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Nina-Maria Schöberl: Bewusstseinsprozesse in der klinischen sozialen Arbeit

Cover Nina-Maria Schöberl: Bewusstseinsprozesse in der klinischen sozialen Arbeit. Achtsamkeit als Methode. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2019. 93 Seiten. ISBN 978-3-8382-1332-3. D: 19,90 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 23,40 sFr.
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Thema

„Achtsamkeit und klinische Soziale Arbeit. Gegensätze, die sich anziehen. Als elementarer Bestandteil der buddhistischen Philosophie beschreibt die Achtsamkeit eine bewusste, nicht-wertende und absichtsvolle Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments. Die Achtsamkeitsbewegung löste dieses zentrale Thema des Buddhismus aus seinem ursprünglichen Kontext und machte es mit Blick auf seinen Nutzen für die Verbesserung von physischer und psychischer Gesundheit zum Gegenstand hoher Erwartungen und umfangreicher Diskussionen in der westlichen Welt. Besonders verbreitet und bereits in die westliche Psychologie übernommen ist der Begriff der Achtsamkeit selbst. Auch im Bereich der Sozialen Arbeit versucht man nun zu ermitteln, inwieweit das Konzept der Achtsamkeit methodisch angewendet werden kann. Diese Fragestellung nimmt Nina-Maria Schöberl als Ausgangspunkt für ihr vorliegendes Buch. Sie wendet sich den faszinierenden und innovativen Perspektiven zu, die sich aus der Integration von Achtsamkeitspraktiken in die klinische Soziale Arbeit ergeben und die bislang im deutschsprachigen Raum noch kaum Gegenstand systematischer Untersuchung waren. So arbeitet Schöberl Verknüpfungen der Wirkungsweisen von Achtsamkeit und sozialarbeiterischer Intervention heraus. Denn so polar die beiden Prinzipien auch sein mögen, so sehr verbindet sie ein gemeinsamer Kern, der sich durch ihre Gegenüberstellung sichtbar machen lässt. Dabei entsteht eine Ergänzung und Synthese der gegensätzlichen Ansatzpunkte von Achtsamkeitsübung und sozialarbeiterischen Hilfeprozessen, die eine gemeinsame Zielsetzung verfolgen. Schöberl zeigt auf, welcher Raum an Möglichkeiten sich für die wissenschaftliche und praktische Erprobung von Achtsamkeit im Rahmen der Sozialen Arbeit mit psychisch kranken Menschen eröffnet. Das Buch richtet sich primär an Sozialarbeiter/​innen im klinischen Bereich sowie an andere Berufsgruppen, die mit psychisch beeinträchtigten Menschen arbeiten. Auch für Betroffene von psychischen Störungen und deren Angehörige kann es nutzbringende Denkanstöße leisten. Darüber hinaus bietet es wertvolle Anregungen für eine ganzheitliche Arbeit und Herangehensweise.“ (Klappentext).

Autor

Nina-Maria Schöberl, Jahrgang 1990, studierte an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt Soziale Arbeit mit dem Vertiefungsmodul Soziale Arbeit mit psychisch kranken und suchtkranken Menschen“ (Klappentext).

Aufbau

Der Haupttext gliedert sich in insgesamt 8 Kapitel, die theoriegeleitet das Verhältnis von Achtsamkeit und klinischer Sozialer Arbeit beinhalten.

Inhalt

Das erste Kapitel beinhaltet eine kurze einführende Einleitung und befasst sich mit der Achtsamkeit als Perspektivwechsel, der Achtsamkeit und ihrer Integration in die klinische Soziale Arbeit, dem Ziel, der Fragestellung und der Vorgehensweise des Buches. Primär geht es Frau Schöberl um die Frage: „Welche Möglichkeiten ergeben sich aus der Integration von Achtsamkeitspraktiken in den sozialarbeiterischen Hilfeprozess mit psychisch kranken Menschen?“ (Schöberl, 2019, S. 19).

Das darauffolgende Kapitel „Das Prinzip der Achtsamkeit im Rahmen wissenschaftlicher Diskussionen“ fokussiert zunächst die Definition des Achtsamkeitsbegriffs. Dabei stellt Schöberl heraus, dass verschiedene Sichtweisen und Definitionsansätze des Achtsamkeitsbegriffs existieren. Im Anschluss folgt eine Abgrenzung des Achtsamkeitsbegriffs im Hinblick auf Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, Achtsamkeit als Grundhaltung und die formelle und informelle Praxis.

Im dritten Kapitel „Die Geschichte des Achtsamkeitsprinzips in den westlichen Wissenschaften“ verankert die Autorin die Wurzel der Achtsamkeit aus der Sicht diverser Kulturen, wie der buddhistischen, hinduistischen, jüdischen, aber auch christlichen Kultur. Weiterhin geht sie auf die Achtsamkeit als Teil von westlichen klinischen Interventionen ein.

Das vierte Kapitel befasst sich mit dem Thema „Elemente der buddhistischen Lehre“ Dabei liegt der Fokus der Autorin zunächst auf den vier edlen Wahrheiten. Diese beinhalten die Erkenntnis, dass das Leben Leiden bedeutet, die Existenz des Leides, die in der Anhaftung und dem Verlangen liegt, die Möglichkeit der Erlösung von Leiden durch das Loslassen des eigenen Verlangens und den achtfachen Pfad, der aus den acht Prinzipien der Weisheit, ethischen Integrität, rechter Rede, rechtem Handeln, rechtem Lebenserwerb, rechter Anstrengung, rechter Konzentration und rechter Achtsamkeit besteht. Ebenso geht Schöberl in diesem Kapitel auf die Grundlagen der Achtsamkeit in Form des Körpers, des Gefühlstons, des Geistes und der Geistesobjekte ein.

Im fünften Kapitel „Die Erforschung der Achtsamkeit“ befasst sich die Autorin mit den Erfordernissen und Schwierigkeiten der Achtsamkeit als wissenschaftlichem Forschungsgegenstand und den relevanten Methoden zur Erforschung der Achtsamkeit. Diese werden laut der Autorin aus Platzgründen erst im Anhang aufgeführt.

Kapitel sechs „Wirkmechanismen der Achtsamkeit in der klinischen Sozialen Arbeit“ umschließt die Unterscheidung von Schmerz und Leid, das Modell der Wirkungsweise von Achtsamkeit, die Lenkung der Aufmerksamkeit, den inneren Beobachter, die Akzeptanz, das (Selbst-) Mitgefühl, die Exposition und angenommene Kontraindikationen. In diesem Kapitel stellt sie anschaulich vorhandene Forschungsergebnisse zu diesen Wirkmechanismen dar und weist auf weitere Forschungsbedarfe in diesem Zusammenhang hin.

Im siebten Kapitel „Achtsamkeitspraxis und Soziale Arbeit“ stellt Schöberl zunächst die Kernelemente Sozialer Arbeit und der Achtsamkeitspraxis gegenüber. Anschließend arbeitet sie heraus, wie klinische Soziale Arbeit in einer achtsamen Weise erfolgen und damit die Beziehungsqualität zwischen Sozialarbeiter/​innen und psychisch kranken Menschen positiv beeinflussen kann.

Das achte Kapitel beinhaltet die „Beantwortung der Fragestellung und Fazit der Arbeit“. Die Autorin schließt mit der Erkenntnis, dass die Integration von Achtsamkeit in den Hilfeprozess die Sozialarbeiter/​innen sowohl vor Burnout schützen kann als auch die Möglichkeit bietet, sich vom Arbeitsalltag abzugrenzen und sich gleichwohl auf die Lebenswelt des Klienten einzustimmen und dabei Empathie herzustellen. Ebenso trägt eine achtsame Grundhaltung der Sozialarbeiter/​innen aus Sicht der Autorin zur Förderung von Motivation und Offenheit des psychisch kranken Menschen bei. Ebenso soll eine authentisch achtsame Grundhaltung der Sozialarbeiter/​innen zur Genesung der psychisch kranken Menschen beitragen. Abschließend beschreibt Schöberl, dass der „Achtsamkeitspraxis als allgemeine ‚Methode‘ eine solide wissenschaftliche Grundlage“ (Schöberl, 2019, Seite 79) fehlt, die es noch zu schaffen gilt. Weiterhin betont sie, dass Achtsamkeit in der Sozialen Arbeit bisher kaum thematisiert wird, weshalb eine empirische Aufbereitung des Themas in diesem Buch nicht erfolgen konnte. Auch beschreibt sie, dass es zwar „gut evaluierte achtsamkeitsbasierte Verfahren“ (Schöberl, 2019, Seite, 80) gibt, diese aus Platzgründen im Rahmen einer Bachelorthesis nicht eingeflossen sind. Weiterhin seien diese Verfahren in der Psychotherapie begründet und für Leistungs- und Kostenträger der Sozialen Arbeit zu teuer.

Diskussion

Bei der Lektüre des Buches besticht zunächst der Kerngedanke, Achtsamkeit in sozialarbeiterische Hilfeprozesse einfließen zu lassen. Im Sinne einer reflexiven Sozialen Arbeit scheint dies ein Ansatz zu sein, der in der Praxis sinnvoll implementiert werden und im wissenschaftlichen Diskurs aufgegriffen und erweitert werden kann. Schade ist, dass das Buch nicht auf einer vorherigen Bachelorthesis aufbaut, sondern lediglich die Originalthesis enthält. Im Buch selbst wird durch die Autorin von diesem ebenso als Bachelorthesis gesprochen. Wünschenswert wären weiterführende Inhalte gewesen, die auf einer solchen Thesis aufbauen und zeigen, wie Achtsamkeit in sozialarbeiterischen Hilfeprozessen implementiert werden kann. So ist der Hinweis, dass es zwar gut evaluierte Verfahren der Achtsamkeit aus der Psychotherapie gibt, diese aber für die Träger Sozialer Arbeit zu teuer sein, nicht hinreichend. Gedanken zu Weiterbildungen für Sozialarbeiterinnen in diesem Themenfeld und eine darauf aufbauende Veranschaulichung der Achtsamkeit als ein mögliches Element sozialarbeiterischer Professionalisierung fehlen. Auch wird im Fazit der Nutzen der Achtsamkeit für Sozialarbeiterinnen fokussiert, während der Nutzen für psychisch kranke Menschen weniger Beachtung findet. Die Kapitel sind im Sinne einer Bachelorthesis sinnvoll gegliedert.

Das Buch gibt einen Anstoß für den wissenschaftlichen Diskurs, der inhaltlich mehr in die Tiefe gehen kann und muss.

Fazit

Das Buch richtet sich an Praktiker in beratungsintensiven Arbeitsfeldern, an forschende Personen in diesem Arbeitskontext und an andere an diesem Themenfeld interessierte Menschen.


Rezension von
Dr. Helen Schneider
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Zitiervorschlag
Helen Schneider. Rezension vom 27.12.2019 zu: Nina-Maria Schöberl: Bewusstseinsprozesse in der klinischen sozialen Arbeit. Achtsamkeit als Methode. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8382-1332-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26423.php, Datum des Zugriffs 04.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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