.com, München 2019).

Fazit

Hier wird ein Sammelband vorgelegt, der in eindrucksvoller Weise die fachlichen Kompetenzen einer Reihe von Wissenschaftlern zu einem Thema von hoher Wichtigkeit zusammenführt. Die Herausgeber haben die Vorgänge von Chemnitz vom August 2018 zum Anlass genommen, doch die angesprochene Problematik und das Thema, das hier als Rassismus bezeichnet wird, gehen zeitlich und räumlich weit über das hinaus, was damals in der ehemaligen Karl-Marx-Stadt (1953 bis 1990) geschah. Diese 216 Seiten sind ein interdisziplinärer Anstoß zu zukünftigen Projekten in Forschung und Lehre der betroffenen Disziplinen. Das Buch zur Kenntnis zu nehmen ist Pflicht für jeden Kultur- Kommunikations- und Sozialwissenschaftler, der der deutschen Sprache mächtig ist.

Abstract

This is an edited volume combining in an impressive way the special expertise of a group of scholars on a topic of exceedingly high significance. The editors considered the events of Chemnitz that occurred in August of 2018 to be sufficient reason for producing these texts, however, the problems they dealt with and the topic of racism extends far beyond those happenings, in time as well as geographically. The scene of those political and ethical derailments was the city of Chemnitz, which from 1953 to 1990 had been renamed Karl-Marx-Stadt. These 216 pages represent an interdisciplinary push toward future projects in research and in teaching for the disciplines involved. To take note of this book as a duty for every scholar in the cultural sciences, in communication studies, and in the social sciences, provided he or she can master the German language.


Rezension von
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 25.05.2020 zu: Heidrun Friese, Marcus Nolden, Miriam Schreiter (Hrsg.): Rassismus im Alltag. Theoretische und empirische Perspektiven nach Chemnitz. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4821-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26292.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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