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Christina Thürmer-Rohr: Fremdheiten und Freundschaften

Cover Christina Thürmer-Rohr: Fremdheiten und Freundschaften. Essays. transcript (Bielefeld) 2019. 288 Seiten. ISBN 978-3-8376-4826-3. D: 29,99 EUR, A: 29,99 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Gender Studies.
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Thema

Thema des vorliegenden Titels ist die Fremdheit das Andere der Freundschaft, Freundschaft das Andere der Fremdheit? Essays zur Feminismus, Pluralität, Dialog, Aussenseitertum in Verknüpfung mit den politischen Überlegungen von Hannah Arendt.

Autorin

Christina Thürmer-Rohr hat Philosophie und Psychologie studiert und lehrte als Professorin an der Technischen Universität Berlin Feministische Theorie und Menschenrechte und war Gastprofessorin an der Universität Fribourg (zur Politischen Theorie von Hannah Arendt). Sie hat feministische Debatten maßgeblich mitgeprägt.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund ist eine immer noch aktuelle Sammlung von Essays zur Emanzipationsgeschichte und zur Erkenntnis, dass es die ‚Einheit‘ auch unter Frauen nicht gibt, vielmehr finden sie Frauen sich im gesamten politischen Spektrum. Es geht auch um die Frage, warum eine gerechte Gesellschaft trotz formaler Gleichberechtigung nicht erreicht wurde.

Die Texte sind entstanden in Diskussionen an der Technischen Universität und in Zusammenarbeit mit Laura Gallati.

Aufbau

Einer Einführung ‚Welt in Scherben‘ folgen die Themen:

  • Das Tröstende der Ordnung und das Gift der Fremdheit – Das Tröstende der Fremdheit und das Gift der Ordnung
  • Die Anstößigkeit des Anfangens: Feministische Kritik – Feminismuskritik
  • Fremde, Andere, Feinde: Zur Idee des Kosmopolitismus
  • Anfreundung mit der Welt: Zum politischen Denken von Hannah Arendt
  • Kontroversen zur Kohabitation: »Denken von anderswo«
  • Dialog und Stummheit der Gewalt
  • Schweigen: Zuviel der Worte
  • Das Kassandra-Syndrom: Leben um zu sehen und sehen um zu sprechen
  • Feministische Rückblenden: Einfache Fragen ohne einfache Antworten
  • Existentielle und intentionelle Außenseiter: Das Leben macht grauenvoll normal
  • Innere Kontroversen: Verrückungen und »Traumes-Wirren« am Beispiel Robert Schumann 
  • Unrechtsbewusstsein und sexuelle Gewalt: Zur Amibivalenz der Opferrolle
  • Gender & Diversity: Schauplätze und Nebenschauplätze
  • Die Löschung des Anderen: Omnipotenz und totalitäres Bewusstsein
  • Rausch und Kälte: Das Böse in Thomas Manns »Dr. Faustus«
  • Deutsche Gedenkkultur: Zur Abhängigkeit des Vergangenen vom Urteil der Jetzlebenden
  • Verstehen ohne zu trauern: Eine lange Geschichte des Nachdenkens
  • Hiob: Eine Geschichte anhaltender Ratlosigkeit
  • Vergänglichkeit: Abwehr und Nicht-Wissen, Anfangen und Aufhören

Inhalt

Einführung: Welt in Scherben

Die Texte stammen aus unterschiedlichen Kontexten und Zeiten, haben aber einen thematischen Schwerpunkt: Die Herausforderungen des Zusammenlebens in der heutigen Welt. Ist die Welt aus den Fugen geraten? Stehen wir wirklich vor einem Scherbenhaufen? Nation und Geschlecht haben als Identitätsbeschaffer ausgedient. Fremdheit ist zum Stigma geworden und gilt als das Andere der Freundschaft; dabei bedingen sich beide gegenseitig. Trennungen dienen auch der Individuation und Fremdheit lädt zum Brückenbauen ein. Nach Hannah Arendt ist die Grundqualität des Politischen ein ‚Zusammenkommen der Verschiedenen‘ und Pluralität eine Herausforderung und gleichzeitig ein Geschenk des Zusammenlebens.

Das Destruieren einer zerstörerischen totalitären Tradition des Politischen, kann auch zum Kristallisationspunkt von etwas Neuem werden. Freundschaft zwischen Menschen bedeutet nicht eine illusionäre universale Zwischenmenschlichkeit, sondern die Akzeptanz der Verschiedenheit und der Pluralität, und die Chance zu Wahlverbindungen anstelle von Verwandtschaft, da das familienanaloge ‚Wir‘ Schlagbäume erzeugt. Politische und gesellschaftliche Aufbrüche schaffen neue Freundschaftsbeziehungen (Beispiel: Geschichte der Frauenbewegung seit 1970). Dennoch bleiben Fragen offen, warum trotz einer formalen Gleichberechtigung die Gesellschaft als Ganzes immer noch nicht gerechter geworden ist. Aufstieg und Macht dürfen nicht in narzisstische Triumpfe münden, und Gewaltverhältnisse nicht auf sexuelle Zugriffe reduziert werden.

Das Tröstende der Ordnung und das Gift der Fremdheit – Das Tröstende der Fremdheit und das Gift der Ordnung

Nicht nur das Fremde, sondern auch dessen Überwindung, sind eine ambivalente Herausforderung, da sich mit der Begegnung des Fremden auch das Vertraute verändert. Heute fühlen sich angesichts der Migrationsbewegungen viele ‚fremd im eigenen Land‘. Aber die gewohnte Ordnung bricht auch ohne die Fremden zusammen: Totalitäre Entwicklungen, Ideologien der Säuberung, das waren Logiken einer Ordnung, die gewachsene Ordnungen zerstörten. Auch unberechenbare Politiker zerstören das Vertrauen in eine Ordnung.

Überall begegnet uns das Fremde, als Dissonanz, als Unordnung, Risiko, und Grenzen des Verstehens, was Unsicherheit und Ängste weckt. Sind die aus der Fremdheit resultierenden Probleme noch handhabbar und kontrollierbar, wenn sie sich unserem Verstehen entziehen? Werden im Neoliberalismus Menschen wieder im Marxschen Sinn zu ‚Humankapital‘? Wir können den Bedrohungen ausweichen, sie aber auch als ein Weckruf verstehen, sich den neuen Erfahrungen und Herausforderungen zu stellen. Eine Grunderfahrung des Menschen ist, dass das Fremde zum Anwalt der Realität wird, der wir nicht ausweichen können, auch der Realität nicht, dass wir alle Freunde u n d Fremde sind.

Die Anstößigkeit der Freiheit des Anfangens: Feministische Kritik – Feminismuskritik

Anfangen beginnt politisch im öffentlichen Raum (Hannah Arendt), nicht selten verknüpft mit Heimatlosigkeit und Ungewissheit. Denn was geschieht, wenn alle Räume schon besetzt sind (z. B vom Patriarchat) und Neuanfänge verhindert werden? Die Geschichte der Frauenbewegung spiegelt den widersprüchlichen Prozess ‚von leidenschaftlichem Anfangen und enttäuschtem Rückzug‘. Auch die Hinwendung zum Sozialarbeiterlichen und Therapeutischen ist ein Rückzug aus der Politik. Das Anfangen ist nach Arendt ein Sichanfreunden mit der Welt, eine Hinwendung zur Vergangenheit und Gegenwart. Arendt war misstrauisch gegenüber Verallgemeinerung (das Volk, das Proletariat, die Armen, die Frau…) und totalisierenden Konzepten. Auch Anfänge sind begrenzt und dürfen nicht gemessen werden an der Effektivität sondern am Handeln, mit dem politisch Zwischenmenschlichkeit hergestellt wird.

Fremde, Andere Feinde: Zur Idee des Kosmopolitismus

Kosmopolitismus als Erziehung zu Weltoffenheit ist eine Menschheitssehnsucht seit der Antike: Sehnsucht nach Erneuerung, Verwandlung und einer geeinten Menschheit. Für Sokrates war die Welt eine Heimat mit durchlässigen Grenzen, Interesse an Verständigung, Visionen von Gerechtigkeit ohne Ansehen von Rasse, Religion, Herkunft und Nation.

Fremde wurden oft suspekt, wenn sie sich nicht anglichen. Sie wurden zwar pragmatisch toleriert, aber mit einem einheimischen Elitarismus. Ist Kosmopolitismus heillose Naivität und deshalb die Euphorie eines europäischen Kosmospolitismus verflogen? Der Wechsel von Attraktion und Ablehnung durchzieht die abendländische Geschichte (Kristeva 1990). Die Zurückweisung des Fremden bekämpft oft das Angst auslösende Fremde in einem Selbst. Gehört das Fremde zu unserem Wesen (Freud würde sagen zu unserem unbewussten Wesen Ha.), und gehört es zu jedem Menschen? Die Begegnung mit dem Fremden stellt unser gewohntes Selbst infrage.

Gibt es Grenzen zwischen Freund und Feind, die insbesondere in Deutschland -aufgrund von Traumatisierungen – verleugnet werden? Es gibt eine Buntheit von Farben und eine Buntheit von unterschiedlichen Kulturen. Menschlichkeit ruft nicht automatisch Menschlichkeit auch beim Anderen hervor.
Wenn aber Fremdheit eine Lebensbedingung und Gleichsein illusionär ist, bedeutet das nicht eine unüberwindbare Schranke, wenn wir uns auf die Sicht des Andere einlassen und bereit sind, unsere Sicht zu korrigieren. Opposition und Meinungsgegner sind in einer Demokratie keine Feinde.

Anfreundung mit der Welt: Zum politischen Denken von Hannah Arendt

Pluralität war für Arendt eine Existenzbedingung, eine Tatsache und eine politische Forderung, da Vielfalt auch zerstört werden kann. Pluralität ist ein Grund für Kontroversen, stiftet aber auch Freundschaft, Menschlichkeit und Zuwendung zur Welt. Biopolitik, Rassismus und Einheitskonstrukte versuchen Pluralität zu eliminieren. Menschlichkeit verbindet mit Freundschaft, Freundschaft mit Pluralität, Pluralität mit dem Politischen; präpolitisch ist das Familienprinzip. Menschlichkeit erweist sich im Prinzip der Freundschaft, insofern eine ‚republikanische Tugend‘. Die Gleichheitsidee der Brüderlichkeit war nicht einfach der Beginn von Mitgefühl und Solidarität, denn von Natur sind wir nicht gleich. Das Stigma des Andersseins verschärft sich, wenn Pluralität nicht anerkannt wird (Bsp. Antisemitismus). Das Todesurteil für Eichmann ist berechtigt, weil e r entschieden hat, wer die Erde bewohnen soll und wer nicht, ein Verstoß gegen eine grundlegende politische Moral.

Von einer Erziehung des Menschengeschlechts hielt Arendt nicht viel, es sei eher die Aufgabe der Politik, für Pluralität zu sorgen. Freundschaftliche Beziehungen beeinflussen unser Denken, Handeln, Verstehen und Versöhnen und befördern auch ein ‚inneres Gespräch‘, das bis zum Tod kein Ende findet, wie auch der unendliche Dialog mit Anderen.

Kontroversen zur Kohabitation: „Denken von anderswo“

Eine Konsensdemokratie ist eine Illusion. Kontroversen fordern den Dialog, den Ausgleich, den Kompromiss. Konformitätsdruck ist Stillstand. Komplizenschaft ist – wertneural (!) – eine Form der Kollektivität. Diese positive Umdeutung bezeichnet gemeinsame Werte in einer sich globalisierenden Welt, begleitet von einer Ethik der Kohabitation. Den Anderen mitzudenken, enthebt nicht des eigenen Urteils. Kohabitation heißt andere Herkünfte, Religionen und Ethnien zu respektieren (Judith Butler 1998). Auch denen gegenüber, die nicht meine Freunde sind, muss ich meine Selbstbestimmungsansprüche zurückstellen. Nach Butler ist Diaspora eine Lebensform mit einer »Ethik der Zerstreuung« (geografisch und ethisch). Im Gegensatz dazu setzt Nussbaum (2014) auf einen Patriotismus, der familiär und in der Schule den Kindern übermittelt wird. Die Liebe zur Welt ist gefährdet, wenn sie nicht, unter Zurücknahme von Herrschaftsansprüchen, das Recht zu leben für alle einschließt.

Dialog und Stummheit der Gewalt

Thürmer-Rohr äußert sich auch kritisch über den inflationären Gebrauch von ‚Dialog‘, auch wenn dieser wichtig ist als die Praxis der Pluralität. Wir werden im Dialog identifizierbar und verlassen die Anonymität. Herrschaftsstrategien zerstören die Voraussetzungen für einen offenen Dialog. Die Überzeugung von nur „einer“ Wahrheit zerstört den Dialog, der auch zur bloßen Strategie verkommen kann. Die Idee der Menschenrechte und des Dialogs beruhen auf den negativen Erfahrungen eines fehlenden Dialogs. Wenn Traditionen sich verändern, müssen dialogisch gemeinsam neue Wege gefunden werden. Gewalt führt zwar schneller zu Entscheidungen, ist ‚effektiver‘, aber gleichzeitig destruktiv für die Opfer, die nicht gehört werden. 

Dialog ist eine Daseinsform der Anerkennung und des Anerkanntwerdens und Nichtanerkennung eine Form von Gewalt. Eine ständige Viktimisierung kann aber auch zu emotionaler Immunität führen. Die Stummheit der Gewalt ist nicht auf Tat und Täter reduziert; sie zeigt sich auch in Duldung, Unterstützung, Komplizenschaft. Der kontroverse Dialog, darf nicht als Mittel zum Zweck missbraucht werden. Indem er Stummheit überwindet und Interesse am Anderen zeigt, ist der Ausgang ungewiss. Dass wir alle d i e Wahrheit nicht kennen, ist insofern gut, als sie einen Dialog überflüssig machen würde.

Schweigen: Zuviel der Worte

Schweigen macht uneinsehbar, ist aber auch ein Element der Kommunikation, insofern es zum Deuten einlädt. Im feindliche Umfeld kann Schweigen auch zum Schutzraum werden. Das Schweigen birgt Geheimnisse, Rätsel und eine Offenheit, die wie ein Vakuum gefüllt werden kann, – mitunter aber auch einen Überdruss an Worten.

Der mit leeren Worten vollgestopften Wirklichkeit kann durch Schweigen auch kritisch begegnet werden. Es bleibt dann ein Element des Dialogs, aber mit einer eigenen Rhetorik. Schweigen kann zur Konzentration, Intensivierung des Erlebens führen und Raum für was Neues schaffen.

Gegen den ‚Aktionismus der Worte‘ steht das Nichtsagen (Hinweis auf Heinrich Bölls »Doktor Murkes gesammeltes Schweigen« und Camus »Der Fremde«). Denn es gibt auch Grenzen der Sprache, ein Stammeln, Stottern, Verstummen, unverständliche Worte, – nicht selten auf der Suche nach einer neuen Denkweise sind.

Zur Sprache der Musik gehören Pausen, Unterbrechungen, Abbrüche; sie kann zum Schweigen anstiften und Schweigen hörbar machen durch Resonanz für Nicht-Töne (»4‘33‘ von John Cage) und eine Öffnung für Umweltgeräusche. Die Stille enthält die Dauer, wie auch der Klang, auch sie ist Material. Nach Ortega y Gasset ist die höchste Weisheit das Schweigen; aber es kann auch die Luft vergiften (Kafka »Elf Söhne«) oder die Seele retten, indem es den Blick nach Innen richtet.

Als die Frauen das Schweigen brachen, rüttelten sie an den patriarchalen Fundamenten und wandten sie sich gegen den männlichen Besitz der Macht über Worte. Heute gibt es keine verordneten Schweigeregeln mehr. Dennoch muss man bei unsicheren Abgrenzungen mit dem Reden wie mit dem Schweigen vorsichtig sein, das erstere kann – je nach Empfänger – als Herrschsucht, das zweite als Undurchsichtigkeit verstanden werden.

Das Kassandra-Syndrom: Leben um zu sehen und sehen um zu sprechen

Kassandras Warnungen wurde nicht geglaubt, so wie heute die Gefahren der atomaren Aufrüstung. Wann ist man Komplize der Zerstörung? Kann eine neue Welt nur durch Gewalt entstehen? Sind Frauen immer auf der Seite, die Gewalt erleidet, anstatt ausübt? Oder werden Verstrickungen verleugnet? Muss der Feminismus vor der Herausforderung kapitulieren, nach Gewalt zu suchen, die nicht geschlechtsspezifisch ist?

Die Unterscheidung von Gewalt und Macht (Hannah Arendt 1970): während die letztere Zustimmung braucht und deshalb nur gemeinsam geschaffen werden kann, ist Gewalt einseitig auf Zwang ausgerichtet. Eines ihrer Instrumente ist das verbotene Wort, das politische Möglichkeiten vernichtet, weil es Mitteilungen verhindert. Aus den Kreisläufen der Gewalt herauszufinden, verlangt ein neues Durchdenken, eine Selbstbegrenzung und eine Aufgabe der Illusion, einen privilegierten Zugang zur Wahrheit zu haben.

Feministische Rückblenden: Einfache Fragen ohne einfache Antworten

Die Autorin beginnt mit einem persönlichen Rückblick: Nach Abschluss des Psychologiestudiums kam sie 1963 als wissenschaftliche Assistentin an die Technische Universität Berlin, bekam dort Kontakt zur außerparlamentarischen Revolution und war beteiligt an der Sprengung des Psychologenkongresses 1967 (wegen der Beteiligung von Psychologen am Krieg in Vietnam). Ein Umdenken, von der »Ein-Personen-Psychologie« und Charakterkunde zur Sozialpsychologie fand statt. Die Beteiligung an der Herausgabe des verbotenen Mescalero-Textes – Unterdrückung von Rede- und Meinungsfreiheit – führte zu einer Anklage, die mit einem Freispruch endete. 1968 ging es zunächst um eine ‚neue Gegenwart und Zukunft‘, erst später auch um die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Es entwickelte sich ein breites Spektrum von Veränderungsforderungen(Politik, Gesellschaft, Wissenschaft, Arbeit, Familie, Kindererziehung, Sexualität…) und Initiativen. In diesem Klima entwickelten Frauen einen eigenen Begriff von Befreiung, sowohl im sozialen Nahraum als auch gesellschaftlich. Geschlechtsspezifische Themen stellten gewohntes Denken infrage; es ging um Selbst-, anstelle von Fremdbestimmung auch in den Beziehungen der Geschlechter, denn bei einigen organisierten universitären Gruppen waren Dogmatismus, Denkverbote und Personenkult nicht ausgeschlossen.

Ein geschlechterdifferenzierendes ‚Wir‘ entwickelte sich entlang der Gewaltfrage als ein strukturelles Problem. Es ging nicht nur um Selbstbefreiung: Patriarchatskritik war Gesellschaftskritik.

Anfang der 1990er Jahre wurde die Kategorie ‚Geschlecht‘ dekonstruiert und mit der Gendertheorie die Zweigeschlechtlichkeit infrage gestellt. Gerät durch die Zentrierung auf das Selbst der Andere aus dem Blick? – eine Kritik an Ideologie und Praktik einer dominanten Kultur. Inzwischen gibt es unterschiedliche Feminismusauffassungen, im Hinblick auf das Fremde anderer Kulturen, Überlegenheitsdenken, Blindheiten, geschlechterfixierte Wahrnehmungen. Auseinandersetzungen um ethnisierende Zuordnungen und unbedachte Rassismusvorwürfe behinderten die Suche nach dem »Eigenen« und dem Gemeinsamen. Die ‚westliche‘ Frau wurde zum Exempel kultureller Überlegenheit (Okzidentalismus), die eine kritische Wahrnehmung des kulturellen Dominanzstrebens – auch unter Frauen – behinderte. Differenzierungen wurden den Spannungen zwischen Selbstbestimmung und universellen Menschenrechten gerecht im Sinne einer Kultur verschiedener Lebensformen, Traditionen, Religionen und sexuellen Orientierungen. Frauen sind als solche noch keine Veränderungsgarantinnen, solange sie die Gewalt mittragen.

Existentielle und intentionelle Außenseiter: Das Leben macht grauenvoll normal

Intentionelle Außenseiter sind gewollte Normabweichler, existentielle Außenseiter sind durch Anlage oder Herkunft zu Außenseitern erklärt worden. Die selbst gewollten Außenseiter wollten aus geltenden Normen ausbrechen, getrieben von einem Ideal, alles auszuprobieren, – gefährlich und verlockend zugleich, oft selbstzerstörerisch, denn die meisten, vor allem Frauen, scheiterten elend. (Es folgenviele Beispiele aus der Literatur)

Das Identitätsproblem war nicht gelöste mit dem Ausscheren aus dem gewohnten Rahmen und endete nicht selten in sexueller Abhängigkeit. Isherwood (2008) hat sie beschrieben: die Zimmerwirtin, den Perückenträger, die schwulen Jungs, die genuss- und erfolgssüchtigen Mädchen im Berlin der 30er Jahre. Entgrenzungen wurden gesucht und gefürchtet, gaben Freiheit und Haltlosigkeit. Aber auch Anpassung hat ihren Preis (am Beispiel des schwulen Literaturprofessors George in USA) in Gestalt von unterdrückten Wünschen und Wut.

Das Leiden an Nichtzugehörigkeit ist mit den traditionellen Kategorien des Außenseitertums nicht mehr zu vergleichen, wenn sich die Unterschiede zwischen Norm und Abweichung auflösen. Gleichzeitig bekommen ‚subalterne‘ Geschichten wissenschaftliche Bedeutung: Randexistenzen werden als Akteure von Geschichte erkannt, da sie eine radikal heterogene Welt unterstützen, in der es weder »Normalität« noch »Homogenität« gibt.

Innere Kontroversen: Verrückungen und »Traumes-Wirren« am Beispiel Robert Schumann

Im inneren Dialog bin ich, selbst bei kontroversen Vorstellungen, mein eigenes Gegenüber. Innere Zerrissenheit war ein Thema der Romantik. Exzentrische Gemütsverfassungen, z.B. Melancholie, wurde zur Quelle künstlerischer Produktivität. Die Suche nach der Beziehung zwischen Leben, Krankheit und Werk bei Schumann dauert an. Er war ein Literaturkenner und Intellektueller, der sich gegen den mittelmäßigen Zeitgeist wandte und unterzeichnete viele Texte mit ‚Florestan‘ und ‚Eusebius‘, – ersterer kämpferisch, angriffslustig, bissig, polemisch, letzterer dagegen still, kontemplativ, – verschiedene Wesenszüge einer Person, die Extremes erlebt hat: Den Suizid der einzigen Schwester mit 29 Jahren, die Idealisierung als »Lichtpunkt« seiner Mutter, der doch ihre Wunschträume (Jura) nicht erfüllte und frühzeitig von der pianistischen Laufbahn Abschied nehmen musste; die Heirat mit Clara konnte nur durch Gerichtsbeschluss gegen den Widerstand ihres Vaters durchgesetzt werden. Es folgten dauernde Geldschwierigkeiten und Konkurrenz mit Claras Virtuosität. Selbstzweifel und Selbstanklagen machten Schumann das Leben auch als Musikdirektor in Düsseldorf schwer. Genie oder bloßes Talent? Uneins mit dem Leben und mit sich selbst, kämpfte er am Ende mit seinen unversöhnlichen inneren Stimmen (ein erster Krankheitsschub trat mit 23 Jahren auf). Ein zerrissenes Innenleben und dennoch ein Reichtum an Originalität und Schönheit in der Musik – zwischen Melancholie und Jubel (Adorno) – der psychopathologische Zuschreibungen sprengt. Clara Schumann und Johannes Brahms hielten es für richtig, seine letzten Werke zurückzuhalten, die den Hörer ‚in Spannung versetzen, aber nicht erlösen‘ (Dagmar Hoffmann-Axthelm 2010). Sie enthalten Themen der Moderne: Gefahr des Selbstverlusts, Angst, Kälte und Einsamkeit an der Grenze zwischen Leben und Tod.

Die Zerrissenheit, das Zwei-in-einem, ist Chance und Gefährdung zugleich, Ausdruck innerer Kontroversen, die dem totalitären Menschenbild von Eindimensionalität widersprechen.

Unrechtsbewusstsein und sexuelle Gewalt: Zur Ambivalenz der Opferrolle

Sexuelle Gewalt ist verknüpft mit der patriarchalen Kultur, und Gewalt größtenteils eine Männergeschichte. Vergewaltigung ist keine Variante von Sexualität, sondern eine perverse »Normalität« von »normalen« Männern, oder auch eine Pathologie der Gesellschaft. Eindeutige Unterscheidungen Täter – Opfer entsprechen nicht immer der Realität. Für die Entwicklung einer moralischen Empörung muss das Gefühl der Unvermeidbarkeit überwunden werden. Männer setzen oft auf den Schuldanteil der Frau, die angeblich signalisierte sexuelle Bereitschaft, damit ist das zugefügte Leid nicht präsent. Sexualität ist aber keine rein triebhafte, sondern eine menschliche Angelegenheit. Kritisch wendet sich die Autorin gegen die Annahme, dass sexuelle Übergriffe eher Ausdruck von Schwäche als von Stärke seien.

Frauen konnten nur über die Opferrolle ihre prekäre Lage öffentlich machen und verführten unfreiwillig zu einem inflationären Gebrauch, obgleich auch sie Mittäter sind bei der Aufrechterhaltung der Geschlechter-Machtverhältnisse waren. Eine vergewaltigte Frau war Opfer, aber sie ist nicht Opfer.

Die Kriegsverbrechen der Deutschen haben die sexuellen Demütigungen von Frauen durch Russen weit übertroffen. Krieg bringt immer eine Immunisierung gegen Gewaltausübung.

Die Unterscheidung von Macht und Gewalt ist wichtig, weil Macht auf Zustimmung beruht, Gewalt hingegen nicht. Insofern ist auch sexuelle Gewalt kein ‚Machtmissbrauch‘. Vergewaltigung ist nicht unvermeidbar und sollte auch vom Opfer nicht als ‚Machtmissbrauch‘ verstanden werden. Zwar kann die Tat nicht ungeschehen gemacht werden, aber die Würde des Opfers bleibt erhalten.

Gender & Diversity: Schauplätze und Nebenschauplätze

Anfänglich war der Feminismus von einer Einheitsidee beflügelt, das ‚Wir‘ als politisches Postulat. Inzwischen wurde Frauen- durch Genderforschung – Gender&Diversity – ersetzt mit Blick auf vielfältige Ungleichheiten und Diskriminierungen auch unter Frauen. Menschen wurden oft in totalitäre Kategorien eingeordnet, ausgesondert und beseitigt. Dabei handelt es sich um scheinbare Einheiten, die die Vielfalt verdecken. Wie kann man dieses Kategogisieren verhindern?

Gender&Diversity verweist auf einen lebendigen, unabschliessbaren Charakter hin: Alle Kategorien sollen gleichwertig behandelt werden. Das geht mit einem Verzicht auf Strukturaussagen einher, wie sich am Konzept Diversity Managment zeigt, das Vielfalt produktiv nutzen will: Die Teilnehmer können ‚ihre Farben‘ variantenreich selbst zusammensetzen; es entsteht eine gleichberechtigte Vielfalt, die simplifizierende Machtverhältnisse aufhebt, nicht aber strukturelle Ungleichheiten.

Ein weiteres Konzept der Geschlechterforschung ist die Intersektionalität: Es geht dabei um Überschneidungen, Verschränkungen, neue Kombinationen und ihre Wechselwirkungen. Strukturell wie ein Gewebe ‚verwoben‘ aus sozialen, ethnischen, kulturellen, ökonomischen und ‚irgendwie auch ähnlichen‘ Elementen. Das ergibt keine große Theorie, stellt diese überhaupt infrage und erlaubt keine Gewichtung und keine Stoßrichtung. Die Egalisierung verschiedener diskriminierender Kategorien verhindert aber eine spezifische Ursachenforschung und unterscheidet nicht zwischen Neben- und Hauptkriegsschauplätzen. Der Feminismus muss sich von seinem identitären Partikularismus verabschieden und stattdessen fragen, welche Identitäten lebensnotwendig, welche tödlich sind, welche zumutbar und unzumutbar. Eindimensionalitäten und kollektiver Singular sind Ausdruck totalitären Denkens. Wir müssen mit der Andersheit der Anderen leben und dialogisch die Möglichkeiten des Zusammenlebens aushandeln.

Die Löschung des Anderen: Omnipotenz und totalitäres Bewusstsein

Thürmer-Rohr bezieht sich auf das Buch von Charlotte Beradt ‚Das Dritte Reich des Traums‘ (1966), in dem die schleichende Komplizenschaft in den Träumen sichtbar wird und die Opfer zunehmend ausgeblendet werden: Die Beherrschten werden zu Mitakteuren. Hannah Arendt hat 1986 den Totalitarismus als ein neue Herrschaftstypus analysiert, verursacht durch Antisemitismus, Imperialismus, Massenbewegungen, Ideologie und Terror: Eine Zerstörung der Menschen im Denken und Handeln.

Ihre Publikation über den Eichmann-Prozess (1986) schockierte, da sie die Stimme seines Gewissens (als Stimme der Gesellschaft) für echt hielt: Die Opfer, der Andere, hatten darin keine Stimme; das totalitäre Bewusstsein schließt den Anderen aus und verfügt auch über das Gewissen. Eine menschengrechte Welt lebt aber von der Pluralität und der Vorstellung vom Anderen. Die Spuren der Diversität können jedoch verdrängt werden, von Arendt als ‚die Abwesenheit des Denkens‘ bezeichnet. Mit der Löschung des Anderen findet kein inneres Zwiegespräch statt, man weicht dem Konflikt aus. Insofern beeinträchtig das Tun des Bösen auch die menschliche Würde. Das ‚Böse‘ steckt nicht im Täter, sondern in der Nichtübereinstimmung von Verbrechen und Verbrecher (Monstrosität der Taten versus Seichtheit des Täters). Der Horror des Böse ist zugleich seine Banalität. Während in der Außenwelt die sprechenden und handelnden Personen relevant sind, sind sie einem solchen Innenraum fremd. Es bleibt die Frage, ob psychoanalytische Begrifflichkeiten, wie der ‚Todestrieb‘, totalitäre Phänomene erklären können. Wie wird dialogisches Denken aufgelöst zu einer ‚gedankenentleerten‘ Welt? Ist totale Herrschaft ein narzisstischer Allmachtswahn, der auch das Menschliche im Menschen zerstört? Allmacht ist verbunden Entdifferenzierung, Maßlosigkeit, anknüpfend an frühkindliche vorsoziale Erfahrungen (Whitebook 2004), ein Überbleibsel in jedem Menschen. Das Unbegrenzte, Maßlose ist eine Gefahr für das Gemeinwesen, gleich ob Nationalismus, Kapitalismus, oder totalitäre Ideologien. Arendt setzt die Autorität der Verfassungen dagegen: Demokratien sind ‚Gemeinschaftsunternehmen‘, die es zu kontrollieren und zu schützen gilt.

Rausch und Kälte: Das Böse in Thomas Mann »Dr. Faustus«

Nach Reflexionen über ‚das Böse‘ in der abendländischen Denktradition geht Thürmer-Rohr auf den Ursprungsmythos der ‚Erkenntnis von Gut und Böse‘ ein, ein zwiespältiges Geschenk, weil es verantwortliche Entscheidungen fordert. Im Roman von Thomas Mann vertritt der Theologe Dr. Schleppfuß die These, dass das Böse wie das Gute sich gegenseitig verstärken. Der Roman handelt von einer Teufelsverschreibung: Leverkühn schafft ein geniales Werk für den Preis der physischen Verdammnis, Leben als Leiden und Rausch zugleich. Unter dem Diktat des Teufels entsagt er der Liebe für den Preis einer entfesselten Kreativität, die am Schluss in die Kantate »Dr. Fausti Weheklag« endet, ein Klage über ein ‚Zuspät‘ und den ‚Verlust der Schöpfung‘, ein mehrdeutiger Schluss von Licht und Dunkelheit.

Kritisch geht der Blick auf die deutsche Kultur, vor allem die Musik als Wurzel von Antihumanität, als das ‚fehlgegangene Gute‘ in der NS-Zeit, berauscht von Allmachtsphantasien. Der Zusammenhang zwischen Musik, Identität und Politik, zwischen Allmachtsanspruch und musikalischem Nationalismus wurde von Hans Rudolf Vaget (2006) unter dem Stichwort ‚Seelenzauber‘ untersucht: Verführung und Verführbarkeit, Genieästhetik und Geniekult als eine Ästhetisierung des Politischen. Mann zeichnet ein komplexes Bild deutscher Mentalität. Das Rauschhafte der Spätromantik wurde durch das Konstruierte der Zwölftontechnik abgelöst. Leverkühn bezahlt seinen Größenwahn mit einem Liebesverzicht, Verzicht auf Wärme und Nähe. Auch seine Kunst beschäftigt sich nur noch mit sich selbst, eine totale Entfremdung (Panzer, Maske) des Menschen von sich selbst. Als ‚kalte Persona‘ lernt der Leser auch Leverkühn nicht wirklich kennen. Seine kalte maßlose Rauschhaftigkeit ist kein Triumpf, sondern eine gebrochene, kranke Existenz.

Deutsche Gedenkkultur: Zur Abhängigkeit des Vergangenen vom Urteil der Jetztlebenden

Ein antikes Bilder der Erinnerung war die Wachstafel ausgefüllt mit Einprägungen von Wünschen und Interessen, eher ein ‚Theater‘, ein Spiegel von Gegenwartsinteressen. Wozu sind Erinnerungen brauchbar? Dient der Holocaust als Negativfolie: Tat und Täter ein Schreckensbild? Durch die Globalisierung kommt es zu einer ‚Entortung‘ des nationalen monologischen Gedächtnisses zu Gunsten eines dialogischen kosmopolitischen. Kann der Holocaust ein kultureller Code für alle Länder sein? Das ist ein Problem eines Einwanderungslandes: Schülerinnen nicht-deutscher Herkunft wurden vom NS-Unterricht befreit; dabei könnten sie von ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen berichten.

Geschichte vermittelt Lernstoff (Filme, Biographie, Erzählungen), dessen Aneignung Identifikationen ermöglicht, oft erschwert durch Familiengeschichten, Umdeutungen und Geschichtsfälschungen.

Österreich, die BRD und die DDR sind mit dem NS-Erbe unterschiedlich umgegangen. Mal befreite man sich mit der Opferideologie von der Verantwortung, mal wurde der Faschismus von der DDR in die BRD exportiert. Hat die BRD den Holocaust in ihr Selbstbild integriert? Es gab auch hier Selbstrechtfertigungen, -mitleid, aber auch Schuldanerkenntnis und Wissenwollen. Das erschreckende Phänomen war die ‚Normalität‘ der Verbrecher, ein Spezifikum totaler Herrschaft. Opfer sind alle, die gelitten haben, Täter die, die die Vernichtungsmaschinerie in Gang gehalten haben. Die nächste Generation identifizierte sich sozialpsychologisch mit den Opfern, das brachte moralische Vorteile auf Kosten der familiären Erbschaft. Hält man sich nicht generell Objekte der Ehrfurcht und des Ekels vom Leib (Ruth Klüger 1992)? Nach einer Erinnerungskultur wird nun partiell das Vergessen eingefordert, oder eine ‚normale‘ Erinnerung. Gibt es auch ein falsches Erinnern und ein richtiges Vergessen, das sich von der Vergangenheit nicht vereinnahmen lassen will? Dürfen nur die Opfer vergessen? Dürfen die Besucher des Holocaust-Mahnmals in Berlin damit machen, was sie wollen?

Die dritte Generation ist weniger befangen als die zweite.

Auch die Leidensgeschichte der Deutschen (Krieg, Flucht, Bombenterror) war lange verschwiegen worden. Der Krieg trifft Soldaten und Zivilisten und der Mikrokosmos deckt sich historisch nicht mit dem Makrokosmos. Eingefrorene Gefühle führten zu Versteinerung anstelle von Trauer um das verlorene Gute und die Schrecken der Vernichtung zu Anklage, und nicht zu Rache. ‚Mit den Verbrechen wird auch Trauer nicht fertig.‘

Verstehen ohne zu trauern: Eine lange Geschichte des Nachdenkens

Verstehen ist auf Vermittlung aus, auf ein Einverständnis mit dem Gegenüber und eine Bereitschaft, sich der Realität zu stellen. Es ist ein Geschenk, wenn es gelingt und schließt das Risiko des Irrtums ein. Gemeint ist nicht Empathie, denn das Einverständnis lebt von der Pluralität der Verschiedenen. Im Schreiben verlässt man den verborgenen Wohnsitz des Denkens und wird identifizierbar, ein ‘Dialog des denkenden Ich‘, ohne Sicherheitsgarantie.

Nach Arendt ist Verstehen frei von Mittel- und Zweckrelation, es erzeugt nicht ‚Sinn‘, sondern ist Sinn, weil Zuwendung zur und Verwurzelung in der Welt der Verschiedenen. Mit Eichmann gibt es für Arendt kein Verstehen und keine Versöhnung, weil der Holocaust ein Verbrechen an der Welt und am Grundprinzip des Politischen war. Zwar kann die Welt unheimlich und fremder werden und der Andere unverstehbar bleiben, dennoch hat das Verstehen seinen Platz in der Welt. Thürmer-Rohr endet mit dem Satz von Hölderlin: »Denn der hat viel gewonnen, der das Leben verstehen kann ohne zu trauern«.

Hiob: Eine Geschichte anhaltender Ratlosigkeit

Thürmer-Rohr referiert die Geschichte von Hiob, ehe sie zur Interpretation übergeht. Gott antwortet auf Hiobs Anklagen mit Gegenfragen, die auf die Anklagen nicht eingehen. Hiobs Fragen sind moralische Fragen, die von Gott mit Hinweis auf Naturmächte beantwortet werden: Ein fremdartiger Gott, ein »Geist der Unmenschlichkeit« (Bloch 1985). Selbst das glückliche Ende von Hiob lässt einen ratlos zurück. Navid Kermani (2005) stellt dem Hiobtext das persische »Buch des Leidens« gegenüber, ein Hadern mit Gott als dem eigentlichen Unheilstifter, von dem man trotzdem nicht lassen kann, eine Auflehnung gegen Leid und Ungerechtigkeit. Der Glaube an Gerechtigkeit und Güte lebt ohne Hoffnung auf Gegengabe und Lohn.

Im Hiob-Roman von Joseph Roth (2009) gerät der fromme Mendel ins Unglück, verliert seine Familie, leidet unter dem Exil, unter der Assimilation und beklagt die Grausamkeit Gottes. Die ebenfalls glückliche Wende ist verknüpft mit einer Wiederherstellung der Familie, dem Nach-Hause-kommen.

1895 schrieb der Jude Bernard Lazare »Hiobs Misthaufen«: Hiob als Metapher des jüdischen Schicksals. Er leidet nicht passiv, sondern rebelliert gegen den Mangel an Solidarität, auch unter Juden: Die assimilierten Juden sind für ihn ‚Agenten des Antisemitismus‘, da man mit der Unterwerfung auch die moralische Substanz verliert. Emanzipation wird zum Symbol von Assimilation, zur verkleideten Sklaverei, ein Klage, die nicht den passiven, sondern den aktiven Hiob will mit der Forderung auf das Recht auf Gleichheit und Autonomie.

Jonas fragte 1984 nach dem »Gottesbegriff nach Auschwitz«. Muss man auf die Allmacht verzichten zugunsten der menschlichen Freiheit? Nach dem Lager wurden die Überlebenden zu »anormalen Minderheiten«, gefesselt an die Vergangenheit, ohne Gegenwart und Zukunft. Herta Müller beschrieb 2009 das sowjetische Zwangsarbeitslager Nowo-Gorlowka, für 1945 – ohne Verurteilung – deportierte Rumäniendeutsche, in dem ein Außenseiter zu einem Gleichen unter Gleichen(von Hungernden) wurde und nach der Freilassung wieder zum Außenseiter.

Endet die Frage nach der Rechtfertigung Gottes mit der Abschaffung Gottes? Oder hinterlässt sie eine Leerstelle, die auch durch neue euphorisierende Hoffnungen nicht gefüllt wird? Die Frage der Gerechtigkeit stellt sich auch ohne Gott, aber sie geht ins Leere, wenn das Leiden geblieben ist und sich kein Adressat mehr findet. Wird Leiden dann einfach hingenommen? Findet ein Zerfallsprozess statt, indem man sich zunehmend schuldig und insuffizient fühlt, ohne zu wissen wofür?. Hiob sprach als Individuum, nicht als Kollektiv, das den Mut hatte, es mit der höchsten Instanz aufzunehmen. Er forderte den Dialog unter allen Umständen, um sich selbst treu zu bleiben.

Vergänglichkeit: Abwehr und Nicht-Wissen, Anfangen und Aufhören

Altern heißt, sich der Vergänglichkeit bewusst zu werden. Aber der große Gleichmacher ist nicht das Alter, sondern der Tod. Egalisierung wird betrieben, wenn das Alter zum dominanten Gesprächsstoff gemacht wird. Man muss sich verabschieden, z.B. von der Schönheit, da helfen auch keine Komplimente. Man lernt sich neu kennen. Genügen ortlose Erinnerungen an Tote? Muss man noch alles mitmachen? Diskriminierung verstecken sich auch im Lamentieren und Schönreden, oder forcierter Jugendlichkeit. Die Zukunft wird knapp und kleinräumig. Man wird wander- und erfahrungsmüde. Der Verlust der Leidenschaften ist nicht unermesslich. Man wird gelassener und realitätsbewusster.

Autobiographische Auskünfte sind nur Ausschnitte. Meine Mutter hinterließ nach ihrem Tod eine Pappkarton mit Feldpostbriefen meines gefallenen Vaters zur Vernichtung. Ich weiß nicht, ob diese Briefe mich etwas angehen. Schon an die Dreijährige schrieb er, dass wir schon kleine Soldaten seien und dem Führer Opfer bringen müssten, indem wir ihm den Vater an die Front geben, eine Mischung aus väterlicher Liebe und NS-Indoktrination, Vermischung von Familiengefühlen und NS-Kriegsinteressen. In meiner Kindheit fünf tote Männer in kürzester Zeit, ich war gar nicht erst dazu gekommen, sie zu lieben, ein Gefühl von Zugehörigkeit und Kontinuität zu entwickeln. Der Tod hat die Möglichkeit abgeschnitten.

Aus einem Dorf in Polen kamen wir kurz vor Kriegsende nach Bethel und erlebten die Voreingenommenheit gegenüber Kriegerwitwen und Evakuierten. Es gab wenig Bücher, ein Trost Rilkes »Briefe an einen jungen Dichter«. Erinnerungen: Bücher, Landschaften, Bilder, Städte, Begegnungen, kann dieses innere Haus sich auch entleeren, wenn die Erinnerungen schrumpfen? Wozu leben, wenn man doch stirbt? Das Gesammelte reduziert sich von selbst. Und es wiederholen sich Erzählungen. Es kommt zum Abbruch von Beziehungen, zur sozialen Verweigerung, zu Selbstgesprächen als ein Mittel gegen Einsamkeit. Das Nachdenken über die Vergänglichkeit weckt Widerspruch. Gibt es eine ‚tatarme‘ Zeit zwischen dem Nicht-mehr-handeln-können und dem Noch-nicht-tot-sein? Muss man immer tätig sein? Mit dem Eintritt in die Welt gewinnen wir die Fähigkeit des Anfangens, sind selbst dieser Anfang. Ist im Alter der Zauber des Anfangs erloschen? Gibt das Weiterleben des Menschengeschlechts dem Leben eine überzeitliche und überpersönliche Dimension? Was hinterlassen wir, um die Welt bewohnbar zu halten, als Vermächtnis? Nach Hannah Arendt schlagen die Lebenden mit ihren Anfängen Fäden in ein bereits vorhandenes Netz, das vor uns da war und nach uns sein wird und für das wir, solange wir leben Verantwortung tragen. Ein Schrecken ist das ungelebte Leben (Hofmannsthal »Der Tor und der Tod«, 1913). Man kann das Leben auch als ein passageres Geschenk sehen, das uns gegeben und genommen wird. Werden alte Menschen zu Weltfremdlingen? Verlieren sie den Anschluss an das Neue? Ist das Verstehen beeinträchtigt und kann sich Fremdheit nicht mehr auflösen? Oder kann man die Verbindung aufrechterhalten, die Zuwendung zur Welt – trotz Fremdheit.

Das Alter forderte ein andere Form des Lernens, z.B. in der Welt ein Gast zu sein. Der Tod ist nicht vorstellbar und entzieht sich der Erfahrung. Auch der Tod der Anderen hinterlässt keine verständlichen Botschaften. Anstelle der religiösen Bevormundung ist ein Wissen um die Endgültigkeit getreten, das auf Tröstungen verzichtet. In meinen Kinderphantasien war das Jenseits ein Ort des Aufgehobenseins nach dem Tod. Die Akzeptanz der Vergänglichkeit bedeutet auch die eigene Geringfügigkeit zu akzeptieren, da spendet auch die Philosophie keinen Trost. Canettis Todfeindschaft (2004) richtete sich gegen die Idee des Todes.

Der Tod für die Nation wurde verherrlicht, ein Opfer für die große kollektive Sache (Nation, Rasse, Klassenkampf). Unsterblichkeitsmythen sind Gleichheitszerstörer, weil gegen die Namenlosen gerichtet. Der Kampf gegen den Verlust ist ein zentraler Bestandteil patriarchaler Entwürfe, ein Anschlag auf Allmachtsideen. Der Mann hat selbst aus dem ‚Tod der Geliebten‘ künstlerische Inspiration gewonnen (Elisabeth Bronfen 1994). Können Frauen besser mit den Existenzbedingungen umgehen? Das Nichtwissen ist keine Sprache der Herrschaft. Können wir unsere Vergänglichkeit als Tragikomödie verstehen und damit den unerbittlichen Blick auf das Alter mildern, auch wenn wir kein aufgeräumte Welt hinterlassen.

Thürmer-Rohr endet mit dem Tod ihrer Schwester, mit der kein Gespräch mehr möglich ist. Der Tod bringt auch die Weiterlebenden zum Schweigen. „ich komme zu keinem Schluss. Es gibt keinen Schluss.“

Diskussion

Diese Essaysammlung ist ein Strauß von persönlichen und gesellschaftlichen Themen, die nicht nur die Autorin, sondern in ihrer Hochschultätigkeit auch die Studenten und Kollegen begleitet haben. Sie werfen oft mehr Fragen als Antworten auf, und das ist auch im Sinne der Autorin, deren zentrales Anliegen die Stärkung der Bereitschaft zum Dialog, die Verabschiedung von absoluten Wahrheiten und ein politisches Klima von Offenheit und Gewaltfreiheit ist. Viele Hinweise auf andere Autoren mit Themen aus dem Bereich von Wissenschaft, Politik, Literatur und Musik können als Anregung verstanden werden, sich intensiver mi den essayistisch behandelten Themen zu beschäftigen, vor allem, und immer wieder, mit den Schriften von Hannah Arendt. Das Buch bietet mehr als nur eine kritische Bestandsaufnahme von feministischen Entwicklungen, in Gestalt von Plädoyers für Pluralität und Heimat(Kultur)verbundenheit und gesellschaftlich und politisch wichtige Unterscheidungen zwischen Macht und Gewalt.

Gerade das letzte Kapitel, das sich mit dem Tod beschäftigt, enthält mehr Fragen als Antworten, die aber sicher – ganz im Sinne der ‚Dialogfreundschaft‘ der Autorin – in ‚göttlicher Souveränität‘ aufgenommen, diskutiert und individuell beantwortet werden können.

Ich empfehle die Essays je nach Interesse zu lesen, und sich nicht durch Vielfalt der Themen ablenken zu lassen, in einen offenen und kritischen Dialog mit der Autorin zu treten.

Fazit

Allen, die an zeitgeschichtlichen Themen, an Demokratie, Politik, Gerechtigkeit und Dialog interessiert sind, ist dieses Buch zu empfehlen. Es eignet sich gut als Einstieg in eine Diskussion mit Schülern und Studenten. Die Anregungen und Hinweise auf Literatur zu einer weiteren Vertiefung füllen eine Bibliothek, die unendlich ist, genauso wie die Fragen, die die Menschheit bereits seit über Tausenden von Jahren beschäftigen und für die es auch keinen ‚Schluss‘ geben kann.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 20.12.2019 zu: Christina Thürmer-Rohr: Fremdheiten und Freundschaften. Essays. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4826-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26344.php, Datum des Zugriffs 28.05.2020.


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