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Annelie Sand, Paul L. Janssen: Ich bin der Rede wert

Cover Annelie Sand, Paul L. Janssen: Ich bin der Rede wert. Dialog über eine Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 300 Seiten. ISBN 978-3-8379-2910-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Forum Psychosozial.
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Thema

Das Buch vermittelt einen lebendigen Einblick in die Psychoanalyse aus der Perspektive sowohl der Analysandin als auch des Analytikers. Im Anschluss an eine mehrjährige, insgesamt 400 Stunden umfassende klassische Psychoanalyse, unternehmen beide auf der Basis ihrer Erinnerungen und der ausführlichen Tagebucheinträge der Analysandin eine dialogisch-erzählende Rekonstruktion und Kommentierung der Erfahrungen im Rahmen des Heilungsprozesses.

Autoren

Annelie Sand ist Schriftstellerin (Kinder- und Jugendbuchautorin) und preisgekrönte Verfasserin von Jugendromanen. Der Name „Annelie Sand“ ist ein Pseudonym, um den Schutz der eigenen Person und ihrer Familie zu gewährleisten. Bei der Wahl dieses Namens geht es um ein „Sprachspiel“ vor dem Hintergrund des Begriffes „Analysand“.

Der „Co-Autor“ Prof. Dr. med. Paul L. Janssen (geb. 1937) studierte Medizin, Psychologie und Philosophie. Sein wissenschaftliches Werk umfasst ca. 300 Publikationen. Er war ärztlicher Direktor der LWL-Klinik Dortmund (LWL = Landschaftsverband Westfalen-Lippe) sowie Chefarzt der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie, Lehranalytiker und Gruppenlehranalytiker, emeritierter leitender Fachvertreter für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Gründungsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie, die er von 1992 bis 2004 leitete. Seit 2002 war er in eigener Praxis als Arzt für Psychosomatische Medizin und als Psychoanalytiker tätig.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund dieses einzigartigen Buches verdient eine ausführlichere Skizzierung: Das Buch ist ausdrücklich kein Fachbuch, keine Fallbeschreibung und doch fachlich höchst interessant. Das Buch ist auch kein Roman, aber ein niveauvolles literarisches Werk. Die Autorin hatte von Beginn der Analyse an „konsequent ein Stundenbuch“ geführt und das Schreiben spielte im Verlaufe der gesamten Therapie eine bedeutende Rolle: „Mir fielen beim Tagebuchschreiben oft weitere Details zu den in der Stunde besprochenen Themen ein… Ich las meine Gedichte vor, wir besprachen sie, fanden (Wort-)Bedeutungen und Zusammenhänge, die ich beim Schreiben unbewusst eingebaut hatte. Gefühle und Erkenntnisse unserer Gespräche flossen in meine Romane ein und inspirierten mich“ (10). Insofern war also viel Material und „Dokumentation“ des erlebten Therapieprozesses vorhanden, und es mag wohl eine recht früh entstandene Idee der Autorin gewesen sein, daraus ein Buch zu machen. Gegen Ende der Analyse, das durch den Umzug des Analytikers und den beginnenden Rückzug aus seiner Praxis eingeläutet wurde (was er zwei Jahre vor Abschluss der Analyse ankündigte), schlug die Autorin dann ihrem Analytiker das Buchprojekt vor: „Sich schriftlich auszutauschen,“ sei ihr als Möglichkeit erschienen, sich etwas von der Analyse „zu bewahren“ (9). Es sollte ein Buch werden, das die Erfahrungen der Autorin im Verlaufe des Prozesses nachvollzieht und lebendig rekonstruiert: „Die Analysestunde ist eine Aus-Zeit, denn während der Gespräche ist keine drängende Zielführung vorgegeben. Auf der Couch bin ich frei, mich von meinen Einfällen – wohin auch immer, also quasi von einem Gedankenstrich zum nächsten – führen zu lassen. Ob Erinnerungen, alte oder aktuelle Gefühle, Träume oder Tagfantasien: alles kann gleichwertig zur Sprache gebracht werden. Diese Sprachmöglichkeiten soll mein Text abbilden“ (15). Der Analytiker kommentiert dann die beschriebenen Erfahrungen. Allerdings ausdrücklich nicht in dem Sinne, dass er seine Sicht des Geschehens in psychoanalytische Begriffe fasst (es gibt einige Ausnahmen). Er versteht seine Rolle als „der Kommentator, der Begleiter, der Zuhörer, der Empfänger der Nachricht“ (16). Die Buchproduktion – für die es in dieser Form eines dialogischen Schreibens über den gesamten Prozess einer Psychoanalyse wohl kein Beispiel gibt – sei dann wie folgt gelaufen: „Die Analysandin beschrieb auf der Basis ihrer Erinnerung und der Tagebuchaufzeichnungen mehr oder weniger den Verlauf und zentrale Themen der Analyse chronologisch.“ Der Analytiker „erhielt diese Ursprungstexte, konnte sie kommentieren und zurückschicken.“ Die Analysandin „wiederum konnte darauf reagieren. So erstellten wir die ersten Probekapitel. Es sagte uns zu, das Wichtigste war aber, dass die Zusammenarbeit sehr gut gelang“ (300). Janssen stellt in der Nachbetrachtung fest, dass dieses Vorgehen nach seiner Erfahrung „eine Fortsetzung der Analyse in einem anderen Setting“ genannt werden könne. „Es ist eine Form der Durcharbeitung eines analytischen Prozesses im unmittelbaren Dialog in der Dyade … Aus meiner Sicht war es eine kreative, intensive bis aufwühlende Arbeit, die ich nicht minder analytisch fand als auf der Couch. Wir stellten uns immer Fragen: Gibt der Text die Atmosphäre der Analyse in der jeweiligen Phase wieder? Gab es Verstehen oder auch Missverstehen, gab es Erfreuliches und Unerträgliches? Was müssen die Leser wissen oder erleben, um den Prozess nachvollziehen zu können? Ist der Schutz der Analysandin gewahrt?“ (301). Janssen betont, dass die Analyse in ihrem „individuellen Verlauf, in ihrer Unmittelbarkeit und Direktheit authentisch nachgezeichnet“ wurde (302). „Das Buch ist sozusagen eine Sammlung freier Assoziationen, eine Art loser Blattsammlung, die doch, so hoffen wir, für den Leser zu einer Gesamtgestalt wird“ (17).

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist eine Einladung an seine Leserinnen und Leser, einerseits die Protagonistin bei einem Vorgang zu begleiten, indem sie sich – soweit möglich – vorbehaltlos auf eine dialogische Beziehung mit ihrem Psychoanalytiker und das analytische Setting einlässt und andererseits die kundigen Kommentare, Erläuterungen und Erinnerungen des Analytikers und den Dialog der beiden Autoren erleben zu können. Das Sich-Einlassen auf diesen langjährigen intensiven Therapieprozess folgte bei der Autorin einem erheblichen Leidensdruck und einer für sie nicht erfolgreichen vorhergehenden Verhaltenstherapie.

Der Aufbau des Buches besteht aus fünf Teilen:

  • Der Weg in die Psychoanalyse
  • Arbeiten am Widerstand
  • Die Bedeutung des Jugenddramas
  • Die Heilung des Selbst
  • Das Ende der Analyse und der Übergang vom Reden zum Schreiben

Der Weg in die Psychoanalyse beginnt mit einem Kapitel über die enttäuschenden Erfahrungen der Autorin „mit meinem Verhaltenstherapeuten“, den sie „wegen unterschiedlichen körperlichen Problemen“ (20), Erschöpfungszuständen und Ängsten aufgesucht hatte. Doch schon die erste Stunde hätte sie „am liebsten Reißaus genommen“ (21). Die eher weitmaschig angesetzten Termine (in zwei- bis dreiwöchigem Rhythmus) und die für sie unsichere therapeutische Beziehung waren keine geeigneten Bedingungen für die anstehende Traumabearbeitung. Auch der Versuch bei einer anderen Verhaltenstherapeutin war rasch erfolglos und sie unternahm mit ihrem ersten Verhaltenstherapeuten einen zweiten Versuch, der allerdings ebenfalls scheiterte und der mit der Weigerung des Verhaltenstherapeuten endete, einen Verlängerungsantrag zu schreiben. Die Autorin erlebte dies als beschämende Verstoßung: „Von seiner Zusage, wir hätten genug Zeit, wollte er plötzlich nichts mehr wissen. Dass die Therapie beendet sei, teilte er mir nach genau dem Gespräch mit, in dem ich ihm für mich äußerst quälende und beschämende Details erzählt hatte. Ekelte er sich vor mir? Gab er mir die Schuld an dem, was passiert war? Er verstieß mich als sei ich in seinen Augen eine geschändete Frau und ich wusste nicht, wohin mit mir.“ (26) Auf Vermittlung ihres Mannes kam sie dann zu ihrem Analytiker Paul L. Janssen. Im weiteren Verlauf dieses ersten Teils werden unter erlebnisnahen Überschriften der Einstieg in die Analyse, die Entwicklung der therapeutischen Beziehung, die Ambivalenzen und Ängste sich einzulassen und das Erleben des psychoanalytischen Settings zum Thema (Unterkapitel: Anfangen; Im Haus meiner Kindheit; Gespenster; Das Ringen um Worte; Das empfindsame Kind; Meine ersten Erzählungen; Die Annäherung im Traum; Familiengeschichte; Impressionen vom Setting). In dieser Phase sei ihr der Analytiker „seelisch so nahe gekommen wie noch nie jemand zuvor“ (92). Der Aufbau einer sicheren therapeutischen Bindungsbeziehung war gelungen. Dies habe wohl – so Janssen in seinem Kommentar – den Wunsch bei ihr geformt, über die Analyse zu schreiben, um den Lesern zu „vermitteln, dass die überwiegend negative Darstellung der Psychoanalyse in der Presse nicht zutreffend ist. Manche dieser Zeitungsartikel brachten Sie mit. Sie möchten sich ebenso wie ich für die Analyse einsetzen.“ (92).

Teil II – Arbeiten am Widerstand (Unterkapitel: Mutproben; Das ‚Loch im Bauch‘; ‚Jugenddrama‘: Die hilfreiche Metapher; ‚Schneekrise‘; Entspannung; Analyse-Alltag; ‚Seine Hand‘; Garzeit 50 Minuten; Schwimmen; Traumarbeit I) ist die Beschreibung des tiefer gehenden Einstiegs in die Bearbeitung schwieriger konfliktbehafteter und angstbesetzter Themen und die Auseinandersetzung mit aufkommenden Beziehungsängsten zum Analytiker, von dem sie sich dann doch „wundersamer Weise“ (118) verstanden und gehalten fühlt: „Selbst wenn Sie in Details oder zu Anfang dies und jenes doch mal falsch gedeutet haben: unwichtig. Auf der Couch liegend hatte ich immer den Eindruck, Sie spannten, wenn ich redete und wie eine Seiltänzerin in schwindelerregender Höhe über meinen inneren Schluchten balancierte, ein Auffangnetz unter mir auf.“ (ebd.). In diesem Teil der vertieften emotionalen Begegnung findet dann auch eine erste deutliche Annäherung an ein schwerwiegendes Jugendtrauma statt (eine therapeutische Aufgabe, an der man in der Verhaltenstherapie gescheitert war).

Teil III - Die Bedeutung des Jugenddramas (Unterkapitel: Die Geschichte des Höhlenmädchens; Die Belagerung; Die Gegenwärtigkeit; Die letzte Begegnung; Die Befreiung) beschreibt intensiv die riskante Öffnung der Autorin für die Bearbeitung einer tiefen und nachhaltigen traumatischen sexuellen Beziehungserfahrung in ihrer Jugend. In der Verschränkung des Erinnerns, Wiedererlebens und Durcharbeitens in der Analyse mit dem dialogischen Schreiben des Buches wird der Leser in die dichte und intensive Erfahrung der Veränderungsprozesse mitgenommen. Explizit der analytischen Bearbeitung, einschließlich der literarischen Nachbearbeitung im Gespräch mit dem Analytiker, verdankt die Autorin die Auflösung der traumatischen Fixierungen: „Bis zur Analyse habe ich mich in der Rückschau immer als ein ausgesprochen naives Mädchen gesehen, das die eigene Wirkung auf (junge) Männer nicht abschätzen konnte… Wenn Sie so wollen verstehe ich heute, warum G ausgerechnet ein Auge auf mich und nicht auf meine Freundinnen geworfen hatte. Früher habe ich das so gesehen, als hätte sich der Wolf das wehrloseste, schwächste oder eben das ‚schwarze‘ Schaf – das in diesem Fall eines ist, das verboten sexy aufritt – aus der Herde zum Niederreißen ausgesucht. Früher war es in meinen Augen mein Fehler… Heute weiß ich … Es ist nicht mein Fehler, etwas Verlockendes gehabt zu haben, es ist etwas worauf ich stolz sein kann“ (177/178).

Teil IV – Die Heilung des Selbst (Unterkapitel: Sich zu Hause fühlen; Lieben, ein Neubeginn; Familiäre Konflikte; Weinen ist besser als Selbstverletzung; Festtagsgefühle; Die passenden Worte; Verwirrung; Auf gutem Wege; Die Seilschaft) lässt die Leserinnen und Leser teilhaben an der neu und befreit aufkommenden Lebendigkeit der Autorin und an den daraus erwachsenden Veränderungen, die sie in ihrem Leben vornehmen konnte. Dazu gehört zentral auch die Neubewertung und „Befreiung“ ihres Liebeslebens, die Reduzierung ihrer Selbstverletzungen und Selbstbezichtigungen, ihre Fähigkeit Konflikte auszutragen und die eigenen Aggressionen zu akzeptieren. „Ich will kein ‚Veilchen im Moose‘ mehr sein und auch keine Mimose, auch wenn ich wohl immer ein zartes Pflänzchen bleiben werde, eins das leicht einknickt und nicht winterhart ist…Die Reduzierung der Selbstverletzung war ein großer Erfolg… Weniger Wut auf mich selbst scheint allerdings auch zu bedeuten, aggressiver und streitbarer gegenüber Anderen zu sein“ (229). Auch die analytische Beziehung wird nun explizit und in der nachträglichen Kommentierung schreibt Janssen: „Die Nachzeichnung der Stunde berührt das Thema der Beziehung in der Analyse. Sie haben gespürt, dass sie nicht so distanziert und sachlich ist, wie Sie sich vorgestellt hatten. Wir haben uns gefragt: Was ist es für ein Gefühl, das in der Beziehung im Laufe des Prozesses aufgekommen ist? Ist das Sympathie, Zuneigung, Bezogenheit, ist das Liebe, die Sie mit dem sexuellen Begehren von G verbanden oder nur eine temporäre neutrale Verbindung? Sie hatten teilweise Angst vor emotioneller Nähe, weil Sie nicht wussten, was passieren würde, wenn Sie Ihr Gefühl von Zuneigung zuließen. Sie hatten die Vorstellung, Sie dürfen sich nicht auf Ihr Gefühl einlassen und müssten Distanz wahren.“ (238/239).

Teil V – Das Ende der Analyse und der Übergang vom Reden zum Schreiben (Unterkapitel: Der Analytiker zieht weg; Die Rosenbäumchen; Abenddialoge; Traumarbeit II; Durch den Fluss schwimmen; Der langsame Abschied; Haikus über ein Möbelstück; „Hm“; Analyseschätze; Nachträgliche Reflexionen; „Landkarte der Psychoanalyse“ mit Leseanleitung) schildert und reflektiert die lange Phase des Abschiednehmens vom analytischen Setting, den Übergang in die neue Form der gemeinsamen Autorenschaft nach Beendigung der „offiziellen“ Therapie (was für Janssen auch die Beendigung seiner praktischen Tätigkeit als Psychotherapeut und die Schließung seiner Praxis bedeutete) und die Erfahrungen des dialogischen Schreibens. Janssen resümiert: „Der Text des Buches zeigt von einem Kapitel zum nächsten diese Entwicklung: von der ersten vermittelten Begegnung, vom Anfang der Analyse, von der Unmittelbarkeit der intensiven Annäherung, von den Krisen und der Beständigkeit der Verbundenheit, der Trennung bis zur Arbeitsphase an diesem Buch. Letztere war sicher direkter, textbezogener und reflektierter. Also entwickelte sich mit der Zeit die analytische zu einer schreibenden Beziehung… Ich danke meiner Analysandin, dass sie die Bereitschaft aufgebracht hat, die Texte im Buch zu einem guten Abschluss zu bringen, und sie ihre literarische Kompetenz für das gemeinsame Buch eingesetzt hat. Von Anfang der Analyse schenkte sie Bilder, Gedichte, ihre Bücher, die wir in die Analyse einbezogen. Insofern ist dieses Buch die Fortsetzung der Besonderheit ihrer Psychoanalyse, es ist sozusagen das Abschiedsgeschenk. Sie hat mir den Abschied als Psychoanalytiker von der Couch erleichtert“ (303).

Diskussion

Der Mut der Autorin, sich auf einen intensiven therapeutischen Weg einzulassen, verbunden mit einer erheblichen Disruption des eigenen Lebensalltages über mehrere Jahre (was durch vier psychoanalytische Sitzungen pro Woche unvermeidbar ist), wurde belohnt. Hoch motiviert, von erheblichem Leidensdruck getrieben, verbal außerordentlich beschlagen und kreativ konnte sich die Analysandin/​Autorin auf die analytische Beziehung einlassen und ihr Erleben, ihre Ängste, ihre Suche nach Würde und Anerkennung differenziert zur Sprache bringen. Die Bearbeitung der zugrunde liegenden Konflikte und Traumatisierungen wird sehr erlebnisnah dargestellt, ohne dass der Text zu einer psychopathologischen bzw. psychoanalytischen „Falldarstellung“ wird. Im Gegenteil: Es wird dem Leser dieses individuelle Schicksal einer Frau in seiner Einbettung in die conditio humana ohne jedes stigmatisierende Pathologielabel nahegebracht. Die Autorin hatte auch das große Glück, auf einen sehr erfahrenen und kompetenten Analytiker getroffen zu sein. Es wird immer wieder deutlich, dass Paul L. Janssen mit seinen Deutungen und Kommentaren nichts mehr werden will und nichts mehr beweisen muss, sondern dass er sich ebenfalls vorbehaltlos – soweit möglich – auf die analytische Beziehung einlässt und auch in der Kommentierung ohne jede Eitelkeit in Erscheinung tritt. Das klassische Setting wird weitgehend eingehalten, zugleich erlaubt er eine Reihe von Besonderheiten, wie z.B. die Bearbeitung von mitgebrachten Bildern, Gedichten und schließlich das gemeinsame Verfassen des hier besprochenen Buches.

Man könnte natürlich nun auch eine Debatte über die therapeutische Arbeit beginnen, über bestimmte Interventionen, Deutungen, die Psychoanalyse überhaupt und Varianten des Verständnisses. Auf jeden Fall ist es bemerkenswerter Weise gelungen, einen „individuellen psychoanalytischen Prozess“ zu zeigen und dem Leser zu „vermitteln, dass dieser eine einzigartige Erfahrung sein kann“ (299). Dass Janssen als Co-Autor sich mit der Frage auseinanderzusetzen hatte, ob er seine „psychoanalytische Haltung und Beziehung aufrechterhalten“ könne und wie „ein höchst individueller, verbaler psychoanalytischer Dialog schriftlich und nicht in der wissenschaftlichen psychoanalytischen Sprache zu vermitteln“ sei (299), kann in psychoanalytischen Kreisen sicherlich eine interessante Diskussion anstoßen. Eine Engführung auf eine solche Fach-Debatte würde aber diesem Buch nicht gerecht. Aus Sicht des Rezensenten, der einem experientiellen Psychotherapieansatz nahesteht, kann dieses geglückte „Experiment“ nur begrüßt werden. Es handelt sich um ein einmaliges Werk, das einen therapeutischen Weg vergegenwärtigt und nachvollziehbar macht, der in der heutigen Zeit (leider) schon anachronistisch zu nennen ist. Der heutige psychotherapeutische „Betrieb“ lässt für solcherart Vorgehen nur noch eine Nische. Psychoanalytiker alten Schlages sind „Nischenexistenzen“, wie mir ein Analytiker einst sagte. So wie manches klassische Handwerk einmalige (und umweltfreundliche) Erfahrungen und Zielerreichung ermöglicht, aber angesichts des modernen modularen Produzierens und Konsumierens von Gütern nur noch eine Nischenrolle spielt und spielen kann. So lautet auch das Fazit Janssen’s, die Art und Weise der Darstellung der Psychoanalyse in diesem Buch erlaube eine allgemeinere Aussage: „Die Welt der evidenzbasierten, störungsorientierten Psychotherapie steht in Kontrast zu der Begegnung in der Psychoanalyse, wie sie hier dargestellt wird. Diese Begegnung hat eine nachvollziehbare therapeutische Wirkung, aber sie hängt von der Passung in der bipolaren Begegnung ab, die anderen Gesetzen folgt als die Techniken der Psychotherapie. Ich hoffe auf ein Überleben dieses Zugangs zum Menschen im modernen Technisierungswahn“ (304). Die berührende, literarisch ansprechende und fachlich beeindruckende Geschichte der „Annelie Sand“ wird zu einem exemplarischen Zeugnis für Möglichkeiten einer menschlichen Entwicklung und Heilung psychischen Leids in einer sehr spezifischen menschlichen und therapeutischen Begegnungssituation.

Fazit

Die Fragen, die die beiden Autoren sich beim Verfassen „immer wieder“ stellten (siehe Nachträgliche Reflexionen, 301) können aus der Sicht des Rezensenten bejaht werden: Ja, der Text ist keine „Falldarstellung“ und trotz seiner literarischen Qualitäten und vielen „Geschichten“ auch keine literarische Erfindung. Ja, der Text gibt die Atmosphäre der Analyse in der jeweiligen Phase wieder. Ja, es wird Verstehen oder auch Missverstehen, Erfreuliches und Unerträgliches nachvollziehbar gemacht, ohne die Integrität der beiden Autoren zu beschädigen. Ja, die Leser und Leserinnen erfahren in reichem Maße die Umstände, Geschehnisse und Beziehungserfahrungen, um den Prozess nachvollziehen zu können. Nein, die Leserinnen und Leser müssen keine Therapeuten sein (auch wenn solchen die Lektüre sehr empfohlen werden kann), sondern das Buch ist gerade für interessierte Laien sehr interessant und kann Leserinnen und Leser zutiefst berühren. Und ja: der Schutz der Analysandin wird gewahrt, auch wenn Spuren ihres literarischen Schaffens potenziell auf ihre Identität hinweisen könnten. Das Buch zeigt auch die einmaligen Möglichkeiten einer psychoanalytischen Kunst (sofern diese von einem „Meister“ gekonnt wird), eine langjährige, hochfrequente, sehr spezielle therapeutische Beziehung als emotionales Geschehen zu entwickeln und das Erinnern, Erleben, Spüren, Fühlen und vor allem Sprechen in der Begegnung in heilsamer Weise zu gestalten (bei entsprechender Indikation). Es kann auch zu einer sachlicheren Einschätzung der Psychoanalyse beitragen, deren Vorgehen und Möglichkeiten der Öffentlichkeit und auch im Studium der Psychologie und Medizin häufig nur noch als Beinahe-Karikatur vermittelt wird.


Rezension von
Prof. Dr. Helmut Pauls
Handlungslehre der Sozialen Arbeit, Klinische Sozialarbeit, Psychologie, Emotionsfokussierte Psychotherapie und Beratung
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Zitiervorschlag
Helmut Pauls. Rezension vom 04.06.2020 zu: Annelie Sand, Paul L. Janssen: Ich bin der Rede wert. Dialog über eine Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2910-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26324.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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