socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Schroeder, Bernhard Weßels (Hrsg.): Smarte Spalter

Cover Wolfgang Schroeder, Bernhard Weßels (Hrsg.): Smarte Spalter. Die AfD zwischen Bewegung und Parlament. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2019. 296 Seiten. ISBN 978-3-8012-0552-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Hintergrund

Die Auseinandersetzung mit der AfD, ihrer politischen Programmatik und ideologischen Zielsetzung ist inzwischen Gegenstand vielfältiger Publikationen. Das von Wolfgang Schroeder und Bernhard Weßels herausgegebene Buch konzentriert sich auf die AfD als eine Partei, die sich sowohl als politische Bewegung als auch als parlamentarische Partei versteht. Die hieraus entstehenden Konflikte, Widersprüchlichkeiten aber auch Durchsetzungspotenziale sind Gegenstand der empirischen Analysen und Reflexionen des Bandes, der damit versucht, eine Lücke in der AfD-bezogenen Literatur zu schließen und gleichzeitig über Motive, Unzufriedenheitspotenziale und Kandidat*innenprofile der AfD-Wählerschaft und ihrer politischen Repräsentanten aufzuklären.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in zehn Kapitel plus einer Einleitung und abschließenden Thesen der Herausgeber. In der Einleitung thematisieren Wolfgang Schroeder und Bernhard Weßels unter der Überschrift „Rechtspopulistische Landnahme in der Öffentlichkeit, im Elektorat und in den Parlamenten“ die zentrale Zielsetzung des Bandes und das diesem zugrundeliegende Forschungsinteresse. Die Herausgeber verstehen die AfD als eine rechtspopulistische Partei, die die Gesellschaft weiter spaltet (daher der Titel des Bandes) und als eine relativ junge Partei beachtliche parlamentarische Erfolge vorzuweisen hat. Sie wollen mit dem Band gegenüber den „essayistischen“ Auseinandersetzungen mit der AfD einen „empirischen Kontrapunkt“ setzen, da aus ihrer Sicht das vielschichtige Phänomen AfD weder vollständig verstanden, noch seine Einordnung hinreichend plausibel ist. Für sie reiht sich die AfD ideologisch und programmatisch in die Parteienfamilie des europäischen Rechtspopulismus ein, als dessen Hauptmerkmale sie eine Anti-Establishment-Orientierung und den Anspruch, den „wahren“ Volkswillen zu repräsentieren, analysieren. Innerhalb der Partei verorten sie drei Strömungen (eine rechtspopulistische mit Ausläufern in den Rechtsextremismus, eine konservative und eine nationalliberale), die in einer bipolaren Struktur von Bewegungs- und Parlamentsorientierung ihren Ausdruck findet. Das „Kerngeschäft“ der AfD sehen sie in gezielten Konfrontationen, die durch die intelligente Nutzung von Social Media verstärkt werden. Als ursächlich für den (keineswegs selbstverständlichen) Erfolg der AfD werden in einem Fazit die Fähigkeit der AfD bestimmt, Euroskeptizismus, deutsch-nationale Abschottungspolitik gegenüber Migrant*innen und dem Islam sowie eine konservative Kultur- und Gesellschaftspolitik zum Alleinstellungsmerkmal zu machen.

Die nachfolgenden zehn Kapitel befassen sich auf der Basis empirischer Erhebungen mit der Frage nach den Typisierungen der AfD -Wählerinnen und Wähler (Reinhold Melcher), deren Ideologie und Sachfrageeinstellungen (Aiko Wagner) sowie der gruppenbezogenen Unzufriedenheit als zentrales Bindeglied zwischen populistischen Einstellungen und Wahlpotenzial der AfD (Heiko Giebler, Magdalena Hirsch, Benjamin Schürmann, Niklas Stoll, Susanne Veit) (Kapitel 1 bis 3), Aiko Wagner und Josephine Lichteblau thematisieren die AfD im Wähler*innenwettbewerb, Pola Lehmann, Theres Matthieß und Sven Regel befassen sich in zwei Kapiteln sowohl mit Themen und Positionen der AfD im Parteienwettbewerb als auch mit Unterschieden der AfD-Programmatiken auf Länderebene. Der Frage nach dem Profil der Kandidat*innenschaft geht Bernhard Weßels in seinem Beitrag nach, Heiko Giebler analysiert politische Positionen der AfD-Kandidat*innnenschaft im Vergleich und Reinhold Melcher befasst sich mit dem Thema alternativer Wahlkampfstrategien anhand von Social Media und individuellen Kandidat*innenkampagnen. Das 10.Kapitel des Bandes ist den „Metamorphosen einer Partei zwischen Parlament und Bewegung“ gewidmet und thematisiert die „AfD als Provokateur“.

Kennzeichen aller 10 Kapitel sind die fundierten empirischen Analysen, die den jeweiligen Ausführungen zugrunde liegen und die die Basis der daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen bilden. Eine zentrale These des Bandes, die in vielen Kapiteln implizit oder explizit aufgegriffen wird, ist die, dass es sich bei den AfD-Wählerinnen und Wählern um „Modernisierungsverlierer“ handelt. Reinhold Melcher präzisiert diesen Begriff in seinem Beitrag dahingehend, dass als Verlierer*innen „jene Personengruppen“ gelten, „die sich aufgrund von Ausbildung oder Beschäftigungssektor schlecht an sich verändernde wirtschaftliche Rahmenbedingungen anpassen können und daher besonders von prekären Beschäftigungsverhältnissen sowie Arbeitslosigkeit betroffen sind“ (S. 45). Diese zentrale These wird in „Abschließenden Thesen“ von Wolfgang Schroeder und Bernhard Weßels wieder aufgegriffen und um die Aussage ergänzt, dass die von der AfD generierte bipolare Struktur der Polarisierung vor allem diejenigen Wählerinnen und Wähler anspricht, „die enttäuscht und frustriert sind, die längst keinen Kontakt mehr mit den zentralen Akteur*innen des politischen Systems pflegen und auch nicht mehr an den Wahlen teilnehmen“ (S. 258). Die Herausgeber sehen in der AfD eine rechtspopulistische Partei „neuen Typs“, die sich vorrangig als Bewegungspartei versteht. Dies hilft ihr, die inneren Widersprüche leichter weg zu moderieren und sich „im Vagen“ zu halten (S. 261). Allerdings könne das bisher im Gleichgewicht gehaltene Verhältnis von Bewegungs- und Parlamentsorientierung zukünftig „aus den Fugen“ geraten, wenn die radikalen Kräfte in der AfD die Zähmung durch den Parlamentarismus als so starke Beschränkung betrachten, dass sie die Erfolgsgeschichte der AfD aufkündigen.

Diskussion

Der Sammelband erhebt den Anspruch, einen empirisch fundamentierten Kontrapunkt zur verfügbaren Literatur über die AfD zu setzen und er wird diesem selbst gestellten Anliegen gerecht. Die im Buch entwickelten Thesen sind gut begründet und argumentativ nachvollziehbar. Etwas irritierend ist der immer wieder gegebene Hinweis auf die „Modernisierungsverlierer“, die „Rückwärtsgewandtheit“ der Wählerinnen und Wähler und die „Ressentiments“, die das Denken der Rechtspopulisten beherrschen. Denn es ist ja keineswegs so, dass das rechtspopulistische Gedankengut Alleinstellungsmerkmal der Ewiggestrigen wäre. Nationalismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sind in wachsendem Maße zum Gütesiegel demokratisch gewählter Regierungen geworden und bestimmen den politischen Prozess in einer Art und Weise, wie dies noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Die AfD ist eine besondere politische Kraft in der Parteienkonkurrenz, weil sie nicht nur die bei allen demokratischen Parteien hochstehenden Werte von Volk und Nation in radikaler Weise für sich reklamiert, sondern darüber hinaus auch die demokratischen Institutionen und Verfahrensweisen als Hindernis eines Regierens im völkischen Interesse verachtet. Dass die soziale Frage für diejenigen, die den Wohlstand der Nation produzieren, der nationalen Frage untergeordnet ist, bedarf einer Erklärung, die mit dem Hinweis darauf, dass es Verlierer einer wie immer gearteten „Modernisierung“ sind, mehr Fragen als Antworten aufwirft.

Fazit

Insofern liefert der Band von Wolfgang Schroeder und Bernhard Weßels doch auch genügend Stoff für weitergehende Diskussionen und Auseinandersetzungen um die Besonderheiten des Rechtspopulismus. Diese weiter zu erhellen ist ein Verdienst der im Band versammelten Analysen. Die Lektüre ist nicht nur für den Kreis der wissenschaftlich Interessierten zu empfehlen, sondern darüber hinaus für alle, die an einer empirisch fundierten und ein weites Spektrum von Themen umfassenden Einschätzung und kritischen Betrachtung des politischen Potenzials der „rechtspopulistischen Landnahme“ Interesse haben.


Rezension von
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Professor i.R. für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Bochum
E-Mail Mailformular


Alle 29 Rezensionen von Norbert Wohlfahrt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 18.05.2020 zu: Wolfgang Schroeder, Bernhard Weßels (Hrsg.): Smarte Spalter. Die AfD zwischen Bewegung und Parlament. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2019. ISBN 978-3-8012-0552-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26328.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung