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Robert Graner: Perspektiven interkultureller Kommunikation in der Entwicklungszusammenarbeit

Cover Robert Graner: Perspektiven interkultureller Kommunikation in der Entwicklungszusammenarbeit. Eine ethnographische Studie zu touristischer Entwicklung in Ecuadors Amazonasgebiet. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2019. 297 Seiten. ISBN 978-3-8382-1353-8. D: 39,90 EUR, A: 41,00 EUR, CH: 46,90 sFr.

Reihe: Kultur - Kommunikation - Kooperation - Band 24.
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Thema

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Kontextualisierung in der Entwicklungszusammenarbeit in Bezug auf die Interkulturelle Kommunikation am Beispiel von Ecuador.

Gewählt wird ein vorurteilsfreier Ansatz gegenüber Zielen und Entwicklungen oder Wert indigener Wissensbestände. Entgegen des Ethnozentrismus wird ein ethnologischer Metadiskurs fokussiert und die Vielfalt verschiedener Perspektiven auf individueller Ebene gegenübergestellt.

Die Publikation soll dazu dienen, die Kooperation in der Entwicklungszusammenarbeit besser zu verstehen (Stichwort: Beachtung des Entwicklungskontextes) und zu einer besseren Verständigung sowie einer nachhaltigeren Entwicklungsarbeit beitragen. Der Autor bedient sich dabei der Gegenüberstellung von praktischen Perspektiven im Projekt mit theoretischen Wurzeln in wissenschaftlichen Diskursen. Zudem wird durch die Verknüpfung großer theoretischer Strömungen mit lokaler Interaktion eine bessere Verständigung in der Zukunft und eine nachhaltige Entwicklungsarbeit angestrebt.

AutorIn und Entstehungshintergrund

Zu Beginn legt Robert Graner (Doktorand am Institut für Interkulturelle Kommunikation und Kooperation an der Ludwig-Maximilians-Universität in München) Wert auf den Hinweis: „Ich (…) schreibe ausdrücklich aus meiner persönlichen Perspektive, die durch meinen kulturellen, sozialen und ökonomischen Hintergrund geprägt ist“ (S. 12). Entsprechend verbindet der Autor (Profession: Sozial- und Sprachwissenschaften) theoretische Darstellungen in Kombination mit seinen praktischen Erfahrungen in Ecuador. Sein ethnologisches Interesse ist die Lebensweise der indigenen Achuar und Shuar Ecuadors. Der Autor studierte Soziologie, Politikwissenschaften, Sprach- und Kulturwissenschaften an den Universitäten Augsburg und Jaén (Spanien) sowie an der LMU.

Aufbau und Inhalt

Zu Beginn werden die zentralen Begriffe „Kultur“, „Interkulturelle Kommunikation“ und „Entwicklung“ (als normatives Konzept, Entwickeln und Sich-Entwickeln, Ethnozentrismus, ökonomische Prägung, Entwicklung als Entwicklungszusammenarbeit) kurz und knapp angeschnitten.

Im nächsten Kapitel thematisiert der Autor das Forschungsfeld sowie die Rahmenbedingungen der Datenerhebung in Deutschland und Ecuador. Dabei beschreibt er die methodische Herangehensweise (zahlreiche Hinweise zu ethnographischen Zielsetzungen quer durch die letzten Jahrzehnte), die Datenerfassung durch teilnehmende Beobachtung und praktische Aspekte der Feldforschung. Dies erfolgt in kritischer Auseinandersetzung mit seiner Rolle als deutscher Forscher in Lateinamerika.

Im darauffolgenden Kapitel werden kontextuelle Aspekte (z.B. geografische, soziale, kulturelle, politische, organisatorische) der Datenerhebung im Rahmen der ethnologischen Forschung mit Indigenen in Ecuador beschrieben. Dabei geht er auf die Geographie und die Bevölkerung Ecuadors ein – unter besonderer Berücksichtigung der Indigenen in abgelegenen Regenwaldgebieten – mit kritischem Fokus auf historische, politische, sozioökonomische und soziokultureller Aspekte, bevor er die Position von NGOs in Ecuador beleuchtet.

Im Kapitel 5 werden verschiedene theoretische Forschungsrichtungen im Diskurs von Entwicklungszusammenarbeit vorgestellt, beginnend mit dem Mainstream der Development Studies (klassisches Entwicklungsparadigma, Chronologie der Entwicklungszusammenarbeit von beispielsweise Modernisierungstheorien, Dependenz- und Imperialismustheorien, Klima- und Ökologietheorien bis zum 21. Jahrhundert und der Entwicklung als Projektmanagement), über das zweischneidige Schwert des Ökotourismus als Methode der Entwicklung, vielseitige Aspekte des Post-Developments sowie der Entwicklungskritik bis hin zur Einbindung von Ethnologie und Interkultureller Kommunikation.

Im nächsten Kapitel erfolgt eine Gegenüberstellung der in Kapitel 5 diskutierten theoretischen Perspektiven mit praktischen Situationen und Meinungen (Interviewdaten). Dabei wird fokussiert, auf welche Weise diese Theorien in der Kommunikation über die Entwicklungsprojekte zum Ausdruck kommen. Ergänzend zu den stark auf theoretischen Diskursen fokussierten Aspekten folgt ein abschließendes Unterkapitel über Perspektiven in Interaktion. dDabei werden die Arten von Missverständnissen und Konflikten, die aus der Begegnung der unterschiedlichen Perspektiven entstehen, näher untersucht.

Das abschließende Kapitel widmet sich einer kurzen Zusammenfassung. Es formuliert ein Fazit sowie Erkenntnisse für weitere Forschung.

Diskussion

Entsprechend Poppers Empfehlung (1971), die Ergebnisse einer Studie „… in der einfachsten klarsten und bescheidensten Form dazustellen“ war der Autor bemüht, in Ausdrucksweise und Schreibstil nach dem Prinzip „so komplex wie nötig so einfach wie möglich“ vorzugehen (Seite 11). Dies ist ihm sicherlich gelungen.

Ausgangspunkt ist die sehr breite Forschungsfrage: „Wie gelingt interkulturelle Kommunikation in der Entwicklungszusammenarbeit?“ (S. 16–22). Zahlreiche aktuelle und historisch relevante Theorien und Publikationen sind dabei zu finden. Dabei werden disziplinübergreifend Phänomene und die Multiperspektivität der Entwicklungszusammenarbeit bearbeitet. Hervorragend wird auf ausgewählte Fragestellungen der Internationalen/​Interkulturellen Kooperation auf gleicher Augenhöhe durch die ethnographische Forschung am Beispiel des Amazonasgebietes in Ecuador eingegangen. Die Notwendigkeit der Aushandlung unterschiedlicher Perspektiven,die Gleichberechtigung dieser Sichtweisen wird dabei als wirksames Mittel gegen die grundlegenden globalen Machtungleichgewichte diskutiert. Ebenso gelungen ist dem Autor der Theorie-Praxis-Bezug; unzählige Alltagserfahrungen des Forschers in Ecuador verdeutlichen stets relevante Aspekte.

Der Autor erhebt allerdings auch den Anspruch, dass die vorliegende Arbeit dazu dienen soll, die Zusammenarbeit im Entwicklungskontext besser zu verstehen. Intention des Autors ist eine Art Evaluation des Projektes aus wissenschaftlicher Perspektive. Sozialwissenschaftler könnten ggf. eine Definition von Evaluation, ein Evaluationsmodell, ein Wirkungsmessungsmodell, einen Bezug zur Deutschen Gesellschaft für Evaluation (DeGEval). o.ä. vermissen. Allerdings wird in puncto Publikation aus diesem Jahrtausend kurz auf Borrmann, Axel; Stockmann, Reinhard (2009a und b: Evaluation in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit) sowie die OECD (2005, Erklärung über die Wirksamkeit der EZ) Bezug genommen. Belohnt wird der Leser dafür durch eine kulturwissenschaftliche und ethnologische Betrachtung des Themas.

Auch wenn es sich um eine Studie zur touristischen Entwicklung handelt, ist es für alle anderen Disziplinen gerade aufgrund der interdisziplinären Herangehensweise eine große Bereicherung.

Fazit

In Auseinandersetzung mit den Aspekten Kultur, Interkulturelle Kommunikation und Entwicklung ist es die Intention des Autors, durch sozialwissenschaftliche Forschung im Kontext von Ecuador Methoden und Akteure der modernen Entwicklungszusammenarbeit zu untersuchen. Bezugnehmend u.a. auf Development Studies, die Post-Development-, ethnologische und Ökotourismus-Perspektive wird dargestellt, auf welche Weise diese in der Kommunikation innerhalb und über die Entwicklungsprojekte zum Ausdruck kommen. Nicht nur die Diskurse der Entwicklungsstudien sind zu finden, sondern auch für die in der Entwicklungszusammenarbeit Tätigen werden Aspekte im Umgang mit Widersprüchen in der Praxis dargestellt.

Die vorliegende Publikation geht sowohl in die Breite als auch in die Tiefe. Sie ist ein gewinnbringender Beitrag für alle in der interkulturellen Kommunikationsforschung tätigen Wissenschaftler, für Mitarbeiter in der Entwicklungszusammenarbeit bis hin für Berufstätige (Projektarbeit) und Studierende u.a. mit Interesse an Development Studies, Ethnologie, Interkulturelled Kommunikation, Tourismusforschung oder am Land Ecuador (z.B. praktische Studiensemester).


Rezension von
Dr. Monika Pfaller-Rott
Akademische Oberrätin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Beauftragte für Internationales an der Fakultät für Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Monika Pfaller-Rott. Rezension vom 02.06.2020 zu: Robert Graner: Perspektiven interkultureller Kommunikation in der Entwicklungszusammenarbeit. Eine ethnographische Studie zu touristischer Entwicklung in Ecuadors Amazonasgebiet. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8382-1353-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26420.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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