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Karim Fathi: Das Empathietraining

Cover Karim Fathi: Das Empathietraining. Konflikte lösen für ein besseres Miteinander. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2019. 251 Seiten. ISBN 978-3-95571-866-4. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.

Reihe: Kommunikation, Empathie.
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Thema

Karim Fathi will mit seinem Ratgeber deutlich machen, dass (Selbst-)Empathie dazu beitragen kann, in Krisen und Konflikten auch Chancen zu entdecken und aus ihnen gestärkt hervorgehen. Dabei versteht er Empathie als eine in allen Menschen angelegte Universalkompetenz. Sein Anliegen ist es, dazu bewährte Konzepte aus den Bereichen Coaching und Beratung zu vermitteln und damit Menschen anzusprechen, die ihre Empathiefähigkeit verbessern möchten, um besser mit Krisen und Konflikte umgehen zu können.

Autor

Karim Fathi ist zertifizierter Konfliktberater, hat zum Thema „Integrierte Konfliktbearbeitung im Dialog“ promoviert, versteht sich als Friedens- und Konfliktforscher und ist an der Akademie für Empathie in Berlin tätig (Verlagsangaben).

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 9 Kapitel:

  1. Konfliktdimension Verhalten: Wie Sie empathischer handeln und kommunizieren
  2. Empathie in der Begleitung von Menschen in Krisen und Konflikten
  3. Emotionen als Signalgeber für Konflikte und Konfliktlösungen
  4. Konfliktdimension Verhalten: Wie Sie empathischer handeln und kommunizieren.
  5. Konfliktdimension Selbstempathie 1: Mit Selbstempathie den Konflikt in uns selbst erkennen
  6. Konfliktdimension Selbstempathie 2: Wie wir negative Glaubenssätze und Emotionen loslassen können
  7. Konfliktdimension zwischenmenschliche Empathie: Wie Sie sich in andere hineinversetzen und Konfliktdynamiken verändern können
  8. Konfliktdimension zwischenmenschliche Empathie: sich in andere einfühlen und erfolgreich versöhnen
  9. Ende gut, alles gut? Wie Sie Frieden dauerhaft aufrechterhalten (oder auch nicht).

Abgeschlossen wird das Buch durch 6 Checklisten bzw. Übungsblätter am Ende des Buches, wobei diese mehrheitlich auf Fremdautor*innen zurückgehen, wie etwa die Bedürfnislisten von Marshall Rosenberg, die sich auch in vielfältiger Weise als Downloadoption im Netz finden lassen, sodass sich hier die Frage nach dem Mehrwert stellt.

Der Autor geht davon aus, dass „Krisen und Konflikte auch Chancen sind und das Potenzial bergen, voneinander zu lernen. Ohne Konflikte können wir uns nicht über problematische Muster in unserem Verhalten und Denken bewusst werden, sie überdenken und uns entwickeln. Außerdem geben uns Krisen und Konflikte die Möglichkeit, zu erfahren, was unserem Gegenüber – und auch uns selbst – wirklich wichtig ist.“ (11). Als zentrale Ressource dafür, dass Konflikte achtsam ausgetragen und Krisen ausgestanden werden können, betrachtet er Empathie, die er versteht als universal und als „Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse meines Gegenübers wahrzunehmen und in der Lösungssuche zu berücksichtigen“ (12). Wie Empathie in diesem Sinne genutzt bzw. entwickelt werden kann, wird im vorliegenden Buch am konkreten Fallbeispiel eines Ehepaares mit einem Beziehungskonflikt gezeigt. Zur Entwicklung oder Verstärkung empathischer Fähigkeiten werden Übungen vorgestellt, für die jeden Tag ca. 10 Minuten eingeplant werden sollen und die in Folge ein 70-tägiges Selbstlernprogramm ergeben,

In Kapitel 1 erläutert der Autor, was unter dem Konzept „Empathie 3.0“ zu verstehen ist, nämlich „emotionale Weisheit“, also Einfühlsamkeit durch innere Zentrierung und Einklang mit sich selbst. Er grenzt dies von „Empathie 1.0“ ab, die aus seiner Sicht insbesondere Zwischenmenschlichkeit umschreibt und ebenso von dem in den 1990er-Jahren geprägten Sammelbegriff für unterschiedliche Kommunikationstechniken und Kompetenzen, wie z.B. kognitive Empathie, emotionale Empathie etc., die sich einzeln trainieren lassen, die er als „Empathie 2.0“ labelt (26).

Kapitel 2 widmet sich der Relevanz der Empathie bei der Krisenbewältigung spielt und was dies insbesondere für unterstützende und helfende Personen bedeutet. Der Schwerpunkt des Diskurses liegt hier auf der Diskussion des Konzeptes des Helfens bzw. auf der Methode „Aktives Zuhören“.

Im dritten Kapitel führt der Autor Definitionen der neben dem Begriff Empathie beiden weiteren zentralen Begriffe Konflikt und Krise ein (45 – 46), wobei Fathi eine Krise versteht als „zugespitzte Form des Konflikts… Sie bezeichnet eine als bedrohlich wahrgenommene Situation, die sich so zuspitzt, dass sich der oder die Betroffene an einem Point of no Return befindet, an dem sich entscheidet, ob diese Situation bewältigt werden kann oder nicht. Darin liegt auch der wesentliche Unterschied zum ‚normalen‘ Konflikt: Während Konflikte über lange Zeiträume vor sich hin köcheln können, empfinden wir Krisen als so unerträglich, dass eine Veränderung passieren muss. Eine Krise ist eine bedrohliche Störung des normalen Lebens- oder Betriebsablaufs, die mit den bisher erworbenen Problemlösefähigkeiten nicht bewältigt werden kann.“ (46). Als wichtige Signalgeber für Konflikte können Gefühle betrachtet werden, die außerdem als „Handlungsantreiber“ dabei helfen, schnell auf Situationen zu reagieren. Konflikte stehen auch als Auslöser hinter diesen Emotionen und signalisieren unerfüllte Bedürfnisse. Der Autor betont die besondere Relevanz der Empathie bei der Konfliktlösung, um sich der eigenen und der Bedürfnisse der anderen bewusst zu werden und auf dieser Grundlage neue Lösungen zu entwickeln. Diese stellen verschiedene Dimensionen von Empathie (Empathie in Konflikten: Kommunikation – Selbstempathie – zwischenmenschliche Empathie) und Krisenfähigkeit in den Mittelpunkt.

In Kapitel 4 werden verschiedene Verhaltensweisen mit Konflikten umzugehen vorgestellt und diskutiert (Konkurrenz, Nachgeben, Rückzug, Kompromiss, Konsens). Es wird als eine Möglichkeit der Konfliktlösung die konsensorientierte Strategie eingeführt und Marshall Rosenbergs Methode der Gewaltfreien Kommunikation vorgestellt und am Fallbeispiel illustriert.

In Kapitel 5 richtet der Autor sein Augenmerk auf die „Konfliktdimension Selbstempathie 1: Mit Selbstempathie den Konflikt in uns selbst erkennen“. Er betont, dass Konflikte wesentlich auch durch individuelle Perspektiven und Erfahrungswelten sowie vom Unbewussten beeinflusst werden. So können Konflikte etwa von bewussten oder unbewussten Glaubenssätze stark beeinflußt werden, und sich so z.B. zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung entwickeln (z.B. Rosenthal-Effekt). Der Autor diskutiert Intuition als einen wichtigen Problemlösungshelfer in Konflikt- und Krisensituationen. In Anlehnung an Richard Graf versteht Fathi Intuition dabei „als die Summe aller Erfahrungen, sowohl über die Zeit (Vergangenheit, Gegenwart und in gewisser Hinsicht auch die Zukunft) als auch über die verarbeiteten ‚Signale‘ (Stimuli, emotionale Disposition, Handlungsmuster uvm.)“ (120).

In Kapitel 6 geht der Autor einen Schritt weiter und fragt danach, wie negative Glaubenssätze und Emotionen überwunden werden können. Dazu präsentiert der Autor verschiedene Lösungszugänge, etwa

  • das Ereignis an sich verändern
  • belastende kognitive Interpretationen (Glaubenssätze) bearbeiten
  • negative Emotionen loslassen oder umprogrammieren
  • Meditation
  • beim eigenen Problem bleiben.

Kapitel 7 diskutiert die Bedeutung zwischenmenschlicher Empathie für die Veränderung von Konfliktdynamiken. Der Autor führt in vier Ansätze ein, mit deren Hilfe die eigene kognitive Empathie (Theory of Mind) weiterentwickelt werden kann:

  1. Deutung nonverbaler Signale,
  2. Typenmodelle,
  3. Bedürfnisse und
  4. innere Persönlichkeitsanteile.

Besonders wichtig sind ihm dabei die letzten beiden Ansätze, die er zum Fallbeispiel in Beziehung setzt und mit vielen Übungen kombiniert.

Kapitel 8 fokussiert auf eine weitere Konfliktdimension zwischenmenschliche Empathie, nämlich: sich in andere einfühlen und erfolgreich versöhnen. Dazu führt er zunächst in das Konzept emotionale oder affektiver Empathie ein, das beschreibt, dass Menschen die Motive des/der anderen nachfühlen können (199). Diese ist zu unterscheiden von kognitiver Empathie (= erkennen, was andere fühlen) und Mitleid (= anderen helfen wollen) (19). Der Autor unterstreicht, dass es viele Menschen einfacher ist, kognitive Empathie zu empfinden als emotionale, weil Empathie u.a. von individuell verfügbaren Erfahrung abhängig ist. In Konflikten ist es eine besondere Herausforderung, empathisch zu bleiben, insbesondere bei hocheskalierte Beziehungskonflikten. Für die nachhaltige Lösung solcher Konflikte rät der Autor zu Versöhnungsprozessen: „Versöhnungsprozesse sind strukturierte Verfahren, in denen die Betroffenen sich in die Täter- und Opferrolle (aus eigener Sicht und Sicht des anderen) einfühlen. Versöhnungsprozesse können sich von Kultur zu Kultur unterscheiden“ (213).

Das neunte und letzte Kapitel widmet sich dem Thema Nachhaltigkeit in der Konfliktlösung. Der Autor stellt heraus, dass je nach Grundannahme davon auszugehen ist, dass Verhaltensänderungen mindestens ungefähr 21 Tage brauchen, durchschnittlich aber etwa 66 Tage, um eine „Meisterschaft“ zu entwickeln ist sogar von einem Richtwert von ca. 10.000 Stunden auszugehen. Dazu stellt der Autor den Leser*innen eine entsprechende Übersicht der Übungen zur Verfügung und empfiehlt, sie in einer bestimmten Reihenfolge und auch täglich anzuwenden.

Fazit

Karim Fathis Buch ist gut geeignet für Menschen, die daran interessiert sind, mithilfe der beigefügten Übungen ihre empathischen Fahigkeiten in Hinblick auf eigene Konflikte oder Krisen selbstständig zu trainieren und weiterzuentwicklen. Es ist sicherlich vor allem für die Menschen interessant, für die die konkrete Anwendung in der Praxis und Übungen im Vordergrund stehen und die weniger an theoretischen Reflexionen interessiert sind. Die meisten Techniken und Übungen (geführte Tagebucheinträge, Atemübungen; Selbsteinschätzungen, Aktives Zuhören) sind dabei durchaus aus anderen Publikationen oder Zusammenhängen bekannt, es gibt aber auch weniger bekannte, wie die Übung 20a: „Versöhnen Sie sich innerlich mit Ho’oponopono“, die auf der Vorstellung beruht, dass Menschen nicht mit Personen, Situationen oder Sachen Probleme haben, sondern lediglich mit den Energien, die wir damit verbinden (209) oder die Übung 7: Identifizieren Sie Ihre persönlichen 1–2–3-Prozesse, wobei mittels eines Selbsttest herausgefunden werden kann, auf welche Themen eine Person besonders sensibel reagiert und welche Glaubenssätze damit in Zusammenhang stehen (106).


Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 31.07.2020 zu: Karim Fathi: Das Empathietraining. Konflikte lösen für ein besseres Miteinander. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2019. ISBN 978-3-95571-866-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26370.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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