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Eva Maria Schuster, Stefan Werner (Hrsg.): Sozialtherapie Impulssteuerung

Cover Eva Maria Schuster, Stefan Werner (Hrsg.): Sozialtherapie Impulssteuerung. Emotionsbezogene Handlungskonzepte in der sozialen Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 239 Seiten. ISBN 978-3-17-036048-8. 32,00 EUR.
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Thema

Das Buch stellt die Konzeption der Sozialtherapie Impulssteuerung vor, die sich aus den Bezügen der Sozialen Arbeit entwickelt hat und ein Projekt „aus der Praxis für die Praxis“ darstellt. Das Konzept soll die Versorgungslücke zwischen individualisierter Psychotherapie und unspezifischen Angeboten der Sozialen Arbeit mit einer strukturierten Sozialtherapie schließen, die sich als ganzheitlich versteht.

Autor*innen

Dr. Eva Maria Schuster (Hrsg.) ist Sozialarbeiterin, Professorin für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule Mainz. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Kinder- und Jugendhilfe, Frühe Hilfen und Kinderschutz, sowie die Zielgruppe Familien in Multiproblemlagen und Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf.

Stefan Werner (Hrsg.) ist Diplom-Sozialpädagoge und arbeitet im Rahmen der Jugendhilfe mit Kindern und Jugendlichen bei der Stiftung Juvente in Mainz. Darüber hinaus ist er selbstständig im Bereich Konfliktmanagement und Organisationsentwicklung, Supervisor und Ausbilder für AAT/CT tätig.

Die Autoren und Autorinnen der Beiträge sind überwiegend Praktiker*innen in Feldern der Kinder- und Jugendhilfe.

Aufbau

Das Buch umfasst 239 Seiten und ist in drei Abschnitte gegliedert:

  • Teil 1 Theoretische Einordnung der Sozialtherapie Impulssteuerung,
  • Teil 2 Ansätze und Handlungselemente der Sozialtherapie Impulssteuerung
  • Teil 3 Sozialtherapie Impulssteuerung in der Praxis.

In Teil 1 werden die theoretische Einordnung der Sozialtherapien und ihr Verhältnis zur generalistischen Sozialen Arbeit und den Rahmenbedingungen der Psychotherapie betrachtet (1. Kapitel: Soziale Arbeit und Therapie von Eva Schuster), aus denen sich die Notwendigkeit einer Sozialtherapie Impulssteuerung ergibt. Stefan Werner zeigt im 2. Kapitel (Der theoretische Rahmen), dass mit der Entwicklung der Konzeption Sozialtherapie Impulssteuerung eine Versorgungslücke geschlossen werden kann, die sich durch den Mangel an Hilfsangeboten für junge Menschen zeigt, die sich scheinbar ihren Emotionen hilflos ausgeliefert fühlen und deren Zukunftsprognosen in den bisherigen Jugendhilfeangeboten und Psychotherapien eher als ungünstig betrachtet werden müssen. Als Methode in der Jugendhilfe (3. Kapitel von Mareike Hildebrandt) wird mit einem mehrstufigen Konzept eine Sozialtherapie Impulssteuerung entworfen, die zum Ziel hat, junge Menschen zu befähigen, eine angemessene Toleranz im Umgang mit negativen Emotionen zu entwickeln und sich über symbolische Mittel ausdrücken zu können. Teil 1 schließt ab mit Ausführungen zum Stellenwert der therapeutischen Beziehung und zur Klärung der Haltung als Realisierung therapiebezogener kognitiver Strukturen (Kapitel 4). Diese stehen, so Autor Stefan Reis, ebenso im Fokus der Betrachtung wie die Bedeutung stimmiger Einstellungen, Überzeugungen und Denkweisen.

In Teil II werden Ansätze und Handlungsinstrumente eingeführt, mit denen die Sozialtherapie Impulssteuerung operationalisiert werden kann. Neben der Bedeutung der Lerngeschichte der Sozialtherapeut*innen und den Implikationen für den Therapieverlauf, werden in insgesamt zehn Beiträgen wesentliche Handlungselemente erklärt und aus der emotionsbezogenen Psychologie als Bezugswissenschaft auf die Sozialtherapie Impulssteuerung übertragen. Grundsätzliche Themen wie z.B. „Emotionen als Grundlage menschlichen Handels“ oder „Emotionsregulierende Interventionsansätze“ finden sich ebenso wie eher anwendungsorientierte Beiträge, z.B. „Kontraindikationen“, „Anamnese und Fallkonzept“ oder „Stühlearbeit“.

Im dritten Teil (Praxis) wird in drei Beiträgen zunächst der Frage nachgegangen, ob und wie unfreiwillige Klient*innen im Zwangskontext erfolgreich behandelt werden können, dann wie das Konzept auf das Thema Schulangst/​Schulverweigerer übertragen wird. Den Abschluss bildet ein Beitrag über die Implementierung der Sozialtherapie Impulssteuerung in das bestehende Jugendhilfeangebot der sozialpädagogischen Tagesgruppe einschließlich der rechtlichen Rahmung.

Die Literaturangaben schließen sich jeweils hinter den einzelnen Kapiteln an, sodass ein das gesamte Buch umfassendes Literaturverzeichnis entbehrlich ist.

Inhalt

Die Soziale Arbeit begegnet vor allem in der Kinder- und Jugendhilfe jungen Menschen, deren emotionale Balance aus dem Gleichgewicht geraten ist. Sie fallen in ihren alltäglichen sozialen Bezügen in Kita, Schule oder/und Berufsausbildung durch Verhalten auf, das als unangemessen bezeichnet wird. Diese Kinder und Jugendlichen haben die Erfahrung gemacht, in vielen Lebensbereichen „gescheitert“ zu sein und weder sie noch die Eltern wissen, wie es weitergehen soll. Bisherige professionelle Interventionen waren nicht so wirksam, dass neue positive Lebensperspektiven eröffnet werden konnten.

Die Autor*innen zeigen auf, dass diese Verhaltensweisen und fehlende Perspektive, allgemein formuliert, durch frustrierende Lebenserfahrungen ausgelöst oder begünstigt wurden und schematisch verinnerlichte Emotionsabläufe zur Folge haben. Diese können in konkreten belastenden Situationen aktiviert werden und zeigen sich z.B. durch aggressives Verhalten, eskalierende Situationen, Verweigerung, Selbstverletzung, Drogenmissbrauch und insgesamt erhöhtes Konfliktverhalten. Die Folgen für die Betroffenen sind erhebliche Belastungen in ihrem Bildungs- und Bindungsverhalten.

Die Beiträge im Buch stellen die Sozialtherapie als eine gezielte, sozialprofessionelle Beeinflussung vor, die sich an Menschen in ihren komplexen Lebens- und Alltagssituationen richtet, denen mit den Mitteln der individualisierten Psychotherapie nicht oder nicht ausreichend geholfen werden kann und überwindet gleichzeitig die unspezifischen Ansätze der generalistischen Sozialen Arbeit.

Diskussion

Das Buch richtet sich an Praktiker*innen sowie an Studierende der Sozialen Arbeit, deren Interesse sich auf multiproblembelastete Kinder und Jugendliche in der Jugendhilfe bezieht. Das Buch ist aus der Praxis für die Praxis entstanden und besticht durch Fallbeispiele und methodischen Einblicke; ist dadurch hoch anschlussfähig für Fragestellungen aus dem Berufsalltag. Gleichzeitig wird die passende theoretische Rahmung und Begründung einer Sozialtherapie Impulssteuerung geboten.

Das Werk thematisiert das inhaltliche und systematische Wechselverhältnis von Sozialer Arbeit und Psychotherapie: Soziale Probleme sind mitverursachend für psychische Probleme und Erkrankungen und auch umgekehrt. In der sozialen Wirklichkeit kann deshalb weder ein rein psychotherapeutischer noch ein nur sozialarbeiterischer Ansatz zureichend den multifaktoriell bedingten sozialen Problemen gerecht werden, weil ihre jeweilige Systemlogik vor allem auf ihre originäre Aufgabe gerichtet ist. Diesen Sachverhalt formuliert Eva Maria Schuster deutlich in ihrem zentralen theoretischen Aufsatz als Ausgangspunkt und leitet daraus die Notwendigkeit eines speziellen therapeutischen Ansatzes ab, als eine der Sozialen Arbeit systemisch immanent bleibende Ergänzung. Und Stefan Werner verweist auf konkrete Praxiserfahrungen, dass Probleme, die eigentlich pädagogisch oder sozialtherapeutisch gelöst werden könnten, in das medizinische System verlagert werden, ohne Aussicht auf eine Lösung. Dass diese Praxis unbefriedigend für alle Beteiligten ist, liegt auf der Hand.

Fazit

Der vorgestellte Entwurf einer neuen Form der Sozialtherapie – Sozialtherapie Impulssteuerung –, zeigt anschaulich, wie die Versorgungslücke zwischen sozialarbeiterischen Interventionen und Psychotherapie, theoretische begründet und praktisch fundiert, zu schließen ist. Das ist sehr begrüßenswert. Erkennbar wird hier – auch wenn nicht ausdrücklich erwähnt- die Zugehörigkeit der Konzeption zur klinischen Sozialen Arbeit, die sich behandlungsorientiert versteht. Von daher ein hoch interessanten Buch, dass sich zwischen den bisher eher unverbundenen „Welten“ bewegt.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Löcherbach
Prof. Dr. Peter Löcherbach, Professur für Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der Kath. Hochschule Mainz, Mitherausgeber der Zeitschrift „Case Management“
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Peter Löcherbach. Rezension vom 19.11.2019 zu: Eva Maria Schuster, Stefan Werner (Hrsg.): Sozialtherapie Impulssteuerung. Emotionsbezogene Handlungskonzepte in der sozialen Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-036048-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26349.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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