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Karim Fathi: Resilienz im Spannungsfeld

Cover Karim Fathi: Resilienz im Spannungsfeld zwischen Entwicklung und Nachhaltigkeit. Anforderungen an gesellschaftliche Zukunftssicherung im 21. Jahrhundert. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2020. 348 Seiten. ISBN 978-3-658-26940-1. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 22,50 sFr.
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Thema

Der Autor widmet sich der Frage, was moderne und zukünftige Gesellschaften widerstandsfähig gegenüber unterschiedlichsten Herausforderungen macht. Wie unterscheiden und überschneiden sich die Konzepte der resilienten, der nachhaltigen und der entwickelten Gesellschaft? Fathi beschreibt eine disziplinübergreifende Perspektive und skizziert Orientierungspunkte für die weiterführende Forschung und Praxis.

Autor

Dr. Karim Fathi ist in Berlin forschend, beratend und lehrend zu den Themengebieten Multidisziplinarität, Resilienz, Konflikttransformation und Agilität tätig und forscht zudem als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile mit insgesamt neun Kapiteln:

  • Teil I: Die multiresiliente Gesellschaft
  • Teil II: Gesellschaftliche Zukunftssicherung im 21. Jahrhundert: Entwicklung, Nachhaltigkeit, Resilienz
  • Teil II: Was bedeutet gesellschaftliche Zukunftssicherung im 21. Jahrhundert? Ein Ausblick

Anschließend folgt ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Der Teil I beschreibt Fathi die wahrscheinlichsten und bedrohlichsten Herausforderungen im 21. Jahrhundert wie Folgen des Klimawandels, Wasserkrise, Cyberattacken, Massenvernichtungswaffen, geht dann auf unterschiedliche Definitionen des Resilienzbegriffs ein, stellt fest, dass Resilienz stark kontextabhängig ist und zeigt mehrere Möglichkeiten auf, wie die Resilienz einer Gesellschaft zu messen ist (Indikatorenbeispiele: Wirtschaft, Soziales, Infrastruktur, Vorsorge u.a.). Sowohl Krisenmanagement wie Krisentransformation stellen dabei wichtige Merkmale resilienter Gesellschaften dar. Aus der Auswertung der diesbezüglich umfangreichen Literatur postuliert Fathi fünf Prinzipien einer multiresilienten Gesellschaft:

  1. Die multiresiliente Gesellschaft baut auf resilienten Individuen auf.
  2. Die multiresiliente Gesellschaft kann souverän mit Nicht-Wissen umgehen.
  3. Die multiresiliente Gesellschaft basiert auf einer Entkoppelung und Wissensvernetzung der Teilsysteme.
  4. Die multiresiliente Gesellschaft kommt zu kollektiv intelligenten Entscheidungen.
  5. Die multiresiliente Gesellschaft verfügt über eine ausgeprägte Lernkultur.

Diese fünf Prinzipien korrelieren miteinander. Zum 4. Prinzip: Hier sind gemischte Arbeitsgruppen (Frauen-Männer) und die Perspektivenvielfalt besonders wichtig. Aus Sicht des Autors lässt sich zurzeit keine Gesellschaft erkennen, die diese Prinzipien vollumfänglich und über alle Ebenen hinweg verwirklicht hat. Und ein zusammenfassendes Fazit: Die Resilienzförderung aller Ebenen ist unabdingbar.

Teil II behandelt separat die Themenfelder Entwicklung, Nachhaltigkeit und Resilienz. Das Ziel einer entwickelten Gesellschaft wäre die breitestmögliche Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Damit spielen Wohlfahrt, Frieden und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eine wichtige Rolle. Im Modernisierungsdiskurs listet er als postindustrielles Beispiel die Smart City auf, wobei er die Technikgläubigkeit der entsprechenden Postulate nicht verschweigt. Aus der Perspektive der Glücksforschung wird deutlich, dass fortgeschrittene Entwicklung (Beispiel Konsumniveau) nicht zu erheblich mehr Zufriedenheit geführt hat (hedonistische Adaption) – nur bis zu 50 % des Glücksempfindens werden durch Umweltfaktoren beeinflusst. Eine eher glückliche Gesellschaft zeichnet sich durch folgende gesellschaftliche Faktoren aus: familiäre Beziehungen, finanzielle Lage, Arbeit, soziales Umfeld, Gesundheit, persönliche Freiheit sowie eine gemeinwohlorientierte Lebensphilosophie.
Die nachhaltige Gesellschaft beinhaltet die Dimensionen Soziales, Ökologie und Wirtschaft. Verschiedene Nachhaltigkeitsindizes, z.B. der SSI (Sustainable Society Index) beschreiben und erläutern diese Dimensionen präziser, wobei der Autor auch eine Länderliste aufführt. Als Denkrichtungen in eine nachhaltige Gesellschaft werden grünes Wachstum, post-soziale Marktwirtschaft sowie Post-Wachstumsökonomie dargestellt – bei letzterer stehen eine dezentrale Wirtschaftsordnung, Suffizienz und Subsistenz im Vordergrund.

Anschließend diskutiert der Autor Gemeinsamkeiten, Schnittpunkte und Widersprüche von Entwicklung vs. Nachhaltigkeit vs. Resilienz. Gemeinsam ist allen drei die Zukunftsausrichtung, der größte gemeinsame Nenner dürfte sich im sozialen Bereich befinden. Unterschiede ergeben sich beispielsweise im Fokus auf Wirtschaftswachstum (entwickelte Gesellschaft) vs. Krisenvorsorgepolitik (Resilienz) oder Ökologie (nachhaltige Gesellschaft) vs. technologische Innovationen als Resilienzfaktor (Resilienz). Als Entwicklungsparadox erweist sich schliesslich, dass jede Errungenschaft und jede Problemlösung neue Probleme (z.B. Geoengineering) bzw. Verwundbarkeiten erzeugen können, die vorher häufig schwer vorhersehbar sind.

Im dritten und letzten Teil III steht der Ausblick auf die gesellschaftliche Zukunftssicherung im Zentrum. Hier werden nochmals einige Überschneidungen der drei Konzepte sichtbar: so spielen beispielsweise die Faktoren Gesundheit oder sozialer Zusammenhang bei allen eine wichtige Rolle. Für eine nachhaltige Zukunftssicherung postuliert Fathi acht Orientierungsprinzipien:

  1. Lebenslange Kompetenzentwicklung und emotionale Bildung.
  2. Souveräne Problemlösung auf der Basis von Wissen und Nicht-Wissen.
  3. Entkoppelung und Wissensvernetzung der Teilsysteme.
  4. Kollektive Intelligenz.
  5. Lernkultur.
  6. Grundbedürfnissicherung und Vorbeugung sozialer Konflikte.
  7. Entwicklung und Bewahrung.
  8. Kollektive Weisheit.

Diese Prinzipien führt er im Folgenden näher aus. Als Beispiel zu Prinzip 1 bedeutet dies die gezielte Förderung individueller Resilienz, als wichtiger Faktor erkennt er im Prinzip 6 die Verringerung der sozialen Ungleichheit. Welche Wohlfahrtsregims sind hier empfehlenswert? Aufgrund verschiedener Daten bevorzugt Fathi das sozialdemokratische Modell, weil es am wenigsten soziales Konfliktpotential aufweist. Anschließend diskutiert er das bedingungslose Grundeinkommen als Ansatz für ein zukunftsfähiges Wohlfahrtskonzept. Für das Prinzip 7 hofft er auf Anwendungen im High-Tech- und Low-Tech-Bereich. Im Abschnitt zur kollektiven Weisheit (Prinzip 8) empfiehlt er – auch aufgrund eigener Erfahrungen – die Anwendung von Meditation.

Im abschließenden Ausblick werden aus den bisherigen Überlegungen fünf einander ergänzende Hebelpunkte für den sozialen Wandel der Gesellschaft abgeleitet, wobei der Autor betont, dass es ihm mehr um das Anstoßen als um die konkrete nachhaltige Etablierung und Verankerung von gesellschaftlichem Wandel geht: Die Arbeit an sich selbst (1), über die kritische Masse den Wandel von unten anstoßen (2), experimentelle Prototypenprojekte (3), kommunikative Vernetzung der Teilsysteme (4) sowie Methoden der kommunikativen Komplexitätsbewältigung (5). Fathi weist als Beispiel zu (2) darauf hin, wie gesellschaftliche Veränderungsprozesse häufig von kleinen Gruppen ausgegangen sind.

Im abschließenden Fazit stellt er unter anderem die Frage, inwieweit sich gesellschaftlicher Wandel steuern und gestalten lässt – und was überhaupt die gewünschte Entwicklungsrichtung und Entwicklungsgeschwindigkeit ist. Und ergänzend dürfte man noch anführen: Von wem (Einzelpersonen oder Gruppen) ist was überhaupt gewünscht? Als wesentlicher Schlüssel zur Klärung der behandelten Fragen ist für Fathi unzweideutig klar: es geht um die Förderung globaler, gesellschaftsübergreifender Kollaboration und um die Entwicklung kollektiver Intelligenz und Weisheit.

Diskussion

Der kenntnisreiche und sehr belesene Autor bietet eine umfassende sowie aktuelle Darstellung der weiten Thematik einer nachhaltigen Welt für das 21. Jahrhundert.
Wie der Autor selber betont, finden Leserinnen und Leser weniger konkrete Hinweise zum – wie er zu Recht betont – unabdingbar nötigen gesellschaftlichen Wandel und zur persönlichen Einflussnahme darauf als Anregungen zu verschiedenen Konzepten und Erkenntnissen aus den dargestellten Forschungsbereichen. Angesichts der enormen Ressourcenverbrauchs von Europa überrascht die Aussage, dass im internationalen Vergleich die europäischen Gesellschaften den Verwirklichungsanspruch einer nachhaltigen Gesellschaft deutlich dominieren. Und dass die systemische Resilienz in liberalen (anglophonen Gesellschaften) nach einer früheren Darstellung von Fathis (2013) sehr hoch, in sozialdemokratischen nordischen Gesellschaften sehr niedrig ist, darf bezweifelt werden. Diverse aufgeführte bzw. zitierte Autoren im Text fehlen im ansonsten reichhaltigen und ausführlichen Literaturverzeichnis, das zum Weiterlesen anregt.

Fazit

Das vorliegende Buch bietet einen anregenden, differenzierenden und äußerst kenntnisreichen Einblick und kann an diesem Thema interessierten Leserinnen und Lesern als vertiefende Lektüre empfohlen werden.


Rezension von
Prof. Dr.em. Jürg Frick
Langjähriger Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich.
Seit 2017 eigene Praxis (Beratungen, Supervision, Weiterbildungsseminare) und freier Mitarbeiter u.a. an diversen Pädagogischen Hochschulen.
www.juergfrick.ch
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Zitiervorschlag
Jürg Frick. Rezension vom 20.08.2020 zu: Karim Fathi: Resilienz im Spannungsfeld zwischen Entwicklung und Nachhaltigkeit. Anforderungen an gesellschaftliche Zukunftssicherung im 21. Jahrhundert. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-26940-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26369.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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