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Katharina Ratzke, Wolfgang Bayer u.a.: Inklusion für die gemeinde­psychiatrische Praxis

Cover Katharina Ratzke, Wolfgang Bayer, Svenja Bunt: Inklusion für die gemeindepsychiatrische Praxis. Erfahrungen aus einem Modellprojekt. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2019. 192 Seiten. ISBN 978-3-88414-692-7. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.

Reihe: Fachwissen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966050111.
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Thema

Der Begriff der Inklusion hat mir nie gefallen. Mag es an dem Einschließen liegen. Ein Vokabel-Beispiel: jemanden in den Kerker einschließen. Auch die Seele ist in einem Körper eingeschlossen. In der Psychiatrie hat der Schlüssel eine besondere Bedeutung. Der Schlüssel signalisiert die Macht und den ausschließenden Einschluss.

Im Erfinden neuer werbewirksamer Begriffe ist die UN ja immer flott dabei, auch wenn es sich um keineswegs neue Bemühungen und Ziele handelt. Altes kann nie gut gewesen sein. Public Relations weiß man bei der UN handzuhaben.

In der Geschichte der Psychiatrie hat es trotz vieler inhumaner Irrwege, auch viele positive Bemühungen gegeben, den psychisch Erkrankten ein für ihn angemessenes und lebenswertes Zuhause zu geben, ihn nicht von der familiären und örtlichen Heimat zu trennen und ihn stattdessen in den Lebensrhythmus der Gemeinde oder eines Stadtteils einzubeziehen.

Die große bundesdeutsche Psychiatrie-Reform 1980–1985, an der ich mitwirken durfte, atmete den Geist einer guten Nachbarschaft und Solidarität mit den psychisch Erkrankten, ihren Familien und Angehörigen, den Nachbarn und allen Betroffenen. Das gemeindepsychiatrische Netzwerk sollte im Lebensraum des Erkrankten Wohnen, Arbeiten, freie Zeit und eine gesellschaftliche Lebensweise ermöglichen. Selbsthilfe, Vernetzung und Kooperation aller Kräfte eines Stadtteils und der ganzen Stadt waren gefragt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch- so heißt es im Vorwort – stellt die Inklusion von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen in den Mittelpunkt. Es werden die theoretischen Grundlagen und praktischen Erfahrungen eines vierjährigen Modellprojektes der Diakonie Deutschland beschrieben.

Wie entstehen für ausgegrenzte psychisch Kranke Zugehörigkeiten? Wie kann eine Ethik des Respekts und der Sorge aussehen? Was können die psychisch Kranken für ihre Gemeinschaft selbst leisten? Wie können sie dadurch eine positive Bedeutung für die Mitmenschen bekommen?

„Es ging darum, erste Schritte eines anderen Miteinanders in einem überschaubaren Nahraum zu beschreiben. Barrieren im Quartier, im Dorf oder im Stadtteiltreten treten so deutlicher zutage und die Bedürfnisse psychiatrie-erfahrener Menschen, die sichtbar werden, können für die Gestaltung eines lebenswerten Zusammenlebens aufgegriffen werden.“ Und: „Diesem Ist-Zustand wird die Vision einer sozialeren und gastfreundlichen Gesellschaft gegenübergestellt, die vielfältiger, offener, inklusiver und damit auch widerstandsfähiger ist.“

„Inklusion im Kontext psychischer Erkrankung“ – so ist das erste Kapitel überschrieben. In den Aufsätzen über Inklusion, Diakonie und Inklusion, Stigma und Barrieren, Kwartiermaken werden lesenswerte Gedanken zur Inklusion aufgeführt. Das gilt besonders für den Beitrag, der sich mit der Stigmatisierung der psychisch Erkrankten und der Frage beschäftigt, wie solche Praxis überwunden werden kann. Als Beispiel für eine besondere Gefahr gilt die Selbststigmatisierung, die oft dazu führt, dass der Betroffene seine Lebensziele dem niedrigen Selbstwertgefühl anpasst. Die Hinweise zur Praxis des „Kwartiermaken“ sind nicht gerade neu und umwerfend, was sie auch nicht sein müssen, doch realitätsnah und inspirierend. Paten oder Mentoren vor Ort, Information und Kontakt, Stärke und Talent geben für die Praxis des Arbeitens an einer gastfreundlichen, inklusiven Gesellschaft wichtige Ratschläge.

Das zweite Kapitel stellt das „Handlungskonzept für eine inklusive Praxis“ vor: Bausteine für eine inklusive Praxis sind Trialog – Empowerment und Recovery – Supported Living und Community Living – Community Care, Enabling Community, Community Organizing – Index für Inklusion – Offener Dialog, Keywork, aktivierende Befragung – Lebensweltorientierung – Sozialraumorientierung. Was es mit den genannten Begrifflichkeiten auf sich hat, wird definiert und erörtert. Ein kleines Lexikon der psychiatrischen Sozialarbeit und des psychiatrischen Wissens ist dabei herausgekommen!

Im dritten Kapitel steht „Das Modellprojekt“ im Mittelpunkt. Die fünf Standorte des Modells werden benannt: Bremen/Düsseldorf/Hörsel/Stuttgart/​Wetzlar und Niederbiel. Außerdem wird über die örtlichen Aktivitäten und Erfahrungen berichtet. Ausgesprochen gelungen sind die Ausführungen zur wissenschaftlichen Begleitung, ihrer Herangehensweise und Methodik. Der Leser wird sogar über die immer so wichtigen ungeplanten und unerwarteten Entwicklungen und über neue Ideen und Vorschläge informiert, die aus den Erfahrungen in den fünf beteiligten Pilot-Projekten gewonnen werden konnten. Eine kritische Reflexion der wissenschaftlichen Begleitung rundet diese vorzügliche Darstellung des Modell-Geschehens ab.

Das vierte Kapitel stellt und beantwortet die Frage: Welche Kompetenzen und Qualifizierungen benötigen die Beteiligten? – Curriculum zur Weiterbildung. Zur Zielgruppe dieser 10 Module umfassenden Weiterbildung zählen Quartierlotsen, Stadtentwickler, Inklusionsbeauftragte, Behindertenbeauftragte, Pfarrer, Sozialraumentwickler und Psychiatrie-Erfahrene.

Das Schlusskapitel gibt Ausblicke und ein Fazit.

Die im Nachgang der Projekte durchgeführten Interviews sind nicht nur ein Beiwerk, sondern geben detaillierte Informationen und Aufklärung- auch und gerade, wenn man nicht allem beipflichten kann.

Ein Ausblick auf den Stand der Inklusion im Jahre 2035 scheint mir allzu optimistisch zu sein, indem gegenläufige Prozesse unterschätzt und harmonische Entwicklungen überschätzt werden. Das Modell der grün-bunten Harmonie-Gesellschaft wird es wohl nur in den Köpfen ihrer Anhänger geben; doch ohne einen Schuss Optimismus geht es in der sozial-psychiatrischen Arbeit wohl nicht.

Diskussion

Oft wird ein Wandel der Werte eingefordert. Solche Werte, wie zum Beispiel die Demokratie einer ist, kann man leicht einmahnen, aber nur schwer zum Leben erwecken. Geldscheine kann man beliebig drucken, „Werte“ wohl kaum.

Warum sollten sich die Betroffenen eigentlich fragen, ob sie wirklich zur „Mitte der Gesellschaft“ gehören wollen? Man sollte politische Bekenntnisse nirgendwo verlangen dürfen, besonders aber nicht in der Psychiatrie, die dafür existiert, dass sie jedem hilft, der der Hilfe bedarf. Kein anderes Kriterium zählt! Hier riecht es mehr, als die Nase verträgt, nach politischer Korrektheit und Anpassung.

Nach der Realisierung einer mit Sozialraumorientierung verbundenen Inklusion werden alle Menschen die Chance haben, nach ihren Vorstellungen leben zu können. Wird man das selbst bei vollendeter sozialer Gleichheit je können? Auch hier bleibt die Ausschweifung ins Utopische oft unreflektiert und ein wenig naiv.

Sicherlich ist es richtig, dass die großen Verbände der Wohlfahrt soziale Lobbyarbeit leisten müssen, damit die Sorge um die psychisch erkrankten Menschen optimiert werden kann. Doch darum braucht man sich bei diesen kartellartigen Zusammenschlüssen der großen Verbände eigentlich keine Sorgen zu machen. Lobbyarbeit beherrschen sie perfekt und nicht zu ihrem Schaden. Man darf dabei allerdings nicht übersehen, dass diese Giganten des sozialen Hilfesystems die Tendenz haben, die psychiatrische Arbeit zu dominieren und anderen, nicht auf ihrem Boden wachsenden Alternativen – kleinteiligere und persönlich-familiäre Ansätze und Modelle der psychiatrischen Selbstorganisation und Hilfe – keine Chance lassen. Kartelle lieben keine Konkurrenz.

Wie sehr die Nähe zur Politik und/oder die Identifikation mit Politik die psychiatrischen Begrifflichkeiten ausweitet und wie unter der Hand die Frage nach der psychiatrischen Versorgung mit der Frage der Politik der offenen Grenzen verwechselt wird, machen viele Passagen dieses Buches deutlich. Ist der Gebrauch solcher Sprachwahl wie „Kultur des Respektes“, „Gastfreundschaft“, „Willkommenskultur“, „Gesellschaft der Vielfalt“ etc. wirklich zufällig oder vielleicht dem Arsenal und Absichten gegenwärtiger Politik entnommen?

Wir sollten prüfen, ob es der psychiatrischen Arbeit angemessen ist, die politisch und medial implementierte Sprache in das psychiatrische Denken einzuführen. Ich sehe dafür keine Notwendigkeit, eher eine gefährliche Entwicklung für unsere sprachliche Sensibilität, für unsere Beobachtungsgabe, für unsere Präzision im Denken und letztendlich für unsere Freiheit.

Fazit

Zweifellos handelt es sich um ein lesenswertes Buch, das nicht nur dem Anfänger ein gutes Rüstzeug für die Arbeit im psychiatrischen Feld gibt, sondern auch dem Fortgeschrittenen mit den Tendenzen gegenwärtiger psychiatrischer Arbeit vertraut macht. Die Stadt, der Stadtteil, die Gemeinden sind die Lebenswelten der psychisch kranken Menschen. Was hier getan werden muss, und wie es getan werden kann- bitte lesen Sie es hier, aber kritisch!


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 26.03.2020 zu: Katharina Ratzke, Wolfgang Bayer, Svenja Bunt: Inklusion für die gemeindepsychiatrische Praxis. Erfahrungen aus einem Modellprojekt. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2019. ISBN 978-3-88414-692-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26318.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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