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Marion Brüggemann, Sabine Eder u.a.: Medienbildung für alle

Cover Marion Brüggemann, Sabine Eder, Angela Tillmann: Medienbildung für alle. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. ISBN 978-3-86736-555-0. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

Reihe: Schriften zur Medienpädagogik - 55.
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Thema und Entstehungshintergrund

Im November 2019 erschien der nächste Band der GMK-Schriftenreihe zu aktuellen Themen der Medienpädagogik (https://www.gmk-net.de). Er beinhaltet die Beiträge und die Diskussionsergebnisse des 35. GMK-Forums Kommunikationskultur, das an der Universität Bremen 2018 abgehalten wurde (https://www.gmk-net.de/). Die Herausgeberinnen und die Autorinnen fordern einen konsequenten Perspektivwechsel auf die Aufgaben der Medienpädagogik. Diese sollten angesichts der alltagsbeherrschenden Digitalisierung gerecht, partizipativ und inklusiv gestaltet werden. Nicht der Erwerb von Medienkompetenzen, sondern der Zugang zur Medienbildung steht jetzt im Mittelpunkt gegenwärtiger medienpädagogischer Bemühungen. Da das Mediale nun beinah alle Bereiche des Alltäglichen durchdringt, muss auch die digitale Teilhabe und digitale Partizipation allen Bürgerinnen und Bürgern möglich gemacht werden. Keine soziale Gruppe darf exkludiert oder benachteiligt werden, indem sie die digital bedingten gesellschaftlichen Veränderungsprozesse nicht mit gestalten kann. Die Komplexität der Aufgabe allen einen gerechten Zugang zu ermöglichen, besteht darin, dass zugleich diverse Akteur*innen sowohl aus der Politik, Kultur als auch Bildung angesprochen werden. In dem neuen GMK-Sammelband spiegelt sich diese Komplexität wider. Die Leser*innen finden hier einen medienpädagogischen Appell an die Politik, theoretische Positionen, Forschungsergebnisse und Praxisberichte. Es wird deutlich: Eine gelingende Medienbildung nimmt eine wichtige Rolle in Sozialisationsprozessen benachteiligter Menschen ein. Da die Medienbildung darüber hinaus ein Fundament eines selbstbestimmten, wirkungsvollen sozialen Lebens darstellt, kann sie zu einem gerechten gesellschaftlichen Miteinander wesentlich beitragen.

Der 55. Sammelband der medienpädagogischen Schriftenreihe bringt neue Impulse und Anregungen, die erlauben, die theoretische als auch empirische Seite des Problems kritisch zu beleuchten. Interessierten Leser*innen stehen ALLE Beiträge online, kostenneutral zur Verfügung (https://www.gmk-net.de).

Aufbau und Inhalt

Zu einer der relevantesten Veröffentlichungen gehört das Positionspapier der Fachgruppe Inklusive Medienbildung der GMK. »Medienbildung für alle: Medienbildung inklusiv gestalten« von Ingo Bosse, Anne Haage, Anna-Maria Kamin, Jan-René Schluchter und dem GMK-Vorstand (S. 207–221). »Die GMK-Fachgruppe vertritt die Auffassung, dass Medienbildung für die Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe und Zugehörigkeit grundlegend ist und folglich integraler Bestandteil von Bildungsprozessen sein muss. Rechtlich verankert ist diese Forderung in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, in der Medien eine Schlüsselstellung bei der Erreichung voller und wirksamer Teilhabe an der Gesellschaft zugesprochen werde“ (S. 207).

Beginnend halten die Autor*innen fest, dass das Inklusionsverständnis im breiten Kontext verschiedener Heterogenitätsdimensionen anzuwenden sei, indem nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern ebenfalls mit Benachteiligungen aufgrund von sozialer und/oder kultureller Herkunft, Geschlecht und Alter mitbedacht werden. Die Aufgabe der Medienbildung bestünde darin, jeglichen Prozessen sozialer Exklusion – die sowohl auf ungleichen Lebensbedingungen, als auch Strukturen sozialer Spaltung beruhen – entgegenzuwirken. Demnach ist eine Medienbildung anzustreben, die zu einer gelingenden Teilhabe „in Medien, an Medien und durch Medien“ führt, die:

  1. die Vielfalt unserer Gesellschaft in Medien wiedergibt, wenn sowohl adäquate Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den Medien unterstützt wird, als auch Menschen mit Behinderungen in Medienredaktionen zu festen Teammitgliedern werden,
  2. eine barrierefreie Teilhabe verwirklicht,
  3. eine partizipative Beteiligung in allen Lebensbereichen – im schulischen, beruflichen, privaten politischen, kulturellen etc. Kontext – verwirklicht.

Eine Vertiefung der im Positionspapier ausgeführten Aspekte bekommen die Leserinnen durch einen Versuch einer intersektionalen Perspektive auf digitalisierte Medienkulturen, „Check your privilege“ von Ricarda Drüeke (S. 21–33), bei Ingo Bosse, Anna-Maria Kanin, Jan-Renè Schluchter „Inklusive Medienbildung. Zugehörigkeit und Teilhabe in gegenwärtigen Gesellschaften“ (S. 34–52), als auch in dem Interview mit Judyta Smykowski, das Sabine Eder durchgeführt hat: „Mainstreaming – Gleichstellung von Menschen mit Behinderung als Querschnittsaufgabe“ (S. 105–113). Wie eine Frau in Mainstream-Spielfilmen gezeigt wird, erlaubt, über vorherrschende gesellschaftliche Machtverhältnisse und Geschlechterrollen zu spekulieren. Inzwischen haben sich die Kriterien einer feministischen Filmanalyse unter allen anderen Methoden filmischer Interpretation gut etabliert. Die Förderungen um eine gebührende Teilhabe in und durch Medien stellt Judita Smykowski in ihrem Interview exemplarisch dar. Die US-amerikanische Aktivist Andrew Pulrang hat einen Tyrion-Test entwickelt. »Der Name des Tests bezieht sich auf den Charakter Tyrion Lannister aus der Serie »Game of Thrones«, gespielt vom kleinwüchsigen Schauspieler Peter Dinklage. In dem Test untersucht Pulrang, ob z.B. Figuren mit Behinderung nicht nur hilfsbedürftig und passiv, sondern auch aktiv und selbstermächtigt dargestellt werden. (…) Im Film »Die Goldische« (… hat J. Smykowsky) angeregt, am Plot etwas zu ändern und in den Begegnungen von nichtbehinderten und behinderten Menschen ein wenig das Mitleid rauszunehmen. So begegnen sich die Figuren mehr auf Augenhöhe. Das entspricht auch den Aspekten, wie sie im Tyrion-Test genannt werden“ (S. 106).

Neben weiteren relevanten Wortmeldungen fallen insbesondere Beiträge von Ingrid Paus-Hasebrink „Teilhabe unter erschwerten Bedingungen – Mediensozialisation sozial benachteiligter Heranwachsender. Zur Langzeitstudie von 2005 bis 2017“ (S. 117–129), Torben Kohring, Dirk Poerschke, Horst Pohlmann „Computerspielsucht oder digitale Bewältigungsstrategie? Medienpädagogische Implikationen zur Klassifizierung von exzessivem Spielverhalten als Krankheit“ (S. 91–104) als auch Wolfram Hilpert „Einfach für Alle! Politische Bildung und Inklusion. Zum Konzept inklusiver Materialien der politischen Bildung. Das Beispiel der multimedialen bpb-Reihe „einfach POLITIK:«“(S. 177–191), auf. Alle drei Beiträge verdeutlichen, wie breit die Themenpalette gegenwärtiger Diskurse um Benachteiligung und Mechanismen der Mediensysteme ausfällt. Einerseits zeigt es sich, dass mit Hilfe von fachdidaktischen und inklusionspädagogischen Erkenntnissen, die Entwicklung medialer Angebote einer anspruchsvollen politischen Bildung mit inklusiven Zielen gelingt (Hilpert). Dazu benötigt man hohe professionelle Standards, im Fall der politischen Onlinebildung sind es eine verständliche jedoch keine vereinfachte Sprache, multimediale aber gleichwohl gut überlegte Vermittlungswege und ein weitgreifendes Verständnis der Adressatengruppe. Anderseits kann man auf soziale (Paus-Hasebrink) als auch marktwirtschaftliche (Kohring et. all) Faktoren hinweisen, die eine Benachteiligung in Mediennutzung systemisch konstituieren.

Einen neuen, viel versprechenden Ansatz für die nachfolgenden wissenschaftlichen Diskurse und inklusive Forschungsansätze über Behinderung und Medien bringt eine kleine Studie von Sonja Ganguin und Ronja Schlemme „Mediennutzung blinder Menschen und Implikationen für die inklusive Medienbildung“ (S. 143–160). Die Autorinnen stellen Ergebnisse ihrer explorativen Studie mit sechs (er)blinde(te)n Menschen vor. Die bis dato vorhandenen Studien greifen die Herausforderungen, die mit der Mediennutzung einhergehen und die Potenziale, die eine Mediennutzung Menschen mit Behinderungen geben kann, vordergründig auf. Dagegen suchen Ganguin und Schlemme die Antworten in qualitativen Verfahren, die die Perspektive der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen. Ihre problemzentrierten Interviews haben gezeigt, dass die (er)blinde(te)n Menschen unterschiedlich Medien nutzen und für unterschiedliche Ziele, dass sie ihre eigenen Nutzungspräferenzen und -Routinen haben und jeweils eigene Strategien entwickeln mit den existierenden Barrieren umzugehen. „Es wurde insgesamt in den Interviews deutlich, dass unterschiedliche Bedürfnisse die jeweilige Nutzung sowie Aneignungspraktiken beeinflussen können“ (S. 152). Demnach kann man z.B. von einem Eskapistischen-, Neugierigen-, Einfallsreichen-, Resoluten-, Selbstbewussten- oder Bodenständigen-Nutzertypen ausgehen. Im Vergleich der gesammelten Erfahrungen mit medienpädagogischen oder medienbildenden Projekten blinder und nicht-blinder Menschen werden die Herausforderungen oder auch dingende Verpflichtungen deutlich:

„Eine generalisierende Aussage über die Mediennutzung blinder Menschen ist an dieser Stelle nicht möglich. Dennoch fällt (…) auf, dass, wenngleich das Interesse an Medien gegeben ist, Medien von den Befragten selten zum Selbstausdruck und zur Artikulation genutzt werden. Auffällig ist auch, dass von den Interviewten bisher niemand an einem medienpädagogischen Projekt teilgenommen hat oder selbst produktiv war, z.B. einen Blog oder einen YouTube-Beitrag gestaltet hat. Die Teilnehmer*innen haben Medien als Instrumente der Artikulation von Bedürfnissen noch nicht (für sich) entdeckt“ (S. 156).

Diskussion

Marion Brüggemann, Sabine Eder und Angela Tillmann haben mit der aktuellen Ausgabe der Schriftenreihe der GMK „Medienbildung für alle – Digitalisierung. Teilhabe. Vielfalt.“ einen wichtigen Beitrag zur Fortführung des gesellschaftlichen Engagements zugunsten von Menschen mit Behinderungen und Benachteiligungen auf eine barrierefreie, uneingeschränkte, gerechte und selbstbestimmte gesellschaftliche Partizipation geleistet. Aus der Perspektive der Medienpädagogik ist hervorzuheben, dass der neue Aufgabenbereich somit eine theoretische und empirische Etablierung erfährt. Wenn in die Geschichte der Medienpädagogik ca. alle 20 Jahre neue pädagogische Ansätze und Methoden Einzug finden, markiert diese Veröffentlichung vielleicht einen neuen Status quo. Dieser wird uns womöglich erlauben, 2020 als einen Anfang neuer inklusiver medienpädagogischer Ansätze und Methoden zu markieren.

Fazit

Interessierte Medienpädagog*innen finden in dem Sammelband alle relevanten Informationen über aktuelle Diskurse, empirische Studien und gute Praxisbeispiele. In der Studie von Ganguin und Schlemme (S. 143–160) vermuten die blinden Befragten, dass die Barrieren deswegen so langsam abgebaut werden, da viele sehende Menschen sich der existierenden Barrieren nicht bewußt seien. Nun kann man hoffen, dass der 55. Sammelband zu Veränderung dieser Situation rasch beitragen kann.


Rezension von
Prof. Dr. Anna Zembala
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Zitiervorschlag
Anna Zembala. Rezension vom 16.09.2020 zu: Marion Brüggemann, Sabine Eder, Angela Tillmann: Medienbildung für alle. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. ISBN 978-3-86736-555-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26413.php, Datum des Zugriffs 18.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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