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Mériem Diouani-Streek, Stephan Ellinger (Hrsg.): Beratungskonzepte in sonderpädagogischen Handlungsfeldern

Cover Mériem Diouani-Streek, Stephan Ellinger (Hrsg.): Beratungskonzepte in sonderpädagogischen Handlungsfeldern. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2019. 4., überarbeitete Auflage. 208 Seiten. ISBN 978-3-7455-1073-7. D: 19,50 EUR, A: 20,10 EUR.

Reihe: Lehren und Lernen mit behinderten Menschen - Band 13.
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Thema

Pädagogik und Beratung sind grundsätzlich voneinander unterschiedene Professionen. Dennoch sollten auch Lehrende oder pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter außerschulischer Einrichtungen Grundkenntnisse über Beratungsprozesse besitzen. Zum einen ergeben sich in pädagogischen Situationen immer wieder alltagssituierte Anlässe für Beratung, etwa in Tür-und-Angel-Gesprächen. Zum anderen führen Konzepte der Vernetzung oder Sozialraumorientierung dazu, dass pädagogische, beratende oder medizinische Angebote zusammenrücken. Und schließlich kommen pädagogisch Tätige immer wieder in Situationen, in denen sie Klienten an Beratungsinstitutionen weitervermitteln.

Herausgeberin und Herausgeber

Mériem Diouani-Streek, Pädagogin, ist Leiterin der Beratungsstelle im Deutschen Kinderschutzbund, Bezirksverband Frankfurt am Main. Stephan Ellinger, Pädagoge und evangelischer Theologe, ist Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik bei Lehrbeeinträchtigungen an der Universität Würzburg.

Kontext

Die Erstauflage des Bandes erschien 2007. Die vorliegende vierte Auflage versammelt verbesserte Darstellungen sechs ausgewählter pädagogischer Beratungskonzepte, die in sonderpädagogischen Arbeitsfeldern eine Rolle spielen, aber nicht auf diese beschränkt sind. Die Ausführungen lassen sich durchaus auf die Arbeit in regelpädagogischen Institutionen übertragen. Die Autoren und Autorinnen der einzelnen Beiträge stammen sowohl aus der wissenschaftlichen Forschung als auch beratenden Praxis.

Aufbau

Der Band stellt in sechs Einzelbeiträgen folgende Beratungskonzepte vor (in Klammern sind jeweils Autor oder Autorin angegeben):

  • Personzentrierte Beratung (Erwin Breitenbach, Humboldt-Universität Berlin)
  • Systemische Beratung (Monika A. Vernooij, Universität Würzburg)
  • Kooperative Beratung (Andreas Methner, Verein zur Förderung der Kooperativen Beratungskompetenz e.V., und Conny Melzer, Universität zu Köln)
  • Lösungsorientierte Beratung (Günter G. Bamberger, PSY – Büro für psychologische Diagnostik und Beratung in Tübingen)
  • Kontradiktische Beratung (Stephan Ellinger)
  • Psychoanalytische Beratung (Oliver Hechler, Universität Würzburg) 

Zum Auftakt stellt Mitherausgeberin Diouani-Streek in einem eigenen Beitrag den pädagogischen Handlungstyp Beratung vor und führt in die Spezifika dieses Handlungsfeldes ein.

Inhalt

Einleitend: Pädagogischer Handlungstyp Beratung

Der pädagogische Handlungstyp Beratung findet sich als eigenständige Methode in spezialisierten Beratungsstellen, er ist aber auch eine Querschnittsmethode in anderen pädagogischen Arbeitsfeldern und tritt dort als impliziter Bestandteil der pädagogischen Profession auf. Beratung kann in diesem Zusammenhang als eine spezifische Form erzieherischer Hilfe verstanden werden. Eine alle Formen von Beratung, die in pädagogischen Kontexten auftreten können, integrierende Metatheorie gibt es allerdings nicht.

Diouani-Streek schlägt als übergeordnete Zielformulierung vor: Beratung im pädagogischen Kontext aktiviert Selbsthilfepotenziale der Ratsuchenden auf eine Weise, sodass die dabei hinzugewonnenen Kompetenzen auch über den begrenzten Beratungsprozess weiterhin im Alltag wirksam zur Verfügung stehen. Beratung zielt darauf, Verstehens- und Deuteprozesse zu entbinden und Lernhemmungen zu überwinden. Die Autorin unterscheidet kollegiale Beratung und Supervision, informelle (z.B. Tür-und-Angel-Gespräche), halbformalisierte (z.B. Beratungsgespräche als Teil schulischer Arbeit) und institutionalisierte (z.B. Erziehungsberatung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz – KJHG) Formen von Beratung. Beratung werde vor allem dann als hilfreich und zielführend erfahren, wenn sie an den Bedürfnissen der Klienten ansetze. Paradoxien könnten sich ergeben, wenn in pädagogischen Kontexten instruktive Handlungsformen (z.B. des Lehrens und Lernens) und explorative, verstehende Zugänge, wie sie für Beratung wichtig seien, sich vermischten.

1. Personzentrierte Beratung

… „geht von der Grundannahme aus, dass jedem Menschen eine existentielle Tendenz angeboren ist, alle seine Kräfte und Fähigkeiten im jeweiligen sozialen Kontext zu entfalten“ (S. 35). Der Berater baut ein Klima auf, in dem es dem Klienten immer besser gelingt, einen solchen Prozess der Selbstentfaltung aktiv zu realisieren. Auch der schülerzentrierte Unterricht greift auf ähnliche Vorstellungen zurück.

Entscheidend für personzentrierte Beratungsprozesse seien Empathie, unbedingte Wertschätzung und die Kongruenz des Beratenden, der im Beratungsprozess er selbst sein soll. Interventionsstrategien, die im Beratungsprozess angewandt werden, sind das Spiegeln, Konfrontieren, Zusammenfassen, Konkretisieren und das Ermöglichen von Perspektivwechseln.

Breitenbach betrachtet als sonderpädagogische Einsatzfelder etwa die Beratung bei Erziehungsproblemen oder die Schullaufbahnberatung. Auch in der Frühförderung seien personzentrierte Ansätze vorstellbar, wenn Eltern sich erst an die neue Situation herantasten müssten.

2. Systemische Beratung

… bezieht das System eines Falles in die Beratung ein, etwa das System Schule, das System Jugendhilfe oder das System Familie. Beratungen im schulischen Kontext, darauf weist Vernooij hin, seien in ihrem Auftrag weniger reglementiert als solche im Rahmen der Erziehungsberatung nach KJHG, dafür aber auch anfälliger für Grenzüberschreitungen, nicht zuletzt warnt die Autorin vor einer übergriffig werdenden Psychologisierung. Pädagogisch-systemische Beratung wird von ihr als ein durch eine bestimmte Kommunikationssituation herbeigeführter Lernprozess verstanden, der auf sozialem Erleben und Informationszuwachs beruht.

Als Methoden kommen in der systemischen Beratung zum Einsatz: das Joining (gemeint ist die Herstellung eines Arbeitsbündnisses), das zirkuläre Fragen, das Reframing, die Skulpturarbeit oder die Symptomverschreibung. Sehr anschaulich stellt der Beitrag beispielhafte Gesprächsverläufe aus der systemischen Beratungsarbeit vor.

3. Kooperative Beratung

… beruht auf Wirkfaktoren, denen eine besondere Unterstützungswirkung im Beratungsprozess zugeschrieben wird. Dabei spielen Faktoren auf Seiten der Ratsuchenden und des Beratenden zusammen. Wer berät, soll zunächst die subjektiven Theorien, die auf Seiten des Ratsuchenden wirksam sind, zu ergründen suchen und so „be-greifbar“ machen. Sehr wichtig für den kooperativen Beratungsprozess sei die Arbeitsbeziehung. Der Berater oder die Beraterin soll sich z.B. flexibel, erfahren, ehrlich, respektvoll, vertrauenswürdig, zuversichtlich, interessiert, aufmerksam, freundlich, herzlich und offen gegenüber dem Ratsuchenden zeigen.

Elemente im kommunikativen Beratungsprozess sind das direkte, persönliche Ansprechen, das aktive Zuhören, das Verbalisieren von Gefühlen oder das Konkretisieren. Bei Kindern hat sich der Einsatz von Spielfiguren oder Spielmaterialien bewährt. Eine Problemlösung wird dadurch erstrebt, dass über verschiedene Arbeitsschritte der Ist- in einen Soll-Zustand überführt werden soll. Mögliche pädagogische Einsatzfelder sind die Schullaufbahn- und Integrationsberatung, die diagnostische Beratung nach Unterrichtsbeobachtungen, die Gruppenberatung in der Klasse oder auch die Einzelberatung bei individuellem Unterstützungsbedarf.

4. Lösungsorientierte Beratung

… versucht nicht, eine bestimmte Lösung zu vermitteln, sondern vielmehr eine allgemeine Lösungskompetenz. Am Anfang des Beratungsprozesses steht ein Problem, das gemeinsam mit dem Klienten gesichtet wird. Der Blick ist von Anfang an auf die mögliche Lösung, nicht das Problem gerichtet – und auf die Ressourcen, die für den Aufbau einer Lösungskompetenz zu aktivieren sind. Man kann es auch so sagen: Der Blick soll vor allem auf das im Leben des Klienten gerichtet werden, was „nicht Problem“ ist. Verschiedene Optionen werden im Beratungsprozess gemeinsam gesichtet. Das, was funktioniert, soll verstärkt werden. Auf diese Weise sollen Probleme als weniger existent erscheinen und die anvisierten Lösungen sich selber verstärken. Wie ein solcher Beratungsprozesses ablaufen kann, verdeutlicht der Beitrag am Beispiel einer Familie, in der Lernbehinderung und Hyperaktivität eine Rolle spielen.

5. Kontradiktische Beratung

… macht aus saurer Milch frischen Quark – so Ellinger plakativ zu Beginn seines Beitrags: „Der Mensch kann sein Verhalten solange frei und von der jeweiligen Situation unabhängig selbstverantwortlich gestalten, wie er bereit und fähig ist, durch das Erwägen unterschiedlicher Gesichtspunkte neue Schlüsse zu ziehen. Aus diesen neuen Schlüssen können konkrete Handlungen abgeleitet und damit kontinuierlich Kompetenzerweiterungen erzielt werden“ (S. 138). Die Kerngedanken dieses Beratungsansatzes berufen sich auf die aristotelische Philosophie.

Ein idealtypischer Beratungsprozess verläuft in vier Phasen: Situationsanalyse und Wahrnehmungsveränderung (I) – Erarbeitung eines angemessenen Begriffs von Grenzen (IIa) – Ermitteln der persönlichen Grenzen (IIb) – Gegenentwurf und kreative Aktivationsplanung (III) – Unterstützung im kontradiktischen Handlungsprozess (IV). Alltagssprachlich ließe sich dieser Prozess in dem Satz zusammenfassen: Es geht darum, das Beste aus der Situation zu machen.

Ausführlich erörtert der Verfasser Einsatzmöglichkeiten kontradiktischer Beratung in sonderpädagogischen Kontexten. Diese liegen vor allem in der Bearbeitung akuter persönlicher Krisensituationen, z.B. bei Erziehungsproblemen.

6. Psychoanalytische Beratung

… ist nicht zuletzt aus der Kinder- und Jugendpsychotherapie bekannt. Schnittpunkte zur Beratung bestehen seit langem in der Erziehungsberatung oder in der berufsbezogenen Gruppensupervision. Hechler stellt in seinem Beitrag verschiedene Konzepte psychoanalytischer Beratung vor: von der klinisch-psychologischen Beratung über Beratung als Form sozialer Arbeit oder das Konzept psychotherapeutischer Beratung bis zur 10-Stunden-Beratung. Folgende Punkte betrachtet Hechler bei allen Unterschieden zwischen den einzelnen Konzepten als essentiell für psychoanalytische Beratungsansätze: Diese beziehen sich auf eine aktuelle Fragestellung, bearbeiten eine Entscheidungskrise, orientieren sich an den hierfür notwendigen Bewältigungsmöglichkeiten, fördern das Denken nach Kriterien der Vernunft, Plausibilität und Rationalität, machen Unbewusstes bewusst und setzen auf Erkenntnis als notwendiges „Heilmittel“. Neuere Beratungsansätze arbeiteten nicht allein individuumsorientiert, sondern betrachteten die zu bearbeitende Entscheidungskrise als Störung eines Beziehungsfeldes.

Die Einsatzmöglichkeiten innerhalb der Sonderpädagogik seien vielfältig – ob in der Frühförderung, im Unterricht, im Wohn- oder Arbeitsumfeld oder in der Freizeit. Eine psychoanalytisch ansetzende Beratung „vermag durch ihren Fokus auf die Subjektposition bei gleichzeitiger Objektivierung der aktuell schwierigen Lebenssituation und Entscheidungskrise eine Unterstützung zu geben, die dazu taugt, dass die Ratsuchenden ihren eingeschränkten Handlungsspielraum wieder erweitern können“ (S. 198).

Diskussion

Lehrkräfte sollen nach den Vorstellungen der Kultusministerkonferenz unterrichten, erziehen, beurteilen, innovieren – und beraten. Und es ist richtig: Immer wieder finden in pädagogischen Zusammenhängen Beratungsgespräche statt, vom einfachen Beratungsgespräch bei der Notenrückmeldung bis zum Krisengespräch. Daher ist es wichtig, dass sich Lehrkräfte, aber auch Personen in anderen pädagogischen Arbeitsfeldern Grundkenntnisse und Grundkompetenzen im beratenden Handeln aneignen.

Wer eine gut lesbare, knappe, fundierte Einführung in unterschiedliche Beratungskonzepte sucht, ist mit dem vorliegenden Band gut beraten. Der Inhalte greift über sonderpädagogische Handlungsfelder hinaus, weshalb der Titel des Bandes auch durchaus so lauten könnte: Beratungskonzepte in (sonder-)pädagogischen Handlungsfeldern.

Die einzelnen Beratungsansätze werden anschaulich und praxisnah beschrieben, durch wohlüberlegte Schaubilder visualisiert und auf dem aktuellen Forschungsstand eingeführt. Wohltuend ist, dass die einzelnen Beiträge immer wieder auf mögliche Grenzüberschreitungen hinweisen. Denn so sehr es richtig ist, dass Beraten eine mögliche pädagogisch-erzieherische Handlungsform ist, so wichtig bleibt es, darauf zu achten, dass Pädagogik nicht in eine falsche Psychologisierung oder übergriffige Therapeutisierung umschlägt. Pädagogik ist Begleitung des Einzelnen auf dem Weg zur Mündigkeit. Therapie und Medizin gehören einer anderen menschlichen Teilpraxis an. Wer pädagogisch für Kinder und Jugendliche verantwortlich ist, muss auch erkennen können, wo pädagogisches Handeln allein nicht mehr ausreicht und er muss die Größe haben, dann auch an andere Professionen abgeben zu können.

Fazit

Eine gelungene Einführung in pädagogisch relevante Beratungskonzepte für alle, die in Unterricht, Erziehung oder Sozialpädagogik tätig sind, nicht allein in der Sonderpädagogik.


Rezension von
Dr. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 28.04.2021 zu: Mériem Diouani-Streek, Stephan Ellinger (Hrsg.): Beratungskonzepte in sonderpädagogischen Handlungsfeldern. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2019. 4., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7455-1073-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26311.php, Datum des Zugriffs 10.05.2021.


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