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Max Fuchs: Rechtes Denken und Kulturpessimismus

Cover Max Fuchs: Rechtes Denken und Kulturpessimismus. Rechtes Denken und Kulturpessimismus. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. 201 Seiten. ISBN 978-3-86736-529-1. D: 18,80 EUR, A: 19,40 EUR.
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Rechtes Denken und Handeln

Im lokalen und globalen gesellschaftspolitischen Diskurs sind die Richtungsbezeichnungen „Rechts“ und „Links“ als Zuordnungs- und Identifikationsmuster für politische Auffassungen und Einstellungen gebräuchlich. Sie werden historisch zurückgeführt auf die Sitzordnung in der Nationalversammlung nach der Französischen Revolution. Auf der linken Seite saßen die Abgeordneten, die für eine Veränderung der traditionellen Gesellschaftsordnung eintraten, während rechts diejenigen Platz nahmen, die sich für den Erhalt des Bestehenden einsetzten. Das Rechts-Links-Schema wird seitdem in vielen (demokratischen) Parlamenten eingehalten, auch im Deutschen Bundestag. Die Unterscheidung lässt sich ganz gut in den Parolen „Demokratie wagen“ (Willy Brandt = Links) und „Keine Experimente“ (Helmut Kohl = Rechts) ausdrücken. Eine Zuspitzung erhält der Vergleich, dass in der aktuellen Wahrnehmung von rechter Politik eher nationalistische, ethnozentristische, rassistische, völkische und populistische Einstellungen und Gefolgschaften bezeichnet werden, während mit linker Politik freiheitlich-demokratische und sozial(istisch)e (Welt-)Anschauungen gemeint sind. In den sozial- und politikwissenschaftlichen Analysen freilich wird diese Schematik differenzierter betrachtet (vgl. z.B. dazu: Stefan Brunnhuber, Die offene Gesellschaft. Ein Plädoyer für Freiheit und Ordnung im 21. Jahrhundert, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25426.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Die lokalen und globalen Tendenzen zum extremistischen und fundamentalistischen Denken und Tun nehmen zu. Es sind rechtsextremistische Einstellungen und Ideologien, die sich in nationalistischen, rassistischen, egozentristischen, völkischen, demokratiefeindlichen und populistischen Parolen ausdrücken. Sie geben vor zu wissen, wie die Welt für die Menschen besser werden kann. Es sind meist allzu einfache Antworten auf komplizierte sowie differenzierte Fragestellungen und Entwicklungen. Rechtsextreme beanspruchen „ihre“ Meinungsfreiheit; das Recht auf Freiheit der Meinung und der Meinungsäußerung, wie dies in Artikel 19 der allgemeingültigen und nicht relativierbaren Menschenrechtsdeklaration zum Ausdruck kommt, wird von Rechtsextremen abgelehnt. Besonders rechtsextreme Bewegungen treten mit Rezepten, Lügen und Fake News auf, um die Menschen für ihre radikalen Parolen zu gewinnen. Mit den Instrumenten der Vorurteilsschürung und Geschichtsverklitterung werden Ideologien verkündet; etwa, dass das Eigene über dem Fremden stehe, das Nationalistische über dem Internationalen, das Traditionalistische über dem Faktischen, das Falsche über dem Wahren. Weil politische Einstellungen weder angeboren noch genetisch bedingt sind, gilt auch: Zum Rechtsextremisten wird man nicht geboren, sondern gemacht! Gegen das Gift des Extremen gibt es nur die Aufklärung! Sie kann allein durch Bildung erworben werden! (Bente Gießelmann, u.a., Hrsg., Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25964.php).

Der Erziehungswissenschaftler und Kulturanthropologe von der Universität Duisburg-Essen, Max Fuchs, thematisiert den Zusammenhang von Bildung und individueller und kultureller Entwicklung in zahlreichen, curricularen, didaktischen Schriften (Bildung und kulturelle Entwicklung des Menschen. Zur Genese und Transformation von Welt- und Selbstverhältnissen in pädagogischer Perspektive, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22681.php) und Reflexionen über Bildungs- und Schulentwicklung (Die Kulturschule und kulturelle Schulentwicklung. Grundlagen, Analysen, Kritik. Band 2: Zur ästhetischen Dimension von Schule, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20555.php). 

Mit der Studie „Rechtes Denken und Kulturpessimismus“ nimmt er die pädagogische Herausforderung zur Selbst- und Weltbetrachtung auf, indem er auf die historischen, ideengeschichtlichen Entwicklungen verweist und die globalen Veränderungsprozesse einbezieht. In den wissenschaftlichen Untersuchungen über „rechtes Denken“ wird deutlich, dass die simple Einschätzung – Links = gut, Rechts = schlecht – nicht weiterführt. Es ergeben sich dabei zumindest zwei bedenkenswerte Erkenntnisse: Zum einen wird deutlich, dass rechtsradikalem Bewusstsein, wenn es sich erst einmal gefestigt und etabliert hat, mit freiheitlichen, demokratischen und humanen Gegenargumenten kaum beizukommen ist; zum anderen bedarf es bei der Abgrenzung zu rechtspopulistischen Positionen der Unterscheidung zwischen (demokratisch legitimierten) konservativen und (verfassungsfeindlichen) rechtsradikalen Auffassungen. Max Fuchs bringt in seiner Forschungsarbeit nun die beiden Imponderabilien „Rechtes Denken“ und „Kulturpessimismus“ zusammen und fragt, ob es zwischen diesen eine „Wahlverwandtschaft“ gibt.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und den Schlussbemerkungen gliedert der Autor das Buch in drei Kapitel. Im ersten stellt er die „Wurzeln und Erscheinungsformen rechten Denkens“ vor; im zweiten zeigt er „rechtes Denken in unterschiedlichen historischen Etappen“ auf; und im dritten Kapitel fragt er danach, wie „Kunst, Kultur, Pädagogik und Politik“ auf rechtsradikales Denken reagiert. Das Werkzeug, das er dafür benutzt, lässt sich als „historische Semantik“ bezeichnen, den Fragen danach, welche Begrifflichkeiten, Wirkungen, Wahrnehmungsformen und Denkfiguren rechtes Denken erzeugen, festsetzen und verändern, und zwar individuell, als auch lokal- und global-kollektiv.

In den Alltagswahrnehmungen, den Bildungs- und Erziehungsparametern wird deutlich, dass „abseitiges“ Denken menschengemacht ist und auch nur lernend und aufklärend von Menschen verändert werden kann. Es sind die intellektuellen, mentalen und logischen Fertigkeiten, die rechtspopulistischen Kakophonien Paroli bieten können. Es ist die Kantische Aufforderung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – und es sind die kulturell und verfasst entwickelten Werte- und Normenvorstellungen – die und nur die rechtspopulistischen Fake News Paroli bieten können.

Bei der Reflexion über die Genese rechten Denkens und rechter Argumentationsmuster gilt es zu bedenken, dass in den kulturellen und mentalen Entwicklungen der Gemeinschaften sich unterschiedliche, vielfältige, positive und negative Formen herausgebildet haben. Sie zeigen sich in Eigenschaften und Stereotypen, die sich ausdrücken in Feststellungen wie „Die Deutschen…, Russen… Chinesen… Afrikaner… sind…“. Die Zuordnung von Gesellschaften und Kollektiven zu individuellen Charakter- und Persönlichkeitsmerkmalen ist ein probates Mittel für Ideologie und Indoktrination.

Der Blick auf die Entwicklung von menschenfeindlichen Stereotypen in Deutschland zeigt die personalisierten und nationalistisch geformten Muster für individualisiertes und kollektives Denken und Handeln, etwa zu Fragen von „Heldenverehrung“ und „Untertanengeist“. Es sind illusorische, utopische oder visionäre Vorstellungen, die in Erzählungen, Märchen und Sagen weitergegeben, und in Versprechen angepriesen werden (vgl. z.B. dazu auch: Jost Hermand, Die Utopie des Fortschritts. 12 Versuche, Verlag Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2007, 242 S.). Es sind Bevölkerungsgruppen, wie z.B. das „Bürgertum“, die traditionalistisches, völkisches Denken konservieren; und es sind Epochen, in denen rechtes Denken angesagt, gefördert und verlangt wurde, wie etwa im deutschen Kaiserreich und im Nationalsozialismus.

Die Ergebnisse und Auswirkungen auf Individuen und Gemeinschaften sind verheerend, und sie wirken bis heute. Als Beispiele können die soeben neu aufgelegte Studie von Klaus Theweleit „Männerphantasien“ (2019, www.socialnet.de/rezensionen/26436.php), wie auch die Studie „Deutungsmacht von Zeitdiagnosen“ (2019, www.socialnet.de/rezensionen/25798.php ) angesehen werden. Es gilt den Blick zu richten auf die Demagogen, die weltweit ihre rechten Süppchen kochen und sich die wahren und gedachten Ängste und Beunruhigungen der Menschen für ihre rechten Ideologien zunutze machen: „Man kann von der These ausgehen, dass die unzureichende Erfüllung der Versprechungen der Moderne ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Unzufriedenheit mit der politischen Ordnung und damit auch die Akzeptanz rechter Positionen wachsen“.

Bei der Frage, wer die (intellektuellen) Stichwortgeber für rechtes Denken sind, geraten wir in das Dickicht und auf die Bühne des kulturellen, künstlerischen und Vorbildschaffens des Volkes. Max Fuchs nennt in diesem Zusammenhang den Schriftsteller Thomas Mann, den Regisseur Gustav Gründgens, den Dirigenten Wilhelm Furtwängler, Stefan George… Und er zeigt die charakteristischen Instrumente auf, mit denen rechtes Denken in den Gesellschaften etabliert wird: Musik, Sprache, Medien und Konsum.

Fazit

Die intellektuelle, ästhetische und kulturelle Bildung in der Schule und in der Erwachsenenaufklärung kann ein Bollwerk gegen rechtes Denken sein. Die Besinnung darauf, dass der zôon politikon, das politische, menschliche Lebewesen, in der Lage ist, selbst zu denken, sich Allgemeinurteile bilden und zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Diese Fähigkeit gilt es zu erkennen und zu entwickeln. Die Alternative zu rechtem Fake-Denken ist eindeutig: Es ist die Aufklärung, die allein zur kulturellen Identität führt!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.02.2020 zu: Max Fuchs: Rechtes Denken und Kulturpessimismus. Rechtes Denken und Kulturpessimismus. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. ISBN 978-3-86736-529-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26416.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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