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Christoph Flückiger, Martin Rufer (Hrsg.): Essentials der Psychotherapie

Cover Christoph Flückiger, Martin Rufer (Hrsg.): Essentials der Psychotherapie. Praxis und Forschung im Diskurs. Hogrefe (Bern) 2020. 144 Seiten. ISBN 978-3-456-85923-1. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Im vorliegenden Buch tragen die Herausgeber Martin Rufer und Christoph Flückiger fünf Essays praktisch tätiger Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zusammen, die von jeweils einer Psychotherapieforscherin oder einem Psychotherapieforscher kommentiert werden. Die behandelten Themen umfassen Vertrauen, Menschenwürde, positives Denken, Fallkonzeption, sowie Interkulturalität.

Herausgeber

Martin Rufer arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis in Bern und war von 1999 bis 2009 im Leitungsgremium des Zentrums für Systemische Therapie und Beratung in Bern. Auf seinem Profil auf der Website der Förderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen schreibt er, dass er mit „Methodenkombination auf dem Boden systemtheoretischer Grundorientierung“ arbeite, was einen integrativen Arbeitsstil vermuten lässt, der zum Thema des vorliegenden Buches passt.

Christoph Flückiger hat in Bern studiert, promoviert und habilitiert und ist Professor für Psychotherapie an der Universität Zürich und Mitherausgeber der Zeitschrift Psychotherapie im Dialog.

Entstehungshintergrund

Ziel des vorliegenden Buches ist es, den dringend nötigen Austausch zwischen praktisch arbeitenden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auf der einen Seite und wissenschaftlich arbeitenden Psychotherapieforschenden auf der anderen Seite zu fördern. Dazu trugen die Herausgeber Beiträge von Praktikerinnen und Praktikern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, die unterschiedlichen Therapierichtungen anhängen. Jeder dieser Beiträge wurde von einer wissenschaftlich orientierten Kollegin oder einem wissenschaftlich orientierten Kollegen kommentiert. Die Paare wurden von den Herausgebern vorgeschlagen, bei der Themenwahl gab es keine Vorgaben. In der Einführung beschreiben die Herausgeber den Entstehungsprozess als „offenen, selbstorganisierten Prozess“ (S. 17).

Aufbau

Das vorliegende Buch beginnt mit zwei Geleitworten von Eva-Lotta Brakemeier (Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald, Verhaltenstherapie) und Luise Reddemann (Honorarprofessorin für Psychotraumatologie und Medizinische Psychologie an der Universität Klagenfurt, Psychoanalyse). Es folgen eine Einführung durch die Herausgeber, sowie zehn Kapitel, in denen die Essays der Praktikerinnen und Praktiker, sowie die Antworten der Psychotherapieforschenden enthalten sind. Das Buch endet mit einer als Dialog konzipierten Zusammenfassung der Herausgeber.

Inhalt

Der Hauptteil des Buches gliedert sich in zehn Kapitel, wobei jeweils zwei aufeinanderfolgende Kapitel dasselbe Thema behandeln, einmal als Praktiker- und einmal aus Forscherperspektive. Somit ergeben sich fünf thematische Abschnitte.

Im ersten Abschnitt wird das Thema Vertrauen in der Psychotherapie behandelt. Auf der Seite der Praktiker wirbt Martin Rufer für eine am Menschen orientierte, reflektierte und hoffnungsvolle therapeutische Haltung. Unter anderem rät er, sich nicht auf die im Versorgungssystem bislang unerlässlichen Diagnosekriterien zu versteifen, die Ressourcen und Kompetenzen der Hilfesuchenden ins Zentrum zu stellen, früh ein Erklärungsmodell für Probleme anzubieten, sich aktiv um Feedback zu bemühen, sowie auf das eigenen Können zu vertrauen und zu Fehlern zu stehen. In ihrer Antwort weist Ulrike Dinger darauf hin, dass Therapeutinnen und Therapeutin sich in Bezug auf ihren therapeutischen Erfolg unterscheiden. Aus Sicht der Psychotherapieforschung bestätigt sie, dass eine positive Beziehung wichtiger Bestandteil wirksamer Psychotherapie sei, ebenso eine Übereinstimmung therapeutischer Ziele und Aufgaben.

Im zweiten Abschnitt stellt Annette Kämmerer Überlegungen zu Psychotherapie und Menschenwürde an. Psychotherapie, argumentiert sie, sei ein gesellschaftliches System, dessen Aufgabe es sei, Vernunft, Autonomie und Selbstachtung zu fördern, die infolge psychischer Leiden beeinträchtigt sein können. Ziel sei stets ein Leben in Würde (wieder) zu ermöglichen. Dabei gibt sie zu bedenken, dass stets zu reflektieren sei, wann eine Orientierung an Selbstfürsorge und Selbstverwirklichung, Individualismus und Orientierung an der eigenen Person, zu viel Raum biete für Egoismen und Narzissmus. Die aktuelle Methodenvielfalt in der Psychotherapie verstehe sie als Chance. Seine Antwort beginnt Christoph Flückiger mit einem kurzen Abriss der Geschichte der Psychotherapie und einer Diskussion wichtiger meta-analytischer Befunden, wonach es aktuelle keine Hinweise auf bedeutsame Unterschiede in der Wirksamkeit verschiedener therapeutischer Verfahren gebe, weder direkt nach Beendigung der Therapie noch zu einem späteren Zeitpunkt. Es folgen eine Übersicht unterschiedlicher Therapeutenbilder (Heilkräfte-Modell, biomedizinisches Modell, biopsychosoziales Modell), sowie Denkanstöße zum psychotherapeutischen Handeln (z.B., „Wie minimal darf die Veränderungsmotivation eines Patienten sein, damit ich als Therapeut bereit bin, mit meinem Patienten zu arbeiten oder die Therapie von meiner Seite zu künden?“).

Im dritten Abschnitt macht Hans Lieb Vorschläge, wie das unweigerlich spannungsgeladene Verhältnis zwischen individuellen Schwierigkeiten einer hilfesuchenden Person und therapieleitenden Verallgemeinerungen gelingen kann. Anhand von Fallbeispielen aus der eigenen Praxis bespricht der Psychotherapeut wie passende Verallgemeinerungen entwickelt und an richtiger Stelle Konkretisierungen vorgenommen werden können. Dabei betrachtet er das Thema Fallkonzeption auch aus der Metaperspektive und fragt, wann „der Fall“ für den Therapeuten als abgeschlossen gilt, wann also die Therapie zu beenden sei. In seiner Antwort bietet Günter Schiepek eine vertiefte Diskussion von Einzelfallorientierung und Verallgemeinerung in der Psychotherapie, sowie Möglichkeiten zur Erfassung und Steuerung therapeutischer Prozesse

Im vierten Abschnitt formuliert Dirk Zimmer sieben Erkenntnisse, in denen er sein therapeutisches Wirken reflektiert und konkrete Empfehlungen für die eigene Praxis gibt. Ein besonderes Anliegen ist dem Autor der Aufbau eines positiven Selbstbildes. Wie dies gelingen kann erklärt er anhand von fünf Schritten: Psychoedukation über Selbstabwertung, Suche nach Bewertungskriterien für Selbstakzeptanz, Sammeln von spezifischen Erfahrungen positiven Verhaltens, Umformulieren von Glaubenssätzen und Hausaufgaben. Dabei wird auch thematisiert, welche Verfahren noch existieren, um Selbstakzeptanz aufzubauen. In Ihrer Antwort betont Ulrike Willutzki die Wichtigkeit einer bescheidenen Haltung auf Seite der Therapierenden und verweist auf epidemiologische Forschungsergebnisse, die zeigen, dass die meisten von uns im Laufe ihres Lebens in Überforderungssituationen kommen, die eine psychotherapeutische Indikation darstellen können. Außerdem empfiehlt sie, das richtige Maß an Empathie gegenüber Hilfesuchenden zu finden. Gelungene Empathie stehe in deutlichem Zusammenhang zum Therapieergebnis.

Im fünften Abschnitt beschreibt Verena Kast ihre Erfahrungen aus der Supervision eines aus Japan stammenden jungen Therapeuten und dessen ebenfalls aus Japan stammender Patientin, sowie ihrer Reaktionen im Supervisionsprozess. Dabei macht sie deutlich, wie wichtig es für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sein kann kulturelle Rahmenbedingungen mitzudenken und zu reflektieren. In ihrer Antwort vertieft Maria Borsca das Thema anhand weiterer Beispiele und der Feststellung, dass kultursensible Psychotherapie am ehesten gelingt, wenn ein konstruktiver Umgang mit (kulturellen) Unterschieden entwickelt werden kann.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Buch ist den Herausgebern eine interessante Zusammenstellung verschiedener Themen gelungen, die für viele in der deutschsprachigen Therapielandschaft Tätige auf die eine oder andere Weise wichtig sein dürfte. Besonders hervorzuheben ist, dass die Herausgeber nicht nur Autorinnen und Autoren aus der Praxis und Forschung zu Wort kommen lassen, sondern auch unterschiedlicher therapeutischer Orientierung und aus verschiedenen deutschsprachigen Ländern. Das Buch kann also als ein Beitrag zur Überwindung berufspolitischer Rivalitäten verschiedener Therapieschulen verstanden werden.

Dabei fällt auf, dass die Beiträge deutlich die Affiliationen der Autorinnen und Autoren erkennen lassen. Beispielsweise macht Dirk Zimmer klare Interventionsvorschläge und empfiehlt Hausaufgaben (Verhaltenstherapie), wohingegen Verena Kast Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene diskutiert (Psychoanalyse). Das macht die Beiträge nicht weniger lehrreich und anregend (sie sind es), macht in der Gesamtschau aber doch Unterschiede in der Gestaltung therapeutischer Abläufe deutlich, die die Herausgeber, wie auch die Autorinnen und Autoren, so weit verinnerlicht zu haben scheinen, dass nicht einmal der Versuch unternommen wurde, sie zu thematisieren. Vielleicht ist das gut so, um nicht leidlich verheilte Wunden der Vergangenheit wieder aufzureißen. Andererseits hätte dem Buch meiner Meinung nach etwas mehr „klare Kante“ gutgetan, insbesondere im Hinblick darauf, wie denn nun die Psychotherapie der Zukunft aussehen könnte und sollte. Gleichzeitig trauen sich die Autorinnen und Autoren auch an kritische Fragen heran und zeigen insgesamt eine hohe Bereitschaft ihr eigenes berufliches Handeln und Denken zu reflektieren. Dass in manchen Beiträgen dann doch ein Rückfall in berufspolitische Scharmützel zu erkennen ist, wie beispielsweise im Kommentar von Annette Kämmerer zur dritten Welle der Verhaltenstherapie (S. 48), ist zwar schade aber im Großen und Ganzen wenig störend. Am Ende der als Dialog konzipierten zusammenfassenden Reflexion der Beiträge durch die Herausgeber fragt Martin Rufer, wie das von ihm herausgegebene Buch wohl von den jungen Kolleginnen und Kollegen aufgenommen wird. Als Psychotherapeut in Ausbildung (VT) zähle ich mich zu diesem Kreis junger Kollegen und antworte: Mutig, dass ihr das macht und zusammen über Psychotherapie diskutiert, mich habt ihr zum Nachdenken angeregt. In Zukunft brauchen wir aber mehr als Diskussion, wir brauchen eine gemeinsame Psychotherapie. Anfangen könnten wir damit, eine gemeinsame Sprache zu kultivieren, sodass sich unsere Diskussionen nicht anfühlen als würden wir für jeden Beitrag den Kulturkreis wechseln.

Fazit

Das vorliegende Buch leistet einen wichtigen Beitrag zum Austausch zwischen psychotherapeutischer Praxis und Forschung, sowie über Therapieschulen hinweg. Es werden relevante Fragen unseres Berufs diskutiert und Anregungen für die eigenen therapeutische Praxis gegeben. Eine Empfehlung für angehende und etablierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten aller Orientierungen und auch für Psychotherapieforschende.


Rezension von
Dr. rer. nat. Johannes Heekerens
Wissenschaftlicher Mtarbeiter an der Charité Universitätsmedizin Berlin auf der Spezialstation für Persönlichkeitsstörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen
Homepage psychiatrie.charite.de/en/metas/person_detail/perso ...
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Zitiervorschlag
Johannes Heekerens. Rezension vom 05.01.2021 zu: Christoph Flückiger, Martin Rufer (Hrsg.): Essentials der Psychotherapie. Praxis und Forschung im Diskurs. Hogrefe (Bern) 2020. ISBN 978-3-456-85923-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26392.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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