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Matthias Burchardt, Jochen Krautz: Im Hamsterrad

Matthias Burchardt, Jochen Krautz: Im Hamsterrad. Schule zwischen Überlastung und Anpassungsdruck - Time for Change? Teil II. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. 151 Seiten. ISBN 978-3-86736-557-4. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR.
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Verantwortung für die Wahrheit tragen

Mit dem Bild des „Hamsterrads“, eigentlich eines (sinnvollen?) Instruments, einem in einen Käfig gesperrtem (Haus-)Tier die Möglichkeit zu bieten, seinen Bewegungsdrang zu befriedigen, wird im übertragenen Sinn eine Situation dargestellt, wenn Menschen über Stunden, Tage und Jahre das Gleiche tun – automatisch, freiwillig oder gezwungenermaßen. Es sind Begründungen wie: „Da kann man nichts anderes machen!“ – „Das ist notwendig!“ – „Das haben wir schon immer so gemacht!“ – „Das haben wir noch nie so gemacht!“. Die Alternative ist der Perspektivenwechsel, wie ihn klassisch und eindringlich die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) als Appell für individuelles, lokales und globales Denken und Handeln formuliert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Weil Wissenschaft Wissen schafft, ein Wissen nämlich, das auf Wahrheit gründet, ist die Wissenschaft in besonderer Weise aufgefordert, wenn sich gesellschaftlich Tendenzen zeigen und entwickeln, Wahrheiten durch Fake News zu ersetzen, Wirklichkeiten zu verdrehen und Follower zu rekrutieren, die sich mit unzulänglichen und simplen Ja-Nein-Antworten und Lösungen zufrieden geben und die Wahrheitssucher diskriminieren. Das Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Meinungsfreiheit ist Voraussetzung für ein freies, demokratisches und selbstbestimmtes Leben. Bildung als Entwicklung der Conditio Humana ist das Instrument dafür. Die Bildungsinstitutionen Schule und Hochschule bereiten sie vor und ermöglichen sie. Dort, wo diese ideologisiert und manipuliert werden, entstehen totalitäre Tendenzen. Sie werden besonders in der digitalen Welt wirksam, und sie müssen den objektiven Wahrheitssuchern Sorge bereiten: „Die Wirklichkeit der seit Beginn der 1990er Jahre und erst recht seit den PISA-Studien auf Dauer gestellten Schulreformen (entwickelt) zunehmend totalitäre Züge (…).“

WissenchaftlerInnen haben 2018 und 2019 zwei wissenschaftliche Fachtagungen an den Universitäten in Köln und Wuppertal durchgeführt. Bei der ersten (I) ging es um die „Schule zwischen Bildungsauftrag und manipulativer Steuerung“ (Jochen Krautz/Matthias Burchardt, Hrsg., Time for Change?, 2018 ). In der zweiten (II), 2019, wurde „Schule zwischen Überlastung und Anpassungsdruck“ thematisiert. Der Sammelband mit diesen Ergebnissen wird hier vorgestellt.

Aufbau und Inhalt

Der Tagungsband 2019 wird in fünf Kapitel gegliedert. Im ersten führt Jochen Krautz mit dem Beitrag: „Rasender Stillstand: Eine Typologie des schulischen Hamsterrads“ in die Thematik ein. Das zweite Kapitel wird überschrieben mit „Überlastung“; das dritte mit „Schulentwicklung“; das vierte mit „Schulinspektion“; und im Schlusskapitel geht es um „Lehrerausbildung“.

„Time for Change“ – diese Aufforderung gilt für alle Lebens- und Schaffensbereiche der Menschen. Für das „Change-Management“ werden drei grundlegende Aktivitäten vorgeschlagen:

  • Auftauen, mit den Veranlassungen: Leidensdruck erhöhen – Führungsteam entwickeln – Die richtige Vision erarbeiten; 
  • Bewegen, mit: Positiv kommunizieren – Aktivität ermöglichen – Für schnelle Erfolge sorgen;
  • und Festigen: Nicht aufgeben! – Den Wandel verankern.

Die Signale und Wirkungen, die das Hamsterrad aussendet, zeigen sich im Schulischen durch Burnout, wenn bei den Beteiligten die Grenzen der Belastbarkeit überschritten werden; bei den direkten und indirekten, bewussten und unbewussten Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen, die von Krautz als „Subjektivierungs-Apparat“ bezeichnet werden; der „Partizipations-Attrappe“, mit der scheinbare Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten vorgegaukelt werden; mit dem „Innovations-Index“ und der Lüge: „Jeder ist seines Glückes Schmied“.

Die Ökonomin und Philosophin von der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues, Silja Graupe, zeigt mit den Ausrufezeichen Parolen: „Verändere! Dich! Jetzt!“ die alltäglichen und speziellen Verläufe und Einflüsse auf, wie ökonomisches Wachstumsdenken und -tun Überlastungswirkungen – auch in der Schule – zum Alltag macht. Es ist die „Atomisierung unseres Zeitverständnisses“ – „Allzeit bereit!“; „Ich will alles, und das sofort!“ – dass das Individuum und die Gesellschaft zu Getriebenen machen.

Die Pädagogin von der Gesamtschule Emschertal, Claudia Schadt-Krämer, formuliert ein „Trotz alledem“, indem sie mit literarischen Texten so etwas wie Lebenslehren entwickelt, die im konkreten Unterricht und in der Bildung und Erziehung von SchülerInnen eingesetzt werden können.

Matthias Burchardt nimmt sich mit der Paradoxie „Entwickelte Schule – abgewickelte Freiheit“ die sich entwickelnden Angriffe auf die „pädagogische Freiheit“ von Bildung und Lehre vor. Bildung und Erziehung wird mit den propagierten und getakteten, selten analysierten Schulentwicklungsprogrammen „auf die Problemlösungsfunktion reduziert“. Dass es Alternativen dazu gibt, vermittelt der Autor eingängig (siehe auch: Reinhard Mehring, Die Erfindung der Freiheit. Vom Aufstieg und Fall der Philosophischen Pädagogik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24040.php).

Der Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule Zug/Schweiz, Carl Bossard, plädiert mit dem Beitrag „Freiheit als pädagogisches Elixier“ für eine Wiederentdeckung und Etablierung des pädagogischen Freiheitsbegriffs. Er schreibt all denen ins Stammbuch, die im Funktionieren die alleinige, wirksame Lösung beim friedlichen, gerechten, gleichberechtigten und menschenwürdigen Miteinander sehen: „Freiheit steckt in jeder Lehrer-DNA. Sie ist der Kern des pädagogischen Wirkens.“

Der Heidelberger Erziehungswissenschaftler Karl-Heinz Dammer eröffnet das Kapitel „Schulinspektion“ mit einem Text, in dem er den „sanften Inspektor“ vorstellt und die Institution „Schulinspektion als Erziehungsmaßnahme“ denkt. Es ist der Spagat, der sich grundsätzlich zwischen Regulation und Moderation, Überwachung und Selbstständigkeit auftut. Im wissenschaftlichen, theoretischen und praktisch-methodischen Diskurs kommt es darauf an, die Instrumente Führen, Steuern, Korrigieren, Beraten und Umsetzen sachgerecht und situationsgerecht einzusetzen.

Der Berliner Schulleiter Michael Rudolph setzt bei „Schulinspektion“ ein Fragezeichen. Nicht, weil er die Institution ablehnt, sondern weil er Inspektion als den Blick weg von der Kontrolle, hin zur kritischen Beobachtung favorisiert und dies am Beispiel seiner Schule verdeutlicht.

Der Schultheoretiker und Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin analysiert mit dem Lagebericht „Wie man Wissenschaft marginalisiert und zur Akzeptanzbeschaffung umfunktioniert“ die Entwicklungen, wie sie sich in der akademischen Lehrerausbildung darstellen. Es ist das alte, ungelöste und auch im Diskurs der Lehreraus- und -fortbildung immer wieder beiseitegelegte Problem von Theorie und Praxis beim Lehren und Erziehen in der Schule. Sein Plädoyer: „Es gibt in nachmetaphysischen und offenen Gesellschaften kein vorab festzulegendes Ineinandergreifen von Wissensformen und Lebenswelten mehr. Der Fortschritt in Wissenschaft und Technik rührt ja gerade daher, dass Wissen und Handeln nicht verbunden… sind, sondern sich wechselseitig beobachten und kritisieren“.

Fazit

N.N., eine (r) der/die auszog, das Lehren zu lernen, schreibt zum Abschluss der Konferenzen „Time for Change“ an die Herausgeber einen Brief, in dem er/sie seine/ihre Erfahrungen im Referendariat zum Ausdruck bringt. In acht Punkten begründet er/sie, warum es schwierig ist, (k)einen Text über das Referendariat zu schreiben. Es ist der „Referendariats-Sprech“, und es sind die überkommenen und übernommenen Situationen und Ordnungsvorstellungen, die den/die Referendar/in zum Schluss kommen lässt, dass es für die schulalltägliche Praxis wichtiger sei, sich für die geplanten Unterrichtsbesuche vorzubereiten und an der work-life-balance zu arbeiten, als sich mit „theoretischem Zeug“ auseinander zu setzen – eine bezeichnende, beunruhigende und zum Perspektivenwechsel auffordernde Lagebeschreibung. Umso mehr ist „Time for Change“ angesagt!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.12.2019 zu: Matthias Burchardt, Jochen Krautz: Im Hamsterrad. Schule zwischen Überlastung und Anpassungsdruck - Time for Change? Teil II. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. ISBN 978-3-86736-557-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26415.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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