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Cornelia Muth, Elisa Langsenkamp u.a.: Phänomenologische Praxisentwicklungsforschung Band II

Cover Cornelia Muth, Elisa Langsenkamp, Zahide Gök, Julia Brockmeyer, Cornelia Muth u.a.: Phänomenologische Praxisentwicklungsforschung Band II. Konzept und Anwendungsbeispiele. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2019. 216 Seiten. ISBN 978-3-8382-1146-6. D: 24,90 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 29,20 sFr.

Reihe: Dialogisches Lernen - 7.
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Thema

Der vorliegende Band II „Phänomenologische Praxisentwicklungsforschung“ der ibidem-Reihe BODY-FEELING UND BODYBILDUNG beinhaltet drei Studien, die den Leser*innen einen Zugang zum komplexen Verfahren der phänomenologischen Praxisentwicklungsforschung schaffen. Dieses Verfahren wurde von Reinhard Fuhr (2002) entwickelt und von Cornelia Muth (2012, Band I) weitergeführt. Das phänomenologische Vorwort ist Programm des Buches. Denn dadurch wie die Sache selbst – in diesem Fall die Entstehung des Buches – beschrieben wird, erscheinen seine Vordenker*innen und Mitgestalter*innen, sowie die für die Arbeit am Buch zur Verfügung gestellten Räume. Damit würdigt Cornelia Muth nicht nur alle an der Entstehung des Buches beteiligten Menschen, sondern macht auch ihre eigene Weltgebundenheit transparent. So bricht sie schon im Vorwort das Bild der unabhängigen Wissenschaftler*in im Elfenbeinturm auf. Damit gehen Form und Inhalt konsequent miteinander einher: Denn um die Ziele von phänomenologischen Praxisentwicklungsforschung, also Praxisgestaltung, Innovationen und Erkenntnisse, als Forscher*innen zu erreichen, ist zu begreifen, dass sich Praxis und Theorie genauso wie Weltgebundensein und Erkenntnis wechselseitig bedingen.

Inhalt 

Im ersten Teil des Bandes arbeitet Elisa Langsenkamp Grundlagen des Gestaltansatzes, der Dialogphilosophie (Martin Bubers) und der Phänomenologie (Edmund Husserl und Maurice Merleau-Ponty aufbereitet nach Helmut Danner) heraus. Diese Ansätze bilden das Fundament ihrer theoretischen und pädagogischen Praxis. Ihre Neugierde herauszufinden, wie dialogische Gestaltberatung im Kontext von sozialer Arbeit ihre Wirkung entfalten kann, zeigt sie durch ihre deskriptive Art und Weise wesentliche Aspekte des zwischenmenschlichen Raums zu erfassen. Durch eine transparente Darlegung ihres Erkenntnisprozesses und ihres dabei erarbeiteten Wissensstandes zeigt Elisa Langsenkamp ihre Weltgebundenheit. Somit werden Martin Bubers (vgl. 1963: 718) Aufforderungen Grundlage ihrer Arbeit, indem sie zeigt, woher sie kommt (Student*in Cornelia Muths), wohin sie sich ausrichtet (der praktischen Tätigkeit der sozialen Arbeit) und vor wem sie sich verantworten will (ihren Mandant*innen). Zum Abschluss fasst Elisa Langsenkamp (vgl.101) zusammen, dass die Praxis einer Ethik des Antwortens unterliegt, die den radikalen Respekt gegenüber jedem Einzelnen bedingt.

Der zweite Beitrag ist ein Anwendungsbeispiel von Julia Brockmeyer, das zeigt, wie durch die Praxisentwicklungsforschung innovative Konzepte entwickelt werden können. Zuerst arbeitet Julia Brockmeyer die Grundlagen der Praxisentwicklungsforschung von Reinhard Fuhr und Heinrich Dauber (2002) heraus, um anschließend systematisch aufzuzeigen, wie die Umsetzung von der Theorie zur Praxis geleistet werden kann. So entsteht innerhalb ihrer Praxisphase in einer Kindertageseinrichtung ein innovatives Konzept einer dialogorientierten Erlebnispädagogik. Die Stärke des Beitrags von Julia Brockmeyer ist insbesondere, dass sie ein methodisches Gleichgewicht wahrt zwischen strukturellen Vorgaben in der Praxisentwicklungsforschung und kreativen Handlungsspielräumen. Dieses Gleichgewicht bleibt in der abschließenden Prozessreflexion bestehen. Auf den Punkt bringt Julia Brockmeyer (vgl.157) den wesentliche Charakter qualitativer Forschung dass Erkenntnisgewinn die Folge einer reflektierten Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis ist.

Last but not least folgt der dritte Beitrag, in dem Cornelia Muth ihre Kritik an quantitativer Evaluation von Hochschullehre zum Ausgangspunkt macht. Wer die Autor*in erlebt, weiß, wie ernst sie die Bildungsprozesse ihrer Studierenden nimmt. In der vorliegenden Arbeit geht die Dialog-Phänomenolog*in mit ihren Studierenden in Aktion und macht sich auf den Weg, ihre Lehre selbst zu evaluieren. Nach dem Verfahren der objektiven Hermeneutik Ulrich Oevermanns (u.a. 2016) werden die jeweiligen Anfangs- und Schlusssätze vorhandener Projektberichte (49) sequenzanalytisch ausgewertet. Das methodologisch Neue – neben der bekannten dialog-phänomenologischen Forschung Cornelia Muths – ist die archetypische Gesamtdialektik, die ergänzend zur Phänomenologie die Überschüsse der Erscheinungen nicht eliminiert, sondern dem Zauber der zu untersuchenden Phänomene Sprache verleiht.

Die Auswahl von Anfangs- und Schlusssätzen als Basis der Sequenzanalyse begründet Cornelia Muth mit der Bildungs- und Sozialisationstheorie Ulrich Oevermanns, denn gerade Anfangs- und Endsitutationen lebenspraktischer Entscheidungen beinhalten Krisen. Und nur in der Krise können neue Perspektiven auf Alt-Gewusstes entstehen, eingespielte Routinen aufgebrochen und somit ein Verstehensprozess begonnen werden. So wird die Krise das zugrundeliegende Kriterium für gelungene Werdensprozesse. Die Evaluation zeigt, inwiefern Studierende Krisen durchlaufen und auf ihr eigenes Bewusstsein dieser Bezug nehmen. Die sich zeigende Diversität der krisenhaften Prozesse ihrer Studierenden bringt Cornelia Muth (vgl. 207) zu der Erkenntnis, wie wesentlich und schwierig zugleich es ist, wirkliches Vertrauen zwischen Lehrenden und Lernenden zu erreichen, um sich der Chance der Krise hinzuwenden und sich selbst krisenhaft zu zeigen.

Fazit und Struktur

Indem sie ihre Kritik an standardisierten Evaluationsbögen zum Ausgangspunkt macht, schafft es Cornelia Muth so einen neuen Vorschlag zur Lehrevaluation zu kreieren. Ihr Anwendungsbeispiel zeigt, wie Lehrende Resonanz zu ihrer Hochschullehre erfahren können. Die Stärke Cornelia Muths Beitrages zeigt sich auch in der Art und Weise des Schreibens. Worte lassen die Horizonte von Phänomenen erscheinen. Zwischen den Zeilen treten Gestalten in Form von intersubjektiven Prozessen hervor, ohne dass die Autor*in dabei den schmalen Grad zwischen wissenschaftlichem Erkenntnis und Selbstaufklärung verlässt.

Im Rückblick treten die scheinbar aneinandergereihten, einzelnen Beiträge in den Kontext eines größeren Ganzen: einen methodologischen Beitrag zur phänomenologischen Praxisentwicklungsforschung. Der erste Beitrag stellt zunächst die theoretischen Grundlagen der phänomenologischen Praxisentwicklungsforschung dar und macht die Phänomenologie in ihrer Erkenntnissuche zu ihrer Praxis. Der zweite Beitrag zeigt in seiner faszinierenden Kürze, wie Praxisentwicklungsforschung kreativ und innovativ gestaltet werden kann (Umsetzung). Dadurch wird eine Basis geschaffen, der den Zugang zur komplexen Praxisentwicklungsforschung für die Leser*innen erleichtert. Und der dritte Beitrag knüpft an die vorherigen Arbeiten an, indem er sich das Wie unseres Erkennens und Lernens zum Gegenstand macht und sich diesem Gegenstand in mehreren Schritten nähert. In einem ersten Schritt beschäftigt sich Cornelia Muth sequenzanalytisch mit den Erkenntnisprozessen ihrer Studierenden, um dann im zweiten Schritt aus den dabei gewonnen Erkenntnissen Rückschlüsse über die Wirkung ihrer eigenen dialogischen Hochschullehre zu ziehen. Auf einer methodologischen Ebene bettet sich das entwickelte Verfahren zur Lehrevaluation dann in den Kontext von Theoriebildung und der Weiterentwicklung phänomenologischer Praxisentwicklungsforschung ein.

Es zeigt sich, dass das Fundament der Erkenntnisprozesse von Forscher*innen, genau wie von Lehrenden und Studierenden das gleiche ist: erst Krisen als selbstverständliche, lustvolle Bedingung aller Erkenntnisprozesse erlauben es, Alt-Gedachtes zu verwerfen und Lebenspraxis neu zu denken.

Nachdenklich lässt werden, dass im wissenschaftlichen Prozess häufig eher versucht wird, Krise zu vermeiden oder in der Darstellung von Forschungsresultaten zu verstecken, als sie vielmehr als notwendige Bedingung jedes Erkenntnisprozesses anzunehmen, ja zu fördern. So scheint mir, dass schon der Gedanke daran, sich Krisen hinzuwenden, ja sich sogar krisenhaft zu zeigen, Angst auslösen wird. Der Beitrag regt dazu an und zeigt auf, wie krisenhafte Erkenntnisprozesse dargelegt werden können, ohne wissenschaftliche Ansprüche niederzulegen.

Mehrdimensionale Wirkung des Buches – Nachwort

Dass dieser Band einen Beitrag auf mehreren Dimensionen leistet und seine Struktur keiner Willkürlichkeit unterliegt, erschließt sich erst im Einlassen auf und Hinwenden zu jedem einzelnen Beitrag. Damit erschaffen die Autor*innen eine dem formulierten Inhalt übergeordnete Dimension. Denn ob die mehrdimensionale Wirkung des Buches sich entfaltet, ist abhängig von den Leser*innen, sprich, wie diese sich auf das Buch einlassen wird. So kann Komplexität und Intentionen der phänomenologischen Praxisentwicklungsforschung nicht direkt am Anfang, sondern erst am Ende verstanden werden.

Dieser Zusammenhang lässt die zu spürende Kraft des Buches erscheinen. Denn nicht, indem die Leser*in auf die Struktur des Bandes, also das Inhaltsverzeichnis schaut, erschließt sich der Sinn. Sondern wenn wirkende Wirklichkeiten erkannt werden wollen, dann müssen die Forscher*innen sich auf das Feld und die Leser*innen auf das Buch einlassen. So entzaubert das Buch die Illusion, schnell und methodisch standardisiert zu Erkenntnissen zu kommen, wie es auch standardisierte Evaluationsbögen von Hochschullehre wollen. Damit kann es als Gegenentwurf zu einem neoliberalen Warencharakter von Wissenschaft verstanden werden. Entschleunigung schafft Raum.

Literaturverzeichnis

Buber, Martin (1963b): Werke. 3, Schriften zum Chassidismus

Muth, Cornelia (2012): Phänomenologische Praxisentwicklungsforschung. Band I. Stuttgart: ibidem-Verlag.


Rezension von
Nicole Pankoke
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Zitiervorschlag
Nicole Pankoke. Rezension vom 09.01.2020 zu: Cornelia Muth, Elisa Langsenkamp, Zahide Gök, Julia Brockmeyer, Cornelia Muth u.a.: Phänomenologische Praxisentwicklungsforschung Band II. Konzept und Anwendungsbeispiele. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8382-1146-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26384.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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