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Ulrich Heimlich: Inklusive Pädagogik

Cover Ulrich Heimlich: Inklusive Pädagogik. Eine Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 326 Seiten. ISBN 978-3-17-033495-3. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.

Reihe: Kohlhammer Urban Taschenbücher.
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Thema

Man kann den Eindruck gewinnen, es ist ein wenig stiller um die Frage nach Inklusion geworden. Die erste Euphorie scheint geschwunden, ein stärkerer Realismus hat eingesetzt. Einen ähnlichen Anspruch erhebt auch die vorliegende Einführung zu einer inklusiven Pädagogik, wie Ulrich Heimlich in seinem Vorwort schreibt: „Vielmehr war es mir stets ein Anliegen, die begleiteten Einrichtungen zu besuchen und die alltäglichen Nöte und Sorgen der praktisch pädagogisch Tätigen vor Ort kennenzulernen. Dies hilft meiner Erfahrung nach, einen realistischen Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen der Integration bzw. Inklusion zu werfen“ (S. 5). Ein weiteres Anliegen des Verfassers ist es, die sonderpädagogische Fachkompetenz als notwendige Bedingung für pädagogische Qualität in der Inklusionsdebatte zu Gehör zu bringen.

Verfasser

Der Verfasser ist Universitätsprofessor für Lernbehindertenpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine erste Publikation zum Themenbereich Integration und Inklusion 1985 widmete sich der Frage „Integration behinderter Kinder im Regelkindergarten – Wo bleiben die sozial benachteiligten Kinder?“, wie der Verfasser im Vorwort selbst vermerkt.

Kontext

Der Band versteht sich als Aktualisierung des Vorgängertitels „Integrative Pädagogik – eine Einführung“ von 2003, also noch vor Erscheinen der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN). Als Einführung will er in Arbeitsfelder, Handlungskonzepte und Theoriemodelle einer inklusiven Pädagogik einführen. Behandelt werden vorrangig Fragen einer Inklusion im engeren Sinne, also bezogen auf die pädagogische Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Am Rande kommen aber auch Fragen einer Inklusion im weiteren Sinne, bezogen auf den Umgang mit Vielfalt und Differenz überhaupt, zur Sprache, etwa im Blick auf Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter, kulturelle oder soziale Herkunft. Der Band basiert auf der ökologischen Sozialisationstheorie nach Urie Bronfenbrenner.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich – nach einer Einleitung – in fünf Kapitel:

  1. Das erste Kapitel thematisiert die bildungspolitischen Folgen der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006.
  2. Im zweiten Kapitel werden Arbeitsfelder inklusiver Pädagogik vorgestellt: Der Bogen reicht von Kindertageseinrichtungen über Schulen, Hochschulen und Erwachsenenbildung bis zu den Bereichen Beruf, Wohnen und Gemeinwesenarbeit.
  3. Das dritte Kapitel thematisiert verschiedene Handlungskonzepte einer inklusiven Pädagogik, etwa Spielförderung, Didaktik und Schulentwicklung.
  4. Im vierten Kapitel werden verschiedene Theorien inklusiver Pädagogik vorgestellt, z.B. materialistische (Georg Feuser), interaktionistische (Hans Eberwein) oder ökosystemische (Alfred Sander) Ansätze.
  5. Das fünfte Kapitel schließlich widmet sich Fragen der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im Zusammenhang mit Inklusion.

Ein Ausblickskapitel bündelt abschließend noch einmal Aspekte einer inklusiven Bildungstheorie, gefolgt von einem Literaturverzeichnis und Sachregister.

Die einzelnen Kapitel werden didaktisch jeweils durch einen überblicksartigen Einstieg mit Verweisen auf die folgenden Teilkapitel eröffnet und mit einer Zusammenfassung zu einem zentralen Stichwort des jeweiligen Kapitels (die Stichworte sind: Bildungsreform, Netzwerke, Erfahrungen, Situationen und Kompetenzen) abgeschlossen. Blau unterlegte Kästen und Graphiken verleihen dem Band durchgängig einen lehrbuchartigen Charakter.

Zwei Aspekte verbinden sich für den Verfasser, wenn es um inklusive Pädagogik geht: „Inklusion im pädagogischen Sinne schafft die personalen, sozialen und ökologischen Erfahrungsmöglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderung in möglichst umfassender sozialer Teilhabe und Teilgabe“ (S. 251). Dieser Doppelklang prägt als Leitgedanke den gesamten Band: Bei Inklusion geht es folglich einerseits um Teilnahme am sozialen Leben, andererseits um die Möglichkeit, sich selbst als ein aktives Mitglied in das gesellschaftliche Leben einbringen zu können.

Inklusion als Bildungsreform

Im ersten Kapitel beschäftigt sich Heimlich mit dem Inklusionsprinzip, das von der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen zum „bildungspolitischen Leitbild“ erhoben worden ist. Ein entscheidendes Merkmal inklusiver Bildung ist die „Qualität pädagogischer Angebote […], die von einer Achtung von der Vielfalt und der Unterschiedlichkeit von Bedürfnissen und Fähigkeiten ausgeht sowie alle Formen von Diskriminierung verhindert“ (S. 24). Auch Kindern mit einer Behinderung sollten Aktivität und Partizipation ermöglicht werden. Notwendigen Reformbedarf erkennt der Verfasser einerseits bei der Weiterentwicklung integrativer Bildungsangebote unter dem Vollanspruch auf Inklusion und andererseits bei der Sicherstellung der hierfür notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen.

Inklusionsnetzwerke

Im folgenden zweiten Kapitel wendet sich der Verfasser verschiedenen Arbeitsfeldern inklusiver Pädagogik zu. Die Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems, ist Heimlich überzeugt, könne auf den Vorerfahrungen der bisherigen Integrationsentwicklung aufbauen. Der Orientierung an Bronfenbrenners ökologischer Sozialisationstheorie gemäß, wird Inklusionsentwicklung als Prozess beschrieben, der verschiedene Ebenen betrifft. Diese werden als konzentrische Kreise gedacht. Ausgehend vom Individuum und seinen Bedürfnissen, werde inklusives Arbeiten auch gemeinsame Spiel- und Lernsituationen, die Zusammenarbeit im Team, die Konzeptionsentwicklung der Einrichtung oder die sozialräumlichen Gegebenheiten verändern. Man kann auch sagen: Inklusion zieht zwangsläufig Kreise. Für eine gute Qualität inklusiver Bildung sei es entscheidend, dass alle genannten Ebenen miteinander vernetzt würden.

Inklusive Erfahrungen

Die Handlungskonzepte inklusiver Pädagogik, so das dritte Kapitel, legten es darauf an, gemeinsame Erfahrungen zu ermöglichen. Dies beginne in den Tageseinrichtungen für Kinder, wenn sich Kinder mit und ohne Behinderung im gemeinsamen Spiel begegneten. Im Unterricht ermögliche, so der Verfasser, gerade der Projektunterricht vielfältige inklusive Lernsituationen. Auch hier sind verschiedene Ebenen zusammenzudenken: Bei der Entwicklung inklusiver Handlungskonzepte seien Unterrichts- und Schulentwicklung ineinander zu denken. Als Planungsinstrument für den Unterricht schlägt Heimlich sogenannte „inklusionsdidaktische Netze“ vor. Neben der didaktischen Sachanalyse seien stets auch die entwicklungsorientierten Anforderungen eines Unterrichtsthemas in kognitiver, sensomotorischer, emotionaler und kommunikativer Hinsicht mitzudenken – mit dem Ziel, Teilhabe und Selbstbestimmung zu erleben, zu erproben und einzuüben.

Inklusive Situationen

Inklusion zielt auf Teilhabe aller Schüler und Schülerinnen – dieser Gedanke setzt sich im vierten Kapitel fort: Gemeinsame Situationen zu schaffen und Erfahrungen zu ermöglichen, unterstütze die selbstbestimmte Teilhabe am sozialen Leben. Als sozialphilosophische Grundlagen, an die ein Verständnis inklusiver Bildung anschließen könne, benennt der Verfasser den Ansatz des „disability mainstreaming“, die „Care-Ethik“ oder den Fähigkeiten-Ansatz nach Martha C. Nussbaum. Eine „Pädagogik der Vielfalt“ (ein Begriff, der von Annedore Prengel geprägt wurde) werde sich aber nur dann verantwortlich entwickeln lassen, wenn der Zusammenhang von Gleichheit und Verschiedenheit in der Bildung nicht einseitig aufgelöst werde: Gleiche Rechte schließe Unterschiede nicht aus, sondern ermögliche gerade, dass diese auch gelebt werden könnten.

Inklusive Kompetenzen

Damit die Begegnung unterschiedlicher Kinder, Jugendlicher und Erwachsener gelinge, bedürfe es auf Seite der Erziehenden und Lehrenden inklusiver Kompetenzen für die Gestaltung entsprechender Situationen und Fördermaßnahmen. Im fünften Kapitel wird ein entsprechendes Kompetenzprofil entwickelt. Inklusive Handlungskompetenz fuße grundlegend zunächst einmal auf kooperativen Kompetenzen, die für die pädagogische Beziehung oder die Arbeit im Team wichtig seien, z.B. gegenseitige Achtung, Annahme der eigenen Schwächen, Konfliktfähigkeit, Einfühlungsvermögen oder Zuwendungsfähigkeit. Bei inklusiver Handlungskompetenz gehe es nicht um ein neues Thema, das additiv bekannten Kompetenzschemata hinzugefügt werden könne. Vielmehr hat inklusives Arbeiten Auswirkungen auf alle weiteren Kompetenzdimensionen, die in der Pädagogik wichtig seien, also auf die sachbezogenen, personalen, sozialen und ökologischen Kompetenzen. Im weiteren Verlauf des Kapitels buchstabiert der Verfasser dies für die Qualifikation Pädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen, die Lehrerbildung und das erziehungswissenschaftliche Hauptfachstudium näher aus.

Aspekte einer inklusiven Bildungstheorie

Im Rahmen des Ausblicks, der den Band beschließt, benennt der Verfasser skizzenartig einige Momente, die für eine inklusive Bildungstheorie eine Rolle spielen sollten. Dabei bezieht er sich exemplarisch auf die von der Gemeinschaft „Sant‘ Egidio“ begründeten „Schulen des Friedens“. Das Moment der „Aufmerksamkeit“ in dreifacher Hinsicht spielt in deren pädagogischer Konzeption eine entscheidende Schlüsselrolle: Aufmerksamkeit füreinander – für die Sache – für sich selbst. Übertragen auf die Bildungstheorie, könne von folgenden „inklusiven Momenten“ gesprochen werden, die sich in Bildungsprozessen ereignen sollten: „Alle Schülerinnen und Schüler können am Lerngegenstand teilhaben und etwas dazu beitragen. Sie steuern selbst das Maß an Struktur und Offenheit, was sie in dieser Lernsituation benötigen. Unterschiedliche soziale Erfahrungen und unterschiedliche sinnliche Erfahrungen sind möglich, ebenso wie die Bewegung im Raum oder auch der Rückzug in die Einzelarbeit. Aber das gelingt nur, wenn alle Beteiligten […] eine tätige Aufmerksamkeit füreinander, für die Sache und für sich entwickeln und diese unterschiedlichen qualitativen Dimensionen der Aufmerksamkeit in Einklang gebracht werden in einem Ethos der Aufmerksamkeit“ (S. 283).

Diskussion

Inklusion ist als rechtlich begründetes Leitprinzip zu respektieren und fachlich differenziert auszulegen. Ob Inklusion gelingt, kann nicht allein politisch oder ethisch entschieden werden, vielmehr muss die Qualität der sie realisierenden sozialen Praxis beurteilt werden. Ein wesentlicher Maßstab hierfür ist es, ein förderliches Aufgehobensein für den Einzelnen zu schaffen, also unterstützende Angebote vorzuhalten, die grundsätzlich darauf angelegt sind, Förderbedarf zu realisieren und dabei gleichzeitig auf zunehmende Inklusion der Einzelnen oder des Einzelnen hinzuwirken.

Heimlichs Werk reiht sich in jene Veröffentlichungen zur Inklusion ein, die nach einer anfänglichen Inklusionseuphorie einer realistischen Einschätzung den Weg bereiten wollen. Dies wird ganz am Ende des Bandes noch einmal deutlich, wenn Heimlich formuliert: „Teilhabe ohne Selbstbestimmung wird rasch totalitär und darf deshalb nicht zu einer Zwangsmaßnahme geraten“ (S. 284).

Denn Gerechtigkeit lässt sich nur im komplementären Zusammenspiel von Freiheit und Gleichheit, von Selbstbestimmung und Mitbestimmung verwirklichen; die bleibende Grundspannung zwischen beiden Prinzipien kann nicht einfach aufgelöst werden. Es bleibt stets zu unterscheiden, wann Gleichbehandlung geboten ist, wann eine Ungleichbehandlung aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse oder Interessen. Und es bleibt zu entscheiden, wann Freiheit durch Nichteinmischung zu sichern ist, wann durch die aktive Abwendung von Zwang. Institutionelle Trennung darf nicht Ausdruck fehlender Anerkennung oder Wertschätzung sein oder das Ziel verfolgen, von Teilhabe auszuschließen, sondern muss vielmehr dem Willen entspringen, der Einzelnen oder dem Einzelnen sowie ihren oder seinen Bedürfnissen bestmöglich gerecht zu werden und ihr oder ihm das höchstmögliche Maß an gesellschaftlicher Teilhabe zu sichern. In diesem Sinne widerspricht eine institutionelle Trennung, wenn sie fachlich wohlbegründet ist, nicht dem Ziel gerechter Beteiligung.

„Vielfalt“ stellt ein Kontinuum dar, in dem sich verschiedene Prozesse der Ausgrenzung und Einschließung wechselseitig verschränken. Eine Politik der egalitären Differenz läuft Gefahr, an der Einzelnen oder am Einzelnen vorbeizugehen. Die Wertschätzung von „Vielfalt“ verkommt zur Gleichmacherei, wenn die „Einmaligkeit“ der Einzelnen und des Einzelnen zur Floskel erstarrt – nach dem Motto: „Jede und jeder ist anders“ –, der Einzelnen und dem Einzelnen aber faktisch die Möglichkeit genommen wird, sich von anderen zu unterscheiden oder Hilfebedarf zu signalisieren, frei nach dem Motto: „alle anders, alle gleich“. Noch schwieriger wird es, wenn Inklusion verengt wird auf eine Frage der Haltung und des richtigen Bewusstseins. Dann droht eine Kontrolle sozialer Gleichheit, auch über Gesinnungen, denen bestehende Ungleichheit möglicherweise bewusst werden könnte. Bernd Ahrbeck, Berliner Professor für Psychoanalytische Pädagogik, hat jüngst in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) darauf hingewiesen, wie wichtig die Anerkennung von Differenz für eine sinnvolle und kindgerechte Förderung bleibe: „Alles andere käme einer Reideologisierung der gesamten Pädagogik gleich“ (F.A.Z., 19. März 2020, S. 8).

Das Maß, nach dem die Prozesse öffentlicher, politisch gestalteter Inklusion gemessen werden, kann sich von dem Maß unterscheiden, nach dem die Einzelne und der Einzelne ihren oder seinen Grad an persönlicher Einbezogenheit bemisst. Inklusion ist nicht allein eine Frage gerechter Strukturen, sondern auch der persönlichen Fähigkeiten. Unter der Perspektive des guten Lebens wird es darauf ankommen, nach der individuellen Passung beider Inklusionsperspektiven, nach der Vereinbarkeit von öffentlicher und persönlicher Einbezogenheit zu fragen. Weniger geht es darum, unter welchen Bedingungen ein Zustand „totaler“ oder „radikaler Inklusion“ erreicht werden kann, als vielmehr darum, welche Handlungen die Einzelne und den Einzelnen befähigen, sich zunehmend eigenständiger „einbezogen“ zu halten. Ein solches Maß für Inklusion würde nicht zuletzt der spezifischen Eigenlogik pädagogischer Prozesse sowie der Idee der Selbstbestimmung und der Autonomie der Einzelnen und des Einzelnen entsprechen. Inklusion wäre dann weniger ein einmal erreichter, von außen steuerbarer Zustand als vielmehr ein beständiger, von der Einzelnen oder vom Einzelnen aktiv und selbstbestimmt zu gestaltender Prozess. Maßstäbe dafür, wie sich ein solches Ideal von Inklusion realisieren lässt, müssen im Einzelnen erst entwickelt werden. Dabei wird es auf einen dynamischen, durchlässigen Verbund unterschiedlicher Organisationsmöglichkeiten und Unterstützungsangebote ankommen.

Wo ein bestimmtes Modell von „Inklusion“ hingegen allen einfach „übergestülpt“ wird, wird dieser vorstehend angesprochene Maßstab des individuellen Einbezogenseins ersetzt durch kollektivierten Zwang. Bestmögliche individuelle Teilhabe wird nicht durch Einheitslösungen zu erreichen sein. Was strukturell festgelegt werden kann, sind formale Entscheidungswege oder Begründungs­pflichten. In einem Verbund von Regel- und Förderangeboten sollte ersteren eine Begründungspflicht auferlegt werden, wenn diese für zeitweilig separierende Maßnahmen der Unterstützung eintreten. Ein solches Verbundsystem von Regel- und Förderangeboten könnte in Anlehnung an Otto Speck als „dual-inklusiv“ bezeichnet werden, wobei zwingend vorausgesetzt wird, dass letztere gleichfalls „intern inkludierend“ ausgerichtet sind, das heißt: darauf angelegt sind, der Einzelnen oder dem Einzelnen eine selbst mitzugestaltende Atmosphäre des förderlichen Aufgehobenseins zu bieten. Inklusion und Partizipation gehen an dieser Stelle Hand in Hand.

Dabei wird jede Lösung ein Kompromiss zwischen verschiedenen Ansprüchen bleiben. Verschiedene Lösungen werden nebeneinander stehen können, solange aus der Verschiedenheit der Individuen nicht ein grundsätzlich unterschiedlicher Anspruch auf Teilhabe abgeleitet wird. Nicht jede bestmögliche Förderung wird auch die „denkbar beste“ sein können. So muss bessere kognitive Förderung nicht immer einhergehen mit besserer psycho-sozialer Förderung oder umgekehrt. Mag ein besonderer Schutzraum für die individuelle Entwicklung hilfreich sein, muss dies nicht schon die bestmögliche Vorbereitung auf einen leistungsorientierten Arbeitsmarkt bedeuten. Freiheit und Selbstbestimmung werden nur dann gesichert sein, wenn die einzelnen Alternativen nicht in die eine oder andere Richtung einseitig aufgelöst, sondern produktiv zueinander in Beziehung gesetzt werden. Damit eine „Inklusion mit Augenmaß“, die unterschiedliche Lösungen offenhält, gelingt, bedarf es der Verständigung über das rechte Maß und hierfür notwendiger Kriterien. Diese zu finden, wird Aufgabe einer künftigen, nicht bereits von starken Vorannahmen geleiteten Inklusionsforschung sein. Gelingen wird dies nur im Verbund unterschiedlicher Forschungsperspektiven, beispielsweise der Sozialen Arbeit, Heilpädagogik, Kindheitspädagogik, Pädagogik, Didaktik oder Ethik.

In ethischer Hinsicht greift der Band auf den neueren Diskurs um Beteiligungsgerechtigkeit zurück. Der Anspruch auf Beteiligung bestimmt sich durch zwei, sich wechselseitig bedingende Aspekte: Beitragen und Teilhaben – oder in den Worten des vorliegenden Bandes: Teilgabe und Teilhabe. Einerseits kann der Einzelne sich als Subjekt nur im sozialen Miteinander verwirklichen. Sich nicht treiben oder von Zwängen beherrschen zu lassen, sondern sein Leben aktiv gestalten und etwas zum Gemeinwohl beitragen zu können, ist zentrales Kennzeichen einer durch Bildung substantiell bestimmten Lebensform. Andererseits sind die sozialen Institutionen so zu gestalten, dass sie dem Einzelnen die aktive Teilhabe am sozialen Leben auch real ermöglichen – und damit die Mitwirkung an jenen sozialen Aushandlungsprozessen, in denen das Gemeinwohl immer wieder von neuem gefunden und angestrebt werden muss.

Beitragen zielt auf Selbstbestimmung in sozialer Verantwortung; die Pflicht der Gemeinschaft umfasst in diesem Fall vor allem den Schutz jener Freiheitsrechte, die es möglich machen, frei von Furcht zu urteilen, zu entscheiden und zu handeln. Teilhaben streicht hervor, dass Beteiligung von rechtlichen oder strukturellen Voraussetzungen abhängt; Freiheit von Not abzuwehren, setzt die Erfüllung positiver Leistungsansprüche voraus.

Mit Beteiligungsgerechtigkeit kommen jene sozialen Institutionen und Regeln in den Blick, über die Mitbestimmung, Beteiligung und Gemeinwohlverantwortung organisiert werden. Daneben bleibt es weiterhin notwendig, die aus vielfältigen sozialen Prozessen resultierende Verteilung einzelner Güter am Maßstab der Gerechtigkeit zu messen, wobei ungleiche Anlagen, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Leistungen zu berücksichtigen sind. Bei der Verwirklichung von Beteiligungsgerechtigkeit, verstanden als eine Teildimension sozialer Gerechtigkeit, dürfen der kontributive und der partizipatorische Aspekt nicht gegeneinander ausgespielt werden: Weder darf das individuelle Bedürfnis auf Beteiligung für die Interessen der Gemeinschaft funktionalisiert noch das Gemeinwohl auf individualistische (vielleicht sogar egoistische) Beteiligungsansprüche reduziert werden. Im ersten Fall würden moralische Ansprüche vom Wohlverhalten des Einzelnen abhängig gemacht; im zweiten Fall würde der Aspekt der Beitragsgerechtigkeit leicht auf die gesetzliche Verpflichtung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft reduziert.

Fazit

Die vorliegende Einführung bietet einen prägnanten Einblick in die Grundannehmen inklusiver Pädagogik. Inklusion wird dabei als gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe und ein lebenslaufbegleitender Prozess verstanden.


Rezension von
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 14.04.2020 zu: Ulrich Heimlich: Inklusive Pädagogik. Eine Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-033495-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26356.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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