socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Samir Amin: Souveränität im Dienst der Völker

Cover Samir Amin: Souveränität im Dienst der Völker. Plädoyer für eine antikapitalistische nationale Entwicklung. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2018. 143 Seiten. ISBN 978-3-85371-453-9. D: 17,90 EUR, A: 17,90 EUR.

Althaler, Brigitte (Übersetzerin) Komlosy, Andrea (Verfasserin eines Vorworts).
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK


Thema

Eine entscheidende Rolle im heutigen Stadium der Globalisierung spielen die supranationalen Institutionen IWF, Weltbank etc., die in starkem Maße die Entwicklung der Länder im globalen Süden, speziell in Afrika, steuern. Die Alternative sieht der Autor in der Stärkung der Volkssouveränität, um eine modernisierte bäuerliche Landwirtschaft zu ermöglichen, für ihn die Alternative zur industriellen Landwirtschaft des globalen Nordens.

Autor

Samir Amin (1931-2018) gehört als Vertreter der Weltsystemtheorie zu den einflussreichsten Intellektuellen des globalen Südens. Er war 1970 bis 1980 Direktor des Dritte-Welt-Forums (IDEP) in Dakar/​Senegal und lehrte an mehreren Universitäten, darunter Paris VIII.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation geht auf Gespräche mit Student*innen und politischen Aktivist*innen zurück, die im Oktober 2017 in Wien stattfanden, basiert aber auf Texten, die vorher auf Französisch erschienen waren (La Souveraineté au Service des Peuples).

Aufbau und Inhalt

Dem Text von Amin hat der Verlag eine Einleitung von Andrea Komlosy (Univ. Wien) vorausgeschickt, in der sie unter anderem Amins Positionen im Licht seines Werdegangs als Theoretiker und politischer Akteur verständlich macht.

Amin hat seinen Text nach einem knappen Vorwort in drei Teile gegliedert:

  • Teil I Das Projekt der Volkssouveränität – die Alternative zur liberalen Globalisierung,
  • Teil II Die bäuerliche Landwirtschaft, der Weg in die Zukunft,
  • Teil III Blockaden für eine soziale Transformation im Zentrum.

Die politischen Einschätzungen der Weltlage, in Teil I die Länder des globalen Südens oder die „Peripherie“ betreffend, in Teil III das „Zentrum“ betreffend, sollen hier vernachlässigt werden. Sie sind für beide Weltteile ernüchternd. Nur so viel: als Alternative zu dem von den supranationalen Institutionen getragenen imperialistischen System muss nach Amin eine „multipolare Weltordnung“ angestrebt werden, die „souveräne Projekte“ im Rahmen „einer verhandelten Globalisierung“ ermöglicht (62).

In Teil II über die bäuerliche Landwirtschaft unterscheidet Amin drei Typen von Landwirtschaft:

  • den technisierten, rationalisierten Familienbetrieb im globalen Norden (A),
  • die ebenfalls industrialisierte Kollektivlandwirtschaft in der ehemaligen Sowjetunion (B) und
  • die kleinbäuerliche Landwirtschaft im globalen Süden (C).

Weder A noch B können nach Amin als Modell für die Entwicklung der Landwirtschaft in den Ländern des Südens dienen. Die Familienbetriebe in Europa und den USA, denen er hohe Effizienz zuspricht, befinden sich in der Zange von Agrobusiness und Industrie einerseits und Verarbeitungsindustrie und Lebensmittelketten andererseits (71). In Anbetracht der extrem diskrepanten Produktivität im globalen Norden und Süden (100:1) sieht Amin die Notwendigkeit der Modernisierung, aber einer alternativen Modernisierung der bäuerlichen Ökonomie (26) bei Bewahrung einer kleinteiligen Bewirtschaftung. Eine Zentralisation wie im Norden muss allein schon im Hinblick auf die ungeheure Masse der dann freigesetzten Arbeitskräfte verhindert werden. Bei seiner Zukunftsvision stützt sich Amin auf den nicht privatrechtlich organisierten Zugang zu Land oder Boden, wie er in Asien und Afrika Tradition hat, das aber ohne nostalgische Vergangenheitsvorstellungen. Er ist sich nämlich darüber im Klaren, dass der Zugang selten sozial gleich gewesen ist. Seine historischen Ausführungen verdeutlichen auch, wie bei staatlichen Reformen und im Kolonialsystem die überkommenen Commons missbräuchlich modifiziert wurden.Die propagierte Perspektive sind bäuerliche Betriebe auf Basis eines „(wirtschaftlich) effizienten und demokratischen Systems der Verwaltung des Zugangs zum Boden“ (99). Nicht nur alte Gewohnheitsrechte, sondern auch Bodenkataster schützten nicht vor Aneignung durch Stärkere (ebd.). Voraussetzung für diese Wirtschaftsform ist die Demokratisierung der Verwaltung und außerdem eine „gemischte Makroökonomie“ mit der Kombination von Privatunternehmertum und öffentlicher Planung (78). Entwicklungspolitisch unverzichtbar ist, dass die Bauern und Bäuerinnen die Produktionsmittel erwerben können (Kredite) und Marktzugang erhalten (105), was mehr Investitionen in die Infrastruktur erfordert. Durchsetzbar ist eine solche Agrarreform nur von Bauernbewegungen im Bündnis mit anderen sozialen Gruppen (103).

Diskussion und Fazit

Im Hinblick auf die brennenden Fragen der zukünftigen Entwicklung des globalen Südens, vor allem von Subsahara-Afrika, ist Amins „politische Kampfschrift“ (Komlosy) von allgemeinem Interesse. Sie liefert reichlich Diskussionsstoff, nicht bloß für in der Entwicklungszusammenarbeit Aktive oder für entwicklungspolitisch interessierte Zeitgenoss*innen. Amins Analysen und seine darauf gestützten programmatischen Überlegungen verraten die jahrzehntelangen Studien und Erfahrungen, die er in der Region gemacht hat. Historische Rückblicke, wenn sie auch nur knapp ausfallen, korrigieren vereinfachte Vorstellungen von der guten alten Zeit der Gemeinwirtschaft. Seine Einschätzung der gesellschaftlichen Entwicklungsperspektiven im Zentrum (Europa, USA) bleibt unter diesem Niveau. Teil III ist daher für Leser*innen hierzulande allenfalls wegen der Außenansicht nicht uninteressant.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
E-Mail Mailformular


Alle 80 Rezensionen von Georg Auernheimer anzeigen.


Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 28.11.2019 zu: Samir Amin: Souveränität im Dienst der Völker. Plädoyer für eine antikapitalistische nationale Entwicklung. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2018. ISBN 978-3-85371-453-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26333.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung