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H. Glenn Penny: Im Schatten Humboldts

Cover H. Glenn Penny: Im Schatten Humboldts. Eine tragische Geschichte der deutschen Ethnologie. Verlag C.H. Beck (München) 2019. 287 Seiten. ISBN 978-3-406-74128-9. 26,00 EUR.
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Die Zukunft in der Vergangenheit

Seit Menschen denken können herrscht auch die Neugier vor, wo und wie Menschen leben, die anders aussehen und andere Kulturen besitzen. So entstand die „Völkerkunde“, die sich seit der Antike in vielfältigen, progressiven, homologen und konträren Entwicklungen darstellt. Es ist die Urfrage „Wer bin ich?“, die ausgreift in die Fragen; „Was sehen wir?“ – „Wie sehen wir?“ (Leo Frobenius, Kulturgeschichte Afrikas. Prolegomena zu einer historischen Gestaltlehre, Leipzig 1933, S. 9), die uns immer wieder daran erinnert, dass der anthrôpos nur human leben und sich weiterentwickeln kann, wenn er sich seiner Herkunft und seiner Vergangenheit bewusst ist. Im wissenschaftlichen Kanon wird die Ethnologie als die Möglichkeit verstanden, mit der Feldforschung den objektiven Blick über den ego- und ethnologischen Gartenzaun zu richten und das Beobachtete und Erkannte ethnographisch zu beschreiben. So entstehen Weltanschauungen und Weltkenntnis. Die Quellenmaterialien reichen zurück bis zum Geschichtenschreiber Herodot bis zu Margaret Mead und zum heutigen, ganzheits-weltlichen und interdisziplinären Blick (Barbara Birkhan, Foucaults ethnologischer Blick. Kulturwissenschaft als Kritik der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/​12832.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Alexander von Humboldt war überzeugt, „dass die Naturwissenschaften einen Weg zum Verständnis der kosmischen Harmonie der Welt“ bieten können. Dieses Bewusstsein führte hin zu Forschungsreisenden und Sammlern, die in die Welt des Unbekannten, des Exotischen und Fremden vordrangen, um nicht nur das Andere zu entdecken, sondern darin auch das Eigene zu suchen. Adolf Bastian (1826 – 1905) war so einer, der in der Vielfalt der Völker und Kulturen grundlegende, einheitliche Elemente erkannte, die nicht durch Austausch und Begegnung, sondern durch aufsteigende, stufenförmige kulturelle Entwicklungen zustande kommen. Dieses aufklärerische, anthropologische und altruistische Denken brachte ihn dazu, Menschen und Dinge aus fremden Kulturen innerkulturell zu zeigen. Er sah in ihnen „Abdrücke ihres Volksgeistes“. In dem von ihm 1873 eingerichteten Völkerkundemuseum sammelte und präsentierte er mehr als 500.000 ethnographische Objekte aus afrikanischen, lateinamerikanischen, asiatischen und australischen Kulturen. Die Kult- und Kunstgegenstände gehören zu den bedeutendsten, weltweit bekannten, ethnologischen Sammlungen. Ihre Integration und Präsentation in das Humboldt-Forum ist in Vorbereitung. Die Diskussion über den rechtmäßigen und moralischen Besitz der Ethnographika und die Restitution im Rahmen der Provenienzforschung ist in vollem Gang.

H. Glenn Penny, Historiker der Universität in Iowa/USA, ist Experte für die Beziehungen zwischen Deutschland und den nicht-europäischen Kulturen. In seiner Studie zeigt er die tragische Geschichte der deutschen Ethnologie, der interkulturellen Sammlungsaktivitäten, der anthropologischen und Ideologischen Motive und des kolonialen Erbes der deutschen Museen auf. Die öffentlichen Diskussionen über Präsentationen und Zurschaustellung von Kultur-, Kult- und Kunstgegenständen aus anderen, außereuropäischen (exotischen) Kulturen hinken an einer entscheidenden Stelle: Sie sind Schau, die allzu leicht zur Exotik gerinnt und Missverständnisse produziert, und es fehlt weitgehend der Dialog auf Augenhöhe mit den Menschen, deren kulturelle Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich in den Objekten spiegelt.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, die der Autor mit „Zukunft in der Vergangenheit“ titelt, und in der er am Beispiel der Figur der „Kihawahine“, einem Kultgegenstand aus der Hawaii-Sammlung des Berliner Ethnologischen Museums, die Sammler-Aktivitäten von Adolf Bastian und anderen kritisch thematisiert und danach fragt, „was wir mit diesen Sammlungen heute tun sollen“, gliedert Glenn Penny seine Studie in fünf Kapitel und schließt sie mit einem Epilog ab. Im ersten Kapitel geht es um das „Sammeln von Ursprüngen“, um „Hawaiianische Federumhänge und Maya-Skulpturen“. Im zweiten Kapitel wird am Beispiel des Haida-Totempfahls und der Nootka-Adlermaske „Hypersammeln“ diskutiert. Im dritten Kapitel werden anhand der Bronzen aus Benin „Kolonialfragen“ behandelt. „Dauerhafte Sammelnetzwerke“ benennt der Autor im vierten Kapitel die Auseinandersetzung mit Guatemaltekischen Textilien. Im fünften Kapitel wird der Slogan „Die Vergangenheit in der Zukunft“ am Beispiel der „Maske des fliegenden Schwans“ ausgeführt. Im Epilog wird „Humboldt als Zugpferd“ strapaziert, indem der Autor sich kritisch mit der Entstehung der Idee, die ethnographischen Sammlungen in den Berliner Museen im „Humboldt Forum“ zusammenzufassen, den durchaus kontroversen und umstrittenen Planungen, bis hin zur baldigen Fertigstellung und Eröffnung des HF auseinandersetzt.

Es sind die spannenden, auch irritierenden Geschichten über den Erwerb von ethnographischen Objekten, von Machtfragen, imperialen und kolonialen Versuchungen und Versprechungen, die Abenteuer, die Bastian und andere Forschungsreisende in vielen Teilen der unbekannten Welt erlebten, die ihn als „Seelenfischer“ und Spurensucher auf Humboldts Wegen ausweisen. Es ist „Bastians Museum“, in dem die Fülle der ethnographischen Objekte in Vitrinen gezeigt und in Archiven gelagert werden.

Die zum Teil unhandlichen, schwer zu transportierenden, fingerhutkleinen bis zu gewichtigen und überdimensionalen Gegenstände, wie z.B. der Totempfahl der Haida und das Kanu, erfordern eine aufwändige und teure Transportlogistik und Helfer; und den ständigen Ausbau und Erweiterungen des Museums für Völkerkunde. Die Mittelbeschaffungen werden immer wieder durch fiskalische Kontrolle erschwert; die konzeptionelle Umgestaltung des Völkerkunde-Museums nach Bastians Tod durch Wilhelm von Bode (1906/07) als „Schau-Museum“ verfestigte die neue, ethnologische Richtung.

Die Plünderung und Aneignung von Kultobjekten aus Afrika ist eine der dunklen, europäischen Kolonialtaten, in der die Janusköpfigkeit Europas deutlich wird. Bronzefiguren und -tafeln, Elfenbeinschnitzereien, Schädel- und Knochensammlungen und zahlreiche andere Gegenstände motivierten Ethnologen und Sammler, sie nicht selten mit unlauteren Motiven und Mitteln zu erwerben. Ethnologen wie Felix von Luschan und andere bewirkten, dass heute afrikanische Ethnologen nach Europa reisen müssen, um in den dortigen Museen ihr kulturelles Erbe sehen zu können.

Die Beschaffung und der Erwerb von Artefakten durch deutsche Ethnologen und Museumsleute beruht nicht selten, wie das Beispiel der Sammlung der guatemaltekischen Textilien des Hamburger Völkerkunde-Museums zeigt, auf Jahrzehnte und sogar generationenlange Kontakten und Beziehungen mit ausgewanderten Deutschen: Der „Konnex“ kam zwar während der Kriegs- und Unruhezeiten zum Erliegen, konnte aber danach mühelos wieder aufgenommen werden und wirkt, auch im Rahmen der inter- und transkulturellen Kontakte bis heute.

Größere Verluste von Objekten erlitten die Museen durch Kriegseinwirkungen und durch die sowjetischen Trophäenbrigaden. Die Maske des fliegenden Schwans der Yupik-Indianer wurde vom norwegischen Sammler Adrian Jacobsen in den 1880er Jahren für das Bastian-Museum erworben. Sie hatte über Jahrzehnte im Berliner Völkerkundemuseum einen Ehrenplatz. Durch Bombenangriffe und Einnahme der Stadt zum Kriegsende wurde die mit Karibufell auf einem Fischbein bespannte Tanzmaske eines Schamanen geraubt. Sie kam erst 1990 durch langwierige Nachforschungen und Verhandlungen nach Berlin zurück.

Die Diskrepanz zwischen Bestand und öffentlicher Präsentation ist in der Museumsarbeit insgesamt allgegenwärtig; und damit auch das Ungleichgewicht, dass sich Museen einerseits zu „Schatzhäusern“ entwickelt haben, andererseits als „Schauhäuser“ nur einen Bruchteil der eigentlichen Informations-, Aufklärungs- und Forschungsarbeit leisten können. Wenn (Völkerkunde-) Museen Orte der „Produktion von Wissen über die Menschheitsgeschichte sein sollen, braucht es mehr als Schaustellung: Angesichts der Breite und des Umfangs der Sammlungen des Berliner Ethnologischen Museums sollte es eine Institution sein, die führt, statt zu folgen“.

Fazit

Glenn Penny schreibt die Geschichte der deutschen Ethnologie und Kultursammlung nicht in erster Linie für Profis, sondern für das allgemeine, interessierte Publikum. Das ist gut und wichtig, denn trotz, oder gerade wegen der scheinbaren allverfügbaren, aber meist oberflächlichen medialen Informationen über vergangene und gegenwärtige, fremde Kulturen, sind die ethnologischen Berichte und die Präsentationen in den Museen und ethnographischen Sammlungen nach wie vor Meinungsbildner. Sie sollen der Aufklärung dienen, dass nur eine friedliche, humane, vielfältige EINE WELT eine menschenwürdige Existenz der Menschheitsfamilie garantiert.

Pennys Studie, die sich wie eine Bestandsaufnahme der ethnologischen und ethnographischen Geschichte der deutschen Völkerkunde-Museen liest, informiert, erzählt, prospektiert und kritisiert. Das ist gut so!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.12.2019 zu: H. Glenn Penny: Im Schatten Humboldts. Eine tragische Geschichte der deutschen Ethnologie. Verlag C.H. Beck (München) 2019. ISBN 978-3-406-74128-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26397.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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