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Hans-Peter Killguss, Marcus Meier u.a. (Hrsg.): Bildungsarbeit gegen Antisemitismus

Cover Hans-Peter Killguss, Marcus Meier, Sebastian Werner (Hrsg.): Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Grundlagen, Methoden & Übungen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2019. 224 Seiten. ISBN 978-3-7344-0894-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Antisemitismus ist ein gegenwärtiges Thema. Dieses ist Gegenstand der politischen Bildung, sowohl in Schulen als auch außerhalb und in der Erwachsenenbildung. Hans-Peter Killguss, Marcus Meier, Sebastian Werner als Herausgebende stellen Grundlagen, Methoden und Übungen vor, die Lesende direkt in ihre Bildungsarbeit einbinden können.

Autoren und Herausgebende

Hans-Peter Killguss ist Pädagoge und leitet die Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus im NS-Dokumentationszentrum Köln. Marcus Meier ist Geschäftsführer der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und Lehrbeauftragter der Universität Köln und Sebastian Werner ist Politikwissenschaftler und leitet das Projekt „Jederzeit wieder! Gemeinsam gegen Antisemitismus!“ der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Aufbau

Die Herausgeber leiten den Band ein. Es folgen drei grundlegende Artikel zur Historie des Antisemitismus, aktueller Varianten und Gedanken zur politischen Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Die weiteren sieben Kapitel nehmen einzelne Aspekte auf, beschreiben diese grundlegend und stellen 18 konkrete Übungen vor, die die jeweiligen Aspekte bearbeiten. Davon sind jeweils neun Übungen einführend bzw. vertiefend. Die Autor_innen stellen immer einführende Methoden vor und vertiefende. Die Materialien inkl. weiterer didaktisch-methodisch nutzbarer Texte finden sich auf der Homepage des Wochenschau Verlages, die leicht über ein Passwort erreichbar sind. Der Band endet mit einem Verzeichnis über die Autor_innen.

Inhalt

„Schon von Kindheit an machen Jüdinnen und Juden in Deutschland die Erfahrung, dass das Leben für sie weit weniger sicher ist als für nichtjüdische Deutsche. (…) Antisemitismus schafft ein Klima der Angst.“ (S. 9). Trotz Bekanntheit des Problems fehlen weitgehend wirksame Handlungsstrategien in Gesellschaft, Politik, Behörden, Zivilgesellschaft, Schule und weiteren Bildungsprozessen. Killguss et al geben Impulse, sie legen einen Band vor, der handlungs-, subjekt- und erfahrungsorientierte Methoden vorstellt. Sie beziehen sich auf die Lebensrealitäten und ermöglichen Lernerfolge.

Der Band ist für die Bildungsarbeit geschrieben, für die Einrichtungen und ihre Multiplikator_innen. Zentral ist der dritte Artikel, von Marcus Meier und Sebastian Werner, in dem sie ihre Gedanken zur politischen Bildungsarbeit gegen Antisemitismus präsentieren. Sie verstehen ihren Ansatz als antisemitismuskritische Bildungsarbeit (48), wie heute auch von rassismuskritischer oder diversitätssensibler Bildungsarbeit gesprochen wird, die an der Lebenswelt ansetzt. Ihr Blick ist dabei zentral auf Schule und Jugendliche gerichtet, sie beziehen aber auch die Erwachsenenbildung immer wieder ein. Nach Leerstellen, Herausforderungen und Fallstricken, die eigene Verstrickung in den Lebensverhältnissen und den sich resultierenden Alltagssituationen, der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus formulieren Meier und Werner Anforderungen an eine Pädagogik gegen Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft. Sie Fragen aus dem Alltag, den Erfahrungen heraus, nach den Interessen der Lernenden, dem Interesse gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen zu wollen. In Kritisch-dialektischer bzw. kritisch-psychologischer Tradition benennen sie Widersprüche, reflektieren die gesellschaftlichen Verhältnisse und Bedingungen des Antisemitismus und benennen Settings zur pädagogischen Hinterfragung. Gerahmt ist dieses Kapitel vom Abschlusskapitel von Marina Chernivsky, die antisemitische Diskriminierung im Bildungswesen thematisiert und damit noch einmal die Einrichtungen und ihre Bildungsarbeiter_innen in die Verantwortung nimmt und ihren Professionalisierungsanspruch untermauert. „Antisemitismus ist für nicht Betroffene unbequem und schwer zu lesen“ (211), die Reflexion und Analyse der eigenen Haltung, Emotionen und Distanzierungswünsche ist eine zentrale Aufgabe. Gerade auf der strukturellen Ebene sind Veränderungen in Gang zu setzen, Expertise und Erfahrungen von Jüdinnen und Juden sind einzubeziehen, als handelnde und selbst aktive Akteur_innen. Chernivsky wählt als einführende Methode eine Theaterübung, um Handlungsmöglichkeiten zu stärken und als vertiefende Übung das Argumentieren gegen antisemitische Parolen. Die Einstiegsübung spricht verstärkt Jugendliche an, die Vertiefung eher Multiplikator_innen.

Zwei einführende Artikel von Beate Klarzyk und Olaf Kistenmacher führen in die Herausforderungen ein: die Historie des Antisemitismus und die verschiedenen Facetten des aktuellen Antisemitismus. Kistenmacher skizziert sieben zentrale Motive und ihre jeweiligen Motivationen, wie Religion, Alltagsantisemitismus, rechtsextremen Terror und gesamtgesellschaftliche Verdrängung, Judenfeindschaft nach 1945, israelbezogen, bewussten und unbewussten, latenten, Personalisierung des Kapitalismus und der Globalisierung, Verschwörungsnarrative und Welterklärungen. Diese beiden Kapitel bilden die Grundlage für die weiteren, die ausgewählte Aspekte fokussieren und mit methodischem Material zur Bearbeitung hinterlegen.

Sechs Kapitel beschäftigen sich mit einzelnen Aspekten des Antisemitismus und stellen Methoden vor, mit denen zu ihnen gearbeitet werden kann. Die Methoden sind in einheitlicher Weise präsentiert, mit Zeitbedarf, Material, Gruppengröße, Zielgruppe, Zielen und Ablauf, mit Minutenangaben und eventuellen Varianten beschrieben. Weiteres Material oder Texte finden sich im Downloadbereich des Verlages und sind präzise benannt.

Kreativ steigt Hannes Loh ein, Lehrer, Systemischer Berater und HipHoper, der die HipHop-Musik und Kultur nutzt, um Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) im Gangsta- und Battlerap aufzuarbeiten. Seine Arbeitsweise, eine „dialogische Kultur vorzuleben“ entfaltet sich mittels eines Interviews mit den Herausgebern. Loh setzt auf die Verhandlung, den Dialog und die Ermöglichung von Erfahrungsräumen. Dem Interview schließen sich fünf Methoden an, zwei einführende und drei vertiefende, die eine Konkretion des zuvor diskutierten für die Bildungsarbeit darstellen.

Marina Chernivski, Psychologin und Leiterin des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, führt in ihrem ersten Beitrag judenfeindliche Differenzkonstruktionen aus. Im Zentrum steht bei ihr die (Nicht-)Zugehörigkeit. Auch Juden werden als angeblich Fremde oder Andere die Zugehörigkeiten in Frage oder in Abrede gestellt, verweigert oder entzogen. Gerade auch nach der Shoah, nach 1945 zeigt sich Antisemitismus als sekundärer oder antizionistischer Variation in der Weitergabe traditioneller Vorstellungen. Das Kapitel endet mit zwei einführenden und einer vertiefenden Methode.

Sebastian Werner blickt auf Antisemitismus und moderne Vergesellschaftung. Der theoretisch und historisch anspruchsvolle Text skizziert die Verhältnisse jüdischer Minderheiten in „modernen“ Gesellschaften und zeigt Verknüpfungen zwischen Antisemitismus und Nationalismus bzw. Kapitalismus auf. Die Methoden bearbeiten Merkmale und Funktionen von Verschwörungsideologien und die im Text hergestellten Zusammenhänge in einer Vertiefung.

Hans-Peter Killguss und Michael Sturm, Historiker und unter anderem Pädagogischer Mitarbeiter im Geschichtsort Villa ten Hompel der Stadt Münster, bearbeiten Ressentiments und Projektionen sekundären Antisemitismus. Sie führen in fünf Topoi ein, gehen auf Holocaustleugnung und -relativierung ein, auf Entschädigungsdebatten, Bombenkrieg und Opferdiskurse und Debatten der Linken. Die Methoden setzen sich mit Abwehrstrategien auseinander und mit (eigenen) Familiengeschichten.

Rosa Fava, Leiterin von „ju:an“-Praxisstelle der Amadeu Antonio Stiftung, entfaltet Kriterien, die Israelfeindschaft als antisemitische Ressentiments sichtbar werden lassen. Sie benennt Hilfsmittel, die in der Analyse der Erkenntnis unterstützen und setzt auf Kontroversität anstelle von Checklisten. Ihre Methoden sind „Israel in der Welt“ und „Streitpunkt Jerusalem“.

Stefan E. Hößl, wissenschaftlicher Mitarbeiter des NS-Dokumentationszentrums Köln, schließt diese Reihe mit Reflexionen zum Antisemitismus unter „Muslim*innen“ mit einer Verhältnisbestimmung im Spannungsfeld von anti-muslimischem Rassismus und De-Thematisierungen. Er verweist auf Verschiebungen, auf Forschungswissen und hilft bei der Sortierung. Deutlich wird, das zum einen wenig verlässliche Daten vorliegen, um Antisemitismus als Massenphänomen der islamischen Welt zu resümieren, andererseits eine hohe globale und historische Verflechtung von christlichem Antisemitismus und islamischen Variationen bestehen. „Das hat (nichts) mit dem Islam zu tun“ und „Islamistischer Antisemitismus“ sind die beiden vorgestellten Methoden.

Diskussion

Der Band ist für Multiplikator_innen geschrieben. Diese finden grundlegende Diskussionen zum Umgang mit Antisemitismus in der Bildungsarbeit, ob in Schule, außerschulisch oder in der Erwachsenenbildung. Meier und Werner bieten mit ihren Gedanken zur politischen Bildungsarbeit Grundperspektiven für den Umgang, an diesen können sich Lehrkräfte und Bildungsarbeitende reflektieren oder ihre Haltung schärfen. Nach historischen und strukturellen Perspektiven auf Antisemitismus werden einzelne Aspekte intensiver thematisiert und mit konkreten praxisbewährten methodischen Vorschlägen unterfüttert. Insgesamt liegt eine Fülle an Material vor, mit dem sich intensive und umfassende Bildungsprozesse gestalten lassen. Die einzelnen Methoden sind nachvollziehbar präsentiert, in der einen oder anderen Heranführung ist in der eigenen Umsetzung die Anschlussfähigkeit herzustellen, manche einführenden Methoden erfordern gewisse Vorkenntnisse, andere sind vorrangig für Jugendliche, wieder andere eher für Multiplikator_innen ausgewiesen. Hier müssen die Bildungsarbeitenden ihre jeweiligen Adaptionen herstellen. Die Materialien selbst sind über den Verlag einfach zugänglich. Die Autor_innen sind allesamt ausgewiesene Expert_innen, die seit Jahren mit dem Thema vertraut sind, die Methoden erprobt. Viele Methoden sind interaktiv angelegt, auch mit Körperarbeit Erfahrungen hebend, ausdrückend und zur Erprobung von Handlungsalternativen einladend, manche sind noch etwas textlastig, wenn eigene Textarbeit auch wichtig ist. Hier können Weiterentwicklungen, die Reflexion mittels anderer aktivierender Methoden, lohnend sein.

Fazit

Der Band hält, was der Titel verspricht. Bildungsarbeitende sind unterstützt, entweder eigene Angebote auf dieser Basis zu entwickeln und umzusetzen oder Kriterien für einzuladende Referent/​-innen herauszufiltern. So laden die Autor_innen zu eigenem erproben ein. Der Rezensent wird den Band und die eine oder andere Methode im kollegialen Austausch vorstellen oder erproben, in Erwartung der Reflexion der erprobten Materialien mit den Kolleg_innen.

Meine Lieblingsmethode ist die Theaterübung (Methode 17), um Handlungsmöglichkeiten gegen Antisemitismus zu entwickeln. „Ach komm, das ist doch nur ein Witz. Nimm das doch nicht so ernst, …“ ist Teil eines inszenierten Dialogs, mit dem differenziert Positionen wahrgenommen und nachgespürt werden, mit dem Ziel, Antisemitismus zu erkennen und Interventionsstrategien dagegen zu erarbeiten.

Der Band ist allen Lehrenden und politischen Bildner_innen zur Erprobung empfohlen.


Rezension von
Erik Weckel
M.A., Politikwissenschaftler, Dozent an verschiedenen Hochschulen, u.a. an der HAWK Hildesheim in der Sozialen Arbeit, Erwachsenenbildner
Homepage www.schritte-gehen.com
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Zitiervorschlag
Erik Weckel. Rezension vom 20.01.2020 zu: Hans-Peter Killguss, Marcus Meier, Sebastian Werner (Hrsg.): Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Grundlagen, Methoden & Übungen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2019. ISBN 978-3-7344-0894-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26352.php, Datum des Zugriffs 20.09.2020.


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