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Gianfranco Zuaboni, Christian Burr u.a. (Hrsg.): Recovery und psychische Gesundheit

Cover Gianfranco Zuaboni, Christian Burr, Andréa Winter, Michael Schulz (Hrsg.): Recovery und psychische Gesundheit. Grundlagen und Praxisprojekte. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2019. 288 Seiten. ISBN 978-3-96605-005-0. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.

Reihe: Fachwissen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966050159.
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Thema

„Recovery ist ein zutiefst persönlicher, einzigartiger Veränderungsprozess der Haltung, Werte, Gefühle, Ziele, Fertigkeiten und Rollen. Es ist ein Weg, um ein befriedigendes, hoffnungsvolles und konstruktives Leben, trotz der durch die psychische Krankheit verursachten Einschränkungen zu leben. Recovery beinhaltet die Entwicklung eines neuen Sinns und einer neuen Aufgabe im Leben, während man gleichzeitig über die katastrophalen Auswirkungen von psychischer Krankheit hinauswächst.“ Die Recovery Idee hat inzwischen Eingang in die S3 Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ gefunden und schlägt sich in zahlreichen Projekten und inzwischen auch in sozialpsychiatrischen Ausbildungsinhalten nieder. Die in diesem Buch dargestellten Grundlagen und Praxisprojekte sollen sowohl dazu beitragen, Menschen in psychischen Krisen zu unterstützen, die Hoffnung wachsen zu lassen, als auch sozialpsychiatrische Fachkräfte anregen, sich neu aufzustellen. Das Buch ist eine deutlich erweiterte Neupublikation auf Grundlage des 2013 erschienenen Kongressbandes „Recovery in der Praxis. Voraussetzungen, Interventionen, Projekte“, das bereits von mir bei socialnet rezensiert wurde (https://www.socialnet.de/rezensionen/​14074.php).

Herausgeber*innen

  • Dr. rer. medic. Gianfranco Zuaboni ist Pflegewissenschaftler. Er leitet inzwischen das Projekt „Recovery College Bern“ der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bern.
  • Christian Burr ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung Forschung und Entwicklung Pflege der gleichen Universitätsklinik und promoviert im Bereich Pflegewissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar.
  • Andréa Winter arbeitet als Genesungsbegleiterin bei den Universitären Psychiatrischen Diensten in Bern und
  • Prof. Dr. Michael Schulz ist Gesundheitswissenschaftler und Krankenpfleger. Er ist an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld Honorarprofessor für Psychiatrische Pflege und Mitarbeiter des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe.

Aufbau 

Das Buch beinhaltet neben der Einleitung 25 Einzelbeiträge von insgesamt etwa 50 Autor*innen und gliedert sich in zwei größere und zwei kleinere Abschnitte

  • Allgemeine Grundlagen (größter Abschnitt)
  • Institutionelle Voraussetzungen
  • Praxisprojekte (zweitgrößter Abschnitt) und
  • Wohin die Reise geht.

Inhalt

Patricia Deegan, eine der Pioniere der Recoverybewegung, hat im ersten Beitrag des Grundlagenabschnitts ihre im Vorgängerbuch als Interview dargestellten persönlichen Erfahrungen bewegend ausformuliert und stellt schließlich ihr Projekt „CommonGround Software“ dar, das Patienten unterstützen soll, ihr wichtigstes Recoveryziel zu identifizieren und zugleich zu entscheiden, inwiefern Medikamente dabei unterstützend wirken können.

Neu aufgenommen in die Grundlagen wurde ein Artikel von Michaela Amering und Andrea Gmeiner aus Wien, der Recovery als praktische Anwendung der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen betrachtet und neuere Forschungsergebnisse zum Peer-Support thematisiert. Weiterhin werden Handlungsbedarfe zur Vermeidung von Zwangsmaßnahmen, bei der Genesungsbegleitung, dem betreubaren Wohnen und in Bezug auf Ausbildung und Arbeit hervorgehoben.

Deutlicher kommen in dieser Neuausgabe Psychiatrie-Erfahrene zu Wort: So werden die Vereine „expeerienced – erfahren mit seelischen Krisen“ und „Kellerkinder“ vorgestellt und eine Debatte angeregt, ob sich eher das gesellschaftliche Leben oder der Mensch mit Behinderung anpassen müsse. Auch werden die Vereinnahmung des Recvovery-Gedankens durch Professionelle und ein entstehender „Genesungszwang“ kritisch hinterfragt. Im Beitrag „Mach dir nicht ständig Sorgen um mich, Mami!- Tochter und Mutter als Recoveryteam“ schildern Henriette Peer und Janine Berg-Peer gemeinsam, wie es der Mutter gelang, gelassener mit der Erkrankung der Tochter umzugehen und wie es die Tochter schaffte, trotz anfänglicher Entmutigung durch Ärzte, einen selbstbestimmten Umgang mit ihrer Erkrankung zu finden. Auch hier wird davor gewarnt, Recovery als das ultimative Rezept für alle Menschen mit einer psychischen Störung zu sehen. In einem Kapitel zur Implementierung von partizipativer Entscheidungsfindung – u.a. auch aus Sicht einer Genesungsbegleiterin – wird deutlich, dass die Einführung von neuen Vorgehensweisen, insbesondere wenn sie mit zusätzlichen Formularen verbunden sind, durchaus in der Praxis auf Widerstände stößt.

Das Kapitel zur Recovery Förderung durch Psychotherapie und andere Mittel von Larry Davidson wurde im Vergleich zur vorherigen Ausgabe nur leicht überarbeitet.

Besonders hervorheben möchte ich das neu aufgenommene Kapitel zur Vielfalt von Wellbeing-Konzepten in Theorie und Anwendung. Nacheinem kurzen Überblick über wirtschaftswissenschaftliche, medizinische, psychologische und integrative Wellbeing-Konzepte und Messmethoden wird deutlich, dass aus der Konvergenz von Wellbeing und Recovery wichtige Impulse für eine Neuorientierung der psychiatrischen Versorgung entstehen können, bei der insbesondere der Alltag und dessen subjektive Bewertung im Vergleich zu Spezialistenlösungen wesentlich deutlicher in den Fokus rücken.

In einem weiteren Grundlagenkapitel wird das EU-Projekt „Empowerment College“ vorgestellt, in dem ein Manual zur Implementierung, ein Curriculum, Handreichungen für individuelle Lehrpläne, Blended Learning Tools, einzelne Module sowie Trainerkurse, Evaluationsinstrumente und eine Zusammenstellung von Best Practice Projekten erarbeitet wurden.

Weiterhin finden sich in Grundlagenabschnitt Ausführungen zu „Soziale Inklusion und Recovery“ und „Koproduktion: Wie Zusammenarbeit gestaltet werden kann“.

Der Abschnitt „Institutionelle Voraussetzungen“ ist im Vergleich zum Vorgängerbuch wenig verändert worden, allerdings hieß er dort „Veränderungsvoraussetzungen“; er thematisiert Chancen und Hindernisse bei der Implementierung. Eine recovery-förderliche Kultur klingt zunächst einmal recht allgemein: Keine psychiatrische Institution sagt, dass der Mensch bei ihr nicht im Mittelpunkt stehe. Dennoch macht es einen großen Unterschied, ob die Arbeit auf Hoffnungen und Träumen anstatt auf Vermeidung von Risiken beruht. Im Kapitel: Recovery praktisch! Werden Schulungsunterlagen zur Vermittlung des Ansatzes vorgestellt.

Diese bestehen aus sechs Modulen:

  • Recovery verstehen
  • Sich selbst einbringen
  • Selbststeuerung ermöglichen
  • Personenzentrierte Unterstützung anbieten
  • Verantwortung und Risikobereitschaft teilen
  • Am gesellschaftlichen Leben teilnehmen

Die Kurse werden durch ein Tandem aus einer Fachpersonen und einem ausgebildeten Peer durchgeführt.

Um Recoveryorientierung erfolgreich implementieren zu können, braucht es eine Reihe von strukturellen Voraussetzungen, die in einem weiteren aus England stammenden Kapitel thematisiert werden. Im ImROC Projekt wurde in sechs Vorzeige- Standorten, sechs Pilot-Standorten und 17 weiteren Netzwerk-Standorten in einer nationalen Strategie Recovery vorangebracht.

Der Abschnitt „Praxisprojekte“ vertieft noch einmal die vorangehenden Aspekte mit konkreten Beispielen:

Im Jahr 2011 wurde bei dem Psychiatrischen Diensten Graubünden ein Projekt auf der Rehabilitationsstation gestartet. Hierbei fand ein heterogenes Schulungsdesign aus Vorträgen, Workshops und Gruppendiskussion mit unterstützender Öffentlichkeitsarbeit statt. U.a. wurden Qualitätskriterien für die Peerarbeit um Klinikspezifische Aspekte ergänzt und die ärztliche Visite neu konzipiert.

Das Gezeitenmodell wurde in der Uniklinik Köln implementiert: hierbei konzentrierte man sich u.a. auf die Wertegrundlage des Pflegeteams, dass Aufnahmeassessment und die Etablierung von „Gezeitengruppen“.

In Bern wurde ein zweijähriges Projekt zum Thema „Recovery und Peer-Involvement“ gestartet. Durch eine Publikationen in der Zeitschrift „ Psychiatrische Pflege heute“ fand das Konzept Verbreitung im deutschsprachigen Raum. In dem vorliegenden Buchkapitel werden die Rückmeldungen und die am Konzept vorgenommenen Veränderungen kritisch reflektiert.

Weitere Kapitel in diesem Abschnitt beinhalten

  • Ein Recoveryseminar auf einer Akutstation im Sanatorium Kilchberg, einer der ältesten psychiatrischen Institutionen in der Schweiz
  • Eine Textwerkstatt in Wisli (Züricher Unterland), die Menschen ermutigt, sich auf eine Entdeckungsreise zu den eigenen inneren Geschichten zu begeben. Aus dieser Werkstatt entstanden bereits zwei Bücher (zuletzt 2018 „Vom Verstummen zur eigenen Sprache“), ein Dokumentarfilm und ein Kalender.
  • Erfahrungen aus der Aus-und Weiterbildung von Pflegenden
  • Recovery in der forensischen Psychiatrie am Beispiel der Klinik für Forensik der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel
  • Die praktische Umsetzung von Recovery Colleges in Kooproduktion auf Augenhöhe mit Experten aus Erfahrung
  • Eine Evaluation eines auf Jugendliche ausgerichteten Recovery Colleges in Australien mit dem Namen Discovery-College (2018 auf Englisch in Mental Health and Social Inclusion 22/4 publiziert).

Im letzten Abschnitt „Wohin die Reise geht“ werden Zukunftsvisionen beschrieben. Besonders interessant ist das Kapitel „We have a dream“, das von Orten der Wandlung, Hometreatment, neuen pharmakologischen Möglichkeiten, umfassender Wahlfreiheit, respektvollem Einbezug der Angehörigen (auch der Kinder), wirklicher Teilhabe, finanzieller Absicherung, umfassend geschulten Ärzt*innen und neuen Formen der (Schul-)Bildung und Öffentlichkeitsarbeit träumt.

Diskussion

Im Vergleich zum Vorgängerbuch wird deutlich, wie die Recoverybewegung im deutschsprachigen Raum (insbesondere in der Schweiz), in Europa und weltweit weiter an Fahrt gewinnt. Durch EU-Projekte und engagierte Akteure vor Ort entstehen wichtige Impulse, die das sozialpsychiatrische Hilfesystem grundlegend erneuern können. Es gilt nun, dass der Recovery Gedanke konsequent Eingang in Aus- und Weiterbildung aller an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen erhält. Hierbei scheinen Pflegewissenschaftler*innen voranzugehen. Auch wird eindrucksvoll verdeutlicht, wie man allgemeinbildende Einrichtungen einbeziehen kann.

Meiner Meinung nach könnte man noch stärker an politisch aktive Bewegungen der Patientenselbsthilfe und des sozialpsychiatrischen Aufbruchs aus den 1970er, 80er und frühen 90er Jahren anknüpfen und Empowermentkonzepte aus der Sozialen Arbeit einbeziehen.

Leserfreundlicher wäre es eventuell gewesen, thematisch ähnlich gelagert Artikel hintereinander und nicht in verschiedenen Abschnitten unterzubringen.

Fazit

Das Recovery Konzept hat das Potenzial, der sozialpsychiatrischen Bewegung nach Jahren einer stark biologisch geprägten Psychiatrie neuen Schwung zu geben. Hierbei spielen die sich etablierenden Pflegewissenschaften die wichtige Rolle, gemeinsam mit Psychiatrieerfahrenen Konzepte in Institutionen voranzubringen und ein auf Kooperation und Koproduktion ausgerichtetes Selbstverständnis psychiatrisch Tätiger zu verankern. Das vorliegende Buch ist für alle Berufsgruppen, die sich sozialpsychiatrisch engagieren, sehr zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 04.12.2019 zu: Gianfranco Zuaboni, Christian Burr, Andréa Winter, Michael Schulz (Hrsg.): Recovery und psychische Gesundheit. Grundlagen und Praxisprojekte. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2019. ISBN 978-3-96605-005-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26320.php, Datum des Zugriffs 02.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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