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Ulrich Kobbé: Lilith im Maßregelvollzug

Cover Ulrich Kobbé: Lilith im Maßregelvollzug. Ein frauenforensischer Praxisreader. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2019. 912 Seiten. ISBN 978-3-95853-445-2. D: 80,00 EUR, A: 82,30 EUR.
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Thema

Während die Beschäftigung mit forensischer Psychiatrie, in Praxis und Forschung, die Zahl der Publikationen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat bleibt die Beschäftigung mit Frauen im Maßregelvollzug weiter im Marginalen. Der Maßregelvollzug ist männlich geprägt, der größte Teil der dort Untergebrachten ist männlich. Entsprechend sind die Behandlungsstrategien, Forschungsoptionen, Fallkonstruktionen an dieser Mehrheit orientiert – und gehen damit an der Realität weiblicher Untergebrachter, an deren Merkmalen, Strukturen und Bedürfnissen vorbei. Der prozentuale Frauenanteil in der gerichtlichen Unterbringung nimmt indes seit Jahren zu, was zusätzlich die Berücksichtigung von Genderaspekten erfordert. Der „frauenforensische Praxisreader“ hat den Anspruch das bestehende Wissen zu psychisch kranken Straftäterinnen zusammenzutragen, das was über weibliche Gewaltdelinquenz bekannt ist darzustellen und der Praxis zur Verfügung zu stellen und die „genderspezifischen Besonderheiten von Frauen, die sich gem. § 63 StGB wie § 64 StGB in Maßregeln der Besserung und Sicherung befinden“ (Klappentext) zu benennen, zu betonen und zu verteidigen. Dadurch wollen der Herausgeber und die AutorInnen mehr Behandlungs- und Lebensqualität für im Maßregelvollzug untergebrachter Frauen generieren.

Herausgeber und Autoren

Ulrich Kobbè, Dr., Dipl. Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut arbeitete bis 2018 als Klinischer Psychologe im LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt, seit 2018 als selbstständiger Psychotherapeut, Gutachter und Supervisor in eigener Praxis. Autor und Herausgeber zahlreicher Fachpublikationen vorwiegend zum Themenbereich Forensische Psychiatrie.

Die über 50 Einzelbeiträge wurden von BehandlerInnen, GutachterInnen und wissenschaftlich Tätigen im Bereich der Forensischen Psychiatrie verfasst, die allesamt über umfangreiche Erfahrungen im Umgang mit untergebrachten Maßregelvollzugspatientinnen haben.

Aufbau und Inhalt

Neben zwei einleitenden Texten beinhaltet der Praxisreader gut 50 Beiträge die in den Kapiteln (im Inhaltsverzeichnis werden diese Themenbereiche ohne Bindestrich in einem Wort geschrieben)

  • Frauen-Gewalt-Themen
  • Gender-Forensik-Fragen
  • Frauen-Klinik-Dynamik
  • Frauen-Fall-Geschichten
  • Gender-Praxis-Modelle
  • Shortcuts: Grundlagen-Literatur-Splitter
  • Drogen-Sucht-Identität
  • Frauen-Kultur-Fragen
  • Frauen-Sozial-Politik

und ein Nachwort thematisch geordnet sind.

Einleitung

In der Einleitung finden sich zwei Texte, einmal Franziska Lamott’s vorwortähnlicher dreiseitiger Text, der das Unterfangen, einen Praxisreader zu Frauen im Maßregelvollzug zusammenzutragen als Forschungsexpedition in „unbekanntes Land“ (15) charakterisiert (was eine offene, vorurteilsfreie Haltung bedingt) und ein erster längerer Text von Herausgeber Kobbé „Geschlechterdifferenz als Infragestellung – Gender als Praxis der Improvisation“. Darin beschreibt, umreist und definiert Ulrich Kobbé die auffallende Zurückhaltung der Fachszene bezüglich frauenforensischer Themen, die wichtigsten Namen, Begriffe und Konzepte (Lilith, Sex: Gender, Geschlechterdifferenz, Gender-Mainstreaming etc.) und das Ansinnen des knapp 1000 Seiten starken Praxisreaders, das für ihn „das Bemühen [darstellt], forensische Frauen in ihrer Subjektivität wahrnehmbar(er) zu machen, den ihnen jeweiligen institutionellen vorenthaltenen administrativ-politischen Respekt einzufordern, frauenspezifische und -adäquate Chancen … einzufordern und dafür theoretisch-praktische Rahmenbedingungen zu skizzieren,“ (32) was im Verständnis des Herausgebers immer auch eine ethische und politische Bezugnahme und Verschränkung beinhaltet.

Frauen-Gewalt-Themen

Unterscheidet sich männliche und weibliche Gewaltdelinquenz, wenn ja, auf welchen Ebenen? Was verursacht Wut und Aggression bei Mädchen und jungen Frauen? Gibt es eine „weibliche Psychopathie“, bzw. wie wird diese auf wissenschaftlicher Ebene konstruiert? Diese Fragen thematisieren im ersten Kapitel vier Texte, u.a. in einem Beitrag von de Vogel, Bouman, ter Horst, Lancel und Stam, die eine Multicenter-Studie über Genderunterschiede in der Forensischen Psychiatrie vorstellen. Der Text geht auf eine niederländische Veröffentlichung aus dem Jahr 2014 zurück, wurde auch bereits in der deutschsprachigen Fachzeitschrift „Forensische Psychiatrie und Psychotherapie“ veröffentlicht und beschäftigt sich, ausgehend von dem Befund, dass die von Frauen ausgehenden Gewaltverbrechen kontinuierlich ansteigen mit der Gruppe weiblicher Gewaltverbrecherinnen. Dazu wurde in der Van der Hoeven Klinik in Utrecht ein Risikoprognoseinstrument entwickelt (Female Additional Manual – FAM), um eine Vergleichsuntersuchung von 275 Frauen und 275 Männern im niederländischen Maßregelvollzug hinsichtlich ihrer Deliktgeschichte, Psychopathologie, Viktimisierung (höhere Rate posttraumatischer Belastungsstörungen), Behandlungsvorgeschichte (häufiger unfreiwillige Institutionalisierung), Behandlungsverlauf inkl. Zwischenfällen (höhere Zwischenfallsrate) und Risikofaktoren, sowie sozialer Status (Mutterschaft) durchzuführen. Die Unterschiede zwischen beiden Gruppen bestehen in der Art der Delikte (Frauen begingen mehr Tötungsdelikte und weniger Sexualstraftaten, weibliche Gewalt richtet sich eher auf Personen aus dem persönlichen Umfeld). Die Vorgeschichte der Frauen war stärker durch Viktimisierung (öfter sexueller Art) belastet und Frauen wiese höhere Scores bei den genderspezifischen Risikofaktoren (erlebte Erziehungsmängel, diagnostizierte Persönlichkeitsstörung, Suizidalität etc.) auf. Die Ergebnisse belegen, dass darin Implikationen für die Behandlung von Frauen in der Forensischen Psychiatrie bestehen, etwa in Bezug auf eine traumasensible Behandlungsstrategie oder die Begleitung von Mutter-Kind-Interaktionen.

Gender-Forensik-Fragen

Genderfragen im Kontext forensischer Unterbringung und Behandlung sind das Thema des zweiten Kapitels. Zunächst beschreibt Monika Vogelsang die Spezifika der Borderlinestörung bei Frauen in der Forensischen Psychiatrie. Der Beitrag definiert zunächst die diagnostischen Grundlagen dieser Persönlichkeitsstörung und geht dann auf die Zusammenhänge zwischen frühen, wiederholten Traumatisierungen und der Borderlinesymptomatik ein. Der Entstehungszusammenhang von Gewalt- und Missbrauchserfahrung und späterer Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung findet sich gehäuft bei weiblichen Untergebrachten im Maßregelvollzug, da vorwiegend weibliche Kinder Opfer von Gewalt und Missbrauch werden. Die Borderlinestörung wird in ihrer kognitiv-emotionalen Struktur (u.a. erhöhte Wahrnehmungsbereitschaft der Betroffenen bezüglich vermeintlich fürsorglicher Personen die -auf Grundlage des früheren kindlichen Erlebens- als potentiell bedrohlich eingeschätzt werden) dargestellt und die damit assoziierten Verhaltensprobleme beschrieben. Der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsstörung und Delinquenz liegt allgemein in einer erhöhten Impulsivität und Bedrohungswahrnehmung, assoziiert mit starken Emotionsdurchbrüchen. Speziell bei weiblichen Betroffenen spielen besondere psycho-soziale Phänomene eine Rolle, z.B. eine übertriebene Solidarität mit Beziehungspartnern oder wichtigen Bezugspersonen und damit gesteigerter Gefahr der Instrumentalisierung. Aus der komplexen Störungsdynamik ergeben sich vielfältige Konsequenzen für die Behandlung, welche neben dem Aufbau einer adäquaten therapeutischen Arbeitsbeziehung von klaren Kommunikationsstrukturen, Zielvereinbarungen, psychoedukativen Aspekten (u.a. Verbesserung der Differenzierungsfähigkeit in Bezug auf soziale Beziehungen), Krisenbewältigung, Verbesserung der Impulskontrolle, Umgang mit selbstverletzendem Verhalten etc. gekennzeichnet sind.

Ausgehend vom Konzept der spezifischen Persönlichkeitsstörung beschreibt der folgende Artikel die diagnostischen Aspekte, Symptommerkmale, Delinquenzfaktoren und Behandlungsstrategien bei der antisozialen Persönlichkeitsstörung und der Psychopathie bei Frauen, welche auch durch ausführliche Fallbeispiele expliziert werden. Der Text ist ein Reprint einer niederländischen Originalausgabe aus dem Jahr 2014 und liegt ebenfalls seit längerem in deutscher Übersetzung vor.

Eine Originalarbeit ist der nächste Beitrag, der auf die spezifischen Aspekte transsexueller Menschen, hier dargestellt an der Unterbringungssituation im schweizerischen Straf- und Maßnahmensituation (die sich von den Verhältnissen in Deutschland und Österreich nicht wesentlich unterscheiden dürfte), eingeht. Ausgehend von der Fallvignette „Sunny“ wird die Situation von Transgendermenschen im Allgemeinen und in Bezug auf die männerdominierte Welt des Maßregelvollzugs im Besonderen dargestellt, werden diagnostische, psychosoziale, rechtliche und therapeutische Überlegungen diskutiert und zu einer forensischen Behandlungsstrategie ausformuliert.

Sexuelle Gewalterfahrungen von Frauen in der Unterbringung, das Phänomen sexualisierter Gewalt in Zwangskontexten ist in der fachlichen Wahrnehmung, Beschäftigung und Bewältigung bislang deutlich zu kurz gekommen. Thomas Barth moniert, dass es bislang keine einzige aussagekräftige deutschsprachige Studie vorliegt, das Problem sexualisierter Gewalt im Kontext von Straf- und Maßregelvollzug allerdings existent ist (der Autor hat dazu in 2013 eine entsprechende Studie vorgelegt) und dringend eine Sensibilisierung des Personals in den entsprechenden Einrichtungen (in Bezug auf Übergriffe zwischen PatientInnen und in Bezug auf Gewalt die von Personal verübt wird) erreicht werden muss.

Frauen-Klinik-Dynamik

Einen differenzierten Blick auf den Frauenmaßregelvollzug in Deutschland und in der Schweiz wirft das folgende Kapitel, das Beiträge zur „Frauen im Maßregelvollzug in Deutschland“, und einen Beitrag mit Regionalbezug zu „Eine Dekade Frauenforensik“ (§ 63 StGB) in Bedburg-Hau beinhaltet, sowie einen Beitrag zur „frauenspezifischen Versorgungssituation in der Schweiz“. Zwei weitere Beiträge zu „Interaktionellen Spiralen in stationären Settings und mögliche Auswege“, zu „Entwicklungslinien frauen- und behandlungsorientierter Qualitätsentwicklung“ und ein Forschungsbericht zu einer Untersuchung zur Lebensqualität und Bedürfnissen von langzeituntergebrachten Täterinnen in der Forensischen Psychiatrie (§ 63 StGB) vertiefen die Analysen zur Situation von Frauen im Maßregelvollzug. Der Anteil untergebrachter Frauen im Maßregelvollzug liegt mit unter fünf Prozent ähnlich niedrig wie im Strafvollzug, allerdings wurden die Unterbringungsformen dort nicht so differenziert ausgestaltet. Auch scheint das Interesse an der Unterbringungssituation (von Frauen) nicht besonders stark ausgeprägt zu sein, bzw. schlichtweg zu fehlen. „Übergreifende, klinische Angaben zum Maßregelvollzug … liegen aktuell nicht vor“ (197). Einzige sichere Quelle ist demnach die Strafverfolgungsstatistik, die für eine entsprechende Studie ausgewertet wurden. Die Ergebnisse bestätigen die allgemein bekannten kriminalitätsbezogenen Unterschiede zwischen Frauen und Männern (z.B. eine weit geringere erhebliche Kriminalität, Gewaltkriminalität ist eher von schizophrenen Tatmustern geprägt, kaum weibliche Sexualdelinquenz, geringere Rate bei den Tötungsdelikten). Im Maßregelvollzug für Frauen (am Beispiel der Klinik Bedburg-Hau) zeigt sich (wie überall in der Forensischen Psychiatrie) ein Anstieg der Unterbringungszahlen. Die Hauptdiagnosegruppen zeigen Schwerpunkte bei den Schizophrenien (49 %) und Persönlichkeitsstörungen (20 %), die durchschnittliche Unterbringungsdauer bei knapp sechs Jahren. Die Datenlage lässt sich, wie oben dargestellt, nicht in Relation zur Situation in Deutschland setzen, dürfte aber (nach dem Praxiseindruck des Rezensenten) ansatzweise repräsentativ sein. Die Situation in der Schweiz stellt sich insgesamt ähnlich dar, allerdings wird dort der Anteil der Frauen, die in ihrer psychischen Gesundheit und in ihrem psychosozialen Funktionsniveau sehr stark beeinträchtigt sind als erhöht eingestuft. Einen Blick auf die Fallebene richtet der Beitrag von Aßhauer und Dulz, welche die spezifischen Interaktionsmuster im Frauenmaßregelvollzug beschreiben. Hier zeigen sich, begrenzt auf die enge Welt forensischer Kriminaltherapien im Frauenvollzug die in der Gesellschaft im größeren Rahmen erkennbaren Geschlechterverhältnisse, Kommunikationsstrukturen und Interaktionsmerkmale – allerdings wie unter einem Vergrößerungsglas betrachtet in der entsprechend dramatisierten Dynamik. Wie mit solchen Störungs- und Interaktionsmustern im stationären Setting gearbeitet werden kann zeigen die Darstellungen zur therapeutischen Arbeit im Forensischen Zentrum Lippstadt. Die dargestellte Therapiestruktur und die einzelnen Therapieformen und -angebote unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht vom Therapieangebot einer Männerstation, berücksichtigen allerdings stärker die spezifischen Beziehungs- und Interaktionsbedürfnisse von Frauen z.B. mit einer Borderline-Erkrankung und umfasst Angebote in der Bandbreite von Ernährungs- und Gesundheitsberatung, TaiChi, Körperpsychotherapie, dialektisch-behaviorale Gruppentherapie (DBT) nach Linehan (in der adaptierten Form für den Maßregelvollzug – DBT/F), Anti-Aggressionstraining, Angehörigenarbeit, Bildungs- und Kreativmaßnahen, wobei die Behandlungsangebote und die Unterbringungsstrukturen für Patientinnen mit langer bis sehr langer Verweildauer (Long-Stay-unit) eine gewisse Anpassung mit Berücksichtigung des Aspekts Lebensqualität im Vollzug bedürfen.

Frauen-Fall-Geschichten

„Psyche und die Folgen des Begehrens“, „Der stummen Anrufung traumatische Identität“, „Alterität in Nessos entfremdendem Hemd“, „Enactment im Desaster einer ‚folie à deux‘“, „Die das Dogma erledigt: Non-Commitment als Fall/e des Falles“, „Jenseits kruder Pragmatik – Integrationen von Körper:Bild:Sprache“; in der ihm eigenen Sprache die Bezug auf philosophische, tiefenpsychologische, sozialwissenschaftliche etc. Konstrukte und Ideengebäude nimmt verantwortet Herausgeber Kobbé mit sechs Texten das vierte Kapitel fast vollständig allein. Es geht ihm darum die weibliche Form psychischer Erkrankung und der dahinterstehenden weiblichen Bedürfnislage und Struktur zu ergründen, was durch kulturwissenschaftliche Analysen, Fallvignetten und -analysen erfolgt und durch Aspekte der Beziehungsdynamik und Gestaltung der therapeutischen Beziehung ergänzt wird. Diese Ausführungen erheben nicht den Anspruch der Typenbildung oder gar Formulierung allgemeiner Therapieleitlinien, erweitern allerdings den Blick auf psychische Strukturen im Kontext weiblicher Delinquenz. Grundlage dafür sind u.a. reale Krankgeschichten aus der Behandlungspraxis des Autors und zeigen die Bandbreite an therapeutischen Interventionen, zwischen traumaspezifischer, psychopharmakologischer, verhaltenstherapeutisch orientierter, sozialtherapeutischer und kreativtherapeutischer Ausrichtung und Therapiestrategie, welche z.T. wie Erfahrungsberichte angelegt sind: „Das psycho-/​therapeutische Setting war … von der therapeutischen Haltung her durch möglichst weitreichende Gelassenheit, Furchtlosigkeit bzw. radikale Akzeptanz, Transparenz und Eindeutigkeit, durch Prinzipien des Holding und Containing, durch unbeirrte Zuversicht und nicht zuletzt auch durch Humor geprägt“ (397). Dadurch ergibt sich nicht (unbedingt) Orientierung, allerdings viele Hinweise auf mögliche Strategien und Behandlungsansätze.

Gender-Praxis-Modelle

In der Forensischen Psychiatrie bestehen „Übereinstimmungen als auch deutliche Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Tätern … die in der Diagnostik, Risikoeinschätzung und Behandlung berücksichtigt werden sollten“ (414). Die allgemeinen Unterschiede liegen bei einem deutlich höheren Viktimisierungsgrad (vor allem häufiger innerfamiliärer sexueller Missbrauch) und einem höheren Risiko transgenerationaler Weitergabe von Problemverhalten. Die Prävalenzraten weiblicher Kriminalität sind steigend, wobei Frauen durchschnittlich einen späteren Start der delinquenten Entwicklung aufweisen und diese häufiger mit eigener Traumatisierung assoziiert sind. Die Struktur der psychischen Erkrankungen weisen höhere Komorbiditätsraten auf, die Krankheitsverläufe sind häufig länger als bei Männern und häufiger kam es bei Frauen zu institutioneller körperlicher Gewalt. Genderspezifische Risikofaktoren bestehen im Bereich Prostitution, selbstverletzendes Verhalten und einem oft niedrigen Selbstbild, andererseits bestehen mögliche genderspezifische Schutzfaktoren in Form positiver sozialer Beziehungen du Religion. Entsprechend dieser Ausgangslage finden sich in diesem Kapitel Praxishinweise bezüglich Therapiegestaltung und -inhalten, Psychodiagnostik und Kriminalprognostik, Psychopharmakologie, Gestaltung der Behandlungsbeziehung sowie Milieutherapie und ausführlich Hinweise zu körperpsychotherapeutischer Behandlungsstrategien und gendersensibler psychiatrischer Pflege. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem „Spezialthema“ Schwangerschaft im Maßregelvollzug, Beziehungswünschen, Sexualität und Partnerschaft im Vollzug.

Shortcuts: Grundlagen-Literatur-Splitter

Das Kapitel erschließt wichtige Literaturstellen und filmische Arbeiten zur Forensischen Psychiatrie in Bezug auf die Behandlung von Straftäterinnen im Maßregelvollzug. Die einzelnen Beiträge wurden mit Ausnahme des Textes von Melanie Frey zur „Unterbringung in der Entziehungsanstalt gemäß § 64 StGB- eine Perspektive für Täterinnen mit Suchtproblemen?“ von Herausgeber Ulrich Kobbé verfasst und erschließen so unterschiedliche Themen und Diagnosebereiche wie die Situation intellektuell beeinträchtigter Straftäterinnen, frauenspezifischen Gesundheitsperspektiven, kriminalwissenschaftlichen Ansätzen, Fragen und Prinzipien genderspezifischer Psychotherapie oder den auf Foucault zurückgehenden Ansatz des Panoptismus (Tendenz zu zunehmendem Überwachungs- und Kontrollmechanismen als repressive Machttechniken und seine Auswirkungen auf soziale Konformität von Individuen), welche aus kunstwissenschaftlicher Perspektive für den Bereich der Frauenforensik analysiert und publiziert wurden (vgl. die Rezension zu Christa Pfafferott: Der panoptische Blick Mach und Ohnmacht in der forensischen Psychiatrie. https://www.socialnet.de/rezensionen/​18700.php)

Drogen-Sucht-Identität

Kapitel sieben wendet den Blick auf das Phänomen Sucht und Delinquenz bei Frauen und beinhaltet mit sieben Beiträgen stationäre und ambulante Behandlungserfahrungen mit verurteilten suchtkranken Straftäterinnen. Auch hier zeigt sich, dass bezüglich weiblichen Untergebrachten besondere Aspekte und Umstände zu berücksichtigen sind, z.B. der Zusammenhang zwischen erlebter Traumatisierung und Entwicklung einer Suchtmittelabhängigkeit, oder destruktive Beziehungsmuster die als Teil der Delinquenzentstehung, -aufrechterhaltung aber auch der -behandlung eine wesentliche Rolle spielen. Die Beiträge fußen z T. auf ausführlichen Fallbeispielen mit Darstellung des Delikthintergrunds und der Interventionsansätze, sodass ein genauer und differenzierter Blick auf das gesamte Spektrum von Delinquenz, dessen Bedeutung im Rahmen bestehender Suchterkrankungen und psychiatrischer Störungen, auf Behandlungsstrategien und -maßnahmen, Rehabilitationskonzepte und ambulante Nachsorgeformen in der Forensischen Psychiatrie und benachbarten Feldern (z.B. Bewährungshilfe) geworfen werden kann. Die Ausführungen belegen „am Fall“ aber auch auf Grundlage empirischer Daten die Notwendigkeit einer gendersensiblen Behandlung und Begleitung dieser Teilzielgruppe im Maßregelvollzug.

Frauen-Kultur-Fragen

Das mit zweit Beiträgen kürzeste Kapitel beschäftigt sich mit kultursensiblen Aspekten der Behandlung von Maßregelpatientinnen mit Migrationshintergrund. Schwerpunkte sind Merkmale der türkisch/​islamstämmigen Kultur (Ali Kemal Gün) und Gesellschaft und deren Implikation für die Diagnostik, Psychotherapie, Rollenaspekte und die Bedeutung familiärer Strukturen. Daneben finden sich Hinweise auf religiöse Krankheits- und Heilvorstellungen, sowie Aspekte auf „interkulturell-therapeutische Kompetenzen“ (z.B. Anerkennung von Vielfalt, Selbstreflexion, aktives Ansprechen von und Arbeiten mit Migrationsaspekten). Daneben finden sich Hinweise auf Opferaspekte bei muslimischen Frauen, Schuld und Scham in der islamischen Kultur.

Frauen-Sozial-Politik

Unter (nicht nur) sozialpolitischer Perspektive thematisiert das letzte Kapitel ganz unterschiedliche Themen. Schwerpunkte liegen bei internationalen Regelungen zum Umgang mit und der Behandlung von Frauen in freiheitsentziehender Unterbringung (etwa die UN-Grundsätze der sog. „Bangkok-Regeln“), die Situation weiblicher Opfer im Strafprozess, das -auch in der forensischen Psychiatrie- erst unlängst „entdeckte“ Thema gewalttätiger Frauen (hier am Beispiel Frankreich) und dessen Bedeutung für die Gesellschaft, das Thema „Sexualität im Maßregelvollzug“ (das hier weniger als Thema, mehr als Phänomen dargestellt und charakterisiert wird und vor allem auch auf den nicht unverkrampften Umgang „der“ forensischen Psychiatrie mit Sexualität in Verbindung gebracht wird), strukturellen Problemen der Unterbringung psychisch und suchtkranker Straftäterinnen (zu wenige Behandlungsplätze, Überbelegung bei zunehmenden Fallzahlen, sowie der Differenzierung des Angebots von Anti-Gewalt-Trainings für die Zielgruppe gewalttätiger Mädchen und junger Frauen

Nachwort

Den Abschluss finden persönlich-fachliche An- und Bemerkungen des Herausgebers Kobbé, das er selbst mit „Fazit … als parteilicher Stuntmen“ überschreibt. Das liest sich dann so: „Meine Prämisse lautet: Es gibt keine ethisch neutrale Position. Mithin muss sich, wer in der Forensischen Psychiatrie tätig ist, wer sich mit Taten und Täterinnen konfrontiert, in irgendeiner Weise eine Position beziehen, eigene Dollpunkte und Hauptachsen des in praxi Noch-Erträglichen wie des Doch-Erforderlichen, einer konkreten Ethik also, definieren. Persönlich bedeutet/e dies, psychologisch, philosophisch, psychoanalytisch, zen-geschult – und doch das Hemd zu kurz, die Hose zu lang – auf einem idealistisch-langen Marsch durch die Institutionen, auf dem achtsamen Weg auswegloser Über-/Verantwortung unerschrocken und illusionslos (m)einem aufrechten Gang zu üben und den Versuch zu machen, mir selbst zulächelnd unverkrampft, eigen, ständig, ethisch verantwortet und unabhängig geradeaus zu gehen…“ (791).

Im Anhang folgen dann die 109 Seiten Literaturhinweise, inkl. 82 Literaturstellen zu Ulrich Kobbé.

Zielgruppe des Buches sind alle Berufsgruppen, BehandlerInnen, GutachterInnen, RichterInnen, SozialpolitikerInnen, Pflegende, Geistliche die mit Frauen im Maßregelvollzug oder in deren ambulanter Nachsorge arbeiten.

Diskussion

So what? Knapp 1000 Seiten Fachbuch/​Praxisreader zu Frauen im Maßregelvollzug und ambulanter forensischer Nachsorge. Was tun mit einem solchen Buch? Wie sich annähern an die philosophisch-psychologisch-analytisch-Zen-geschulte Weisheit des Herausgebers der alles (in Worten: ALLES) was zum Thema zu finden, zu sagen, zu denken, zu analysieren, kurzzuschließen ist gesammelt und ergänzt hat? Lächeln und geradeaus gehen? Möglicherweise. Zunächst gilt es aber die Fülle an Fakten, Zusammenhängen, programmatisch-konzeptionellen Beiträgen (die durchaus unterschiedliche Tiefe und Differenziertheit aufweisen) zu würdigen und dann in der Praxis das Mögliche (und scheinbar Unmögliche), Sinnvolle und oft Überfällige zu tun: Eine Frauenforensik zu realisieren, die den dort untergebrachten Straftäterinnen, psychisch krank und/oder suchtmittelabhängig gerecht zu werden. Mit der Publikation scheint ein neuer Status erreicht zu sein, der die bisherige Vollzugspraxis, den Umgang mit untergebrachten Frauen als mindesten unangemessen (oft als selbst hinderlich und beschädigend) erscheinen lässt. Für eine neue Praxis bietet das Buch das vorhandene Wissen in Originalbeiträgen oder als Wiederabdruck früherer Arbeiten (z.B. aus der Fachzeitschrift „Forensische Psychiatrie und Psychiatrie – Werkstattschriften“, die Ulrich Kobbé selbst als Mitherausgeber bis zum Heft 3/2005 verantwortet hat), klar strukturiert und thematisch gegliedert. Es mag die Leserin, den Leser stellenweise überfordern den Gedankengängen und -sprüngen des Herausgebers zu folgen und seine Lust am Wissen und Reflektieren nachzuvollziehen oder zu teilen. Genau das ist allerdings notwendig, um den Bereich des Maßregelvollzugs fachlich zu gestalten, der nicht nur unter dem Druck zunehmender Fallzahlen Veränderung benötigt, sondern in dem sich ja bereits jetzt Untergebrachte befinden, die eine Behandlung, Resozialisierung und Nachsorge benötigen, die ihren Bedürfnissen gerecht wird. Der Praxisreader (der streckenweise auch das Format einer theorielastigen Bibel aufweist) bietet das dafür notwendige: Fakten, Analysen, Konzeptionelles, Anwendungserfahrung, Orientierung; also das was ein Grundlangenwerkt für die Praxis, die Forschung und die Psychiatriepolitik ausmacht.

Fazit

Ein Grundlagenwerk der Forensischen Psychiatrie das die relevanten Themen (Frauengewalt, Behandlungsfragen, medikamentöse Aspekte, psychotherapeutische Strategien, organisatorisch-strukturelle Fragen, Fallgeschichten, Praxismodelle, diagnostische Fragestellungen, kultur- und sozialpolitische Aspekte) zur Situation psychisch kranker Straftäterinnen in aller Breite aufgreift und der Praxis zugänglich macht. Ein Muss für Praxis und Ausbildung.


Rezension von
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 31.03.2020 zu: Ulrich Kobbé: Lilith im Maßregelvollzug. Ein frauenforensischer Praxisreader. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2019. ISBN 978-3-95853-445-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26296.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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