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Peter Cloos, Melanie Fabel-Lamla u.a. (Hrsg.): Pädagogische Teamgespräche

Cover Peter Cloos, Melanie Fabel-Lamla, Barbara Lochner, Katharina Kunze (Hrsg.): Pädagogische Teamgespräche. Methodische und theoretische Perspektiven eines neuen Forschungsfeldes. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 284 Seiten. ISBN 978-3-7799-3738-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Herausgeber und Autoren

Dr. Peter Cloos und Dr. Melanie Fabel-Lamla sind Professoren im Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim, Dr. Katharina Kunze ist Professorin am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Göttingen und Dr. Barbara Lochner ist Professorin im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Fulda. Neben den vier Herausgebern wurden die Aufsätze in dieser Publikation von weiteren 22 Autoren verfasst – wegen der besseren Verständlichkeit wird das generische Maskulin genutzt.

Entstehungshintergrund

Teamgespräche sind ein grundlegendes Element professioneller pädagogischer Arbeit. Die gemeinsame Planung und Reflexion in pädagogischen Handlungsfeldern ist unabdingbar. Trotz dieser unstrittigen Bedeutung gibt es nur wenige empirische Studien zur Praxis von Teamgesprächen und wenige theoretische Fundierungen. Daher haben die Herausgeber selbst und viele Kollegen aktuelle Forschungsarbeiten zu dieser Thematik zusammengestellt. Es werden unterschiedliche theoretische Perspektiven mit den entsprechenden methodischen Verfahren diskutiert.

Aufbau

Das Buch besteht aus drei Teilen, denen eine Einleitung der Herausgeber vorangestellt und ein Autorenverzeichnis angehängt ist. Didaktische Elemente gibt es nicht, sondern es ist ein klassischer Reader mit verschiedenen Texten und dazu gehörenden Literaturverzeichnissen. Die E-Book-Version ist nur als pdf erhältlich; weitere Materialien etc. online gibt es nicht.

Inhalt

Einleitung: Pädagogische Teamgespräche als neues Forschungsfeld. Autoren sind die vier Herausgeber. In dieser Einleitung stellen die Autoren den Aufbau des Buches da und begründen ihn. Es wird ein Überblick über die Konturen der Teamarbeits- und Teamgesprächsforschung in der Sozialpädagogik, der Schul- und Sonderpädagogik sowie der Frühpädagogik gegeben.

Teil I: Disziplin- und handlungsfeldbezogene Forschungstraditionen und Konturen einer pädagogischen Teamforschung

Kapitel 1 »Sozialpädagogische Fallbesprechungen im Team. Spannungsfelder und Interaktionsdynamiken«. Die Autorin Petra Bauer, Professorin an der Universität Tübingen, beschäftigt sich mit der interaktiven Herstellung von Teamarbeit in Hinblick auf professionelle Facharbeit. Ergebnis ihrer Analyse ist, dass konstitutive Widersprüche in Teamgesprächen oft ausgeklammert werden, um die Arbeitsfähigkeit des Teams zu stabilisieren.

Kapitel 2 »Kooperation und Teamarbeit in der Schule« wurde von einem fünfköpfigen Autorenteam aus unterschiedlichen Hochschulen erstellt. Die vielen und unterschiedlichen Schulreformen der letzten Jahrzehnte wie Ganztagsschulen oder das Inklusionsparadigma haben zu neuen Anforderungen an die Handlungskoordination geführt. Das Teamgespräch ist hierbei der zentrale Ort des Vollzugs von Kooperationen.

Kapitel 3 »Teams und Teamarbeit in der Frühpädagogik« stammt von zwei Herausgebern, Barbara Lochner und Peter Cloos. Sie geben einen Forschungsüberblick, vorrangig zu Kindertageseinrichtungen, welches das größte kindheitspädagogische Handlungsfeld mit dem höchsten personellen Zuwachs in den letzten zehn Jahren ist. Sie kommen zu der Erkenntnis, dass hier ein stark einrichtungsbezogener Teambegriff zu dominieren scheint.

Teil II: »Methodologische und gegenstandstheoretische Perspektiven«

Kapitel 4 »Verständigungsprozesse in sozialpädagogischen Teamgesprächen«. Hierbei geht es um Besprechungen in der stationären Jugendhilfe. Zentral erscheint Sarah Henn die Notwendigkeit einer normativen Orientierung und die Anerkennung situativer Kompetenzen.

Kapitel 5 »Arbeit am Rahmen. Zur dokumentarischen Rekonstruktion von Praktiken der Re-Fokussierung in Teamgesprächen«. Wie viele andere Aufsätze steht auch dieser im Kontext der dokumentarischen Organisationsforschung. Ergebnis ist, dass in Arbeitsbesprechungen entweder eine kollektive Überführung in einen Primärrahmen erfolgt oder die Potenziale getilgt werden.

Kapitel 6 »“Über Schüler reden“: Eine methodisch-theoretische Bestimmung von Klassenkonferenzen als Forschungsgegenstand«. Hierbei geht es darum, wie Entscheidungen getroffen und begründet werden, dargestellt an Schulkonferenzen.

Kapitel 7 »Teamgespräche als Adressierungsgeschehen«. Der Untertitel lautet: »Methodologische und methodische Überlegungen zur Rekonstruktion pädagogischer Zuständigkeitsinformationen.« Teamgespräche werden hier als Adressierungsgeschehen rekonstruiert.

Kapitel 8 »Ethnomethodologischer Zugang zur Teamarbeit im Kindergartenalltag. Zur kollaborativen Herstellung des pädagogischen Takts«. Die Autorin nutzt den Begriff des „Teams“ nicht als personengebundene Kategorie, sondern als ein Interaktionsformat zur Herstellung arbeitsbezogener Zusammengehörigkeit.

Kapitel 9 »Erfahrungen mit interprofessioneller Kooperation über Gruppendiskussionen erfassen. Methodologische und gegenstandstheoretische Perspektiven«. Anhand der dokumentarischen Methode soll sowohl ein Zugang zu professionellen Milieus als auch zu Organisationskulturen ermöglicht werden.

Kapitel 10 »Die Fallkonstruktion als Methode der Verständigung in der Transferforschung«. In gemeinsamen Fallkonstruktionen zwischen wissenschaftlichen und praktischen Interpretationen soll eine Verständigung hergestellt werden, die allerdings auch scheitern kann.

Teil III: »Empirische Zugänge«. Hierbei geht es nicht nur um die aktuelle Forschung, sondern auch um die Vertiefung der vorangegangenen Debatte.

Kapitel 11 »Die Regeln der Regelanwendung. Inferenz in kollegialen Besprechungen und das Problem der (Un-)Zuständigkeit«. Basis ist eine Studie im Bereich der Palliativ-Versorgung. Daher stellt sich die Frage, ob diese Ergebnisse auch auf die Sozialpädagogik, Schul- und Sonderpädagogik sowie Frühpädagogik übertragbar sind.

Kapitel 12 »Schulsozialarbeit an inklusiven Schulen. (Neu-)Positionierungen und Zuständigkeitserklärungen in der multiprofessionellen Teamarbeit«. Hier geht es um die Positionierung von Schulsozialarbeitern in multiprofessionellen Teams an inklusiven Schulen.

Kapitel 13 »Zur Fallkonstitution in Teamgesprächen zwischen Professionellen der Sozialen Arbeit und Lehrer_innen im Ganztag«. Am Beispiel einer Klassenteamsitzung mit drei Lehrkräften und einer Sozialpädagogin zeigt die Autorin, dass konkrete Behandlungsmöglichkeiten bereits dann in den Blick genommen werden, bevor die Analyse systematisch und vollständig erfolgt ist.

Kapitel 14 »Pädagogische Teamgespräche in der Hochschule« Fraglich erscheint, ob dieser Aufsatz in den Band passt, da Hochschulen nicht zu den benannten pädagogischen Forschungsbereichen gehören. Auch mit den Bezügen zur Organisationsforschung und den damit verbundenen Machtaspekten wird nicht ersichtlich, warum dieses Thema ausgewählt wurde.

Diskussion mit begründeter Bewertung

Es fällt zunächst eine Formalie auf: Die meisten Aufsätze haben nicht nur einen Titel, sondern auch einen teilweise sehr ausführlichen Untertitel. Oder die Titel sind sehr umfänglich. Dies zeigt, dass es schwer fällt, das Thema auf wenige Schlagworte zu reduzieren. Einerseits deutet dies auf die thematische Komplexität hin, andererseits zeigt es aber auch, wie wenig dieses Thema bisher durchdrungen wurde. Weit mehr als der Titel »Pädagogische Teamgespräche« vermuten lässt, geht es hier um eine paradigmatische Neuausrichtung der Sozial-, Schul- und Frühpädagogik. An die Stelle einer dyadischen Lehrer-Schüler-Beziehung treten auch auf der pädagogischen Seite Gruppenstrukturen, die eine gemeinsame Planung und Reflexion verlangen. Als zentraler Ort für die Verhandlungen der pädagogischen Arrangements wird das Teamgespräch genannt. Dieses Teamgespräch wird im vorliegenden Band aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Allerdings ist die Sprache derart (super)elaboriert, dass viele Themen sich nur Wissenschaftlern erschließen, die bereits in diesem Forschungsfeld tätig sind. Sollen die eigentlichen Zielgruppen und nicht nur die Scientific Society erreicht werden, so sollten auch Wissenschaftler überlegen, ob eine solche Sprache wirklich notwendig ist. Albert Einstein hat einmal die Forderung nach einer einfachen Erklärung komplexer Sachverhalte aufgestellt. In diesem Sinne sollten die Autoren überlegen, ob sie ihren wichtigen Diskurs nicht auch für Interessenten außerhalb ihres wissenschaftlichen Zirkels öffnen.

Fazit

»Pais agein« heißt etymologisch im Altgriechischen in etwa den »Knaben führen« und der »Knabenführer« begleitete seinen Zögling zum Gymnasion und wieder zurück. Dass sich diese Funktion des Pädagogen gerade in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert hat, ist sicher unstrittig. Die Vielfalt der Aufgaben, die heute ein Pädagoge zu erfüllen hat, kann er längst nicht mehr allein erfüllen. Im Team mit anderen Pädagogen, aber auch Schulsozialarbeitern und Psychologen, müssen heute die Aufgaben bewältigt werden. Ein Beispiel ist die Inklusion, mit der Schüler, die früher von speziell qualifizierten Fachkräften unterrichtet wurden, heute in den Unterricht integriert werden müssen. Dies alles kann nur gelingen, wenn Teams gebildet werden. Insofern ist dieses Buch wichtig, um ein zentrales Element dieses Prozesses, das Teamgespräch, empirisch und theoretisch zu durchdringen.


Rezension von
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 17.03.2020 zu: Peter Cloos, Melanie Fabel-Lamla, Barbara Lochner, Katharina Kunze (Hrsg.): Pädagogische Teamgespräche. Methodische und theoretische Perspektiven eines neuen Forschungsfeldes. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3738-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26359.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


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