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Christiane Wempe (Hrsg.): Krisen und Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen

Cover Christiane Wempe (Hrsg.): Krisen und Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 2., überarbeitete Auflage. 168 Seiten. ISBN 978-3-17-034174-6. 35,00 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Krisen gehören zum Leben. Jeder Mensch wird mit Krisen konfrontiert. Dies gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche, die im Laufe ihres Aufwachsens mit diversen Herausforderungen (z.B. Schulwechsel, familiäre Konflikte, etc.) konfrontiert werden. In der Regel bewältigen sie diese und wachsen daran. Dennoch können Krisen auch schwerwiegende Folgen für die betroffene Person haben. Dies ist häufig der Fall, wenn die Krise im Ausmaß die Verarbeitungskapazitäten des Individuums überfordert. Auch das Umfeld und der individuelle Entwicklungsstand spielen hier eine wichtige Rolle. Kommt es zur Überforderung, können psychische Erkrankungen die Folge sein. Hier kommt es dann z.B. zu posttraumatischen Belastungsstörungen, depressiven Reaktionen oder Angststörungen. Diese werden dann in der Regel psychotherapeutisch behandelt. Zu derartigen Behandlungskonzepten gibt es bereits viel Literatur. Eine Publikationslücke bestand hingegen bislang im Hinblick auf den Umgang mit akuten Krisen, welche die Kompensationsfähigkeiten des Individuums überfordern. Derartige Interventionen werden der sogenannten Sekundären Prävention zugeschrieben. Diese kann ebenfalls im psychiatrisch-/​psychotherapeutischen, allerdings auch im beratenden Setting erfolgen. Christiane Wempe stellt in ihrer Veröffentlichung sowohl die theoretischen Hintergründe vor, geht jedoch gemeinsam mit den anderen Autoren und Autorinnen auch auf ausgewählte Krisensituationen (Scheidung, Verluste, chronische Erkrankung und Suizidalität) ein und liefert hier praktische, therapieschulenübergreifende Anregungen anhand von Fallbeispielen zum Umgang mit den entsprechenden Krisen.

Herausgeberin

PD Dr. Christiane Wempe, Dipl. Psych., arbeitet mit Ausbildung in Person-zentrierter Psychotherapie und Verhaltenstherapie in eigener Praxis als Therapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie ist Supervisorin und Dozentin am IFKV Bad Dürkheim.

AutorInnen

Curd Michael Hockel, Dipl.-Psych., ist Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (GT und VT) und seit 1976 in eigener Praxis tätig. Zudem arbeitet er als Ausbilder und Supervisor für diverse Institute und als Coach.

Roland Kachler, Dipl.-Psych., ist Psychologischer Psychotherapeut (Transaktionsanalyse, Paartherapie, systemische Sexualtherapie, Traumatherapie, Hypnotherapie und Hypnose, Familientherapie, u.a.). Er arbeitet in Stuttgart an der Landesstelle für Psychologische Beratungsstellen und in eigener Praxis. Zudem ist er Autor diverser Bücher.

Miriam Haagen, ist Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Sie behandelt seit 2005 in eigener Praxis für ärztliche Psychotherapie Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Hamburg. I.R. des Forschungsprojektes „COSIP children of somatically ill parents“ hat sie zahlreiche kinder-, jugendlichen- und familienbezogene Interventionen durchgeführt und die diesbezügliche Begleitforschung sichergestellt. Sie lehrt als Dozentin und Supervisorin an diversen Instituten für analytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Apl. Prof. Dr. Elisabeth Sticker, Dipl.-Psych., ist seit 2018 im Ruhestand. Zuvor war sie Außerplanmäßige Professorin an der Universität zu Köln und Privatdozentin am Lehrstuhl für Entwicklungs- und Erziehungspsychologie mit Forschungsschwerpunkt auf Entwicklungsoptimierung von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen.

Dr. phil. Sylvia Schaller, Dipl.-Psych., ist Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis. Sie ist Mitglied in diversen Organisation zu Erforschung und Prävention von Suizidalität (u.a. Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention). Zudem ist sie ist Vorsitzende des Instituts für Fort- und Weiterbildung in klinischer VT Kurpfalz in Mannheim. Sie hat als Autorin diverse Artikel und Buchbeiträge veröffentlicht.

Prof. Dr. phil. Dr. med. habil. Armin Schmidtke, ist Psychotherapeut. Nach diversen universitären Tätigkeiten wurde er 1986 Leiter der Abteilung „Klinische Psychologie“ an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg, jetzt als Seniorprofessor. Seit 2009 ist er Foreign Adjunct Professor für Suizidologie und Suizidprävention am Karolinska Institut, Stockholm. Hauptforschungsschwerpunkte sind Suizidologie, Selbstschädigungen, Imitation und Amok. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und ist Ehrenmitglied der ungarischen Gesellschaft für Psychiatrie. Seit 2002 ist er verantwortlich für die Initiierung des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen und Grundprinzipien der Krisenintervention erläutert, im zweiten Teil werden spezielle Krisensituationen bei Kindern und Jugendlichen beschrieben und die dazugehörigen Interventionskonzepte beschrieben. Hierbei geht es konkret um:

  • Scheidung/​Trennung
  • Verluste (Tod und Trauer)
  • Chronische Erkrankungen
  • Suizidalität

Teil 1: Allgemeiner Überblick

Zuerst referiert Christiane Wempe den aktuellen Stand der Stress-, Klinischen und Life-Event-Forschung. Diese machten deutlich, dass zwei Ereignisse für Kinder und Jugendliche besonders kritischen Einfluss haben: „die Bedrohung der eigenen Sicherheit sowie die Verletzung der eigenen Würde“ (S. 160).

Die folgenden drei Kapitel beschäftigen sich mit grundlegenden Aspekten der Krisenintervention. Zunächst beschreibt Christiane Wempe Krisenintervention als eigenständige Methode in Abgrenzung zur (Kurzzeit-)Psychotherapie. Neben allgemeinen Prinzipien und Zielen werden auch spezifische Methoden, die auf unterschiedlichen psychotherapeutischen Ausrichtungen basieren, erläutert. Sie geht auf die Besonderheiten in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein und macht deutlich, dass die Krisenintervention in Deutschland noch in den „Kinderschuhen“ steckt (S. 51). Curd Michael Hockel widmet sich anschließend der Rolle der therapeutischen Beziehung in diesem Kontext. Hier habe sich insbesondere der personenzentrierte Ansatz bewährt. Den hypnosystemischen Ansatz beschreibt dann Roland Kachler. Hypnosystemische Krisenbegleitung ziele auf die Transformation des Systems von einer Problem- in eine Lösungstrance ab. Er beschreibt hier auch zentrale Interventionsschwerpunkte. Dieses Kapitel schließt den ersten Teil des Buches ab.

Teil 2: Spezielle Krisensituationen und deren Bewältigung

Auch diesen Teil eröffnet die Herausgeberin Christiane Wempe mit einem Artikel zum Thema Begleitung von Kindern und Jugendlichen bei Trennung bzw. Scheidung der Eltern. Als zentraler Risikofaktor hätten sich interpersonale Konflikte herauskristallisiert, die zu Loyalitätskonflikten auf Seiten der Kinder führen.

Miriam Haagen konzentriert sich dann auf zentrale Verlusterlebnisse wie den Tod eines Elternteils, die Kinder und Jugendliche tief treffen. Sie können anhaltende Trauerreaktionen und Posttraumatische Belastungssymptome zur Folge haben. Sie liefert Anregungen für Trauerbegleitung nach dem Konzept der mentalisierungsbasierten Psychotherapie und macht deutlich, dass Kinder auch derartig einschneidende Erlebnisse häufig mit Unterstützung der Familie und durch Peers (bei Jugendlichen) im Regelfall relativ gut verarbeiten können.

Chronische Erkrankungen stellen eine weitere schwerwiegende Belastung dar, mit der viele Kinder, Jugendliche und deren Familien konfrontiert werden. Elisabeth Sticker macht deutlich, dass bei (je nach Quelle) stark schwankenden Prävalenzraten bis zu 40 % Kinder und Jugendlichen an chronischen Erkrankungen leiden. Aufgrund persönlicher Erfahrungen konzentriert sie sich auf Kinder, die mit einem Herzfehler geboren wurden und macht hieran deutlich, dass sowohl die Kinder, als auch ihr Umfeld (Eltern, Geschwister) mit deutlichen Herausforderungen konfrontiert werden. Sie arbeitet Schutzfaktoren heraus und skizziert eine Form der familienorientierten Rehabilitation.

Der zweite Teil endet mit dem Kapitel von Sylvia Schaller und Armin Schmidtke. Sie erläutern das Thema Suizidalität, das in der Fachliteratur zur Krisenintervention „einen zentralen Stellenwert einnimmt“ (S. 162). Suizidalität sei im Kindes- und Jugendalter die zweithäufigste Todesursache (nach Verkehrsunfällen), Suizidversuche werden hier als Lösungsversuche bei aktuellen Problemlagen von Jugendlichen verstanden. Derartige Problemlagen wurden bereits im ersten Kapitel des Buches beschrieben, so dass sich hier quasi der Kreis schließt. Hilfreiche Interventionen sollten überwiegend verhaltenstherapeutische Elemente berücksichtigen und der Übergang von Krisenintervention zur Psychotherapie sei hier fließend.

In einem Schlusswort fasst Christiane Wempe den gesamten Inhalt des Buches dann nochmal zusammen und macht deutlich, „dass Kinder und Jugendliche Belastungen anders erleben und verarbeiten als Erwachsene“ (S. 162). Abschließend geht sie in aller Kürze nochmal auf das Thema Migration und Flucht ein.

Diskussion

In der Einleitung kritisiert die Herausgeberin zu Recht, dass das Thema Krisenintervention sowohl im Praxisalltag als auch im Rahmen der Fachliteratur sträflich vernachlässigt werde. Insofern „(…) versucht das Buch, eine Brücke von den üblichen Stressbewältigungstrainings zur Traumatherapie bzw. der Notfallintervention zu schlagen“ (S. 14). Dies gelingt gut. Christiane Wempe ist gelungen, auf knapp 150 Seiten ein derartig komplexes Thema sowohl theoretisch als auch praktisch mit konkreten Fallbeispielen zu verdeutlichen und – als wäre das allein nicht genug – zudem auch noch schulenübergreifende Herangehensweisen zu berücksichtigen. Die ausgewählten Autoren und Autorinnen sind hochqualifiziert und machen unterschiedliche Herangehensweisen deutlich. Leichte Redundanzen, z.B. wiederkehrende Definitionen im Therapieteil und den einzelnen folgenden Kapiteln, bleiben nicht aus, sind jedoch unproblematisch und auf jeden Fall in Kauf zu nehmen. Nicht alle Kapitel liefern evidenzbasierte Informationen; beispielsweise werden die von Hockel in Kapitel 3 beschriebenen fünf Gesichtspunkte (Selbstprüfung, Annehmen, Echtsein, Einfühlen, Fördern/​Fordern) als „Wirkfaktoren des Therapeutenverhaltens aus der klinischen Arbeit abgeleitet“ (S. 60). Eine wissenschaftliche Evidenz gibt es für diese angeblich zentralen Wirkfaktoren nicht, sie werden nonchalant einfach mal so postuliert. Dass sie einer gewissen Plausibilität nicht entbehren und auch der Gesprächspsychotherapie nach Rogers entnommen wurden, sei mal dahingestellt. Insgesamt fällt dieses Kapitel den anderen gegenüber ein wenig ab, der Autor verliert sich an der einen oder anderen Stelle auch in emotionalen und wenig sachlichen Äußerungen, folgendes Zitat mag dies verdeutlichen:

„Ob ein Erwachsener seinen Beruf ausübt mit der Motivation des Saubermanns, der Elend als Eiter, Not als Beschmutzung ansieht und entsprechend Elend ausdrücken und Not wegwischen möchte. Oder ob ein Erwachsener sich, die Welt, seine Lebensgeschichte und seine gegenwärtige Erfahrung bedingungslos so anzunehmen vermag, dass Liebe und Leid, Hass und Schönheit, Leben und Sterben angenommen werden.“ (S. 62)

Einige mögen derartige Formulierungen schätzen, mich haben sie eher irritiert. Zudem passen sie sprachlich nicht in den Kontext des ansonsten angenehm seriös gestalteten Buches. Positiv hervorzuheben sind in diesem Abschnitt die Fallbeispiele, die das empfohlene Vorgehen gut verdeutlichen.

Insgesamt ist der Herausgeberin wie beabsichtigt gelungen, eine Lücke in der Literatur zu schließen. Sie liefert ein überwiegend sehr gelungenes Buch zum Thema Krisen und Kriseninterventionen bei Kindern und Jugendlichen. Es greift jedoch nach wie vor zu kurz: Unterschiedliche Vorgehensweisen können in diesem Buch lediglich skizziert werden, es sind weitere Publikationen zu diesen Themen erforderlich, die das konkrete Vorgehen noch besser verdeutlichen. Zudem ersetzt die Lektüre dieses Buches selbstverständlich nicht eine entsprechende Ausbildung und die jahrelangen Erfahrungen, die beispielsweise die Autoren und Autorinnen der Artikel vorweisen können.

Im Schlusswort skizziert die Herausgerberin noch aktuelle Themen, die für Kinder und Jugendliche heutzutage große Relevanz haben: Migration/​Flucht und Geschlechtsidentität. Zu diesen und anderen Themen (z.B. mediale Herausforderungen und Pandemie) könnten und sollten in der nächsten Neuauflage eigene Kapitel hinzugefügt werden.

Fazit

Das Buch liefert unterm Strich einen hervorragenden Überblick über den aktuellen Wissensstand zum Thema Krisen und Kriseninterventionen bei Kindern und Jugendlichen. Besonders hervorzuheben ist der therapieschulenübergreifende Ansatz. Durch diesen geht allerdings ein wenig die klare Linie verloren. Einzelnen Artikeln gelingt es nicht, das überwiegend hohe Niveau des Buches zu halten.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Ausbildungsambulanzleiter LAKIJU-VT Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP)
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 10.06.2020 zu: Christiane Wempe (Hrsg.): Krisen und Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-17-034174-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26386.php, Datum des Zugriffs 01.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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